Religion

Professor Papst

Unterwegs mit dem Heiligen Vater – vom Start bis zum Ausnahmezustand, den seine Rede in Regensburg auslöste. Das Fazit der Reise: Als Gelehrter hat er geglänzt. Als Benedikt XVI. muss er nun lernen, über Glatteis zu gehen.

Von Paul Badde

Regen schlug gegen das Cockpit des Lufthansa-Jets, als er auf dem römischen Flughafen Ciampino aufsetzte; Vatikanangestellte kamen den Papst mit grossen Schirmen von der Gangway abholen. Prälaten flüsterten dem glücklichen Pontifex die neuesten Nachrichten zu. Der blaue Himmel über Bayern war von schweren Wolken über Rom abgelöst worden. Eine Stunde später schüttete es. Zwei Stunden später liefen Newsticker durch die Sendungen aller grossen Fernsehanstalten: «Pope infuriates the moslem world» – «Schmähungen des Papstes gegen den Koran lösen Tumulte aus».

Das konnte bei der Landung noch keiner im Flugzeug wissen. Ich schaute aus dem Fenster der Maschine dem Mann im weissen Rock nach, wie er zwischen Kardinälen und Bischöfen im Terminal verschwand. Eine anstrengende Woche ging zu Ende; doch ihn schien sie von Tag zu Tag verjüngt zu haben. Der Film der letzten Woche lief noch einmal rückwärts ab. Noch einmal sass ich in dem Journalistenbus, der uns durch die bayrische Traumlandschaft von München nach Regensburg brachte. Frühnebel in den Hopfenfeldern. Die Sonne über den tauschweren Hügeln und Feldern. Die Heimat des Papstes. Der Brunnen, aus dem er geschöpft hatte. Es war schwer, sich auf seine neuen Texte zu konzentrieren, die bereits um fünf Uhr morgens im «Platzl»-Hotel verteilt worden waren.

Es war kein Triumph, es war überwältigende Freude, die Benedikt seit drei Tagen entgegenschlug. Noch nie hatte die Welt einen Joseph Ratzinger, den neuen Papst, erlebt, der so gelöst war, so sehr daheim wie hier, wo er die Kirche als eine «Kraft des Friedens» vorstellen wollte. Am Sonntag hatte ein Kollege schon «eine Bombe» im Text seiner Predigt erkannt, und über den Newsticker des italienischen Corriere della Sera lief da schon während der Messe die Eilmeldung, dass der Westen den Islam erschrecke – obwohl das Wort «Islam» kein einziges Mal im Manuskript der päpstlichen Predigt auftauchte. Aus Lübeck hatte mich bei der Wahl Ratzingers ein Freund übers Handy angerufen, der von Muslimen erzählte, die gerufen hatten: «Wir haben einen Papst!»

Noch amüsanter waren die letzten Äusserungen seiner alten Kritiker. Dem katholischen Professor Hans Küng beispielsweise hatte der Auftritt des evangelischen Landesbischofs von Bayern, Johannes Friedrich, missfallen, weil er «selig war, in Anwesenheit des Papstes eine harmlose Predigt halten zu dürfen». Friedrich hatte den Papst nach Altötting begleitet, in die bayrische Hauptstadt der Marienverehrung, wohin er bis dahin noch nie seinen Fuss gesetzt hatte, und gelobt, allein wieder zurückzukommen. Während also die Küngs, Drewermanns, Becks und Frau Heinemann wieder lamentierten, dass dieser Papst nichts für die Priesterehe, Abtreibung oder Frauenpriestertum tue, hatte Benedikt XVI. ,«B16», allen Christen – zusammen mit den Agnostikern – das bis heute gültige christliche Bekenntnis von Nizäa noch einmal neu ausgelegt. Bayern3 begleitete den Papst von morgens bis abends; die Einschaltquoten waren extrem hoch. Predigttexte schafften es auf die Titelseiten. Seit Bonifatius hatte Deutschland keiner erfolgreicher missioniert als der erste Papst aus dem Land der Reformation in diesen Tagen. Über Nacht war der alte Skeptiker zum neuen Grundschullehrer der müden Christenheit geworden. Heute würde er seinen Abschied als Professor geben, der er als Papst nicht mehr länger sein darf. Am 11.September hatte er einen Pilgerflecken in Oberbayern für sein Kontrastprogramm zu den Erinnerungsritualen an die rauchenden Türme von Manhattan ausgewählt.

