Interview

«So ist es»

Die Soziobiologin Sarah Blaffer Hrdy empfindet das Buch als zu sexlastig. Lesen sollte man es trotzdem.

Von Mathias Plüss

Frau Hrdy, Sie haben zeitlebens gegen Geschlechter-Stereotypen gekämpft. Was halten Sie von dem Buch «The Female Brain», das viele Klischees über Frauen zu bestätigen scheint?
Ich bin mit vielen Aussagen von Louann Brizendine nicht einverstanden und habe ihr das vor der Publikation auch mehrfach gesagt. Trotzdem habe ich mich am Schluss dafür entschieden, das Buch zu loben.

Sie haben es gar ein «einfühlsames» und «alles in allem wunderbares Buch» genannt.
«The Female Brain» wurde nicht für mich geschrieben. Ich lese sowieso fast nie populärwissenschaftliche Bücher, weil sie mir meistens zu einfach gestrickt sind. Aber ich denke, dass vor allem die Passagen über die Stimmungswechsel während des Menstruationszyklus für viele Leserinnen sehr nützlich sein können. Meine 24-jährige Tochter zum Beispiel hat gesagt, die Schilderungen hätten ihr geholfen, sich selbst besser zu verstehen. Darum habe ich das Buch empfohlen.

Eine amerikanische Feministin hat auf das Buch mit den Worten reagiert: «Jeder messbare Unterschied zwischen den Geschlechtern wird dazu benutzt, die Frauen zu unterdrücken.»
So ist es. Forschungsergebnisse über Geschlechterunterschiede werden immer von Fundamentalisten missbraucht, welche die Frauen im Zaum halten wollen. Als Soziobiologin ist mir selbstverständlich völlig klar, dass die natürliche Selektion unterschiedlich auf Männer und Frauen gewirkt hat. Bei vielen Tieren sind Männchen und Weibchen so unterschiedlich, als ob sie zu zwei verschiedenen Arten gehörten. Aber die sexistische Art und Weise, wie diese Tatsachen für das allgemeine Publikum zugespitzt werden, erschüttert mich.

Larry Summers, der ehemalige Präsident der Harvard-Universität, hat behauptet, die Unterrepräsentation von Frauen in der Wissenschaft sei womöglich auf angeborene Intelligenzunterschiede zurückzuführen.
Nun, Larry Summers hat ein Talent für Beleidigungen. Nochmals: Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind real, aber damit kann man nicht erklären, warum Frauen in der Spitzenforschung untervertreten sind.

Haben Sie denn eine bessere Erklärung dafür?
Die Psychologin Liz Spelke hat nachgewiesen, dass Mädchen und Buben mit den gleichen mathematischen Fähigkeiten zur Welt kommen. Das schliesst natürlich nicht aus, dass sie später unter dem Einfluss von Hormonen unterschiedliche Vorlieben entwickeln. Meine Erfahrung aus der Forschungsarbeit ist jedoch eine andere: Männer und Frauen leisten die gleiche wissenschaftliche Arbeit; sie verwenden die gleichen Methoden und statistischen Tests. Wenn es aber ums Präsentieren geht, sprechen die Männer im Allgemeinen überzeugter und überzeugender von ihren Resultaten als die Frauen. Übrigens unabhängig davon, ob sie recht haben oder nicht – man muss sich also fragen, ob dieses Selbstvertrauen wirklich von Vorteil ist.

Fehlt es den Frauen nicht einfach am Willen zur Karriere?
Ich würde es so sagen: Frauen und Männer setzen unterschiedliche Prioritäten. Eine Freundin von mir, die Anthropologin Kristen Hawkes, scherzte einmal, dass man Frauen für Vorlesungen besser bezahlen sollte als Männer: «Für Männer ist das einfach Selbstdarstellung, für Frauen dagegen richtig Arbeit.»

Welche Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind aus Ihrer Sicht angeboren?
Ich halte es mit E. O. Wilson, dem Vater der Soziobiologie: Die Unterschiede zum Zeitpunkt der Geburt sind relativ gering. Dass sie dann immer ausgeprägter werden, ist eine Folge von kulturellen Erwartungen, Normen und Lebenserfahrungen. Nehmen Sie beispielsweise die Kindererziehung: Beide Geschlechter haben ein angeborenes Potenzial, sich angemessen um Kinder zu kümmern. Nur braucht es bei einer Frau normalerweise nicht so viel, bis sie auf ein schreiendes Baby reagiert. Doch ein Mann kann das auch lernen, und ich kenne Fälle, wo sich der Vater besser um das Kind kümmert als die Mutter.

Aber dass Frauen von Natur aus mehr Wert auf die Pflege von Beziehungen legen, würden Sie nicht bestreiten?
Ich denke, hier handelt es sich um einen echten Unterschied zwischen Mann und Frau.

Wie lässt sich dieser erklären?
Der Grund liegt in der Evolution und lautet: höherer Reproduktionserfolg. Man hat etwa bei Pavianen beobachtet, dass die Weibchen mit den meisten Sozialkontakten signifikant mehr Nachkommen bekommen und dass diese eine überdurchschnittliche Überlebenschance haben. Für diese Weibchen haben soziale Fähigkeiten also einen unmittelbaren Nutzen, und sie werden darum von der Evolution positiv selektiert. Die Resultate stammen von sozialen Primaten, aber wir dürfen spekulieren, dass sie auch für Menschen gelten.

Sarah Blaffer Hrdy, 60, ist Anthropologin und Primatenforscherin.
Die emeritierte Professorin lehrte bis 1996 an der University of California.

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