«The Female Brain»

Und so denken Frauen

Eine Million Jahre nach Evas Geburt wurde das weibliche Gehirn endlich und erstmals erforscht: In dem Buch «The Female Brain» entschlüsselt die amerikanische Neuropsychologin Louann Brizendine, warum ihre Geschlechtsgenossinnen die Welt so gründlich anders sehen als Männer.

Von Beatrice Schlag

Sarah vermutete, dass ihr Mann Nick sie betrog. Sie wusste nicht, mit wem, aber die Ahnung wurde immer stärker. Eines Abends fragte sie ihn. Er sagte nein. Sie war sicher, dass er log, und begann zu weinen.

Als Sarah der Therapeutin Louann Brizendine von ihrem Verdacht und Nicks Reaktion erzählte, sah die amerikanische Neuropsychiaterin einen präzisen Film vor sich.

Wäre Sarahs Gehirn an jenem Abend mit einem Kernspintomographen untersucht worden, sagt Brizendine, hätten die dürren Fakten durch eine wesentlich interessantere Geschichte ergänzt werden können. Warum war Sarah überzeugt, dass Nick log? Typisch weiblicher Argwohn? «Typisch weibliche Gehirnleistung», sagt die Wissenschaftlerin.

Während Sarah fragt, ob Nick eine Freundin habe, suchen ihre Augen sein Gesicht nach Reaktionen ab. Wird es angespannt? Beisst er auf die Zähne? Was immer er tut, ahmen ihre Augen, ihre Gesichtsmuskeln, ihr Körper instinktiv nach. Sie atmet im Gleichtakt mit ihm. Sie nimmt seine emotionalen Signale auf, jagt sie durchs Gehirn und sucht auf ihrer emotionalen Datenbank nach einem Treffer. Ihr Gehirn stimuliert Schaltkreise, als wären es nicht sein Körpergefühl und seine Emotionen, sondern ihre. Sie kann sie identifizieren und vorwegnehmen. Sie wird ein menschlicher Gefühlsdetektor.

Ihr Gehirn findet einen Treffer. Der Treffer sagt: Verschrecktheit, Angst, kontrollierte Panik. Als Nick zu sprechen anfängt, verfolgt ihr Gehirn genau, ob Tonfall und Inhalt zusammenpassen. Die Stimme ist zu aufgebracht für seine Unschuldsversicherungen. Die Augen sind zu unruhig. Nichts passt zusammen. Er lügt. Sie versucht, nicht zu weinen, vergeblich. Nick sieht sie verwirrt an. Er kann ihr nicht folgen.

Später erzählt er der Psychiaterin in der Eheberatung, er habe ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin, aber noch nie mit ihr geschlafen. «Sarah wusste es mit jeder Zelle ihres Körpers», sagt Louann Brizendine, «aber da er sexuell nicht fremdgegangen war, fühlte er sich nicht schuldig. Als er begriff, dass Sarah seine Gefühle vollkommen erfasst hatte, dachte er einmal mehr, er sei mit einer Hellseherin verheiratet. Dabei tat sie nur, worin das weibliche Gehirn Experte ist: Gesichter lesen, Töne deuten und emotionale Nuancen einordnen.»

Brizendines Folgerung, dass Frauengehirne Hochleistungsmaschinen sind, wenn es darum geht, anderer Leute Gefühle und nonverbale Signale zu erkennen, während Männer erst aufschrecken, wenn Tränen fliessen, ist nicht neu. Zumindest ist es keiner Frau neu. Genauso wenig wie die Erfahrung, dass der Mann ein Blindfisch ist, wenn es um emotionale Wahrnehmung geht. Möglicherweise weinen Frauen deshalb durchschnittlich viermal häufiger als Männer. Dann guckt er wenigstens.

Warum die Wissenschaft bis vor wenigen Jahren keine Antwort auf die Frage wusste, weshalb die eine Hälfte der Menschheit auf Emotionen wie ein Löschblatt und die andere wie ein Wachstuch reagiert, ist einfach zu erklären: Die Erforschung des weiblichen Gehirns fand praktisch nicht statt. «Bis fast in die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gingen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass Frauen im Wesentlichen kleinere Männer mit einem Reproduktionsapparat sind», sagt Louann Brizendine. «Also wurden nur Männer untersucht, denn das gibt saubere Daten. Das lag weniger daran, dass die meisten Wissenschaftler Männer waren, als daran, dass man nichts haben wollte, was die Eindeutigkeit der Daten gefährdete. Bei den Frauen bringt der Menstruationszyklus alles durcheinander. Also gab es jahrzehntelang nur Studien, in denen weder Frauen noch weibliche Tiere berücksichtigt wurden, weil bei ihnen der Hormonhaushalt jede Woche des Monats anders aussehen lässt.»