9/11 einmal anders
Die Gnadenkapelle von Altötting blieb der Wegweiser im Leben des Joseph Ratzinger. Zum ersten Mal kam er als Kind an der Hand seiner Eltern hierhin. Mit sieben Jahren war Ratzinger in Altötting Zeuge, als Bruder Konrad von Parzham heiliggesprochen wurde. Der Ortsheilige soll im Jahrhundert davor ein grosses Erbe ausgeschlagen haben, um sich ganz den Pilgern des Wallfahrtsortes und ihren Fragen widmen zu können. Vergangenes Jahr beherrschte der kirchliche Festtag Bruder Konrads dann jene Woche, in der Ratzinger am 19. April zum Papst gewählt wurde. Jetzt liess der Bischof von Passau die Knochen Bruder Konrads in barocker Unzimperlichkeit in einem Kristallsarkophag unter dem Altar ausstellen, auf dem Papst Benedikt am Montagmorgen die Messe zelebrierte. Ein glänzender Spätsommertag und eine ausgelassene Menschenmenge. Im Glockenturm läutete zum Einzug des Papstes «die Stürmerin». Auf dem Platz trompeteten die Blaskapellen ein. Kein Wort über die einstürzenden Twin Towers, kein Wort über Terror und den Krieg gegen den Terror. Dem Schock des 11. Septembers setzte Benedikt XVI. in seiner Heimat das Dämmerlicht einer kleinen Kapelle entgegen. Hier erinnerte der oberste Theologe an die Wiegenlieder der Mutter Kirche – und an die seiner eigenen Mutter.

Er wird zum Pilger Benedikt, zurück in Altötting, bei der Schwarzen Madonna, «Königin des Friedens und Trösterin der Betrübten». Bei ihren Füssen hat er seinen Kardinalsring zurückgelassen. Als der Bus weiterrollt, nehme ich mir die Texte vor, die er heute verlesen will, auf dem Islinger Feld vor den Toren von Regensburg, auf dem Lehrstuhl seiner alten Universität und im Regensburger Petersdom, einer gotischen Kathedrale, in einem gemeinsamen Gebet.

«Der Glaube ist einfach!», will der Intellektuelle in der Papstrobe verkünden. Glauben sei ein «Ereignis der Begegnung von Gott und Mensch». Unzählige Wissenschaftler hätten zwar versucht, «eine Welterklärung zu finden, in der Gott überflüssig wird». Doch weiter sei keiner gekommen als bis zu jener Alternative, wo es auf die Frage hinausläuft: «Was steht am Anfang: die schöpferische Vernunft, der Schöpfergeist, der alles wirkt und sich entfalten lässt, oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervorbringt und auch den Menschen, seine Vernunft?» Die Antwort der Christen, fährt er fort, sei der Grundentscheid ihrer Existenz: Sie glauben an Gott, «an die schöpferische Vernunft, von der alles kommt und von der wir kommen». Gleichwohl gehe gerade von diesem Punkt der Glaube der Christen noch kühner weiter. Denn sie seien überzeugt, dass die schöpferische Vernunft Güte ist: «Sie ist Liebe. Sie hat ein Gesicht. Gott lässt uns nicht im Dunkeln tappen. Gott hat sich gezeigt als Mensch und ein menschliches Gesicht angenommen.»

Gerade heute, wo lebensgefährliche Erkrankungen der Religion und der Vernunft und Zerstörungen des Gottesbildes durch Hass und Fanatismus allenthalben zu sehen seien, sei es wichtig, klar zu sagen, «welchem Gott wir glauben und dass wir zu dem menschlichen Antlitz Gottes stehen. Erst das erlöst uns von der Gottesangst, aus der letztlich der moderne Atheismus geboren wurde.» Es ist der neue päpstliche Cantus firmus, den der ehemalige Chefdogmatiker an jeder Station seiner Reise variiert. – Nicht anders wurde es an der Regensburger Universität, wo ihn der pädagogische Eros noch einmal hinriss, in alter Erinnerung an seine wohl liebste Beschäftigung als Professor. «Glaube, Vernunft und Universität» hiessen seine «Reflexionen». Das Manuskript der Rede enthielt am Schluss den Hinweis: «Der Heilige Vater hat sich vorbehalten, diesen Text später mit Anmerkungen versehen zu veröffentlichen. Die vorliegende Fassung ist also als vorläufig zu betrachten.»

