Luftverschmutzung, vermüllte Strassen, Verkehrschaos. Endlose Flüchtlingsströme werden in Käfige und Busse kanalisiert; das Militär beherrscht die Szene. Doomsday in London? Fast; im Jahre 2027 ist die Insel dabei, über die Misanthropie als urbaner Kadaver zu enden. Der Rest der Welt hat die Direttissima hinunter zum «Gipfel» der Auslöschung hinter sich. Britannien eilt der Ruf voraus, noch halbwegs intakt zu sein; deshalb treibt es die Flüchtlinge wie Strandgut nach London. Das Schlimmste aber: Die Menschheit stirbt aus, überall. Die letzten Geburten gab es vor knapp achtzehn Jahren. Die Monarchie? Vermutlich nach Diktat längst vergreist.
Theo Faron (Clive Owen), ein Angestellter, hat es vor Jahrzehnten noch mit seiner Frau Julian zu Nachwuchs gebracht, das Kind verloren und vor der schauerlichen Zukunft kapituliert. Nur bei seinem Freund Jasper (Michael Caine), der als Hippie in den Wäldern vor London ein Versteck gefunden hat, lebt er auf und schwärmt von schönen, alten Zeiten. Dann aber lässt ihn seine Ex-Frau Julian (Julianne Moore) entführen. Sie ist bei der «Fishes»-Widerstandsbewegung und kämpft gegen die Abschiebepraxis der Flüchtlinge. Sie braucht Theo und dessen Beziehung zur Regierung. Einer seiner Cousins ist Minister und soll ihm Transitpapiere für eine Illegale, die 18-jährige, farbige Kee (Claire-Hope Ashitey), beschaffen. Aus alter Liebe zu Julian erklärt sich Theo dazu bereit, erkennt aber erst nach einer Begegnung mit Kee die Brisanz der Aktion: Der Teenie ist schwanger, im achten Monat! Wie ist das möglich?! Sie soll zur Friedensorganisation «The Human Project», den letzten Garanten der Menschlichkeit. Der militante Zweig der Fishes will das Baby jedoch für üble Machtspiele missbrauchen. Theo erfährt davon und flieht mit Kee. Ihre Flucht wird zum Horrortrip.
Das sinistre Endspiel «Children of Men» datiert zwar das Menetekel in die nahe Zukunft, meint aber, wie jede engagierte Science-Fiction, die Gegenwart: Flüchtlingsdruck auf die Industrieländer, das Methusalem-Symptom, Panik vor dem Aussterben. Das akute Alptraum-Szenario hat nur einen eklatanten Fehler, dem viele Schreckensvisionen von Dr. Caligari bis Dr. Seltsam, von Méliès bis Hollywood gerne verfallen: Sie treiben es zu bunt in ihren kassandrischen Düsternissen und verlieren den Schrecken. So beschwört «Children of Men» eine Weltuntergangsstimmung, die Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre herumgeisterte: Die sukzessive Abnahme der Zeugungsfähigkeit. Chemie, Elektrosmog, Stress, falsche Ernährung, nichts wurde ausgelassen, um den Rückgang der Fruchtbarkeit zu belegen.
Der Hintergrund inspirierte die britische Krimi-Autorin P.D. James (86) zu ihrem SF-Roman «Children of Men» (deutsch erschienen unter dem Titel «Im Land der leeren Häuser»), den der gebürtige Mexikaner und «Harry Potter»-Regisseur Alfonso Cuarón (45) mit bravourösem Geschick nun verfilmte. Die effektsichere Drohkulisse hat einen Schönheitsfehler: Die Prognostik der Zeugungsunfähigkeit bezog sich auf die Wohlstandsländer, nicht aber auf den globalen Rest. Im Film ist die komplette Weltbevölkerung betroffen. Angesichts der Geburtenexplosionen in den sogenannten Schwellenländern ein Witz. Gunnar Heinsohn warnt in seinem Buch «Söhne und Weltmacht» (Orell Füssli) vor der Gefahr des «youth bulge», des Überhangs an jungen Menschen, der für den Westen fatale Folgen haben könnte.
Trotzdem ist «Children of Men» realitätsnah, verzichtet auf das SF-Klischee eines ewig präsenten Diktators (was immer einen Zug ins Alberne hat) und bleibt beunruhigend tückisch auf der Ebene der handelnden Exekutive; der Willkür der Polizei, der sich wegduckenden Passanten und hilflosen Flüchtlinge. Es ist die Perspektive der Strasse, die den Zuschauer emotionaler ins Geschehen zu ziehen vermag als jede TV-Dokumentation, obwohl sich Cuarón dieser Ästhetik bedient. Unübersichtlich marodieren Rebellengruppen (darunter auch Islamisten) durch die «no-go areas», als handle es sich um Beirut oder Bagdad. Eine «Homeland Security» (nach echtem US-Vorbild) treibt immer neue Immigranten in die unkontrollierbaren Zonen.
Der kühle, rasante Befund, der den Zuschauer ins schauerliche Geschehen zieht, will auf einen messianischen Vibrator offenbar nicht verzichten: Als geisterte ein verdrehter Herodes, der alle Erstgeborenen töten liess, durch die morbide Szene, versuchen machtgeile (Herodes-) Führer in der Kaputtheit globaler Unfruchtbarkeit, das einzige Neugeborene als Messias zu nutzen. Kee und das «Human Project», eine Art Insel der Seligen, bieten den Notausgang, und das Schiff, das am Ende aus dem Nebel auftaucht und Kee mit Kind aufgreift, heisst «Tomorrow»! «Eine Farbige verkörpert die Hoffnung», so Cuarón. «Die Zukunft der Menschheit im Bauch von Scarlett Johansson hätte eine völlig andere Aussage bekommen.» Das ist richtig, aber neben Johansson gäbe es Alternativen. Dass Cuarón eine Farbige wählte, ehrt ihn, ist aber strammer Gesinnung geschuldet.
Ein Erweckungs- und Erlöserdrama in unübersichtlichen Zeiten muss wenigstens die Ordnung politischer Korrektheit wahren, was die Geburtsszene, ein Krippenspiel, bei dem Theo als Geburtshelfer mitwirkt, aufs schönste belegt. P.D. James gehörte zu den Ersten, die eine weibliche Privatdetektivin einführten («Ende einer Karriere», 1982); mit «Children of Men» knüpfte sie an die Tradition an, Kinder ins Zentrum wüster Horrorszenarien zu stellen: Wolf Rillas «Village of the Damned» (1960), Joseph Loseys «The Damned» (1961) oder Anton M. Leaders «Children of the Damned» (1963). Mit «Children of Men» wird das Konzept ad absurdum geführt: Wer Kinder ständig Schrecknissen aussetzt, verliert sie am Ende. Statt Bedrohlichkeit eine sarkastische Pointe?
Children of Men
Regie: Alfonso Cuarón. USA/GB, 2006













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