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04.10.2006, Ausgabe 40/06

Lorenzo de’ Medici

«Ich hatte alles, es reicht»

Medici. Ein Name wie Posaunenhall. Medici. So hiessen Könige, Fürsten und gleich drei Päpste. Als Mäzene verschönert und verbessert diese Familie seit 800 Jahren die Welt. Ein Gespräch mit Lorenzo, 55, dem letzten Spross der italienischen Dynastie.

Von Walter De Gregorio

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Lorenzo de’ Medici, Sie sind 55 und kinderlos. Ist das nicht fahrlässig mit einem solchen Namen?
Seit dem 12. Jahrhundert ist unsere Familie Teil der italienischen Geschichte, sie hat die europäische Kultur geprägt, die Menschen vom finsteren Mittelalter in die Aufklärung geführt. Es ist Zeit, abzutreten – mehr als achthundert Jahre sind genug.

Ein bewusster Entscheid also, die Rollos runterzulassen?
Nein. Es hat sich einfach so ergeben. Ich war zweimal verheiratet, mein älterer Bruder Carlo sogar dreimal. Es sind keine Kinder aus diesen Beziehungen hervorgegangen. Ich kann’s nicht ändern.

Maria de’ Medici, die spätere Königin von Frankreich, hat sich in Abwesenheit ihres Gemahls trauen lassen. Wäre auch eine Möglichkeit?
Frankreich war wegen der Religionskriege bei der Familie Medici hochverschuldet. Die Mitgift von Maria betrug 600000 Goldtaler. Das war damals, im Jahre 1600, eine unvorstellbar hohe Summe, praktisch die Hälfte der gesamten Staatsschuld Frankreichs. Auf die Gefahr hin, knauserig zu wirken: So viel ist mir keine Heirat wert.

Lorenzo de’ Medici, genannt «il Magnifico», hat vor über einem halben Jahrtausend den Ruhm Ihrer Familie als grosse Kunstmäzene und Herrscher begründet. Eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet sein Namensvetter die Lichter löscht?
So kann man es sehen. Der Kreis schliesst sich, wobei der Familienzweig von Lorenzo il Magnifico schon früh ausgestorben ist. Mit mir und meinem Bruder stirbt nun auch unser Ast ab. Das ist, für die Weltgeschichte, aber nicht weiter tragisch. Meine Familie hat ihren Beitrag geleistet. Und in meinem Alter, ganz ehrlich, möchte ich mich nicht noch an Kindergeschrei gewöhnen müssen, sofern ich überhaupt noch welche zeugen könnte.

Caterina de’ Medici – Sie erlauben, wenn ich insistiere – hatte die Hoffnung nach zehn Jahren kinderloser Ehe schon fast aufgegeben...
...dann bekam sie ein Kind nach dem anderen, insgesamt neun. Als sie am 28. Oktober 1533 in der Kathedrale von Marseille Heinrich von Orleans heiratete, den nachmaligen König von Frankreich, war sie aber gerade mal vierzehn Jahre alt! In Begleitung einer Flotte von sechzig Schiffen war sie aus Italien angereist. Ihr Schiff hatte purpurfarbene Segel mit Goldbordüren. Papst Clemens VII., ebenfalls ein Medici, hat die Hochzeit persönlich zelebriert. Sein Schiff besass einen Pavillon aus Goldbrokat. Clemens VII. überreichte Caterina als persönliches Geschenk sieben besonders schöne Perlen, die in die Krone eingearbeitet wurden, die sie auf Gemälden trägt. Wissen Sie, wo die Perlen heute sind?

In einem Schweizer Banksafe?
Nein, 25 Jahre nach ihrer Hochzeit schenkte Caterina die Perlen ihrer Schwiegertochter Maria Stuart, Königin von Schottland. Auf verschiedenen Gemälden ist Maria mit diesen Perlen um den Hals zu sehen. Als Königin Elisabeth von England Maria Stuart enthaupten liess, stahl sie ihr diese Perlen, und seither gehören sie zu den britischen Kronjuwelen. 1911 tauchten sie wieder auf, als Georg V. sie bei seiner Krönung in der Krone trug. Caterina de’ Medicis Perlen landeten im englischen Königshaus.

