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08.11.2006, Ausgabe 45/06

Philosophie

Vom Glück zu scheitern

Er gehörte zu den auffälligsten Oppositionellen, heute bekennt er, seine Auseinandersetzung mit der Schweiz habe nichts gebracht. Besuch bei Arnold Künzli, einem der letzten wahren Linken.

Von Julian Schütt

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Die Fremdenmusterung im Reihenhaus hat etwas von einem Ritual: Sobald sich ein Unbekannter nähert, unterbrechen die Leute den Schwatz und warten auf einen Gruss, denn der Weg führt nahe an ihren Gärten vorbei – gutartige Fremde müssen grüssen. Der Gruss wird dann auch verhalten freundlich erwidert, worauf die Welt in Bremgarten bei Bern wieder in Ordnung ist. Aber nicht für den links aussen wohnenden Reihenhausnachbarn Arnold Künzli. Trotz seiner 87 Jahre bedeutet dem emeritierten Professor für politische Philosophie Ruhestand wenig. Stattdessen fordert er: «Wir müssten die Französische Revolution zu einem glücklichen Ende bringen.» Was er durchaus ernst meint, auch wenn er im besonnenen Konjunktiv des Alters spricht.

Eben hat er eine Schale Brezeli mit Zuckerguss auf den Tisch gestellt und sich entschuldigt, dass er nur Nescafé hat, aber der gehe am schnellsten. Man versucht vergeblich, sich Künzlis Nachbarn vorzustellen, wie sie aufstehen, um für die Trikolorewerte «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» zu marschieren. Wahrscheinlicher ist, dass sie sich belustigt fragen, in welcher Welt denn der Herr Professor lebe. Die Frage eben, die man einem Utopisten, Weltverbesserer, Don Quixote stellt. Geäussert von Standhaften, die sich stets in der besten aller Welten wähnen. Die nicht verstehen, wie da einer seine Aufgabe darin sehen kann, das zu sagen, was die Leute in ihrer besten aller Welten nicht hören wollen.

In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zählte der Publizist und Philosoph Arnold Künzli zu den auffälligsten Oppositionellen im Land. Kaum eine Boykottaktion, Intervention oder Unterschriftensammlung von linker Seite, an der er nicht beteiligt war. Der bekennende «Journosoph» hat an vorderster Front mitgedacht, miterinnert, mitpolemisiert, mit dem Erfolg, dass ihn die politische wie die wissenschaftliche Elite und die meisten Medien heute links liegenlassen. Lodernde, zündelnde Freigeister mag man in der Schweiz am liebsten auf Sparflamme. Künzlis Anschauungen gelten als antiquiert, seine fünfzehn Bücher sind allesamt vergriffen. Das 2003 abgeschlossene letzte Werk, «Da Capo! Zur ewigen Wiederkunft des Gleichen», fand keinen Verlag mehr, auch keinen linken.

«Was meine Schriften betrifft», sagt er, «bin ich Fatalist. Sobald ich mit einem Buch fertig bin, muss es seinen eigenen Weg gehen, ohne die Unterstützung des Verfassers.» Als verweigere er sich jenem Kampf um Quotes und Aufmerksamkeit, den der Fachkollege und Freund Christoph Türcke vor ein paar Jahren in der vielbeachteten Studie «Erregte Gesellschaft» beschrieben hat.

Künzli ist kein Arbeiter am eigenen Monument. Als «Relikt» aus einer vergangenen Epoche sieht er sich. Kategorisch denkt er über seine Befindlichkeit hinweg: «Es genügt mir, dass ich alt werde. Da muss ich nicht noch darüber schreiben.» Ebenso wenig will er von innenpolitischen Debatten wissen, in denen er am Schluss meist auf der Verliererseite war. Er schrieb mir, nachdem ich ihn um ein Gespräch über sich und die Schweiz gebeten hatte: «Ich stehe gerne zu einem Interview oder was auch immer zur Verfügung. Die Sache hat nur einen Haken. Schweizer Politik interessiert mich nicht mehr, mein politisches Interesse gilt heute fast ausschliesslich der Globalisierung, dem Neoliberalismus, den Motiven des Terrorismus, dem Niedergang der Sozialdemokratie usw.»

