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Die Last

Es gibt gute Gründe, dass Hans «James» Last Bandleader wurde und nicht Sänger.

Von Mark van Huisseling

«Sie sind ja ein Popstar; Pop im Wortsinn, populär, oder?» – «Ja, also...» – «Doch [100 Millionen verkaufte Tonträger]. Und wenn man sich andere Popstars ansieht, Robbie Williams zum Beispiel, fragt man sich: Wie wird so einer alt? Bei Ihnen aber frage ich mich: War der mal jung, wie war der früher?» – «Eigentlich, glaube ich, genau so wie heute auch.» – «Sie haben auch eigentlich immer dasselbe gespielt, nicht?» – «Nein, ganz sicher nicht. Die Zeit geht ja weiter, verändert sich. Wir alle gehen mit der Zeit. Und gute, alte Jazzer [‹Jatzer›], Louis Armstrong, B. B. King und so, die spielten auch immer. Wurden zwar älter, aber nicht schlechter.»

Wir sind in der Bar des «Atlantic» in Hamburg, er hat eine Wohnung in der Stadt. (Und ein Haus in Florida, auf einem Golfplatz.) Zuvor waren wir Mittag essen. (Ich kam zu früh an im Hotel, sah ihn in der Halle, stellte mich vor, und er fragte, ob ich mitkäme.) Als wir ins Restaurant kamen – seine Ehefrau, sein Manager und eine Frau vom Verlag, in dem seine Biografie gerade rauskam, waren auch dabei –, begrüsste ihn niemand vom Personal. Wir gingen zu dem Tisch, der für ihn reserviert war, und standen rum, bis der Maître d’ rüberkam. (Wozu ist man denn «einer der wenigen deutschen Weltstars» [Bild]?) Dann redete sein Manager die ganze Zeit von seinem Cholesterin und von dem seiner Frau auch noch. (Vielleicht weil sonst der «erfolgreichste Bandleader aller Zeiten», nochmal Bild, was weniger Interessantes erzählen würde?) Der Manager, ein ehemaliger Arzt, empfahl das Lunch-Menü – 3 Gänge, Zanderfilet, 29 Euro; «ganz in Ordnung, der Preis», sagte Herr Last zu seiner Frau – und alle bestellten es. (Ich nahm das Klubsandwich.)

«Wenn Sie zurückblicken, ist das Musikerleben das Beste, was einem passieren kann im Leben, oder ist es sehr stressig?» – «Stressig? Überhaupt nicht, wenn man seinen Horizont erkennt, sein Können oder weniger grosses Können...Man muss das Gute erkennen und behalten. Es gibt Musiker, die sagen: ‹Hast du gehört, wie schlecht der gespielt hat?› Das ist falsch, man muss die guten Töne behalten.»
Es ist auch gut, dass er nicht Sänger wurde, finde ich. Man versteht ihn fast so schlecht wie Udo Lindenberg. Aber irgendwie kommen seine Sätze an bei mir. (Und er mag es noch immer, interviewt zu werden. Schon dafür verdient er freundliche Geneigtheit.) «Wolfgang Petry, der Schlagersänger, hat gesagt: ‹Es ist grausam, ein Star zu sein, ich hör auf.› Und der ist erst 60.» – «Ist er denn ein Star?» – «Ich glaube, er hat 7 Millionen Platten verkauft in 30 Jahren.» – «Aber ein Star, das ist ja was anderes. Er ist auf Mallorca [‹Mahlorca›] am Strand.» – «War es nie grausam für Sie, ein Star zu sein? Herr Petry sagte, er musste um drei Uhr morgens immer noch den Hoteldirektor begrüssen, obwohl er dann eigentlich nur seine Ruhe haben wollte.» – «Ich kenne so was nicht. Zu mir kann jeder kommen, wann er will.» – «In Ihrem Buch steht ja, Sie mögen es, wenn Leute Sie erkennen.» – «Ja, ich bin einer zum Anfassen.»

Walzer als Polka

«In Ihrem Buch steht auch, dass Sie Affären hatten, tranken, Ihr Vermögen verloren. Weshalb diese Enthüllungen?» – «Das sind keine Enthüllungen, es ist mein Leben.» – «Aber weshalb erzählen Sie es jetzt?» – «Es ist alles so gewesen. Ich habe gesagt, wenn ich etwas schreibe, dann was Ehrliches.» – «In der FAZ stand: ‹Erfolgreichster Star der Musikgeschichte? Kaum zu glauben, aber: James Last.› Dieser Unterton, der immer da ist Ihnen gegenüber von den Gescheiten, tut das weh?» – «Nein, weil ich ein reines Gewissen habe. Ich habe alle anderen gehört und gesagt: Du musst was anderes machen. Ich habe zum Beispiel das ‹Wiener Praterleben›, das ja der Sportpalastwalzer war, als Polka gemacht. Aber aus Spass, nie für einen kommerziellen Zweck.» (Eigentlich wieder keine Antwort, ich weiss. Aber nur jemand mit kleinherzigem Wesen hakt nach, wenn ein 77-Jähriger sagt: «Ich habe ein reines Gewissen.»)

«Lesen Sie in Ihrer Freizeit?» – «Wenig.» – «Das beste Buch, das Sie gelesen haben dieses Jahr?» – «Der ‹Da Vinci Code›.» – «Ihr Vater hat ja auch Musik gemacht, was ist das Wichtigste, was Sie von ihm gelernt haben?» – «Spass zu haben, auch wenn es Schlaf kostet.» (Sein Vater war Gasableser in Bremen; spielte nachts in Kneipen, für vier Mark.) «Sie waren FKK-Freund.» – «Ja.» – «Geht das überhaupt, wenn man berühmt ist, kommen da nicht alle am Strand mal vorbei, weil sie James Last nackt sehen wollen?» – «Das habe ich nie so empfunden. Und Nacktbaden ist schön.»


James Last: Mein Leben. Die Autobiografie.
Heyne, 2006. 356 S., Fr. 35.10

The Last Tour: 4. November 2006, Hallenstadion Zürich

James Lasts Lieblingsrestaurant:
Da Paolino, Alsterufer 2, Hamburg,
Telefon +49 40 41 35 56 55 («Beste Seezunge der Stadt»)

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