Das Familiensilber ist weg, die Adelstitel konnten die Medici aber behalten?
Italien ist eine Republik. Es ist lächerlich, wenn sich heute jemand Prinz Sowieso nennt. Es gibt keine Prinzen und Könige mehr. Ich habe mich noch nie mit einem Adelstitel geschmückt, ich würde mich schämen. Ob Sie es glauben oder nicht – ich fühle mich als ein ganz normaler Mensch.

Jetzt kokettieren Sie. Sie beschreiben in Ihrem Buch über die Medici-Familie doch sehr ausführlich, wie Ihre Eltern Ihnen eingetrichtert haben, etwas Spezielles zu sein.
Meine Eltern gehörten einer anderen, der letzten aristokratischen Generation an; einer Generation, die sich als etwas Auserwähltes verstand. Wir hatten Bedienstete, prachtvolle Häuser, tranken zu Hause immer den eigenen Wein. Mit dieser Vergangenheit habe ich nichts mehr zu tun. Ich bin, wenn Sie wollen, das Verbindungsglied zwischen Ancien Régime und Moderne. Der erste und zugleich letzte Medici einer neuen Epoche.

Trauern Sie der Vergangenheit nach?
Nein. Ich hatte alles, es reicht. Schauen Sie sich bei mir zu Hause um. Ich habe modern und hell eingerichtet; ich kann diese in Gold gerahmten Familiengemälde nicht mehr sehen, die mit Samt überzogenen barocken Sessel, die schweren Kronleuchter. Ich will nicht Teil des Museumsinventars werden.

«Lasst die Medici in Frieden in ihren Marmorsärgen ruhen», hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts Alexandre Dumas gefordert. Sie sehen’s auch so?
Ja, «denn sie haben mehr für den Ruhm der Welt getan als jeder König oder Fürst oder Kaiser», wie es bei Dumas weiter heisst. Dank mir werden meine Vorfahren in ihren Särgen endlich ruhig schlafen können.

Zahlreiche Medici-Palazzi sind heute Luxushotels. Glaubt man Ihnen, wenn Sie sich an der Réception als Lorenzo de’ Medici vorstellen?
Ich habe immer einen gültigen Reisepass dabei.

Müssen Sie für ein Zimmer bezahlen, wenn man Sie erkannt hat?
Ich zahle grundsätzlich immer. Es kommt allerdings vor, dass ich in einem Hotel für den Preis eines Standardzimmers die Präsidentensuite bekomme, weil das Gebäude einst den Medici gehörte. Ich bin dem Komfort nicht abgeneigt und nehme dankend an. Anders ist es, wenn mir wildfremde Leute ihre Medici-Villen gratis zur Verfügung stellen wollen, wie jener freundliche Herr in Pisa. Als er hörte, wer ich bin, wollte er mir für einen längeren Aufenthalt in Pisa seinen feudalen Landsitz zur freien Benützung überlassen. Ich musste ablehnen. Das wäre dann doch zu viel der Gastfreundschaft gewesen.

Gab es Dinge, die Sie aufgrund Ihres Namens nicht machen konnten?
Zum Beispiel Jeans tragen, was ich heute oft tue. Als Kind musste ich immer Krawatte und Anzug tragen, wenn ich zu Festen mitging, durfte auch als junger Erwachsener nicht trinken und rauchen, sonst hiess es gleich: Wie dekadent, wie degeneriert diese Medici doch geworden sind.

Das wart ihr, mit Verlaub, doch schon immer. Herumhurende Päpste, inzestuöse Könige, Mörder und Betrüger – die Geschichte Ihrer Familie war nie jugendfrei.
Aus heutiger Sicht stimmt das sicher. Damals war es aber normal, dass Päpste Mätressen hatten. Die Borgia-Päpste waren übrigens viel schlimmer.