Bester Anwalt der Muslime?
Konnte er ahnen, wie viele Anmerkungen es noch werden sollten? An diesen wird er wohl nach lange weiterschreiben müssen. Es war der komplexeste Text seiner Bayernreise, wo er überall auch sein Anliegen zu erklären versuchte, sich und die katholische Christenheit nicht vereinnahmen zu lassen im Kampf der Kulturen, den er auf eine ganz eigene Weise versteht. Die Konfliktherde der Welt liessen sich nicht nach einem Schwarz-Weiss-Schema ordnen, sagte er ein ums andere Mal. Die Fronten verliefen unübersichtlich durch alle Gesellschaften, im Westen wie im Osten. Die «Verkürzung des Radius von Wissenschaft und Vernunft» müsse nach dem Zeitalter der Gotteskritik nun selbst dringend in Frage gestellt werden. Denn «eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen». Wie keiner vor ihm nahm er dabei besonders auch die Muslime vor einem entfesselten Säkularismus in Schutz. Einen besseren Anwalt als den Papst haben die Anhänger Mohammeds heute im Westen nirgendwo.

Die Völker Afrikas und Asiens, hatte er noch am Sonntag in München gesagt, «bewundern zwar die technischen Leistungen des Westens und unsere Wissenschaft, aber sie erschrecken vor einer Art von Vernünftigkeit, die Gott total aus dem Blickfeld des Menschen ausgrenzt und dies für die höchste Art von Vernunft ansieht, die man auch ihren Kulturen beibringen will». Nicht im christlichen Glauben sähen sie ihre Identität bedroht, sondern in der Verachtung Gottes und in jenem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansehe. «Dieser Zynismus ist nicht die Art von Toleranz und kultureller Offenheit, auf die die Völker warten und die wir alle wünschen. Die Toleranz, die wir dringend brauchen, schliesst die Ehrfurcht vor Gott ein – die Ehrfurcht vor dem, was dem anderen heilig ist. Diese Ehrfurcht vor dem Heiligen der anderen setzt aber wiederum voraus, dass wir selbst die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen.» Klarer konnte er es nicht sagen. Dennoch hat er das Gleiche in Regensburg wohl etwas zu kompliziert gesagt. Standing Ovations konnten nur kurz davon ablenken.

Denn hier hatte das Oberhaupt der katholischen Kirche auch einige Suren aus dem Koran so unbefangen textkritisch gelesen, wie jeder Theologe des Westens das schon lange bei der Bibel tut. Er nahm verschiedene Textschichten des heiligen Buches auseinander, als er sagte: «Kaiser Manuel II. wusste 1391 sicher, dass in Sure 2, 256 steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, wie uns die Kenner sagen, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später entstandenen – Bestimmungen über den Heiligen Krieg.» Es war ein kleiner Nebenaspekt. Der Professorenpapst sagte das Unerhörte leise, doch nicht unüberhört. Marco Politi nannte den Tabubruch in der Repubblica «bizarr», der Kollege vom Corriere della Sera witzelte, ob es vielleicht bald eine Fatwa gegen den Papst gebe. Phil Pullella von der Nachrichtenagentur Reuters begann seinen Bericht mit den Worten: «Papst Benedikt lud die Muslime zu einem Dialog der Kulturen unter der Prämisse ein, dass das islamische Verständnis des ‹Heiligen Krieges› unvernünftig und gegen die Natur Gottes sei.»

«Mit Bleischuhen über Eier»
Es war die wohl letzte Reise Ratzingers zu jenen Orten, wo er Kind, Lehrer und Bischof war. Von jetzt an ist er nur noch Papst. «Der Abschied ist ein Aufbruch zum Rest der Weltkirche», notierte ich mir. «Wer die Texte seiner Bayernreise hintereinander liest, hat eine Skizze dessen vor sich, wie Benedikt XVI. sein Pontifikat prägen will – die Überraschungen ausgenommen, zu denen er wohl immer fähig bleiben wird. Getrost darf man die letzten Tage in seiner Heimat aber als eine Art erste Scheidelinie seiner Amtszeit begreifen – zwischen Herkunft und Zukunft.» Der Papst und seine Entourage hatten wohl kaum damit gerechnet, dass ein paar Worte aus seinen vielen Reden einen solchen globalen Krawall auslösen würden. Es ist die Wasserscheide seines Pontifikats.

