-A  A  A+
27.09.2006, Ausgabe 39/06

Michael J. Gerson

«Wir schrieben wie auf Adrenalin»

Er ist der Kopf und auch der Bauch des mächtigsten Mannes der Welt: Michael J. Gerson, 42, verfasste alle Reden, die Präsident George W. Bush halten musste – bis zu drei pro Tag. Wie giesst man Gefühle in Worte, die jeder verstehen muss?

Von Alain Zucker

Anzeige

Mr. Gerson, haben Sie den berühmten Ausdruck «Die Achse des Bösen» von Präsident Bush erfunden?
So funktioniert das nicht mit dem Redenschreiben. Ich schrieb an jener Rede mit, ja, aber viele Leute waren beteiligt. «Die Achse des Bösen» war eine anschauliche Beschreibung einer sehr realen Bedrohung. Und wie wir heute sehen, war die Rede akkurat: Die drei Länder, die der Präsident identifizierte – Iran, Irak, Nordkorea – sind die grössten aussenpolitischen Herausforderungen dieser Präsidentschaft geblieben. Die Rede stellte keine direkte Beziehung zwischen den drei Ländern her, sondern es ging um die Verbindung von gesetzlosen Regimes, Massenvernichtungswaffen und Terrornetzwerken. Wir wollten die Amerikaner darauf vorbereiten, dass dies eine der wichtigsten Sicherheitsherausforderungen der USA in den nächsten Dekaden sein würde. Und so ist es geblieben.

Viele Europäer halten den Begriff für einfältig, weil er die Welt in Schwarz und Weiss, Gut und Böse einteilt. Die Realität hat doch Grautöne.
Ja, sicher. Und doch existieren Sachen, die böse sind. Im Irak zum Beispiel hatten wir es mit einem Mann zu tun, der sich des Genozids schuldig gemacht hatte. Im Iran herrscht eine Unterdrückung, die die meisten Leute als ungerecht beurteilen. Und Nordkorea hat die grössten und brutalsten Gefängnislager der Welt. Wenn solche Dinge nicht böse sind, hat der Begriff «böse» jede Bedeutung verloren.

Wie schreibt man eine Rede für den amerikanischen Präsidenten?
Er hat bis zu drei öffentliche Auftritte pro Tag, aber für grössere politische Grundsatzreden wollte er bereits Wochen vorher eine mehrseitige Inhaltsübersicht. Wir trafen uns dann jeweils zu einer Feedback-Sitzung im Oval Office, an der neben dem Präsidenten die Schlüsselfiguren der Regierung teilnahmen. Den eigentlichen Entwurf begann ich erst danach zusammen mit den anderen Schreibern. Und bevor der Präsident eine erste Fassung erhielt, durften immer seine Berater Änderungen und Einwände vorbringen. Der Redenschreiber ist also gleichzeitig Schreiber und Diplomat, denn er muss dafür sorgen, dass das Ganze als Rede noch funktioniert. Ein paar Tage vor dem Auftritt hatte der Präsident die Rede jeweils auf seinem Tisch, und es folgten noch mehr Änderungen. Schliesslich übte er, denn sie musste auch gut klingen. Am Ende hatten wir bis zu 25 Entwürfe.

Ein Witz am Anfang, das Fleisch in der Mitte, und am Schluss schwenkt man noch die Fahne – so definierte einst die Redenschreiberin von Lyndon B. Johnson einen guten Auftritt. Welche Art Reden mag George W. Bush?
Das Rezept mag für Wahlkampagnen stimmen, aber die Rede eines Präsidenten muss mehr Gewicht haben. Als Regel könnte man sagen: Präsident Bush bevorzugt kurze Reden, er mag es eher direkt als indirekt, eher klar als weitschweifig. So sieht er seinen Kommunikationsstil. Gleichzeitig jedoch schätzt er auch erhebende rhetorische Elemente. Wir hatten mehrere Reden, die der Tragweite historischer Augenblicke gerecht werden mussten. Da muss man aufstehen und sich der Geschichte stellen.

