Noch ist das Jahr nicht um, doch bereits steht fest: 2006 markiert die Renaissance der Taliban. Die Gotteskrieger, nach dem 11. September 2001 vermeintlich vernichtend geschlagen, sind zurück. Ihre Anschläge haben frappant zugenommen. Ihre Taktik wird zusehends brutaler. Selbstmordattentate, Strassenbomben und Enthauptungen zwingen die Nato-Streitkräfte in die Defensive. «Das Problem sind die Taliban-Kader», sagte der Befehlshaber der britischen Truppen in Afghanistan dieser Tage. «Der harte Kern muss eliminiert werden, sonst hat der Friede keine Chance.»
Die Weltwoche hat ein Mitglied dieses harten Kerns getroffen. Im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan hat uns Mullah Sabir bei grünem Tee empfangen. Während des Taliban-Regimes (1994–2001) war Sabir zuständig für die Grenzsicherung gegenüber dem Iran. Heute ist der 40-Jährige Taliban-Gouverneur der Provinz Ghazni (südlich der Hauptstadt Kabul) und Herr über 900 Kämpfer. Gebettet auf ein dickes Kissen und flankiert von zwei Bodyguards, erzählte er eine Stunde lang über Sieg, Strategie, Spione und seine Sicht der Welt. Dabei präsentierte er erstmals ein Exemplar des neuen Taliban-Kodexes. Die Weltwoche publiziert das Dokument in voller Länge exklusiv auf ihrer Website.*
Mullah Sabir, kürzlich hat die Taliban-Spitze an einem geheimen Ort getagt. Wie war die Stimmung?
Schauen Sie sich die Nachrichten an. Halb Afghanistan ist wieder unter unserer Macht. Wir sind bis vor die Tore Kabuls vorgedrungen. Präsident Hamid Karzai ist gefangen in seinem Palast. Zwar fliegt er dauernd in der Welt herum und hausiert bei den Mächtigen des Westens. Doch in seinem eigenen Land traut er sich nicht einmal auf Kondolenztour. Sie können sich vorstellen, dass bei unserem Treffen der 33 Taliban-Chefs alles andere als Grabesstimmung herrschte.
Bisher hatte die Führungsriege der Taliban lediglich 10 Mitglieder.
So war es. Jetzt haben wir 33. Unser Machtradius erfasst immer neue Provinzen. Dieses Jahr kehrten wir nach Nimroz, Farah, Mardan und Logar zurück. Dieser Machtgewinn schlägt sich in der Grösse unseres Führungsgremiums nieder.
40 000 alliierte Soldaten stehen in Afghanistan und liefern den Taliban einen erbitterten Kampf. Ist es da nicht leichtsinnig, sämtliche Kader an einem Ort zu versammeln?
Ein solches Treffen ist nötig zur Standortbestimmung. Normalerweise treffen wir uns nur einmal jährlich. Die Versammlung neulich war bereits die zweite in diesem Jahr – ein weiteres Zeichen für die neugewonnene Macht.
Wenn die Führer im Westen konferieren, herrscht Verkehrschaos und Blitzlichtgewitter. Wie muss man sich ein Gipfeltreffen bei euch Gotteskriegern vorstellen?
Drei Mitglieder der Schura waren für die Organisation verantwortlich. Sie bestimmten in zweiwöchiger Planung einen Versammlungsort. Dann kündigten sie uns auf informellen Wegen einen Treffpunkt an, von wo wir von Lotsen zum eigentlichen Tagungsort geführt wurden. Der Ort war von Bergen umgeben. Auf jedem Gipfel waren Wachen postiert. Das Treffen fand in einer Moschee statt. Darunter befand sich ein Bunker, wohin wir im Fall eines Luftangriffs hätten flüchten können. Das Treffen dauerte einen Tag und wurde nur zweimal unterbrochen, zum Beten und Essen.
Welche Themen wurden erörtert?
Im Zentrum standen die militärische Strategie sowie interne Verhaltensfragen.
Was haben Sie Neues beschlossen?
Die Hauptbotschaft wurde vom Verteidigungsminister der Taliban, Hadschi Obaidullah, übermittelt. Er leitete das Treffen und er übergab uns die Layeha, das neue militärische Regelbuch.
Mullah Sabir greift in die Brusttasche und zieht ein weisses Büchlein hervor. Auf dem Umschlag prangt das Signet des «Islamischen Emirates Afghanistan» in blauer Farbe: ein Koran mit zwei gekreuzten Säbeln. Das Emblem diente bereits während des Taliban-Regimes als offizielles Signet der Gotteskrieger. Im Gegensatz zu früher wurde die neue Layeha in Handgrösse angefertigt. Dies ermöglicht den Taliban, die Regeln auch im Kampf jederzeit auf sich zu tragen.
Die Layeha umfasst 15 dichtbedruckte Seiten und ist im Falt von Bostitch-Klammern zusammengehalten. «Jeder Mudschahed ist verpflichtet, diese Vorschriften einzuhalten», steht in der Einleitung. Es folgen 30 Regeln, abgefasst in paschtunischer Sprache.