Auf den Tod besorgt, rief er einen Tag nach seiner Ankunft in seinem Sommerpalast bei Rom für nicht näher bezeichnete «heutige Schwierigkeiten» die Muttergottes von Altötting als Anwältin an. Inzwischen war der Luftraum über dem päpstlichen Sommersitz aus Sicherheitsgründen für jeden Flugverkehr gesperrt.

Bei seinem Sommerpalast in Castel Gandolfo sah ich ihn zum letzten Mal am Sonntag wieder. Was war mit ihm geschehen? Plötzlich trat er wieder leicht wie ein Seiltänzer ans Fenster, in einem tobenden Unwetter, in erstaunlicher Balance. «Danke euch allen. Ihr ermutigt mich!», rief er den verregneten Anhängern zu. Zweitausend Jahre hatte die Kirche gelehrt, witzelte ein Cartoonist in Rom, «mit Bleischuhen über Eier laufen» zu können. Diesmal schien Papst Ratzinger das Kunststück wieder zu gelingen. Weder Eier noch neues Porzellan gingen zu Bruch, trotz des gewaltigen Gewichts auf den Schultern des schmalen Pontifex. Sein Auftritt wurde von dem Sender Al-Dschasira direkt in die arabische Welt übertragen. «Es regnet ein wenig», lachte er, mit bedauerndem Blick nach oben, «aber wir sind stark.» Dann: «Hoffentlich lässt der Sturm bald nach.» Im Übrigen sei das Wasser «ein Zeichen des Heiligen Geistes».

Er stand gelöst am Fenster, mit ausgebreiteten Armen: «Ich bedauere von Herzen die Reaktionen, die wenige Passagen meiner Vorlesung an der Universität von Regensburg in einigen Ländern ausgelöst haben.» Weil gläubige Muslime die Sätze als verletzend empfunden hätten, müsse er noch einmal betonen, dass sie tatsächlich nichts anderes waren als «Zitate aus einem Text des Mittelalters, die keineswegs meine persönliche Ansicht ausdrücken». Er lächelte. Der Luftraum war immer noch gesperrt. Seine Rede sei im Gegenteil die Einladung zu einem offenen und ehrlichen Dialog mit grossem gegenseitigem Respekt. – Dann wandte er sich seinem Text und den liturgischen Ereignissen der letzten Woche zu, etwa dem Fest der Erhöhung jenes Kreuzes, das nach Paulus «ein Ärgernis für Juden und den Heiden eine Torheit» sei – bevor er den «Engel des Herrn» mit jenem alten Dialog zwischen dem Erzengel Gabriel und der Jungfrau Maria begann, die im Islam beide höchste Verehrung geniessen. Damit wurde das Gebet in Castel Gandolfo zu einem geschickten PR-Schachzug.

Die Muslimbruderschaft habe die Worte «mit Genugtuung» aufgenommen, hiess es schon Minuten später aus Ägypten. Sie seien «ausreichend» als Entschuldigung. Irans Präsident Achmadinedschad liess wohlwollend verlauten: «Wir respektieren den Papst und alle, die für Frieden und Gerechtigkeit sind.» Der Religionskrieg schien fürs Erste gebannt. Die Kuh war vom Eis, wenn der Vergleich erlaubt ist, doch Glatteis bleibt ab jetzt der Grund, auf dem Benedikt XVI. sich neu bewegen lernen muss. Noch einmal war der Lehrer zum Schüler geworden. Seine letzte Vorlesung war ihm zur Lektion geworden – die vermutlich weltweit studiert werden wird wie keiner seiner Texte je zuvor. Benedikt hätte es sich nie so wünschen können. Über Nacht ist der ehemalige Hitlerjunge, «Panzerkardinal» und neue deutsche Papst im Feuer der Kontroverse aber auch selbst zu einer Symbolfigur der westlichen Welt geworden.


Paul Badde ist Vatikan-Korrespondent der Welt.


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