Wie sieht eine gute Rede in solchen Momenten aus?
Sie drückt die Emotionen der Nation aus und lenkt sie auf grosse Ziele. Darum ging es zum Beispiel in der Rede, die George W. eine Woche nach dem Angriff vom 11. September vor dem Kongress hielt. Die Amerikaner waren schockiert und sehr wütend, und wir hatten die Aufgabe, den neuen Feind zu definieren und den Weg nach vorne. Wir begannen damit, dass dies keine isolierte Tragödie war, sondern eine globale Bedrohung durch eine neue totalitäre Bewegung, gefährlich, gewalttätig und hochorganisiert. Es gab Unterschiede zu Feinden der Vergangenheit, aber Amerika brauchte ähnlichen Mut – all dies waren komplizierte Botschaften, die wir kommunizieren mussten. In einer Rede an die Nation hat man dafür 20 bis 30 Minuten Zeit, mit Applaus dauert sie vielleicht 40 Minuten. Man muss ökonomisch sein.

Schauten Sie zu, wenn der Präsident eine wichtige Rede hielt, die Sie für ihn geschrieben hatten?
Ich hatte immer Mühe damit. Nicht weil ich dem Präsidenten nicht vertrauen würde, aber meine Nerven! Ich war oft zu Hause während dieser Reden: Sie lief am Fernsehen, und ich schaute ein wenig, ging raus und kam wieder rein. Für mich war es wie für einen Theaterautor, der an einer Premiere nur mit Mühe zuschauen kann, wie sein Stück rüberkommt.

Was war der beste Satz, den Sie je für den Präsidenten geschrieben haben?
Für einen anderen Auftritt gleich nach dem 11. September, jenen in der Nationalen Kathedrale, schrieben wir eine Rede, auf die ich besonders stolz war. Wir befanden uns mitten in einer nationalen Tragödie, und wir mussten trösten, informieren und inspirieren, alles zur gleichen Zeit und in einer sehr formellen Umgebung. Wenn wir mit dieser Rede keinen guten Job gemacht hätten, hätte dies dem Land geschadet. Das Problem war, dass plötzlich alle Fahrpläne des Präsidenten hinfällig geworden waren. Alles wurde frühestens ein bis zwei Tage vor einem Auftritt festgelegt, und wir schrieben wie auf Adrenalin, immer mit unmöglichen Abgabeterminen. Für diese Rede hatten wir einen Tag Zeit.

Was hat der Präsident genau gesagt?
Er begann mit «Wir treffen uns in den mittleren Stunden unseres Kummers» und fuhr fort...Moment, ich erinnere mich an den Satz: «Der Gott des Lebens hält alle, die sterben, und alle, die trauern.» Es war ein schöner, hoher rhetorischer Moment. Später am gleichen Tag fuhr er nach New York und stand mit einem Megafon auf den Ruinen und sagte ganz unverblümt über jene, die die Türme heruntergeholt hatten: «Diese Leute werden von uns hören.» Das war auch ein sehr wichtiger Moment, um die Nation hinter sich zu versammeln, und er sagte es ganz spontan. Der Präsident selber würde vielleicht sagen, seine wichtigste Rede sei seine Inaugurationsrede für die zweite Amtszeit gewesen. Dort hat er seinen aussenpolitischen Zugang am klarsten dargelegt.

Sie meinen die Rede über die Demokratieziele der US-Regierung für die Welt?
Ja, die Demokratierede. Er hat grosse Ziele dargelegt und sie sowohl in idealistischen Tönen erklärt als auch argumentiert, dass wir immer schwierigen Bedrohungen ausgesetzt sein werden, solange es ganze Regionen gibt, die in Hoffnungslosigkeit verbleiben. Es ging um die Wurzeln der heutigen Herausforderungen. In der Tat ist die Lösung für viele dieser Probleme politischer, ökonomischer und sozialer Fortschritt.

