Seit Montag, 10.36 Uhr Ortszeit, ist Nordkorea die achte erklärte Nuklearmacht. Und die dritte, die ihre A-Bombe nach Ende des Kalten Krieges entwickelt hat. Die zwei andern, Indien und Pakistan, ebenfalls in Asien, sind heute Verbündete Washingtons. Die Welt hat den Atomtest einhellig verurteilt, China ungewöhnlich klar: Der UN-Sicherheitsrat erwägt Sanktionen, was indes nicht darüber hinwegtäuscht, dass man ratlos nach Pjöngjang starrt. Und nichts machen kann. Vor kurzem drohte US-Unterhändler Christopher Hill noch, Nordkorea habe die Wahl, entweder eine Zukunft oder Atomwaffen, ein künftiges Nordkorea mit A-Waffen werde es nicht geben. Und jetzt?
Japan reagierte geschockt, die Tageszeitungen druckten Extrablätter. Die Medien haben die Nordkorea-Angst lange geschürt. In Seoul kam es zu Demonstrationen. Und im südkoreanischen Parlament beschuldigten sich Gegner und Befürworter der Entspannung gegenseitig. Aus China haben wir – neben der offiziellen Verurteilung – auch antiamerikanische Häme vernommen: Kim habe Bush vorgeführt. Mit dem unterirdischen Knall seien vier Jahre Einschüchterung verpufft. Im nordkoreanischen TV verlas eine Sprecherin jubelnd, die Bombe sei ein «Glück der Nation». Der nordkoreanische UN-Botschafter meinte, die Welt sollte ihm gratulieren; die Bombe trage zur Abschreckung auf der Halbinsel bei, mithin zum Gleichgewicht. Zugleich hat Pjöngjang betont, die A-Bombe nie als Erste einsetzen zu wollen.
Die Detonation bei Kilju im Nordosten des Landes gibt Rätsel auf: Nach japanischen Messungen betrug ihre Stärke nur eine halbe Kilotonne. Das ist ungewöhnlich schwach für einen ersten Atomtest, besonders für eine Plutoniumbombe. Andere Atommächte detonierten viel stärkere Bomben. Gefragt wird deshalb: Hat Kim Jong Il nur geblufft? War die Explosion bloss eine konventionelle Detonation? Ist der Test gescheitert – so ähnlich, wie Nordkoreas Raketentests im Juli verpufften?
Nicht ausschliessen kann man ferner, so das Strategie-Institut Stratfor, dass Nordkorea den Test nicht grösser angelegt habe: um das Grundwasser im Testgebiet zu schonen. Dies jedoch überzeugt die Stratfor-Analytiker nicht. Allerdings ist der Atomversuch nicht primär ein Waffentest, sondern eine politische Demonstration. Doch gerade von einer solchen, so die Stratfor-Leute, würde man einen grösseren Knall erwarten. Das Institut hält den Test der an sich schon primitiven Bombe daher für gescheitert. Wenn er nicht sogar eine Täuschung war. Aber ob gescheitert oder nicht: Das Regime von Kim Jong Il denkt kaum daran, A-Waffen einzusetzen. In der jüngsten Nummer von Newsweek berichtet Nordkorea-Spezialist Selig Harrison, eben zurück aus Pjöngjang, wie ihm Vizeaussenminister Kim Gye Gwan die Eskalation des vergangenen Jahres begründete. Kim Gye Gwan war im September 2005 in Peking bei den Sechsergesprächen dabei, wo Nordkorea mit dem Süden, China, Japan, Russland und den USA eine Erklärung unterschrieb, es werde auf sein Atomprogramm verzichten. Dafür garantierten die USA, Nordkoreas Souveränität zu respektieren, mit ihm friedlich zu koexistieren und die Beziehungen zu normalisieren. Diese Erklärung vom 19. September 2005 wurde als Durchbruch gefeiert.
Alle Hebel in Bewegung gesetzt...
