«Der Amerikaner verschlingt fettes Fast Food, suhlt sich in billiger Massenunterhaltung, lässt die Künste darben und kennt nur einen Gott, den Mammon. Statt Hochkultur zu subventionieren, wie es die Europäer tun, opfern die USA das Gute dem Seichten und Grellen.» Der Zeit-Herausgeber Josef Joffe analysiert in seinem Buch über die Hypermacht Amerika überaus kenntnisreich und luzid diese aberwitzigen Stereotypen des Antiamerikanismus, die in Europa und üppiger noch in der arabischen Welt wuchern. Warum wird ein Land, dessen Geschichte von keinem Feudalismus, keiner Staatskirche, keinen Religionskriegen, keinem Absolutismus und keinem Etatismus geprägt ist, in dem Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus keine Wurzeln schlagen konnten, heute derartig gehasst?
Während im europäischen Alltagsleben der American Way of Life in Gestalt von Coca-Cola, Jeans, Halloween-Feiern oder Bagels zum Frühstück allgegenwärtig ist, wird zugleich vor «amerikanischen Verhältnissen» gewarnt. Kriegslüstern sei das Land und wolle Blut gegen Öl eintauschen, global seinen Turbokapitalismus durchsetzen und soziale Gerechtigkeit zerstören. In den Verschwörungstheorien der islamischen Welt gilt Amerika – neben Israel – als das schlechthin Böse. Weswegen die Karikatur von Uncle Sam als Kannibale mit Haifischzähnen sich grösster Beliebtheit erfreut. In dieser obsessiven Stereotypisierung und Dämonisierung des Landes und seiner Kultur verschmelzen denn auch Antiamerikanismus, Antisemitismus und Antimodernismus auf höchst beunruhigende Weise.
Demokratie als nationales Interesse
Sachlich, realistisch und ohne jegliche Illusion, dafür gespickt mit trockenem Humor, beschreibt Joffe den Weg Amerikas zur Hypermacht und die Probleme, die der Nummer eins der Welt daraus entstanden sind. Nach der Selbstauflösung der Sowjetunion 1991 und dem Ende des Kalten Kriegs, dessen zentraler Schauplatz Deutschland und Europa gewesen ist, hat sich die Bühne der Weltpolitik revolutionär gewandelt: von der Bi- zur Unipolarität. Heute haben die USA den grössten Militäretat und die grösste Volkswirtschaft. Weltweit dominieren sie auf wirtschaftlichem, technologischem, militärischem, finanziellem, sprachlichem und kulturellem Felde. In den Leitlinien für die Verteidigungsplanung von 1992 formulierten sie ihre Hegemonialstrategie und beanspruchen seither eine globale Führungsrolle. Bereits Bill Clinton deklarierte den weltweiten Sieg der Demokratie als nationales Interesse, das Amerika Frieden und Sicherheit verschaffe. Die Antwort auf die Zerstörung der Twin Towers am 11. September 2001, durch die das Land erstmals mit seiner Verwundbarkeit und einem Krieg auf dem eigenen Territorium konfrontiert wurde, lautete: Alleingang plus Präventivkrieg. Beim Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan 2001 und im zweiten Irakkrieg 2003 handelte Amerika in eigener Regie – mit Unterstützung einer «Koalition der Willigen». «Die Verteidigung der Freiheit erfordert die Verbreitung der Freiheit», hatte George W. Bush proklamiert und Irak, Iran und Nordkorea der «Achse des Bösen» zugeschrieben. Die Folgen sind bekannt: Nachdem Amerika für sich die Rolle als Weltordnungsmacht beansprucht hatte, regte sich heftiger Widerstand, der vom antihegemonialen Diskurs bis zum harten diplomatischen Widerstand reichte. «Wir wollen keine unipolare, sondern eine multipolare Weltordnung», wetterte Kanzler Schröder und verweigerte unter Zuhilfenahme antiamerikanischer Ressentiments die Gefolgschaft im Irakkrieg. In der Achse Berlin–Paris–Moskau und mit der Unterstützung Chinas organisierte er die antihegemoniale Allianz. Die Träume von einem Europa als Gegenmacht haben sich inzwischen verflüchtigt. Dafür ist der alte Kontinent im Vergleich zu den USA viel zu schwach, zu uneinig, zu sehr überaltert, und er arbeitet zu wenig. Die Überlegenheit Amerikas besteht hingegen fort – und die Wut darauf lässt nicht nach. Im Dschihadismus kulminiert die asymmetrische Kriegsführung gegen die Hypermacht, die «Kreuzritter» Amerika und Israel sollen aus dem «Haus des Islam» vertrieben und der dekadente Westen mit seinen Ungläubigen unterworfen werden.