Der Präsident redet über Demokratie im Nahen Osten, und die Weltöffentlichkeit, zumindest jene in Europa, glaubt, dass es ihm im Irak vor allem um die Sicherung der Ölreserven geht. Wieso existiert dieser Wahrnehmungsgraben?
Diese Vorwürfe sind buchstäblich unglaublich. Zwei Sachen beeinflussen die amerikanische Aussenpolitik seit dem 11. September. Erstens ein aufrichtiger Idealismus, der sich aus den tiefsten Überzeugungen des Präsidenten speist. Zweitens geht es um eine realistische Einschätzung der langfristigen Bedrohung: Solange der Nahe Osten ein Ort der Tyrannei, des Radikalismus, fehlender Entwicklung ist, werden dort Gefahren für den Rest der Welt entstehen, auch für Europa. Denken Sie nur an die Massenvernichtungswaffen, deren Verbreitung sich nur schwer kontrollieren lässt. Es gibt also ein idealistisches und ein sehr realistisches Argument für die amerikanische Politik. Das letzte Jahrhundert drehte sich um die Probleme Europas, als die internen Kämpfe des Kontinentes die ganze Welt betrafen. In diesem Jahrhundert ist das Problem der Nahe Osten. Diese eine Region ist eine Herausforderung für alle, die an einer stabilen Welt interessiert sind. Und der Präsident stellte die Frage: Was bricht diesen schrecklichen Zyklus zwischen Radikalismus und Autoritarismus, zwischen Verzweiflung, Bitterkeit, Groll und Hass? Die Antwort liegt vor unserer Nase: Langfristig lässt sich das Problem ähnlich lösen, wie Europa schliesslich seine Probleme löste – mit Fortschritt, Hoffnung, Entwicklung und Freiheit im Nahen Osten. Ich weiss wirklich nicht, weshalb Europäer gegenüber dieser Mission ablehnend sein sollten. Sie haben es ja selber erlebt.

Ich zitiere einen Satz aus Reden des Präsidenten über das Ziel der Demokratisierung im Nahen Osten: «Die Freiheit ist nicht Amerikas Geschenk an die Welt, sondern das Geschenk des allmächtigen Gottes an jeden Mann und jede Frau der Welt.»
Ja, diesen Satz hat der Präsident immer wieder benutzt. Er hat ihn allerdings selber in eine Rede eingefügt, nicht ich.

Europäer werden nervös, wenn sie so was hören – es klingt, wie wenn Präsident Bush ein religiöser Eiferer wäre. Ist seine Politik von göttlichen Vorstellungen beeinflusst?
Ich weiss nicht, wie Sie von diesem Zitat auf so etwas kommen – ausser Sie finden, die Gründerväter hätten sich des Gleichen schuldig gemacht. Dieser Satz ist eine Zusammenfassung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Der Präsident bezieht sich sehr oft auf Gott.
Das ist eine ernste Frage. In der amerikanischen Geschichte gibt es zwei wichtige Quellen für den Glauben an die menschliche Gleichheit und Würde: Das Naturrecht argumentiert von der Philosophie und Vernunft her, aber es gab immer auch einen religiösen Ansatz, der den Menschen als im Ebenbild von Gott geschaffen versteht, und ihm gewisse Rechte zuschreibt. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung kombinierte beide Prinzipien und legte fest, dass der Mensch unveräusserliche Rechte hat, die ein Geschenk des Schöpfers sind. Und jeder einzelne amerikanische Präsident hat seither diesen Konsens reflektiert. John F. Kennedy sagte sinngemäss: Die Freiheit ist ein Geschenk von Gott und nicht vom Staat.