Nur vier Tage später blockierte das US-Schatzamt die Swift-Geschäfte der Banco Delta Asia in Macao. Diese setze in Nordkorea hergestellte Falsch-Dollars in Umlauf, sogenannte Superdollars. So der Vorwurf, der bis jetzt nicht belegt werden konnte. Weil zwei Drittel aller internationalen Transaktionen über Swift in New York laufen, sah sich die kleine Familienbank in Macao international plötzlich isoliert. Der Lärm in den Medien löste einen Sturm auf ihre Filialen aus; sie wurde insolvent, die Stadt Macao musste sie retten. In der Tat führte die kleine Bank nordkoreanische Konti, das verstösst nicht gegen Macaos Gesetze. Blüten hat sie keine in Umlauf gesetzt, im Gegenteil, sie verzeigte einst einen Nordkoreaner, weil er dies bei ihr versucht hatte. Dem US-Schatzamt ging es freilich nicht um die Banco Delta Asia, sondern darum, seine Muskeln spielen zu lassen.
Die Bank funktioniert weiter, es gibt keine Strafuntersuchung gegen sie. Doch sie hütet sich seither – wie die meisten Banken, die den Wink verstanden haben –, Kunden aus Nordkorea zu bedienen. Die kleine Machtdemonstration Washingtons hat Nordkorea vom internationalen Bankentransfersystem ausgesperrt.
Die Bush-Administration hat die zeitliche Koinzidenz als Zufall abgetan. Pjöngjang dagegen, so Harris, schloss daraus, die Bush-Administration sei gelähmt im Streit zwischen Falken und Verhandlern. Das stimmt, nach den Sechsergesprächen boykottierten die US-Unterhändler Victor Cha und Richard Lawless demonstrativ das Abschlussbankett. Wie sollte Pjöngjang verhandeln, so die Argumentation des nordkoreanischen Vizeaussenministers, wenn nur Tage danach eine andere US-Institution das nordkoreanische Regime in die Knie zu zwingen versucht? Nun wolle man die USA mit der atomaren Drohung an den Verhandlungstisch zwingen. Um dann wirklich abzurüsten, behauptete er Harris gegenüber.
Die USA werden sich hüten, «schlechtes Betragen zu honorieren», wie sie sagen. Sanktionen werden das isolierte Regime indes wenig schmerzen, sie werden ohnehin umgangen; leiden wird nur die Zivilbevölkerung. So gesehen ändert der Atomtest wenig. Japan und Südkorea sind heute nicht bedrohter als vor einer Woche, Nordkorea nicht sicherer. Aber auch nicht unsicherer: Während Pjöngjang vor einigen Jahren begründete Angst hatte, Washington würde versuchen, seine Atominstallationen zu bombardieren, gilt dies angesichts der Situation im Irak als sehr unwahrscheinlich. Zudem leben ein Drittel der Südkoreaner in Reichweite der Artillerie Nordkoreas. So scheint alles für Kim Jong Il zu laufen, und die Reaktionen der Welt können mit «entschlossen ratlos» umschrieben werden.
Gleichwohl dürfte Kim sich, wie so oft, verrechnet haben. China, einst Pjöngjangs letzter Verbündeter, will kein nukleares Nordkorea, zumal Japan, wenn Nordkorea A-Waffen bauen sollte, auch zur Nuklearmacht werden könnte. Mehr als ein halbes Jahr dürfte seine hochentwickelte KKW-Industrie für den Bombenbau nicht brauchen. Noch weniger kann China hingegen eine Implosion des nördlichen Korea wünschen: weniger wegen der Flüchtlingsströme, die kämen, wenn das verarmte Land, mit dem es eine lange, oft unwegsame Grenze teilt, kollabieren würde, eher wegen des Vakuums, das sich zwischen den Einflusssphären Südkoreas, Russlands, Japans und der USA auftäte.
...und trotzdem den Kürzeren gezogen
Wenn man nun liest, China sei der eigentliche Verlierer des Atomtests, dann, weil China als regionale Ordnungsmacht «Gesicht verloren» hat. «Gesicht» ist wichtig in Asien. Real dürfte Kims dreister Vorstoss China dennoch stärken. Er macht sichtbar, wie schwach Washington in Asien geworden ist.
Kim vermochte oft, die Kluft zwischen Tokio und Peking auszuspielen. Sein Atomtest kam indes ausgerechnet an jenem Wochenende, an dem Japans neuer Premier Shinzo Abe in Peking und Seoul weilte. Also zu spät. Abe ist ein Hardliner wie sein Vorgänger Koizumi, scheint jedoch, anders als jener, zugleich pragmatisch und flexibel. Weder Abes Japan noch China oder Südkorea können ein Interesse daran haben, sich die guten Wirtschaftsbeziehungen – die Volkswirtschaften Japans und Chinas sind heute eng verflochten – von einem kaputten Regime in Pjöngjang versauen zu lassen. Zumal es Kim und seiner Kamarilla einzig um die Erhaltung der eigenen Macht geht, die Prosperität des koreanischen Volkes und der Region kümmert sie nicht.
