Kurz nachgedacht
Das Stichwort heisst «Exile on Main Street». Bluesrock mit etwas Sixtiespop gleich The Jet. Sie präsentieren am ungeniertesten das gegenwärtige Rockrevivalproblem: Innovation null, Reproduktion 100, Energie 180. Kann man ein erstes Album, das fast alles den Sixties verdankt, durch eins ersetzen, das sich aus eigenen und aktuellen Quellen speist? Jet haben sich darüber offensichtlich den Kopf zerbrochen – etwa zwanzig Sekunden lang. Typisch australisch. Und dann haben sie einfach ein zweites Album gemacht, das sich ebenso heftig bei vergangenen Jahrzehnten verschuldet. Wer also glorios abgeschossenen Rock ’n’ Roll mit Eins-a-Schreien mag, ist hier vorzüglich bedient.
Jet: Shine On. Warner
Nicht optimiert
Das verbiegt schon mal die Aufmerksamkeit Richtung Lautsprecher. Eine Flöte, ein Telefonbeantworter, eine unentschlüsselbare private Situation. Dann legen sie los, zwei weibliche MCs, eine Soulsängerin. Alle können Einreisedeutsch sowie weitere Kultursprachen: Englisch, Kroatisch und Russisch. Erwartbar ist die Musik: eine Melange von Hip-Hop, Soul und Dancehall. Aber unerwartbar abwechslungsreich. Und so ist viel spontan und nicht optimiert. Denn, so rappen sie, das Leben ist eine Schlampe. Wer die perfekte Show will, soll anderswo unterkommen.
The Mischen: Ischen Impossible. Groove Attack
Eher riskant
Den experimentellsten und mutigsten Vogel schiessen Clinic ab. Schon die Stimme des Sängers ist eine Erfindung – man stellt sich ihn eingesperrt vor, von dunklen Mächten in ein Puppenhaus (Bäbistube) verbannt. Die Stimme ist am ehesten mit Radio-Sänger Yorke zu vergleichen, falls der mal mit zugeklemmten Kiefern singen würde. Clinics geistige Vorfahren vermutet man bei Velvet Underground und Suicide. Anwendungsbereich: Wenn der Anstandsbesuch der neuen, inkompatiblen Nachbarn um ein Uhr in der Früh immer noch dauert, legt man dieses Album auf und hofft, der Besuch sei weg, bevor die Polizei kommt. Aber dann, wiederum ein Nachteil, kommt man selbst nicht mehr ins Bett, weil das Album durchs wiederholte Spielen süchtig gemacht hat. Man hat’s nicht leicht.
Clinic: Visitations. Domino













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