Mit dem Rücken zur Schweiz

Ich habe nie einen Mann getroffen, der so gelöst, ohne spürbare Verbitterung sagt, er habe nichts erreicht, seine Auseinandersetzungen mit der Schweiz hätten nichts gebracht. «Wenn Sie mich nach einer Bilanz fragen, muss ich antworten: ein Verlustgeschäft.» Er sitzt zwischen seinen, wie er sagt, «Büchergestellen voll mit Utopien», glaubt aber längst nicht mehr, mit Schreiben eine direkte Wirkung zu erzielen. Dennoch publiziert er weiter, vor allem in der Wochenzeitung. Die eigenen Texte versteht er als «Flaschenpost» – in einem allerdings unendlich weiten, trägen, kapitalistischen Ozean.

Es war in den frühen neunziger Jahren, als Arnold Künzli noch zur Schweizer Gesellschaft sprach. Man erholte sich gerade vom Fichen-Skandal. Etliche von Nestbeschmutzerwärme etwas verschwitzte Linksintellektuelle und Autoren boykottierten die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft. Doch auf Dauer nervte ihre selbstgefällige Einspruchseligkeit, das Pathos ihres sogenannt kritischen Engagements. Wer sie unterstützte, durfte sich zur «Gegenöffentlichkeit» rechnen. Die Anderen waren das «System», das «Establishment». Der Kalte Krieg war zu Ende, nicht aber das Blockdenken. Ich fürchte, zu diesen Intellektuellen gehörte für mich damals auch Künzli, der als politischer Kommentator gerade ein Zwischenhoch hatte. Die Fichen erschienen ihm als «Tränengas der Bourgeoisie», das all jene «aktionsunfähig» mache, die Vorstellungen von einer anderen, demokratischeren, glaubwürdigeren Schweiz hätten.

1992 hielt die Abstimmung über den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum Künzli in Bewegung. Er ging dann aber nicht zur Urne, weil er sich weder mit dem traditionalistischen Sonderfalldenken der Neinsager identifizierte noch mit den Befürwortern. An Letzteren störte ihn, wie widerstandslos sie die Integration in ein Europa anstrebten, das den Kapitalismus fördere statt Freiheit und Gleichheit. Einige Monate vor der Abstimmung war Künzlis Buch «Trikolore auf halbmast» erschienen. Darin erläuterte er, warum man wieder von vorne anfangen müsse, bei der Französischen Revolution eben, die nicht über eine bürgerliche Revolution hinausgekommen sei und in Terrorismus und Imperialismus ausartete.

Das Problem war, dass die Besitzbürger bestimmten, wie viel Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sie den Citoyens zugestehen wollten. Ein revolutionäres Happy End, das heisst ein Sozialismus, der alle Gesellschaftsschichten – inklusive der Ärmsten – einbezieht, ist für Künzli auch zweihundert Jahre später nicht in Sicht.

«Wir sind alle Kapitalisten»

«Trikolore auf halbmast» verkaufte sich schlecht, und spärlich waren die Besprechungen, wenngleich wohlwollend. Noch die letzten Revolutionsideale hatten sich, wie Künzli zu spüren bekam, französisch verabschiedet. Selbst die Solidarität innerhalb der Linken schwand. Vorbei die Zeiten, als er, ohne Parteimitglied zu sein, in einen Think-Tank zum SP-Programm eingeladen wurde und zusammen mit Peter Bichsel und Otto F. Walter darüber meditieren durfte, wie der von der Basis gewünschte «Bruch mit dem Kapitalismus» voranzutreiben sei. Künzli empfahl ein sozialistisches Selbstverwaltungsmodell nach jugoslawischem Vorbild, was den Genossen jedoch zu weit ging. Danach fühlte er sich in der Schweiz «wie ein Jude in der Diaspora». Und im Rückblick stellt er fest, in der SP sei heute «für einen Intellektuellen kein Platz mehr». Er geht noch weiter: «Das beklage ich seit Jahr und Tag – es gibt keine wirkliche Linkspartei mehr in Europa.»

Arnold Künzli hält aber am Sozialismus fest. An einem demokratischen Sozialismus, wie er betont, obwohl ein solches Gebilde sich bis heute in keinem Land über einen längeren Zeitraum hinweg durchgesetzt hat. Für Künzli bedeutet demokratischer Sozialismus, «den Geltungsbereich der Bürger- und Menschenrechte von der Politik auf die Wirtschaft auszudehnen». Ohne Zwang von oben. Aber einen gewissen Leidensdruck von unten brauche es. Geht es uns also zu gut? «Zwei Dritteln der Bevölkerung bestimmt. Wir sind alle Kapitalisten. Auch jene, die sich mehr schlecht als recht durchschlagen müssen, sind vom Kapitalismus infiziert.»

