Herr Jäncke, haben Sie eine Erklärung dafür, warum all die hochintelligenten Philosophen von Platon bis Nietzsche ein derart negatives Frauenbild hatten?
Unsere Philosophie hat in der Tat einen extrem frauenfeindlichen Einschlag – über die Gründe kann ich nur spekulieren. Bei den alten Griechen hat es womöglich damit zu tun, dass Krieg und Macht im Zentrum des Denkens standen. Kommt hinzu, dass bis vor hundert Jahren jede Geburt ein heikler Akt war, bei dem es auch für die Gebärende um Leben und Tod ging. Die Fragilität der Frau war somit offenkundig, die Lebenserwartung der Frauen tief. Heute ist Kinderkriegen nicht mehr gefährlich, Frauen leben sogar länger als Männer, und alles, was man vielleicht als Zeichen der Schwäche bei Frauen interpretiert hatte, hat sich ins Gegenteil verkehrt.
Die Philosophen liebten das Klischee von der emotionalen Frau und vom rationalen Mann. Was ist da aus Sicht der heutigen Hirnforschung eigentlich dran?
Nicht viel. Wir unterscheiden gar nicht mehr grundsätzlich zwischen Ratio und Irratio, wie das noch Descartes getan hat. Die Idee, es gebe zwei völlig unterschiedliche Konzepte, die dem Menschen innewohnen könnten, ist abstrus. Vernunft und Emotion sind nicht trennbar, die gehören zusammen.
Moment. Ihr Kollege, der englische Psychologe Simon Baron-Cohen, unterscheidet zwischen E- und S-Gehirnen. E bedeutet Empathie und sei eher bei Frauen anzutreffen. S steht für Systematik und gehöre in die Männerwelt. Die Männer, sagt Baron-Cohen, seien alle ein wenig autistisch, könnten gut logisch denken, seien aber wenig einfühlsam.
Ich kenne Baron-Cohen ziemlich gut, und was er sagt, ist nicht gänzlich falsch, aber übertrieben. Männer haben eine Tendenz, sich etwas weniger mit emotionalen Aspekten auseinanderzusetzen als Frauen. Wohlgemerkt: eine Tendenz. Männer sind keine Autisten, sie können durchaus auch sehr emotional sein. In der Laienpresse wird das dann so dargestellt, als seien Frauen nur empathisch und Männer nur systematisch.
Aus dem Buch «The Female Brain» von Louann Brizendine haben wir gelernt, dass Mädchen schon bei der Geburt elf Prozent mehr Zellen in ihren Kommunikationsarealen haben als Buben. Das ist doch mehr als bloss eine Tendenz.
Wir haben in unseren Studien auch physische Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen gefunden. Aber ich warne davor, aus diesen rein anatomischen Befunden weitreichende Schlüsse zu ziehen.
Warum?
Weil sich die Spektren von Männer- und Frauenhirnen stark überschneiden. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Wir haben in einer Studie die interhemisphärische Kommunikation untersucht, also die Verkabelung der beiden Hirnhälften.
Bei Frauen kommunizieren die Hirnhälften besser miteinander, sie denken ganzheitlicher.
Das stimmt tatsächlich ein Stück weit. Wir haben aber herausgefunden, dass dies ein reiner Effekt der Hirngrösse ist. Kleine Gehirne sind besser verkabelt, und Frauen haben nun mal im Schnitt kleinere Gehirne. Es gibt aber auch Frauen mit grossen und Männer mit kleinen Gehirnen. Der Clou ist nun: Jene zwanzig Prozent der Frauenhirne, die so gross sind wie ein durchschnittliches männliches Hirn, sind genau gleich schlecht vernetzt wie Männerhirne. Und jene zwanzig Prozent der Männerhirne, die so klein sind wie ein durchschnittliches Frauenhirn, sind genau gleich gut verkabelt wie Frauenhirne.
Immerhin: ein messbarer Unterschied.
Ja. Aber die Variabilität ist so gross, dass man bei zwei Drittel der Probanden überhaupt keinen klaren Befund hat. Nur bei etwa einem Drittel kann man von einem deutlichen Geschlechterunterschied sprechen. Und so ist es mit vielen Merkmalen, die bei Männern und Frauen angeblich so verschieden sind.
Auch bei den sprachlichen Fertigkeiten, wo die Frauen den Männern meist überlegen sind?
Auch da. Es gibt zum Beispiel einen Test, bei dem man dreissig Sekunden Zeit hat, möglichst viele Wörter zu nennen, die mit dem Buchstaben F anfangen. Hier sind Frauen traditionell besser. Aber seit dreissig Jahren nähern sich die Resultate von Männern und Frauen immer mehr an. Das Gleiche beobachten wir bei Tests des räumlichen Vorstellungsvermögens, etwa bei der mentalen Rotation von geometrischen Figuren, einer einstmals klassischen Männerdomäne.
Wie lässt sich diese Angleichung erklären?
Ich glaube, dass hier die Plastizität des Gehirns eine grosse Rolle spielt. Dinge wie räumliches Vorstellungsvermögen oder sprachliche Ausdrucksfähigkeit kann man durch Training verbessern. Die sind keineswegs vorgegeben.
Wie weit geht das? Ich selber zum Beispiel habe bei einem Test festgestellt, dass ich schlecht bin im Erkennen von Emotionen in Gesichtern. Könnte ich das auch lernen?
Natürlich, auch das kann man trainieren. Dass die Frauen da so viel besser wären, ist im Übrigen auch eine Übertreibung. Die Überlappung der Resultate ist so gross, dass sie fünfzig Frauen und fünfzig Männer brauchen, um überhaupt einen statistisch signifikanten Geschlechterunterschied festzustellen. Im Alltag können Sie diesen Unterschied getrost vernachlässigen.
