MvH

Die Feministin

Mit Popstars sollte man nicht über Musik sprechen, findet unser Kolumnist. Mit Jamelia spricht man etwa über ihren Hintern.

Von Mark van Huisseling

«Hast du einen anstrengenden Tag heute?» – «Ja, ich glaube, du bist der Siebte, der mich interviewt.» – «Nicht schlecht, aber es ist schon 16.20 Uhr.» – «Es kommen aber noch fünf weitere.» – «Okay, dann mache ich es kurz.» – «Nein, mach dir keine Sorgen.» – «Bist du heute von London nach Zürich geflogen?» – «Ja, ich bin um halb fünf aufgestanden. Ich mag es, beschäftigt zu sein.» – «Better busy than bored, sagt man in England doch.» – «Genau.» – «Hast du mehrheitlich Zeitungsjournalisten Interviews gegeben?» – «Nein, Radioleuten.» – «Das ist klug, man sagt ja, Print verkauft keine Platten, Radio verkauft Platten.» – «Nein, Printmedien bringen auch was. Und ich höre kein Radio, ich lese. Das ist seltsam für einen Künstler, ich sollte das wahrscheinlich nicht sagen.»

Wir sind in einem Sitzungszimmer bei EMI, der Plattenfirma. Die Büros sehen aus, wie Büros in einem Bürohaus in Zürich Altstetten halt aussehen. (Aber am Empfang gibt es Bildschirme, auf denen Musikprogramme laufen, und aus einem Zimmer mit offener Türe kommt Hip-Hop-Musik.) Die meisten Mitarbeiter sind gekleidet wie halbwüchsige Kinder, die mit ins Geschäft durften an einem schulfreien Nachmittag, weil ihr Vater der Chef ist. Sie hat ein graues Seidentop mit Schleife an, eine schwarze Hose und flache Schuhe. Sie sieht gut aus, aber schon nicht ganz so gut wie im Booklet ihrer CD. (Sie wollte sich für diesen Artikel nicht fotografieren lassen, ausser wir hätten ihre Hair and Make-up Artist bezahlt.)

«Ist es eigentlich hart, dass du jetzt einen Hit haben musst, der mindestens so gut verkauft wie ‹Superstar›, damit du kein ‹One-Hit-Wonder› bleibst?» (Vor drei Jahren war sie mit dieser Single auf Platz 2 der Hitparade in der Schweiz und auf Platz 3 in Grossbritannien. Jetzt kommt ihr drittes Album, und wenn es kein Erfolg wird, gibt es vermutlich kein viertes, jedenfalls nicht bei dieser Plattenfirma.) «Ich bin dankbar für diesen Hit, aber ich hoffe, dass ich mehr erreichen werde, und ich denke es auch.» (Wegen solcher Antworten, nebenbei, sage ich immer, man soll mit Musikern nicht über ihre Musik sprechen.) «Französische Journalisten nennen dich ‹Kylie café au lait›. Ist das ein Kompliment oder ist das blöd?» – «Ich finde es eher lustig. Kylie ist eine erstaunliche Künstlerin und mit ihr verglichen zu werden, ein Kompliment. Aber ich möchte hier festhalten, dass ich nicht die schwarze Ausgabe oder die britische Ausgabe von irgendjemandem sein möchte, sondern selbst eine eigenständige Künstlerin.» (Ich übersetze zwar, aber so redete sie wirklich. Ihr Mediencoach hat wahrscheinlich ein Briefing zweitverwertet, das er für eine Kundin schrieb, die man als Popstar für Gescheite verkaufen wollte, Sophie Ellis-Bextor vielleicht.)

«Kylie soll den perfekten Hintern haben, hat John Manning, ein Wissenschaftler, mal ausgerechnet. Aber die Leser einer britischen Zeitung wählten deinen als besten der Welt, vor den Hintern von J.Lo, Beyoncé und Kylie.» – «Das ist zum Lachen.» – «Aber auch eine Leistung, es war immerhin nach der Geburt deiner Tochter.» – «Nein, das ist keine Leistung, nur ein Hinterteil.» – «Trainierst du denn nicht sehr viel?» – «Ich glaube, ich war nur einmal in einem Fitnessstudio.» – «Einmal in der Woche?» – «Einmal in meinem Leben. [Vorsicht, sonst wird daraus ein Model-Talk, und sie sagt: «Ich achte überhaupt nicht auf meine Figur, esse Pasta und gehe auch zu McDonald’s.»] Ich habe einen lächerlich hohen Betrag geboten bekommen für ein Fitness-Video, aber ich habe abgelehnt. Ich bin imagebewusst.» – «Gut gemacht, denn so was könnte ein Karrierekiller sein.» (Ähnlich wie in der Jury einer Castingshow zu sitzen.) «Genau.»

«Dein Partner ist Profifussballer, nicht wahr?» – «Ja, ist er.» – «Für welche Mannschaft?» – «Millwall, M-I-L-L-W-A-L-L, das ist eine Mannschaft, die nicht in der Premiership spielt.» – «Dritte Liga, oder?» – «Ja, aber ich finde, er ist der beste Fussballspieler der Welt. Er ist Stürmer und schiesst jedes Mal ein Tor, wenn meine Freundinnen und ich hingehen.» – «Dann bist du also eine von den ‹Wags›, ‹wives and girlfriends›.» («Im Gegensatz zu ihren Männern lassen es Englands Spielerfrauen und -freundinnen so richtig krachen», stand mal in der Weltwoche.) – «Nein, ich bin so gar nicht wie die.» – «Da sind ziemlich üble Frauen drunter, nicht?» – «Ja, ich finde sie zum Kotzen. Alles was sie wollen, ist, einen Fussballer zu bekommen, weil die am meisten verdienen. Ich habe absolut keinen Respekt vor denen. Sie werfen den Feminismus fünfzig Jahre zurück, oder hundert Jahre.»

Jamelia: Walk With Me. Parlophone. EMI
Jamelias Lieblingsrestaurant:
«In Zürich?» – «Nicht unbedingt.» – «Gut, ich bin
nämlich noch nie aus diesem Haus rausgekommen.» – «In London, von mir aus.» – «Ich würde sagen ‹Hakkasan›, Darren und ich hatten unser erstes Date dort.»
Hakkasan, 8 Hanway Place, London, Telefon +44 871 223 80 02

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