Oft argumentiert Arnold Künzli als politischer Philosoph wie ein Liberaler. Ein Etikett, das ihn nicht stört, sofern man streng zwischen politischem und rein ökonomischem Liberalismus unterscheide. «Gegen den politischen Liberalismus habe ich nichts einzuwenden. Unsere ganze Kultur ist davon geprägt. Etwas ganz anderes ist der globalisierte Neoliberalismus. Ich verstehe nicht, wie dieser mit dem politischen Liberalismus vereinbar sein soll.» Künzli hält es jedoch für sinnlos, einzig den Managern wegen ihrer Löhne Vorwürfe zu machen. «Abzockerei ist nicht eine Verirrung einzelner Systemträger, sondern eine des ganzen kapitalistischen Systems. Über dieses System, das solche Abzockerei erlaubt, redet niemand.»

Normalerweise vermutet man bei Menschen, deren treuste Begleiter ihre Niederlagen sind, dass sie alles aufbewahren und archivieren: als Belastungsmaterial für eine allfällige Abrechnung. Arnold Künzli dagegen scheint, wie es in Ratgebern zum glücklichen Altern so schön heisst, «losgelassen zu haben». Er sitzt unbeschwert in seinem Stubensessel. Ein halbes Dutzend Bananenschachteln, gefüllt mit Papieren, von Jugendgedichten bis zu den letzten Misserfolgen der neunziger Jahre, übergab er schon vor Jahren, fein säuberlich in Klarsichtmäppchen geordnet und beschriftet, dem Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Eine Kindheit in Zagreb

Der Historiker Roger Sidler hat nun sämtliche Dokumente gesichtet und vor kurzem eine akribische «Fallstudie» über Künzli und seine Zeit vorgelegt. Ihm gelingt es, besonders den Entfremdungsbegriff, der zum eisernen Bestand der marxschen Lehre gehört, aber inzwischen zum larmoyanten zivilisations- und technikfeindlichen Gemeinplatz herabgesunken ist, mit biografischem Inhalt neu zu füllen. Künzli hatte die Kindheit gutbürgerlich in Zagreb verbracht, ehe die Textilfirma des Vaters in der Weltwirtschaftskrise Konkurs machte. Völlig mittellos kehrte die Familie in die Schweiz zurück. Die Not war so gross, dass der elfjährige Arnold zu einer Schwester des Vaters nach Bern gegeben wurde, wo er sich integrierte, so fest er nur konnte.

Er trat der Pfadi bei, Abteilung «Schwyzerstärn Bern». Künzli vulgo «Slave» schrieb bald fürs Pfadiblatt Allzeit bereit, beschwor während der geistigen Landesverteidigung der dreissiger Jahre den «Fähnli-Geist», leistete später als Leutnant Aktivdienst. «Aber mein Verhältnis zur Heimat», sagt er im Gespräch, «blieb immer distanzierter als bei jemandem, der hier aufgewachsen ist.»

Nach 1945 vertrieb ihn wie Max Frisch das Treibhaus- und Kriegsgewinnlerklima aus dem Land, er wurde Auslandkorrespondent der linksfreisinnigen National-Zeitung, zuerst in Rom, dann in London, zuletzt in Bonn. Als er zurückkehrte, war ihm «sein» Land endgültig fremd geworden. Nun lernte er die tiefere Wahrheit des marxschen Entfremdungskonzeptes kennen, das für ihn bis heute zentral ist. Und er begann seine «Psychographie» über Marx. Künzli wird zu einem «Zwischenallenstühlensitzer», von Rechten verdächtigt, ein «Nonkonformist» und nützlicher Idiot Moskaus zu sein, von Linken als «Marx-Töter» verschrien.

Und wie sieht er sich selbst? «Als Radikaldemokrat», sagt er ohne Zögern. Das ist er seit seinen Anfängen, obwohl er zunächst eher mit rechtsbürgerlichen Ideen sympathisierte. So trat er im zweiten Kriegsjahr gar dem «Gotthard-Bund» bei, einer nationalen Widerstandsorganisation, die staatsfeindliche Aktionen bekämpfte, aber andererseits die kulturellen Beziehungen mit allen umliegenden Staaten pflegen wollte. Die propagierte «Erneuerung» des Staates zielte auf eine autoritäre Demokratie mit starken Leaderfiguren in der Landesregierung. Der Student Arnold Künzli verschickte allen Nationalräten einen noch heute erfrischend anmassenden Standardbrief, in dem es heisst: «Das Volk will zum neuen Bundesrate Männer, nicht Paragraphen, Charaktere, nicht ‹Ansprüchige›, Schweizer, nicht Parteibonzen. [...] Haben Sie den Mut, sich nötigenfalls vor Partei und Freunden blosszustellen, dafür aber wirklich den Mann zu wählen, den Sie als den richtigen erkennen. Wenn Sie diesen Mut nicht haben, wird die Geschichte Sie einst als die Ursache des Zusammenfalls der Schweiz richten.»

