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08.11.2006, Ausgabe 45/06

Swissfirst

Der «Frechste» ist nur der Beste

Ein Revisionsbericht entlastet Jürg Maurer, den Verwalter der Rieter-Pensionskasse, voll und ganz. Die Strafverfolger treten an Ort. Zeit für den Rückblick auf eine üble Kampagne aus dem Hause NZZ.

Von Urs Paul Engeler

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Es war ohne Zweifel die Treibjagd des Jahres. Die Affären «Swissfirst» und «Pensionskassen-Verwalter» wurden nach allen bekannten Mustern einer Medienkampagne durchgezogen. Neu an der Hatz war, dass nicht die auf Skandalisierung und Vorverurteilung spezialisierten Organe Blick, Sonntagsblick und «10 vor 10» des Schweizer Fernsehens zuerst zum Halali bliesen, sondern die NZZ am Sonntag. Anders war auch, dass einige der Angeschossenen nicht fielen, sondern sich wehrten: so die Winterthurer Maschinenfabrik Rieter und der erfolgreiche Verwalter ihrer Pensionskasse, Jürg Maurer, im Medienjargon der «frechste» Pensionskassenverwalter der Schweiz, weil er eine Villa und innert weniger Jahre ein Vermögen von 68 Millionen Franken geäufnet hat.

Eine Untersuchung der renommierten Revisionsfirma Ernst & Young, die der Stiftungsrat der Rieter-Pensionskasse und das Amt für berufliche Vorsorge und Stiftungen des Kantons Zürich in Auftrag gegeben haben, konnte nun keinerlei Hinweise auf fehlbares Verhalten feststellen. Der Bericht, der von Rieter derzeit aus unerfindlichen Gründen nicht kommentiert und auch nicht geöffnet wird, hat alle Swissfirst-Transaktionen überprüft, die in den Medien kolportierten Vorwürfe an Maurer untersucht – und stellt einen Persilschein aus: keine unerlaubten Rückvergütungen der Banken (also keine sogenannten kickbacks), auch kein verbotenes front running (also keine vorgezogenen privaten Anlagen), keine Insidergeschäfte, höchstens erlaubtes parallel running (also das zeitgleiche Engagement mit privatem und mit Pensionskassen-Geld) und Erfolg mit Optionen.

Was Jürg Maurer von vielen Kollegen unterscheidet, sind demnach Geschick und Glück mit privaten wie mit beruflichen Anlagen. Per Ende letzten Jahres vermeldete die Rieter-Pensionskasse bereits einen vornehmen Deckungsgrad von 142 Prozent und einen Gewinn aus der Vermögensanlage von 137 Millionen Franken. Derzeit sind die Rieter-Renten noch viel komfortabler abgesichert; Maurer konnte im Verlauf des Jahres 2006 den Deckungsgrad bereits auf gegen 160 Prozent erhöhen. Zum Vergleich: Gemäss Medienmeldungen vom August kann die Ringier-Kasse nur für 90 Prozent der Vorsorgeleistungen geradestehen. Maurer wird demnach, soviel lässt der Rieter-Sprecher durchblicken, weiterhin Chef über die Vorsorgegelder bleiben. Der «Frechste» ist der Beste.

Interessant ist auch, dass die Zürcher Staatsanwaltschaft auf die Frage nach dem Verfahren gegen Maurer nur die müde Antwort bereithält: «Die Ermittlungen laufen.» Wenn Strafverfolger nicht einmal mögliche Erfolge andeuten, liegt die Vermutung nahe, dass sie keine Anhaltspunkte für deliktisches Verhalten gefunden haben. Der Eindruck verdichtet sich, dass die Version, die Maurer selbst offengelegt hat, zutrifft. Vor der Presse hatte der Gejagte erklärt, dass er sein Vermögen – mit den Schwankungen der Börse – seit 1994 sukzessive gemehrt, aber damals nicht korrekt versteuert habe. Dass solche Geldvermehrung ohne Hexerei möglich ist, hat übrigens der Sankt Galler Privatbankier Konrad Hummler (Bank Wegelin) nachgerechnet.

So weit das dünne Ende einer dick aufgetragenen Geschichte, die in der NZZ am Sonntag, bisweilen schreibender Arm der aggressiven PR-Firma Contract Media AG des Sacha Wigdorovits, ihren Anfang nahm. Die Zeitung, die auch einen Mitarbeiter der Contract Media beschäftigt, veröffentlichte im Juli/August die Liste der Pensionskassen, die in den Swissfirst-Deal involviert waren. Die vertraulichen Angaben waren unter Verletzung des Bankgeheimnisses aus der Swissfirst geschmuggelt worden und wohl via eine Drittperson zur NZZ am Sonntag gelangt. Die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelte in dieser Sache auch gegen den früheren Swissfirst-Grossaktionär Rumen Hranov, dessen Interessen Wigdorovits vertritt. Diese Untersuchungen seien in Bälde abgeschlossen, melden die Behörden.

Umgekehrter Rechtfertigungsdruck

Und ganz allmählich beginnt sich die Geschichte auch in die Gegenrichtung zu entwickeln und wird zum Skandal der Skandalisierer. Unter Druck kommt die NZZ am Sonntag, die – ganz im Interesse Wigdorovits’ und Hranovs – Breitseiten gegen Rieter und gegen Maurer abgefeuert und Verdächtigungen ohne Ende in die Welt gesetzt hat (Wirtschaftschef Fritz Pfiffner: «Zur wundersamen privaten Vermögensvermehrung des Rieter-PK-Verwalters möchte ich nur eine Frage in den Raum stellen. Warum hat denn nie ein Grosser in der Finanzbranche dieses Jahrhunderttalent in Sachen Anlagen entdeckt und mit der üblichen Millionenofferte abgeworben?»). Oder ein lustiger Kolumnist: «Früher rangierten auf der Skala des gesellschaftlichen Ansehens Zuhälter, Puffmütter und Menschenhändler recht weit unten, heute hoffen junge Eltern, dass ihre Kinder nie ins Gewerbe der Pensionskassenverwaltung abrutschen.»

Rechtfertigen darf sich auch das von Wigdorovits’ Partnerin und Contract-Mitbegründerin Ingrid Deltenre dirigierte Schweizer Fernsehen, das zwei Wochen lang die Nation mit Helikopterflügen über Maurers Anwesen, Denunziationen durch Nachbarn, wilden Spekulationen, gezielten Gerüchten und verqueren Expertenmeinungen aufgestachelt hat. Aufgrund der neuen Faktenlage wird Jürg Maurer seine bereits angedrohte Klage gegen den Blick wohl einreichen.


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Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 45/06
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