Wer ist Ihnen aus Ihrer Ahnengalerie am sympathischsten?
Caterina de’ Medici. Ich habe ihr mein neustes Buch gewidmet. Maria de’ Medici war eine Idiotin, Caterina war brillant, schlau, stark. Genau das Gegenteil von dem, was die Franzosen über sie schreiben. Sie haben sie nie gemocht, obwohl Caterina 42 Jahre Königin von Frankreich war. Sie hat das Parfüm, die Kartoffel und die Schokolade ins Land eingeführt und sich in dieser Zeit für den Frieden eingesetzt und für die Erweiterung des Reiches. Die Franzosen hätten ihr dafür die Füsse küssen müssen, stattdessen hat man sie bis heute nie akzeptiert. Sie blieb eine Fremde.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass selbst ihr Mann, König Heinrich II., sie nie mochte. Galt nicht seine langjährige Mätresse Diane de Poitiers als die «heimliche Königin»?
So heimlich war die Beziehung gar nicht. König Heinrich II., dieser Ignorant, nahm Diane auch zu offiziellen Empfängen mit. Das wäre heute unvorstellbar. Stellen Sie sich vor, Chirac würde statt mit Bernadette plötzlich mit einer anderen Frau antanzen. Der Unterschied zu damals ist, dass die Staatschefs ihre Mätressen nicht mehr öffentlich präsentieren wie zu Zeiten Caterinas. Beim Reitturnier, bei dem Heinrich ums Leben kam, trug er nicht die Farben der Medici, die Farben seiner Gemahlin, sondern Schwarz und Weiss, die Farben seiner Geliebten. Caterina hat sogar diesen Affront mit stoischer Ruhe weggesteckt.

Der Hauptmann der Schottischen Garde, Graf von Montgomery, bohrte ihm bei besagtem Turnier seine Lanze unvorteilhaft ins Auge – das Schicksal kann also doch gerecht sein?
Absolut. Dies und mehr hat Heinrich verdient. Wobei: Caterina ging es nach dem Tod ihres Ehemannes nicht viel besser. Sie wurde zwar Königin, trug immer Schwarz, aber sie wurde weiterhin angefeindet. Für viele am Königshof blieb sie nur «die Florentinerin». Sie hat die meisten ihrer Feinde trotzdem überlebt. Sie war intelligent und gerissen wie kaum jemand vor ihr.

Mit Ausnahme vielleicht von Giovanni de’ Medici. Der wurde dank Hämorrhoiden sogar Papst. Kann man gerissener sein?
Es war eine Analfistel, die ihn plagte. Das muss äusserst schmerzhaft gewesen sein. Da er nicht reiten konnte, wurde er im Tragstuhl von Florenz nach Rom gebracht. Dort kam ihm die geniale Idee, aus seinem Leiden Kapital zu schlagen. Während des Konklaves übertrieb er seinen Schmerz und liess die Kardinäle glauben, sein Gesundheitszustand sei sehr schlecht. Das machte ihn zum perfekten Kandidaten. Er wurde 1513, obwohl erst 36 Jahre alt, als «Übergangspapst» Leo X. gewählt.

Im selben Jahr erschien Machiavellis «Il Principe». Ein perfektes Timing?
Leo X. bot bestimmt besten Anschauungsunterricht. Die Gleichzeitigkeit der beiden Ereignisse ist aber reiner Zufall.

Sie haben «Il Principe» als Bub auswendig lernen müssen. Wen haben Sie zuerst gehasst: Ihre Eltern oder Machiavelli?
Meinen Privatlehrer. Er hätte sich dem Wunsch meiner Eltern, den Machiavelli auswendig zu lernen, widersetzen können, ja müssen. Machiavelli erzählt, was wir heute, aus eigener Erfahrung, alle schon wissen. Sein Verdienst ist es, als Erster die Machtmechanismen aufgeschrieben zu haben. Willst du an die Macht, so musst du dich arrangieren, versuchen, hinter den Kulissen die Fäden zu ziehen. Das Geheimnis der Medici war, zu regieren, ohne dass man das als solches wahrgenommen hat. Heute weiss jeder Manager, wie er sich im Interesse seiner Karriere richtig, also gemein und verschlagen, zu verhalten hat.