Wenn eh alles eine Frage des Trainings ist: Warum gibt es dann überhaupt die Geschlechterunterschiede?
Es sind kleine, womöglich angeborene Unterschiede, die dann in unserer Kultur künstlich aufgebläht werden. Häufig handelt es sich um sich selbst erfüllende Prophezeiungen: Wenn sich eine Frau nicht gut orientieren kann, sagt sie vielleicht: Das ist nun mal so, ich bin halt eine Frau. Wir lernen in unserer Gesellschaft ganz automatisch, uns geschlechtstypisch zu verhalten. Ich bin noch so erzogen worden. Ich bekam noch von meinem Zweitklasslehrer zu hören, dass Jungs nicht weinen. Das ändert sich zum Glück, das würde heute kein Lehrer mehr sagen.
Wo sehen Sie die angeborenen Unterschiede?
Im emotionalen und sozialen Bereich, bei der etwas geringeren Empathie der Männer, von der wir gesprochen hatten. Alles andere, was sich dann auf kognitiver Ebene manifestiert, also dass Frauen nicht parkieren und Männer nicht zuhören können – Sie kennen ja diese Bücher –, das sind alles Sekundär-, Tertiär- oder sogar Quartäreffekte. Die sind biologisch irrelevant. Dass eine Frau einen Gegenstand mental langsamer rotiert, hat überhaupt keinen biologischen Hintergrund.
Sondern?
Das hängt mit anderen Interessen oder mit mangelndem Training zusammen. Wenn Sie biologisch argumentieren wollen, müssen Sie sich immer fragen: Wozu braucht die Natur das? Warum muss ein Mann eine geometrische Figur rotieren können? Da wird dann immer gesagt: Jäger und Sammler. Die müssen durch die Wälder rennen und sich orientieren können. Nun gut. Aber Frauen können sich auch gut orientieren, teilweise sogar besser, sie haben bloss andere Strategien.
Ist es eigentlich sinnvoll, überhaupt nach Geschlechterunterschieden in den Gehirnen zu suchen? Offenbar kann man daraus ja gar keine Schlüsse ziehen.
Rein wissenschaftlich sind die Unterschiede natürlich spannend. Aber für unser Verhalten sind sie völlig irrelevant. Nehmen Sie zum Beispiel einen Patienten mit Gehirnverletzungen. Der hat vielleicht zu Beginn einen schweren Ausfall, kann nicht mehr sprechen. Man trainiert mit ihm, macht Rehabilitation, auf einmal wird er immer besser und spricht zuletzt wieder völlig normal. Wenn Sie in sein Gehirn schauen, werden Sie feststellen, dass dieses ganz andere Wege eingeschlagen hat, um das Defizit zu kompensieren. Das ist durchaus interessant. Aber wenn ich mit diesem Menschen spreche, ist es doch vollkommen egal, welche Hirnstruktur er gerade benutzt.
Und die angeborenen emotionalen Unterschiede, die Sie vorhin zugestanden haben, denen messen Sie auch keine Bedeutung zu?
Doch, die kommen vor allem bei der Partnerwahl zum Ausdruck. Hier gibt es ja tatsächlich gravierende Unterschiede, die sich durch keinerlei Erziehungsmassnahmen oder religiöse Gebote abtrainieren lassen. Eine Frau kann in Ausnahmefällen zwei Dutzend Kinder aufziehen, ein Mann kann theoretisch Tausende Nachkommen haben, und daraus resultieren unterschiedliche Strategien. Männer sind bei der Partnersuche nicht sehr wählerisch, während Frauen sehr selektiv vorgehen. Es muss der besondere, einzigartige und richtige Mann sein, mit dem sie Nachkommen zeugt.
Und um gut wählen zu können, müssen die Frauen empathischer sein, sich besser in ihr Gegenüber hineinversetzen können?
Auf jeden Fall müssen sie sehr sensibel sein, damit sie die Eigenschaften des potenziellen Partners genau einschätzen können. Sie müssen ja prüfen, ob er sich für eine längere Beziehung eignet.
Sind diese unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien heute noch relevant?
Absolut. Das zeigen ja alle Daten: Frauen wählen Männer auch heute noch vorwiegend nach ihrem Status, darum sind die Männer auch im Schnitt fünf Jahre älter als ihre Frauen und haben ein grösseres Einkommen. Die Asymmetrie ist hier gewaltig. Die Verhaltensunterschiede sehen Sie besonders gut in der Pubertät, wo Buben prahlen und um Gruppenränge kämpfen, während Mädchen eher die Rolle der interessierten Beobachterin einnehmen. Um am Schluss jenen herauszugreifen, der eine möglichst hohe Position hat.
Die Pubertät ist also die Zeit, wo die Biologie besonders deutlich hervortritt?
Ja genau. In der Pubertät sehen Sie, was wir von der Natur mitbekommen haben. Diese Zeit der Veränderung ist besonders heikel, weil hier die Rollen definiert werden. Die Jugendlichen suchen nach Identifikationsmöglichkeiten, nach Modellen, denen sie folgen können. Oft greifen sie nach den erstbesten Vorbildern, die ihnen durch Filme oder Musikstars vermittelt werden. So werden die klassischen Geschlechterrollen von Generation zu Generation weitergegeben.
Lutz Jäncke, 49, ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich.
11.10.2006, Ausgabe 41/06
Gender Studies
«Die Geschlechter gleichen sich an»
Die meisten Unterschiede zwischen Mann und Frau seien nicht angeboren, sagt der Hirnforscher Lutz Jäncke.
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