Das ist nicht, was man hören will

In den wenigen vergleichenden Studien über das männliche und das weibliche Gehirn, die Brizendine während und nach ihrer Ausbildung in Berkeley, Yale und Harvard fand, schienen ihr die Unterschiede einschneidend. Aber niemand konnte ihre Fragen beantworten. Fragen wie: Warum gab es doppelt so viele depressive Frauen wie Männer? Brizendine selbst, überzeugte Feministin, gab dem westlichen Patriarchat die Schuld, das Mädchen unterdrückte. Es waren die siebziger Jahre. Das Patriarchat war an allem schuld.

An eine möglicherweise unterschiedliche Chemie der Gehirne von Männern und Frauen dachte die Psychiaterin erstmals, als sie las, dass die Zahlen depressiver Kinder unter zwölf Jahren für Buben und Mädchen ziemlich gleich waren. Mit zwölf beginnen die meisten Mädchen zu menstruieren. Gleichzeitig steigen die Zahlen depressiver Patientinnen eklatant. Brizendine begann, die Hormonspiegel ihrer Psychiatrie-Patientinnen zu untersuchen. 1994 eröff- nete sie in der Psychiatrischen Abteilung der University of California in San Francisco die Women’s Mood and Hormone Clinic. «Wir fanden heraus, dass das weibliche Gehirn so tiefgreifend von Hormonen geprägt wird, dass man behaupten kann, dass ihr Einfluss die Wirklichkeit der Frauen von Geburt auf prägt.»

Das ist nicht, was man hören will. Das Wort Hormonzicke macht keine Freude. Kein Mann schaut besonders verständnisvoll, wenn man «sorry, PMS» sagt als Entschuldigung für einen absurden Krach, den man losgetreten hat. Wie sollte er? Frauen kennen den monatlichen Tsunami in ihrem Gefühlshaushalt. Aber besonders wohlwollend stehen die meisten dem Zyklus nicht gegenüber, der sie euphorisch und zehn Tage später niedergeschlagen oder aufsässig machen kann. Und der letzte Teil der hormonellen Achterbahnfahrt, die Menopause, ist für so viel Stammtischwitze gut, dass kaum eine Frau über vierzig das Wort gelassen ausspricht.

Im Mutterleib geht’s los

Als Louann Brizendine im letzten Monat das Buch «The Female Brain» vorlegte, in dem sie nicht nur ihre eigenen Daten, sondern auch internationale Studien über den Einfluss von Hormonen und Genen auf das Gehirn von Frauen zwischen Geburt und Postmenopause verarbeitet hat, wusste sie, dass sie vermintes Gelände betrat. Wenn Geschlechterunterschiede an Biologie festgemacht werden, sind vor allem Frauen mit dem Verdacht schnell bei der Hand, hier würde mit neuen wissenschaftlichen Behauptungen die alte Diskriminierung zementiert.

Die 53-jährige Neuropsychiaterin war «jahrelang hin- und hergerissen zwischen meinen politischen Überzeugungen und dem, was die Wissenschaft uns sagt. Ich wusste, dass das, was ich zu sagen habe, politisch nicht korrekt ist, denn ich glaube, dass Frauen die Welt tatsächlich anders wahrnehmen als Männer. Aber wenn Frauen von diesen Unterschieden wissen, können sie besser entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen.»

Es geht nicht um die alte Fehde zwischen angeboren und angelernt. Die, sagt Louann Brizendine, sei längst überholt durch die Erkenntnis, dass sowohl Veranlagung als auch Umwelt ein Kind prägen. Noch können Wissenschaftler nicht exakt erklären, in wie hohem Mass das Gehirn, mit dem wir geboren werden, durch Umwelteinflüsse veränderbar ist. Aber inzwischen gibt es sehr viel mehr und sehr viel genauere Instrumente wie Magnetresonanztomographie, deren Messungen mit Ideologie nicht zu entkräften sind. Sie beweisen, wie einschneidend nicht nur Gene, sondern auch Hormone für Körper und Gefühle sind. Gib einer Frau zu viel Testosteron, und sie denkt stets an Sex und horcht auf, wenn ein Maserati vorbeifährt. Gib einem Mann zu viel Östrogen, und er bekommt Brüste und verliert das Interesse an Boxkämpfen.