Der Kodex befasst sich mit drei Themen: Verhalten gegenüber «Ungläubigen» und islamischen Feinden, Fragen der Rechtsprechung sowie Vorschriften für das tägliche Leben. In letztere Kategorie gehört das Verbot des Zigarettenrauchens und der Knabenliebe: «Mudschaheddin ist es nicht erlaubt, Jünglinge ohne Bart mit aufs Schlachtfeld oder in ihre Privatgemächer mitzunehmen.»
Auffällig viele Regeln befassen sich mit disziplinarischen Fragen innerhalb der Taliban-Organisation. Offensichtlich hat der Machtzuwachs zu einer Verwilderung der Sitten geführt. So wird in dem Regelbuch ausdrücklich angemahnt, dass Ausrüstung und Eigentum der Mudschaheddin nicht für persönliche Zwecke verwendet oder verkauft werden dürfen. Jeder Talib ist gegenüber seinem Führer zu «Rechenschaft über die Verwendung von Geld und Material» verpflichtet.
Ein weiteres Problem sind sich offenbar häufende Konkurrenzkämpfe unter Taliban-Gruppen. So schreibt die Layeha vor, dass es Mudschaheddin nicht erlaubt ist, zwecks Machtsteigerung Kämpfer einer anderen Gruppe aufzunehmen. Dafür brauche es eine schriftliche Einwilligung eines hohen Kaders. Ausserdem seien triftige Gründe (z. B. Mangel an Mitgliedern) geltend zu machen. Übertretende müssten zudem sämtliche Waffen bei ihrer alten Gruppe lassen. Auch unkontrollierten Raubzügen versucht die Layeha einen Riegel zu schieben: «Waffen, die Feinden abgenommen wurden, müssen gleichmässig unter den Mudschaheddin verteilt werden.»
Wie steht es mit der Disziplin in Ihren Reihen?
Wir hatten ein Problem mit Spionen. Ihre Zahl hat jedoch merklich abgenommen. Hunderte solcher Verräter, fast ausschliesslich Afghanen, haben wir getötet, sogar jenseits der Grenze in Pakistan.
Wer richtet über angebliche Verräter?
Urteilsberechtigt sind ausschliesslich Distrikt- und Provinzkommandanten. Das Gerichtsverfahren unterliegt genauen Vorschriften. So darf niemand bestraft werden, solange seine Schuld nicht durch ein zuständiges Gericht bestätigt wird.
Seit einem Jahr sind die Zahl von Köpfungen und die Selbstjustiz unter den Taliban markant gestiegen. Als besonders blutrünstig aufgefallen ist Taliban-Militärchef Mullah Dadullah, der Gefangene teils eigenhändig enthauptete und die Hinrichtungen, ähnlich wie Sarkawi, der liquidierte Al-Qaida-Führer im Irak, filmen und über das Internet veröffentlichen liess.
In der Layeha wird nun explizit vorgeschrieben, dass sich weder Soldaten noch einfache Kommandanten in Streitereien der Bevölkerung einmischen dürfen. Selbst Gefangene, die der Spionage verdächtigt werden, müssen einem offiziellen Verfahren zugeführt werden. Vor einer eventuellen Verurteilung sind Zeugen anzuhören, die bei geistig guter Verfassung sind und über einen sauberen religiösen Ruf verfügen.
Welche Richtlinien gelten gegenüber Zivilisten?
Wir sind zu grosser Zurückhaltung verpflichtet. Die Layeha schreibt vor, dass wir ihre Häuser nicht ohne Bewilligung eines Provinz- oder Distriktkommandanten betreten dürfen, ihr Eigentum darf nicht angetastet werden.
Davon war bisher wenig zu spüren. In den letzten Monaten haben Taliban Dutzende Schulen niedergebrannt. Was bezwecken Sie damit?
Unsere Devise lautet: keine offiziellen Schulen. Sie sind Teil der Politik der gegenwärtigen Regierung. Wer ihren Unterricht zulässt, unterstützt auch die Regierung von Hamid Karzai und den Ungläubigen.
Die Layeha schreibt vor, dass ausschliesslich religiöse Schriftgelehrte zum Unterricht befugt sind, einzig Textbücher aus der Zeit des Taliban-Regimes sind zugelassen. Lehrer der staatlichen Schulen sollen zuerst verwarnt und bei Missachtung des Lehrverbots geschlagen werden; wer jedoch im Unterricht «die Prinzipien des Islam verletzt, muss vom Distriktkommandanten oder einem Gruppenführer getötet werden».
Wie ist Ihre Haltung gegenüber NGOs, die Brunnen und Strassen bauen, um den Menschen ein erträgliches Dasein zu ermöglichen?