Ein Kontrastprogramm bot ihm sein engerer Freundeskreis, der vorwiegend aus linksdenkenden oder apolitischen Emigranten bestand. Darunter Persönlichkeiten, die später von sich reden machten: der Bildhauer Hans Josephsohn, der Dramatiker Fritz Hochwälder, der Zukunftsforscher Robert Jungk, der Philosoph Hermann Levin Goldschmidt, die Psychotherapeutin und Jung-Spezialistin Jolande Jacobi sowie Franca Schiavetti, Tochter eines italienischen Regimegegners, die seine erste Frau wurde. Ihre Lebenserinnerungen nicht zuletzt aus der Zürcher Exilzeit, verfasst unter dem Namen Franca Magnani, wurden ein internationaler Bestseller.

Es waren hauptsächlich die Gespräche in der Familie Schiavetti, die Künzlis politisches Denken radikalisierten. In der Römer Korrespondentenzeit hing er immer dezidierter sozialistischen Ideen an, doch dank seines urdemokratischen Navigationssystems widerstand er vielen linken Verblendungen und Versuchungen der Unfreiheit. Ohne demokratische Konstitution ist für Künzli kein Staat, keine Lehre zu machen. Seit dem sowjetischen Überfall auf Finnland im Winter 1939/40 ist Stalin für ihn nichts weiter als ein Gewaltverbrecher.

Der Radikaldemokrat Künzli verschweigt keine bittere Wahrheit, nur um akzeptiert zu werden. Diese Qualität zeichnet besonders sein Hauptwerk, die 870-seitige Marx-»Psychographie» von 1966, aus, die unbedingt wieder aufgelegt gehört. Künzli kennt seinen Marx – im Gegensatz zu den meisten Marxisten, deren herausragendste Eigenschaft Bequemlichkeit war (sogar einen Sartre nervte die «Faulheit» der Genossen). Der Marxismus wäre gewiss nie so populär gewesen, hätte er nicht eingängige Konstruktionen geliefert, mit denen sich die ganze Geschichte und Wirtschaft durchschauen liess, ohne sie wirklich zu studieren.

Ist Marx noch zu retten?

Künzli geht mit Marx noch härter ins Gericht als Stéphane Courtois in jenem vor wenigen Jahren erbittert diskutierten «Schwarzbuch des Kommunismus». Courtois spricht nur davon, der wissenschaftsgläubig-messianische Marx habe den «Nährboden» für das Vorgehen Lenins oder Stalins gelegt. Natürlich macht auch Künzli den Urvater nicht direkt für die «paranoiden Exzesse und den Terror eines Stalin» verantwortlich, aber er dokumentiert den «unbändigen Destruktionsdrang» von Marx, für den die erste Voraussetzung einer Diktatur des Proletariats eine Armee des Proletariats war, denn die arbeitenden Klassen müssten sich das Recht auf ihre Emanzipation auf dem Schlachtfeld erkämpfen. Viele marxsche Äusserungen würden «persönliche Hass-, Rache- und Vernichtungsaffekte» verraten – «Ohne Köpfen geht das Ding nicht», ist vielleicht nur der bekannteste Satz.

Gleichwohl ist Arnold Künzli weit davon entfernt, in dem dicken Buch seinerseits Marx totzuschlagen. Obschon oder gerade weil er eingangs schreibt, es seien «die genialen Einseitigkeiten, die die Menschen hinreissen und die Welt verändern», zeichnet er ein vielschichtiges Bild einer stachligen Persönlichkeit. Und Marx bleibt der Ausgangspunkt seines Denkens, eine Quelle, aus der er bis heute schöpft. Bereits hört er Signale, dass wieder ein Revival des Bärtigen bevorsteht. Weniger optimistisch ist da sein polnischer Kollege Leszek Kolakowski, Verfasser einer dreibändigen Marx-Studie, der sagt: «Dieser Totenkopf wird nie mehr lächeln!»


Roger Sidler: Arnold Künzli. Kalter Krieg und «geistige Landesverteidigung» – eine Fallstudie. Chronos, 2006. 591 S., Fr. 78.–

Die genannten Bücher von Arnold Künzli sind am ehesten über das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher erhältlich (www.zvab.com).

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 45/06
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