Berlin–Berkeley, Bagdad–Beijing
Die USA sind die einzig verbliebene Grossmacht, ihre strategischen Interessen und Stützpunkte umspannen den gesamten Erdball. Die Weltpolitik findet heute im Wesentlichen auf zwei Bühnen statt. Joffe nennt sie die «Berlin-Berkeley-Bühne», nämlich die fast vollständig befriedete westliche Welt, sowie die «Bagdad-Beijing-Bühne», ein riesiger Konfliktherd, der sich von Nah- bis Fernost erstreckt. Wie kann dabei eine Vorherrschaft ohne Weltherrschaft aussehen, angesichts der immensen Probleme, die kein Land allein lösen oder mit den traditionellen Werkzeugen der Machtpolitik angehen kann? Terrorismus, Völkermord, frei flottierende Massenvernichtungsmittel, Kapital- und Menschenströme, Währungs- und multilaterale Handelskrisen, Pandemien oder Naturkatastrophen sind nur in multilateraler Manier und globaler Kooperation zu lösen. Die dafür geschaffenen Institutionen von der Uno, der Nato, der OSZE, der Weltbank bis zur Welthandelsorganisation WTO haben das Staatensystem jedoch keineswegs ausser Kraft gesetzt, denn jeder Staat verfolgt sein Eigeninteresse. Gerungen wird heute nicht mehr auf dem Schlachtfeld, sondern in Sitzungsräumen der internationalen Gremien. Die USA brauchen zwar nicht die Erlaubnis der Welt, um zu handeln, aber um erfolgreich zu sein, sind sie auf breite internationale Unterstützung angewiesen. Mit dem Desaster des Irakkriegs ist Amerikas Legitimität seit 1945 auf einen historischen Tiefstand gesunken. «Zwar haben die USA auf dem herkömmlichen Schlachtfeld militärisch brilliert, aber eine überzeugende Antwort auf die asymmetrische Kriegsführung der Terror-Internationale und ihrer örtlichen Verbündeten nicht gefunden. Ironischerweise profitierte die gefährlichste Macht dieser Region, nämlich Iran, am meisten von Amerikas zweitem Krieg gegen Saddam Hussein.» Unter realpolitischen Gesichtspunkten, so Joffe weiter, sei die «Intervention im Irak der falsche Krieg gegen den falschen Feind zur falschen Zeit» gewesen.
Er empfiehlt der Hypermacht deshalb, aus der Geschichte ehemaliger Grossmächte zu lernen, um Freiheit und Macht mit Notwendigkeit und Verantwortung in Einklang zu bringen. Die USA sollten demnach eine «Balance of Power», wie sie der britischen Aussenpolitik lange eigen war, mit der «Bindungspolitik à la Bismarck» verknüpfen. Denn Bündnis- und Bindungspolitik sorgten dafür, dass Bedrohungen gar nicht erst auftauchten, indem man die Gegenspieler mit den Früchten der Zusammenarbeit lockte und ihnen die Anreize nahm, sich gegen die Nummer eins zusammenzurotten. Unerlässlich sei der ergänzende Aufbau einer internationalen Struktur. Gegen die Multipolarität setzt Joffe den «grossen Organisator» Amerika, der erforderlich ist, um internationale Gemeingüter zu produzieren – und deren Wichtigstes ist eine internationale Ordnung, in der Streitigkeiten mittels Regeln und nicht mit Waffen gelöst werden.
Aufgrund seiner liberalen Werte, als Akteur mit globalem Rollenverständnis, der auf den beiden Bühnen Bagdad/Beijing und Berlin/Berkeley und auf zwei Weltmeeren zu Hause ist, weltweite Interessen verfolgt und im Idealfall weltweite Verantwortung übernimmt, bleibt Amerika die Hypermacht. Es ist der einzige Staat, der mit seinen gewaltigen Mitteln global handeln kann. Die USA produzieren ein vielen Staaten zugutekommendes Gut, indem sie die Sicherheit ihrer Verbündeten und Schützlinge im Nahen und Mittleren Osten garantieren. Regionale Gemeingüter stellen sie ebenso im pazifischen Raum her, indem sie ein Gegengewicht zu China bilden und damit zur Sicherheit aller beitragen. Zugleich breiten sie einen Schutzschild über Japan aus und verhindern damit einen Rüstungswettlauf in der gesamten Region. In Europa leisten sie als letztinstanzliche Ordnungsmacht ihren Beitrag zur Entnationalisierung europäischer Sicherheit. Übermütig sollte in Washington allerdings keiner werden. Denn, so Joffe zum Schluss: «Um zu bestehen, wird die Hypermacht ihre gewaltige Kraft im Konzert der Nationen ausspielen müssen.»
Josef Joffe: Die Hypermacht. Warum die USA die Welt beherrschen.
Hanser. 263 S., Fr. 38.70













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