Die Organisationen, die unter der neuen Regierung zu uns gekommen sind, geben nur vor, den Leuten zu helfen. In Wahrheit sind sie Teil des Regimes. Was immer sie bauen – ob Brücken, Kliniken oder Schulen –, wir tolerieren ihre Aktivitäten nicht.
Seit Jahresbeginn wurden in Afghanistan fast hundert Selbstmordattentate verübt. Haben die Taliban ihren Mut und Stolz verloren, den Feind im offenen Feld zu bekämpfen?
Der Feind mit seinen Kampffliegern und Präzisionsbomben ist uns technisch hoch überlegen. Mit solchen Attentaten haben wir eine Taktik gefunden, die unsere Feinde in Panik versetzt. Ohne diese Wunderwaffe werden wir unser Ziel, die Rückeroberung ganz Afghanistans, nie erreichen.
Das jüngste Regelheft geht nicht auf das für Afghanistan neue Phänomen der Suizidattacken ein. Dem Thema ist eine separate 40-seitige Schrift gewidmet. Darin werden Selbstmordanschläge mithilfe von Koranzitaten für legitim erklärt. Selbstmörder werden als «Omars Missiles» bezeichnet, in Anlehnung an den Taliban-Führer Mullah Omar.
Wer hat das neue Regelwerk verfasst?
Genau weiss ich das nicht. Mit Sicherheit wurde Mullah Abdul Ali konsultiert, der für religiöse Fragen zuständige Mufti der Taliban. Abgesegnet wurde die Layeha von unserem obersten Führer Mullah Omar.
Zahlreiche Legenden ranken sich um den einäugigen Omar, der seit 1994 an der Spitze der Taliban steht. Er meldet sich kaum je zu Wort. Er tritt nie in der Öffentlichkeit auf. Selbst die meisten Taliban-Kader haben ihn noch nie gesehen.
Hat Omar auch am Treffen teilgenommen?
Nein.
Gerüchte sagen, er sei bei schlechter Gesundheit.
Gerüchte gibt es viele. Mullah Omar nimmt aus Sicherheitsgründen nicht an grösseren Treffen teil. Er befindet sich an einem sicheren Ort. Nur zwei Personen haben direkten Zugang zu ihm: Verteidigungsminister Obaidullah und sein Schwager Mullah Birader.
Wie stark sind die Taliban heute?
Rund 15000 Mann. 40 Prozent sind keine eigentlichen Taliban, haben keine religiöse Schule absolviert, es sind Jugendliche, die sich uns aus Sympathie anschliessen.
Wie erklären Sie den Zustrom junger Kämpfer?
Die Menschen sehen immer deutlicher, wie korrupt die Regierung Karzai ist. Die einfachen Leute werden mit ihren Problemen allein gelassen. Karzai ist eine Marionette, ein Diener Amerikas.
Die Afghanen haben ihn in freien Wahlen gewählt. Dies war auch ein Manifest gegen die Taliban.
Lassen Sie mich eines deutlich sagen: Uns gäbe es nicht, wenn wir in der Bevölkerung keine Unterstützung hätten. Ein afghanisches Sprichwort besagt: «Du kannst nie Teil eines Dorfes sein, wenn dich das Dorf nicht will.» Die Menschen vertrauen der korrupten Justiz Karzais nicht. Sie erinnern sich an die Vorzüge unseres Regimes. Damals war die Sicherheit absolut. Die Verbrechensquote war auf null gesunken. Nun suchen die Leute wieder den Rat unserer Richter. Allein in meiner Provinz haben wir sechs Scharia-Gerichte.
Von wo haben Sie Waffen und Geld?
Während des Fastenmonats Ramadan hat uns das einfache Volk grosse Summen gespendet. Es versorgt uns mit Kleidern und Essen. Unsere Leute schauen gut zu uns.
Bekommt Ihr Hilfe von al-Qaida?
Nein. Ich habe auch keine Al-Qaida-Kämpfer unter meinen Soldaten. Die einzigen Ausländer in meinen Reihen stammen aus Tschetschenien und Usbekistan. Aber wenn sich Al-Qaida-Kämpfer anschliessen möchten, sind sie willkommen.
Die Nähe zu al-Qaida hat die Taliban um ihre Macht gebracht. Warum bleiben Sie nicht auf Distanz zu den fremden Mächten?
Ihr Kampf gilt den Ungläubigen. Ihr Feind ist unser Feind. Wie könnten wir vor Gott verantworten, das Schwert gegen sie zu erheben?
*Layeha, das neue Regelwerk der Taliban, ist auf www.weltwoche.ch/Taliban-Regelbuch veröffentlicht.
Sami Yousafzai ist Spezialkorrespondent der Newsweek in Afghanistan und regelmässiger Mitarbeiter der Weltwoche.
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Audiofile zum Artikel
15.11.2006, Ausgabe 46/06
Afghanistan
Der Kodex der Taliban
Gotteskrieger kontrollieren wieder das halbe Land. Ihre Führer haben ein neues Regelwerk erlassen. Die Weltwoche präsentiert das Dokument weltweit exklusiv.
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