Hat Macht mit Mäzenatentum zu tun?
Nein. Die Medici sind reich geworden zuerst durch den Handel mit Wolle, dann durch die Gründung der ersten Banken. Doch wer hatte die Macht? Das waren die Fürstenfamilien jener Zeit, die die Medici als Parvenüs betrachteten. Also haben die Medici angefangen, im Schatten zu agieren, geheime Koalitionen zu schmieden. Das Mäzenatentum, das unter den Medici neue Dimensionen erreichte, war nicht Mittel zum Zweck, vielleicht hat es indirekt ihre Macht gefestigt, aber es war nicht die Absicht der Medici, einen Michelangelo zu fördern, um populär zu sein und einflussreich zu werden.

Dante, Petrarca, Botticelli, Donatello – die grössten Dichter, Maler und Bildhauer wurden von den Medici unterstützt, doch beliebt war Ihre Familie nie. Wieso eigentlich?
Was Italien betrifft, haben Sie recht. Im Gegensatz zum Ausland wurden wir in unserer Heimat nie wirklich geliebt. Es hat nicht nur mit Neid zu tun, sondern vor allem mit Wut. Eine unglaubliche Wut unserer Familie gegenüber, die alle anderen Fürstenfamilien an Ruhm und Macht überstrahlte. Das hat man uns bis heute nie verziehen. Stellen Sie sich vor: Nicht einmal in Florenz gibt es eine Strasse, die unseren Namen trägt. Wenn Sie mir diesen kleinen Giftpfeil bitte nachsehen: Italien ist das einzige Land, in dem ich mein Buch über die Medici-Familie nicht publizieren konnte. Es wurde in x Sprachen übersetzt und in Dutzenden von Ländern verkauft, nur nicht in Italien. Während sich anderswo die Verlage um die Buchrechte stritten, hatten in Italien die Verlage nicht einmal Interesse, das Manuskript zu lesen. Ich sage nicht, dass man das Buch gut finden muss, aber das Thema sollte zumindest so weit interessieren, dass man sich Zeit nimmt, das Manuskript zu lesen. Man kann nachher immer noch absagen. Den Italienern war sogar diese Zeit zu schade.

Wie definieren Sie Macht?
Wahre Macht zeigt sich – das sage ich selbstverständlich ganz selbstlos –, wenn die Leute auch dann noch über einen reden, wenn man schon lange nichts mehr vollbracht hat. Die letzten fünfhundert Jahre haben die Medici nichts mehr erschaffen. Ich behaupte, dass man sich aber auch in den nächsten fünfhundert Jahren an uns erinnern wird.

Mit Gestirnen, die Ihren Namen tragen, sogar über das Weltende hinaus. Eine sehr beruhigende Perspektive?
Das haben wir Galileo Galilei zu verdanken, der von Cosimo II. – einem Medici – unterstützt wurde. Als Galileo die Jupitertrabanten entdeckte, nannte er sie zu Ehren seines Förderers die Mediceischen Gestirne.

In Florenz keine Gasse, im Universum eine Sternenstrasse – ein guter Deal, nicht?
Mit Sicherheit werden die Gestirne uns überleben, womit auch Ihre Anfangsfrage beantwortet wäre. Wieso Kinder, wenn wir Jupitertrabanten haben?

Die Renaissance hat viele Genies hervorgebracht, keines von ihnen aber war ein Medici. Wieso hat sich Ihre Familie auf das Kultursponsoring beschränkt?
Man kam vom Mittelalter, wo man kulturell gesättigt war, deshalb auch träge, und entdeckte den Neoklassizismus, den Neoplatonismus, wollte alles neu erschaffen und erklären. Die Medici haben als Promotoren des Aufschwungs ihre Rolle gefunden. Das ist nicht wenig.