Sie sind ein gläubiger Christ, ebenso wie der Präsident. Auch Condoleezza Rice gilt als sehr gläubig. Welchen Einfluss hat das konkret auf die Politik der Regierung?
Ich glaube, es ist eine verzerrte Auffassung von Religion, zu sagen, dass es eine christliche Sicht der Steuerpolitik oder der Raketenabwehr gibt. Das sind heikle Angelegenheiten, die man in der Öffentlichkeit debattieren muss. Aber in der amerikanischen Tradition existiert der religiös motivierte Glaube, dass Menschenrechte nicht zugeschrieben werden, sondern grundlegend sind. Teil dieser religiösen Tradition war früher etwa der Ruf nach der Abschaffung der Sklaverei. Sie hat manche Reformbestrebungen in unserem Land inspiriert, bis zur Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King, der als Priester auch auf der Basis einer religiösen Vision der Menschenrechte argumentierte. Ihm würde heute niemand vorwerfen, dass er der Gesellschaft seine Religion aufgedrängt hat. Über dieselbe Tradition versucht der Präsident in seinen öffentlichen Auftritten zu reden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Manchmal denke ich, die Europäer stören sich am Moralismus in der Aussenpolitik von George W. Bush. Aber dieser Moralismus hat immerhin auch zu seinem Notplan für die Aidshilfe geführt. Der Plan wird zwei Millionen in Afrika zu einer HIV-Behandlung verhelfen. Und darauf gründet auch seine Demokratieagenda, seine Sicht, dass Menschenrechte universell sind, dass die gerechteste Regierungsform jene ist, die mit dem Konsens der Bürger operiert.

Wenn George W. Bush an unverletzliche Menschenrechte glaubt, weshalb insistiert er nun darauf, dass die Geheimdienste sogenannte alternative Befragungsmethoden sollen anwenden dürfen? Kritiker, und nicht nur aus Europa, warnen vor einem Freipass zur Folter.
Präsident Bush hat Folter immer wieder verurteilt. Darunter fallen diese Befragungsmethoden nicht. Und zu behaupten, ein fester Glaube an die Menschenrechte verbiete alle Techniken, die über die Frage nach Name und Dienstgrad eines Terroristen hinausgehen, ist zu einfach. Es geht schliesslich um Informationen, die unschuldige Leben vor Mord retten könnten. Das ist, wie wenn man sagen würde, der Glaube an die Menschenrechte verbiete lange Gefängnisstrafen für Mörder, weil solche Strafen grosse psychologische Schäden verursachen. Die Schwierigkeit – und es ist eine komplizierte moralische Angelegenheit – ist, wo man die Grenze zieht: Was ist erlaubt und was nicht? Und dies versucht der Präsident im Moment zusammen mit dem Kongress herauszufinden.

John F. Kennedy äusserte wahrscheinlich den berühmtesten Spruch eines amerikanischen Präsidenten. «Ich bin ein Berliner», sagte er auf einem Deutschlandbesuch. Gibt es Redenschreiber, die herausragen?
Ja, ich habe sehr viel Respekt vor Ted Sorenson, der für John F. Kennedy solche Sätze schrieb. Ich bewundere die Schönheit seiner Rede und die enge Beziehung, die er zum Präsidenten hatte. Ronald Reagan hatte ebenfalls sehr gute Schreiber. Harry Truman hingegen war zwar am Anfang des Kalten Krieges gezwungen, eine grundsätzlich neue Doktrin zu kreieren, aber er fand oft die inspirierende Formulierung nicht. Es brauchte einen John F. Kennedy, der sagte, dass wir «jeden Preis zahlen» und «jede Bürde tragen» würden. Er hielt grosse, ehrgeizige Reden, die den Kalten Krieg für die Amerikaner definierten. Präsident Bush hat beides versucht: die neue Doktrin in diesem neuen Konflikt zu definieren, aber sie auch so zu formulieren, dass Amerikaner sie verstehen und von ihnen inspiriert werden.

