Findling

Ahnenforschung

Verblüffende Einblicke in den Alltag oder gähnende Langeweile?

Von Beatrice Schlag

Am vergangenen Dienstag waren alle Briten aufgefordert, in einem von der British Library eingerichteten Blog ihren Alltag an diesem 17. Oktober so einfach und ungeschmückt wie möglich zu beschreiben. Die Flut von Einträgen, schwärmen die Forscher, werden der Menschheit in ein paar hundert Jahren verblüffende Einblicke in das Leben ihrer Ahnen geben.

Sie werden vor allem gewaltig gähnen, die Nachfahren. Wie vermutlich jeder, der von dem Projekt las, überlegte ich, was ich an diesem 17. der Nachwelt über meinen Alltag zu bloggen hätte. Nie war ich froher, keine Britin zu sein. Denn gerade dieser eine Alltag war von krachender Ödheit. Dass ich am Morgen beim Zähneputzen fast erstickte, als ich versuchte, gleichzeitig einen Zehennagel zu feilen, war bereits der dramatische Höhepunkt. Welcher Nachfahre will so einen Schmarren wissen? Im Übrigen sass ich vor meinem Computer und schrieb. Genauer: Ich starrte stundenlang auf den Bildschirm, weil die Sätze wieder so langsam kamen. Mit dem, was mir dabei alles durch den Kopf ging, würde ich keinen Mitmenschen langweilen wollen, geschweige denn, es einem Nachfahren schriftlich hinterlassen.

Nicht alle Alltage sind so alltäglich, aber ziemlich viele. Weiss man von den Tausenden von Bloggern, die sie einem freudig zumuten. Schieflachen hingegen würden sich die Nachkommen vermutlich, wenn wir aufgefordert würden, uns auszumalen, wie sie dereinst leben werden. Erinnern Sie sich an die silbernen Helanca-Anzüge, die vor vierzig Jahren in Science-Fiction-Filmen über das Jahr 2000 getragen wurden? Nicht einmal George Michael lief je so herum. Wir haben immer noch Jeans und Turnschuhe an.


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