Heute heissen die Mäzene Gigi Oeri.
Wer?

Sie unterhält ein Puppenmuseum und einen Fussballklub. Ist das die Zukunft?
Selten ist das Mäzenatentum heute das, was es war. Der wahre Mäzen unterstützt Künstler, Wissenschaftler, ohne mit einem finanziellen Return zu rechnen. Natürlich ist es lobenswert, alte Gemälde zu restaurieren, aber man erschafft nichts Neues. Fussballklubs zu sponsern, hat mit Mäzenatentum nichts zu tun.

Sie mögen keinen Fussball?
Nein.

Als Mitglied des schwarzen Adels, dem Familien angehören, die in ihrem Stammbaum einen Papst haben, gehören Sie, fussballerisch gesprochen, zu den Brasilianern im Wettbewerb.
Brasilianer?

Die Besten halt. Die Medici haben drei Päpste gestellt, so viel wie keine andere Familie. Heisst das auch: so viel Macht wie keine?
Der schwarze Adel beschränkt sich auf alteingesessene römische Familien. Ich habe mit Rom, überhaupt mit Italien, nichts zu tun. Ich habe immer im Ausland gelebt. Ich bin niemandem etwas schuldig. Jede Woche bekomme ich Dutzende von Einladungen, an Vernissagen teilzunehmen, an Modeschauen oder ein Theater zu eröffnen und Mitglied eines exklusiven Jachtklubs zu werden. Ich lehne meistens ab.

Zeigt nicht diese Haltung Ihren Einfluss? Sie sind auf kein Networking mehr angewiesen.
Den Jetset zu ignorieren, keine Champagnerflaschen gegen Schiffsrümpfe knallen zu wollen – das mache ich nicht aus einer Position der Überlegenheit heraus, sondern ganz einfach, weil mich das alles anödet. Es bringt mir intellektuell nichts, ich amüsiere mich auch nicht dabei, und hinzugehen, nur um als Fotosujet herumgereicht zu werden, ist mir auch zu blöd.

Sie sind ganz entfernt mit dem spanischen König Juan Carlos verwandt. Hat Ihr Umzug nach Spanien auch damit zu tun?
Nein, Barcelona hat mir als Stadt schon immer gefallen. Im Gegensatz zu Monte Carlo, wo ich zuvor gelebt habe, ist Barcelona viel authentischer, wärmer, spannender. Natürlich hatte ich zu Spanien dank Juan Carlos eine spezielle Beziehung. Bevor ich in Spanien lebte, hat er mich oft angerufen und eingeladen. Jetzt hat sich die Beziehung etwas abgekühlt. Er lädt mich zwar immer noch regelmässig ein, wenn er zu einem offiziellen Anlass nach Barcelona kommt, aber irgendwie hat – paradoxerweise – die räumliche Nähe eine grössere persönliche Distanz erzeugt. Ist ja auch nicht weiter schlimm. Unsere gemeinsame Verwandte ist Caterina de’ Medici. Ihre Tochter Elisabeth hat Philipp II. von Spanien geheiratet. Das ist schon eine Weile her.

Sie sagen – um kurz einen Blick in die Zukunft zu wagen –, dass Sie nur in gebügelter Bettwäsche schlafen können. Was, wenn das Laken mal zerknittert ist?
Es ist einer meiner Ticks, zugegeben. Aber ich fühle mich unwohl, wenn die Bettlaken nicht gebügelt sind. Ich habe immer das Gefühl, in einem provisorischen Schwebezustand zu sein. Das ist nicht sehr entspannend. Darum liebe ich es, in Hotels zu schlafen.

Andere Argumente, die für eine schöne Psychotherapie sprächen?
Ich bin pingelig, wenn es um die Essenszeit geht. Wenn ich jemanden um acht Uhr zum Diner einlade, dann esse ich nicht um neun, sondern um acht, notfalls auch allein, wenn die eingeladene Person zu spät ist. Wir sind zu Hause in dieser Beziehung sehr streng erzogen worden. Wer nicht pünktlich zu Tisch erschien, der durfte nicht mehr essen. Gewisse Angewohnheiten, so sehr man sie früher hasste, schleppt man ein Leben lang mit sich.