Was ist das Geheimnis guter Redenschreiber?
Sie müssen die Stimme des Präsidenten finden, eine konsistente Stimme. Sie sind auch in der Geschichte eines Landes verwurzelt, benutzen die Kadenzen der öffentlichen amerikanischen Rhetorik, die in unserer Tradition oft aus der King-James-Bibel stammen, aus der Sprache eines Abraham Lincoln, der schwarzen Kirche und der Bürgerrechtsbewegung.

Haben Sie sich von den Reden Ihrer Vorgänger inspirieren lassen?
Ja, beim Lesen von alten Reden bekommt man ein Gefühl für die Geschichte, hat eine Perspektive auf die grossen Themen. Ich sah zum Beispiel, dass der Subtext von fast allen präsidialen Inaugurationsreden in Amerika die Rassenfrage ist – von der Zeit vor dem Bürgerkrieg bis nach der Bürgerrechtsbewegung.

Wie wichtig ist das Charisma des Präsidenten für die bleibende Wirkung einer Rede?
Für eine historische Rede braucht ein Präsident vor allem andern einen Moment der nationalen Herausforderung. Ohne den richtigen historischen Moment wird sich niemand daran erinnern. Aber er muss dem Augenblick auch gerecht werden. Authentizität spielt eine grosse Rolle. Wenn Präsident Bush etwa an einem Anlass eine Rede hält, wo er eigentlich nicht sein will, merkt man das sofort – er ist kein Schauspieler. Aber in Momenten wie nach dem 11. September, als er etwa vor dem Kongress eine Ansprache an die Nation hielt, füllte er sein Amt komplett aus. Er war fähig, diese emotionale Authentizität hinüberzubringen. Die Leute wissen, dass er glaubt, was er sagt. Das war zumindest meine Erfahrung.

Sie haben George W. Bush seit seiner ersten Präsidentschaftskampagne begleitet und sieben Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Was ist seine grösste Stärke?
Präsident Bush sagte nach dem 11. September den Amerikanern in mehreren Reden, dass sie ihr normales Leben wieder aufnehmen sollten. Doch er versprach, dass er dies selber nicht tun würde, dass er die Herausforderungen des Moments, den Schutz vor globalem Terrorismus jeden Tag als seine wichtigste Aufgabe betrachten werde. Und ich habe gesehen, dass dies stimmt. Auch wenn die Amerikaner etwas müde geworden sind, auch wenn der politische Prozess bitter geworden ist: Der Präsident hat seine Aufmerksamkeit jeden einzelnen Tag auf diese Aufgabe gerichtet. Und das wird so bleiben, bis zu seinem letzten Tag im Amt. Er hat ein Gefühl der Dringlichkeit, und ich glaube, die Geschichte wird das zu seinen Gunsten beurteilen.

In jeder Regierung der USA tobt eine Schlacht um Macht und Einfluss. Die amerikanische Presse hat sich zum Beispiel die Finger wund geschrieben über die Winkelzüge des Vizepräsidenten Dick Cheney. Wem vertraut Bush am meisten?
Ich denke, im Weissen Haus ist dies – abgesehen von der First Lady natürlich – Stabschef Josh Bolten. Er war mit mir zusammen der erste Nicht-Texaner, der nach Austin zog, als Bush für die Präsidentschaft kandidierte. Aber auch mit Kommunikationsdirektor Dan Bartlett hat der Präsident eine wirklich gute persönliche Beziehung, und sehr wichtig ist Karl Rove [Anm. der Red.: sein politischer Chefberater]. Ausserhalb des Weissen Hauses fällt Condoleezza Rice in diese Kategorie. In unserer Geschichte ist ihre Beziehung wahrscheinlich die engste zwischen einem Präsidenten und seinem Aussenminister. Sie reden andauernd miteinander.

