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11.10.2006, Ausgabe 41/06

Wettrüsten

Ratlos im Strahlenmeer

Im Nahen Osten wächst die Lust auf die Bombe. Nordkorea geht als leuchtendes Beispiel voran.

Von Pierre Heumann

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Die nukleare Provokation von Diktator Kim Jong Il strahlt auch in den Nahen Osten aus, eine der explosivsten Gegenden der Welt. Sie könnte zu einer Kettenreaktion führen und weitere Staaten veranlassen, sich die Atombombe zu beschaffen. Im Orient droht ein nukleares Wettrüsten. Derzeit verfügt bloss Israel über ein atomares Potenzial. Doch bald dürfte auch Teheran die Bombe besitzen, und die Herrscher in Kairo, Damaskus und Riad liebäugeln ebenfalls mit der ultimativen Schreckenswaffe. Nordkorea führt ihnen eindrücklich die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft vor, eine entschlossene Möchtegern-Atommacht vom nuklearen Pfad abzubringen.

Teheran hält sich zwar pro forma, anders als Nordkorea, an die diplomatischen Spielregeln. Aber abseits vom Verhandlungstisch treiben die Ajatollahs die Entwicklung der Bombe konsequent voran und setzen sich über westliche Warnungen hinweg. Der Gottesstaat ist vom «point of no return», vom Moment also, an dem er ohne fremde Hilfe Nuklearwaffen herstellen kann, nicht mehr weit entfernt. Und das könnte schneller gehen, als bisher erwartet wurde: Nordkorea, das Iran bereits bei der Entwicklung der Raketentechnik unterstützt hat, will den Mullahs auch bei der Urananreicherung mit Rat und Tat zur Seite stehen. Alles diene nur friedlichen, zivilen Zwecken, schwören die iranischen Strategen immer wieder. Was davon zu halten ist, zeigt indessen ein Brief Ajatollah Chomeinis von 1988, der erst jetzt veröffentlicht worden ist. Er belegt unmissverständlich, dass die A-Bombe seit zwei Jahrzehnten auf der Tagesordnung iranischer Politiker steht. Iran werde nukleare Mittel einsetzen müssen, wenn es den Krieg gegen Irak gewinnen wolle – so forderte Chomeini ein Jahr vor seinem Ableben. Der Brief mit der Aufforderung zur atomaren Aufrüstung wurde bisher geheim gehalten. Aus gutem Grund: Er straft Teherans Friedfertigkeitsbeteuerung Lügen.

Weil Iran so nahe vor der Realisierung der apokalyptischen Waffe steht, fühlen sich arabische Regime zur atomaren Aufrüstung ermuntert. Zumal sie bereits jetzt von Nuklearmächten umgeben sind: Israel, Pakistan und Indien. Israel gilt als Atommacht, obwohl das von Jerusalem nie offiziell bestätigt wurde. Doch amerikanische Geheimdienstkreise schätzen die Zahl der israelischen A-Bomben auf bis zu 200. Israel orientiert sich an der vom ehemaligen Premier Menachem Begin formulierten Politik, wonach Israel keine andere Atommacht in der Region tolerieren werde. Auch Indien ist kein offiziell anerkannter Nuklearstaat, soll aber 40 bis 50 Sprengköpfe und genügend Plutonium für weitere 30 bis 50 Sprengköpfe besitzen. Im Klub der Atommächte sitzt auch Pakistan, Indiens Erzfeind. Indien und Pakistan führten 1998 gleichzeitig eine Atomtestserie durch. Umzingelt von Nuklearmächten, ohne Respekt vor internationalen Kontrollen und als Gegengewicht zur iranischen Aufrüstung wollen sich arabische Herrscherhäuser die unheimliche Waffe ebenfalls beschaffen. Das Versteckspiel, das Teheran so blendend beherrscht, kann von vorne beginnen.

So kündigte Kairo Ende September den Bau von Atomkraftwerken an – selbstverständlich zu strikt friedlichen Zwecken, um den jährlich um sieben Prozent steigenden Energiebedarf zu decken. Gleichzeitig ist Ägypten aber in der Lage, ein martialisches Nuklearprogramm auszuarbeiten. Bei ihren Routinekontrollen fanden die Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) bisher zwar keine Anzeichen für eine illegale Urananreicherung. Doch vor zwei Jahren stiessen sie auf Spuren von Plutonium. Leider melde Ägypten nicht alle Nuklearaktivitäten, konstatierten darauf die IAEA-Experten lakonisch und hilflos zugleich. Andere Staaten könnten folgen – zum Beispiel Saudi-Arabien. Gemäss einer Studie von Atomspezialisten des Monterey Institute of International Studies ist nicht auszuschliessen, dass sich das Königreich seit mehreren Jahren um Atomwaffen bemüht. Saudische Emissäre seien nämlich nach Islamabad gepilgert, heisst es beim israelischen Geheimdienst. Dort sollen sie mit dem berüchtigten Vater der pakistanischen Atombombe, Abdul Khan, verhandelt haben. Vor zwei Jahren gab Khan offen zu, auch Ländern wie Iran, Irak, Libyen oder Nordkorea Tipps und Anleitungen zum Bau der Bombe gegeben zu haben.

Und dem Trend zur nuklearen Aufrüstung möchte sich auch Syrien anschliessen. Ein Verteidigungspakt bindet Damaskus strategisch an Teheran. Zudem lagern in Syrien bereits Ausrüstungen und Bestandteile, welche die beiden Söhne des gestürzten irakischen Herrschers Saddam Hussein vor der Invasion der westlichen Alliierten im Zweistromland in Lastwagen und Zügen über die Grenze geschafft haben. Israel, Iran, Saudi-Arabien, Ägypten, Syrien: Der nahöstliche Alptraum einer nuklearen Explosion nimmt Gestalt an. Doch die Gefahr droht nicht nur von den totalitären Regimen in Teheran oder Damaskus. Je grösser im Nahen Osten der Kreis der Atomstaaten wird, desto höher ist auch das Risiko, dass sich bald schon Terrororganisationen der Kerntechnologie bedienen.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 41/06
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