In Ihrer Jugendzeit haben Sie oft den Namen Ihrer Mutter verwendet. Gingen Ihnen die Medici so sehr auf den Geist?
Zwischen 17 und 25 – ungefähr – habe ich mich Carrega Bertolini genannt. Mir ging nicht der Name Medici auf den Geist, aber die Reaktionen, die er bei den Leuten oft auslöste. Sobald mein Name fiel, hatte ich immer das Gefühl, zu einem historischen Traktat ansetzen zu müssen. Mit der Zeit habe ich gelernt, das Ganze etwas lockerer zu nehmen.

So locker, dass Sie nie in Italien gelebt haben und das offenbar auch nicht vorhaben. Angst vor Ihren Landsleuten?
Dass ich nie in Italien gelebt habe, ist Zufall. Mein Vater verliess 1936 Italien, nachdem Mussolini die führenden Familien gezwungen hatte, sich zu entscheiden. Für oder gegen den Faschismus. Mein Vater hat immer die Position gehabt: weder noch. Das wollte Mussolini nicht mehr akzeptieren. Neutrale Positionen waren nicht mehr geduldet. Also setzte sich meine Familie nach Argentinien ab, später zog sie in die Schweiz. Zu Italien habe ich keine Beziehung ausser eine historische. Das letzte Mal war ich vor fünf, sechs Jahren in Florenz, der Stadt der Medici. In Zürich übrigens habe ich es nur einen Tag ausgehalten. Ich habe mich immer in der französischen Schweiz zu Hause gefühlt. Einmal musste ich für einen Job zu American Express nach Zürich. 24 Stunden später war ich wieder daheim. Alles war mir zu kalt – das Wetter, die Sprache, die Menschen. Sie gestatten, wenn ich hier abbreche.

Bleiben wir in Florenz. Was ist es für ein Gefühl, wenn Sie an der Piazza dei Signori vorbeispazieren, dem Palazzo Pitti, den Uffizien?
Es ist ein bedrückendes Gefühl.

Kommt Melancholie auf?
Nein, es ist eine Geschichte, die nichts mit meiner Gegenwart zu tun hat. Ich war nie Materialist, weil ich alles schon gehabt habe. Hätte ich nie etwas gehabt, würde ich heute alles wollen. Insofern bin ich sehr privilegiert, denn ich kann auf hohem Niveau bescheiden leben.

Das vielleicht Wichtigste im Leben sei die Würde, sagte Ihr Vater. Teilen Sie diese Meinung?
Ich habe immer gesagt, dass die wichtigen Fragen im Leben nicht jene sind, die dir die Leute stellen, sondern jene, die du dir selbst stellst. Sich immer hinterfragen, selbstkritisch sein, selbstironisch, das sind die Voraussetzungen, um ein dezentes, würdevolles Leben zu führen. Für meinen Vater gab es nichts Schlimmeres als respektloses Benehmen. Ich denke, er hatte recht. Was uns letztlich bleibt, auch in den schlimmsten Momenten unseres Lebens, ist die Würde. Die kann einem niemand nehmen, nur wir selber können sie veräussern.

Mit Ihnen stirbt Ihre Familie aus, ohne dass Sie anscheinend grosses Aufheben darum machen. Hat auch das mit Würde zu tun?
Sich leise von der Geschichte zu verabschieden, hat auch damit zu tun. Es ist eine Frage der Würde, ohne Blaskapelle abzutreten.


Lorenzo de’ Medici. Die Medici. Die Geschichte meiner Familie.
Lübbe, 2006. 319 S., Fr. 43.70

Lorenzo de’ Medici. Die Medici-Verschwörung.
Ehrenwirth-Verlag. 350 S., Fr. 35.–. Erscheint voraussichtlich im Januar 2007

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 40/06
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