Karl Rove wird immer wieder als der gerissene Strippenzieher hinter den Kulissen beschrieben. Wie umfasssend ist sein Einfluss wirklich?
Er hat in praktisch allen innenpolitischen Schlüsseldebatten eine Meinung. In der Aussenpolitik ist es anders. Aber die Leute verstehen nicht, dass er nicht nur eine erstklassige politische Intelligenz hat, sondern sich auch ernsthaft für ihm wichtige Anliegen engagiert. Und er weiss fast immer mehr darüber als alle andern im Zimmer.

George W. Bush sagte Anfang 2003 in einer Rede, dass Saddam Hussein in Afrika versucht habe, Uran zu kaufen. Sie hatten die Passage trotz widersprüchlicher Meinungen innerhalb der Administration geschrieben, und sie stellte sich als falsch heraus. Haben Sie auch schon bedauert, was Sie für den Präsidenten geschrieben haben?
Das war eine komplizierte Sache damals, die viel mit Informationen von den Geheimdiensten zu tun hatte, aber...Ich sage Ihnen, was ich bedauere, auch wenn es jetzt nichts ist, was ich geschrieben habe...

...Sie wechseln das Thema...
...Eine Rede, auf die ich stolz bin, hat der Präsident nach dem Hurrikan «Katrina» gehalten. Wir versuchten den Leuten zu helfen, doch wir stellten fest, dass einige von ihnen noch nie ein Bankkonto gehabt hatten. Sie führten eine Existenz, völlig losgelöst von der Mainstream-Wirtschaft – unser Land hatte in ihrem Fall eines seiner zentralen Versprechen verraten. Es war ein wichtiger Moment, und der Präsident sprach in der Rede über die Rassenungleichheit und dass wir etwas dagegen unternehmen sollten. Die Politiker wurden dem Moment jedoch nicht gerecht. Die Demokraten suchten lieber nach Schuldigen, als die Probleme von Rasse und Armut anzugehen; die Republikaner sorgten sich nur darum, wie viel Geld der Staat ausgab. Das war eine grosse Enttäuschung.

Sie klingen wie ein linker Demokrat.
Diese nationale Diskussion wird Amerika irgendwann führen und ernst nehmen müssen. Wir haben in den USA ein riesiges Problem von Reichtum und Ungleichheit. In der schwarzen Bevölkerung haben die Leute nicht über Generationen Vermögen angehäuft – so hängen sie in erster Linie von ihrem Lohn ab und finden es schwierig voranzukommen. Es wäre nützlich, diese Debatte zu führen.Wie können wir echte Gleichheit im Land schaffen? Doch ich habe nicht viel davon gehört, von niemandem.

Präsident Bush begann sein Amt als sogenannter mitfühlender Konservativer. Worum geht es bei seiner Präsidentschaft heute, sechs Jahre später?
Wenn Sie den Präsidenten fragen, würde er wollen, dass es um Freiheit im Ausland und Mitgefühl zu Hause geht. Doch mit dem Mitgefühl zu Hause hatte er es zuletzt eher schwer. Der Grund: Wichtige Leute in seiner Partei sind nicht überzeugt davon. Ich halte das neue, oft kritisierte Medicare-Gesetz für eine positive Errungenschaft [subventionierte rezeptpflichtige Medikamente für Rentner, Anm. der Red.]. Doch unter einigen Republikanern ist es weiterhin umstritten, aus Angst vor einem zu grossen Staat. Doch ich bin sicher, dass die Republikaner nur die regierende Partei sein können, wenn sie sich mit den Fragen sozialer Gerechtigkeit im Land auseinandersetzen. Wenn die Partei einzig den Staat beschränken will, wird es schwierig werden.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 39/06
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

Mehr zum Thema

    Meist ...

    kommentiertgelesen

    zu den Top 20
    meist kommentiert

    kommentiertgelesen

    zu den Top 20
    meist gelesen

    Weitere Autoren

    alle Autoren

    Stöbern

    Ausgaben