Nach Brizendines Erkenntnis entwickeln sich männliche und weibliche Gehirne bereits im Mutterleib in sehr unterschiedliche Richtungen. Acht Wochen lang haben alle Föten dasselbe weibliche Gehirn, dann setzt bei männlichen Embryos die Testosteron-Versorgung ein – mit nachhaltigen Folgen: Sie zerstört Zellen im Kommunikationszentrum des Gehirns und baut diejenigen des Aggressions- und Sexualitätszentrums aus, während der für Kommunikation und Verarbeitung zuständige Bereich bei weiblichen Embryos ungestört weiterwächst. Bei der Geburt besitzt das weibliche Gehirn durchschnittlich elf Prozent mehr jener Gehirnmasse, die der Kommunikation und der Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen dient, als der männliche. Brizendine vergleicht das mit einer achtspurigen Gefühlsautobahn, während das männliche Geschlecht emotional bestenfalls mit einer Landstrasse versorgt ist. Elf Prozent mehr Kommunikationszellen machen ausserdem gesprächiger: Erwachsene Frauen sagen durchschnittlich rund 20 000 Wörter pro Tag. Den Männern reichen 7000.

Grundverschieden sind sie allerdings schon lange, bevor sie das erste Wort sagen können. Brizendine hatte bei ihrer Ausbildung gelernt, dass das Verlangen des Kindes, Gesichter zu betrachten, nicht nur angeboren, sondern auch eine Voraussetzung sei für die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Aber ihr eigener Sohn war an Mobiles, Lampen und Türfallen weitaus interessierter als an ihrem Gesicht. Erst Jahre später fand sie heraus, dass das Verlangen nur bei Mädchen angeboren ist. Sie blicken bereits wenige Tage nach der Geburt unverwandt in jedes Gesicht, das sich über sie beugt.

In den ersten drei Monaten wächst das Geschick eines weiblichen Säuglings, Augenkontakt mit Menschen herzustellen, um 400 Prozent, das eines männlichen um null Prozent. Der Unterschied wird ein Leben lang eine der Hauptursachen sein, weswegen sich Frauen und Männer gründlich missverstehen. Denn aus den Reaktionen der Umwelt beziehen Mädchen ihr Selbstwertgefühl. «Man beobachte ein kleines Mädchen, das auf einen Strassenmimen zugeht», schreibt Brizendine. «Es wird all seine Mittel einsetzen, ihm einen Gesichtsausdruck zu entlocken. Kleine Mädchen können ausdruckslose Gesichter nicht ertragen, weil ein ihnen zugewandtes, ausdrucksloses Gesicht bedeutet, dass sie etwas falsch machen. Deswegen haben depressive Mütter auf Mädchen eine so tiefgreifende Wirkung.» Das Selbstbewusstsein kleiner Buben ist weit weniger vom Wohlwollen der Umwelt abhängig. Sie haben nicht nur ein deutlich unschärferes Auge für Gesichtsausdrücke und Gesten, sondern auch kein Gehör für Stimmnuancen. Während kleine Mädchen schon bei einem Hauch von Strenge in der mütterlichen Stimme zusammenzucken, sind Buben dadurch überhaupt nicht zu irritieren. Testosteron hat sie physisch für Zwischentöne unempfänglich gemacht.

Der Zweck der angeborenen weiblichen Einfühlungsgabe ist seit Millionen Jahren derselbe: Beziehungen herstellen und gesellschaftliche Harmonie bewahren. Dank ihrer verfeinerten Aufmerksamkeit erahnen Frauen nicht nur die Bedürfnisse eines Säuglings, sondern konnten auch vorwegnehmen, was ein grösserer und aggressiverer Höhlenbewohner im Sinn hatte. Konflikte zu vermeiden, war lebenswichtig – und ist es nach Brizendine im weiblichen Gehirn bis heute geblieben. Was nicht bedeutet, dass kleine Mädchen ohne Aggression sind. Aber ihre Aggression ist darauf gerichtet, ihren Mittelpunkt in einer Beziehungswelt zu sichern, nicht Beziehungen aufs Spiel zu setzen.