Statt Peking, Seoul und Tokio weiter zu entzweien, hat der Atomtest die Nachbarn in ihren ersten Reaktionen zusammenrücken lassen. Abe und Südkoreas Präsident Roh Moo Hyun fanden am Montag in Seoul nicht einmal Zeit, über den Territorialstreit ihrer Länder zu reden.
Kim Jong Il hat keine Freunde mehr. Niemand will sein Regime stützen, aber alle fürchten den Tag, an dem es stürzt. Deshalb hat sich vor allem Peking an den Status quo geklammert. Es gibt nicht einmal Modelle, wie Nordostasien nach dem Ende des koreanischen Stalinismus aussehen soll. Auch deshalb verbietet sich die Option, militärisch gegen Atomanlagen Nordkoreas vorzugehen: Was kommt danach?
Wenn Nordkoreas Atomtest die Kräfteverhältnisse in Nordostasien nicht verändert, zeigt er doch deutlich, wie labil der Status quo ist. Indem Kim Washington vorführt, stört er dieses Gleichgewicht – immer wieder. Sein Atomtest ist deshalb als Fanal zu lesen, dass der Kalte Krieg auch in Nordostasien allmählich zu Ende geht. Nur eben: Was kommt dann?
Im Rückblick war der Kalte Krieg gemütlich, vor allem für den Westen. Die zwei Supermächte haben sich den Planeten in Einflusssphären geteilt (die Atomwaffen Frankreichs und Grossbritanniens waren Militärfolklore, eine nostalgische Reminiszenz an vergangene Grösse), sie hielten die Hand über die Nukleartechnologie (China war der marginale Dritte). Solange sie sich gegenseitig in Schach hielten, durfte sich die Welt einigermassen sicher wähnen. Indem die USA die Neo-Nuklearmächte Indien und Pakistan unter ihre Fittiche nahmen, verliehen sie diesem Zustand noch etwas Bestand. Libyen und Südafrika, Kasachstan und die Ukraine drängten sie zur atomaren Abrüstung. Israel ist ein Verbündeter. Nun kommt Kim Jong Il. Und spielt einfach nicht mit. Der Atomwaffensperrvertrag scheint damit gescheitert, der atomare Rüstungsstopp muss neu überdacht werden, zumal uns bald eine nächste Atommacht ins Haus stehen könnte; und vielleicht bald eine Terrororganisation.
Kim Jong Il hat eine manische Fixierung auf die USA. Mit den US-Truppen auf der koreanischen Halbinsel lässt sich diese allein nicht erklären. Eher will der Dorf-Bully vom Alfa-Bully beachtet werden. Präsident Bush wäre deshalb am ehesten prädestiniert, Kim Jong Il die Atomwaffen auszureden, im bilateralen Gespräch Washingtons mit Pjöngjang. Die Chancen aber sind gering. Clinton hat es 1994 versucht. Während sich Nordkorea scheinbar an den unterzeichneten Atomsperrvertrag hielt, bestellte es heimlich bei Abdul Qadeer Khan, dem diabolischen Vater der pakistanischen Atombombe, Nukleartechnologie für eine eigene Bombe. Vor einem Jahr schien der erste Schritt zur Neuauflage von Gesprächen getan, dann sperrte das US-Treasury Nordkorea vom internationalen Finanztransfer aus. Auf Vizepräsident Cheneys Geheiss, wie Kim Gye Gwan in Pjöngjang zu wissen glaubt. Also könne Pjöngjang Washington nicht trauen. Aber noch weniger kann der Westen Nordkoreas abgeschottetem Diktator und dessen militärischer Elite trauen.
11.10.2006, Ausgabe 41/06
Nordkorea
Geburt einer Nuklearmacht
Der bizarre Machthaber Kim Jong Il hält die Welt mit einem rätselhaften Atombombentest in Atem. Freunde hat er keine mehr. Niemand will sein Regime stützen, aber alle fürchten den Tag, an dem es stürzt. Real dürfte Kims dreister Vorstoss China stärken.
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