In der Pubertät produziert nicht nur der männliche, sondern auch der weibliche Teenager das Sexual- und Aggressionshormon Testosteron. Bei beiden Geschlechtern setzt das Hormon im Gehirn sexuelles Begehren in Gang, allerdings in sehr unterschiedlichem Mass: Im männlichen Körper ist die Testosteronmenge zehn- bis hundertmal so hoch wie im weiblichen. Ausserdem nehmen die für Sexualität zuständigen Zentren in seinem Gehirn doppelt so viel Platz ein wie in ihrem. Welche konstante Flut von sexuellen Fantasien das auslöst, können Frauen sich nicht annähernd vorstellen. Der weibliche Sexualtrieb ist nicht nur durchschnittlich zwei Drittel schwächer als der männliche, er variiert auch von Woche zu Woche, je nachdem, in welchem Stadium ihres Zyklus die Frau sich befindet.

Nach einer von Brizendine zitierten Studie denken 85 Prozent der Männer zwischen 20 und 30 alle 52 Sekunden Sex, Frauen zwischen ein- und viermal am Tag. Kein Wunder, haben Männer nur zwei Erklärungen, wenn ihre Frauen längere Zeit keine Lust auf Sex haben: Entweder sie geht fremd, oder sie liebt mich nicht mehr. Frauen vermuten dasselbe, wenn Männer aufhören, mit ihnen zu reden oder ihnen kühl zu begegnen. Ein Jahrtausendmissverständnis.

«The Female Brain», drei Wochen nach Erscheinen bereits auf der Bestsellerliste der New York Times, entfachte bei manchen Wissenschaftlerinnen genau den Zorn, den Louann Brizendine befürchtet hatte. «Bücher wie dieses sind schlecht für meinen Blutdruck. Es gibt kein Phänomen der Geschlechterunterschiede zu erklären», kommentierte Janet Hyde, Psychologieprofessorin in Madison, Wisconsin. «Wenn jemand behauptet, unsere Gehirne seien völlig verschieden, wir seien überhaupt völlig verschieden, aber wir wollen trotzdem an die Universität und gleichen Lohn für gleiche Arbeit, dann werden andere Frauen dafür einen Preis bezahlen.»

Ihre Kollegin Nancy C. Andreasen, Professorin in Iowa, protestierte, Umwelteinflüsse spielten für das menschliche Verhalten eine derart riesige Rolle, «dass die Beachtung der Biologie nahezu bedeutungslos ist. Die messbaren Unterschiede in Gehirnen werden lediglich dazu verwendet, Frauen zu unterdrücken und auszuschalten. Melissa Hines, Psychologin und Autorin («Brain Gender»), war vorsichtiger: «Was den Leuten bleiben wird, ist, dass es im Gehirn der Geschlechter Unterschiede gibt – was zutreffend ist. Aber sie werden es dazu nutzen, zu behaupten, dass all unsere Klischees von Männern und Frauen auf Biologie beruhen. Der Punkt ist, dass das Gehirn veränderbar ist. Es verändert sich die ganze Zeit.»

Buchrezensenten stiessen sich an Brizendines etwas arg populärwissenschaftlicher Sprache. In der Tat würde es auch dem Laien genügen, wenn ihm Oxytozin als entspannendes Hormon erklärt würde und nicht als «schnurrende kleine Katze». Aber es waren Randbemerkungen in Kritiken, die meist vorbehaltloses Interesse an einer Forschung äusserten, die es bis vor wenigen Jahren kaum gab. In den letzten Wochen, schrieb New York Times-Kolumnist David Brooks, habe er die Erfahrung gemacht, dass sich an jedem Tisch das Gesprächsthema ändere, sobald er «The Female Brain» erwähne, obwohl es darin um scheinbar ungeeignete Smalltalk-Themen wie Menopause gehe.

Das mag daran liegen, dass man sich als Leserin in der Beschreibung einer Wissenschaftlerin selten so exakt wiedergefunden hat. Es ist allen Männern zur Lektüre zwischendurch empfohlen, wenn sie gerade nicht an Sex denken. Und falls dies ein schlechter Moment ist, hier ein Sextipp aus Brizendines Studiensammlung: Lust kommt im weiblichen Gehirn nur auf, wenn die Füsse warm sind.

Louann Brizendine: The Female Brain.
Morgan Road Books. 279 S., Fr. 43.30

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