Es gibt ein wunderbares Foto, das Curzio Malaparte als Kriegsreporter in Abessinien zeigt. Der 1898 in Prato geborene italienische Schriftsteller, Sohn eines Deutschen, rasiert sich im Freien und zeigt bei der sorgfältigen Morgentoilette in der Steppe seinen makellosen nackten Oberkörper. Ein schwarzer Diener wartet auf die Anordnungen des Herrn.
Das Foto ist wunderbar, weil es so eindeutig ist. Es zeigt Malaparte in seiner ganzen Eitelkeit, die provokant wirkt, weil klar wird, dass sie ihm selbst bewusst war. Sein Markenzeichen ist eine Leben und Werk durchziehende Selbstironie, gepaart mit Selbstgefälligkeit. Nicht eben sympathisch, doch das Interessante ist, dass er diese Haltung geschickt als Waffe benutzt hat, die seine Leser heute geniessen: Es gibt in Malapartes Büchern kaum eine Seite ohne Stachel, kaum einen Satz, der bloss überbrückend geschrieben ist. Es geht mit viel Grössenwahn und Frechheit immer ums Ganze, um gut oder böse, um die Zu- oder Abneigung, die der Ich-Erzähler, der in Malapartes jetzt wiederaufgelegtem Roman «Die Haut» wie selbstverständlich Malaparte heisst, den anderen Figuren entgegenbringt.
Die Geschichte ist einfach. Sie spielt in den letzten Kriegsjahren und beginnt kurz nach der Landung der Alliierten in Neapel. Sie endet, als die meisten Amerikaner Italien wieder verlassen. Der Ich-Erzähler Malaparte tritt in englischer Uniform als Verbindungsoffizier auf, der seine amerikanischen Kollegen begleitet. Doch er ist ein keineswegs unproblematischer Vermittler, denn dieses neapolitanische Leben unter amerikanischer Besatzung entsetzt ihn. Er diagnostiziert bei seinen Landsleuten «die Pest». Eine Pest, die schlimmer sei als der Krieg. Es geht um «Seelenpest», es geht darum, dass Frauen, Mädchen, Jungs sich verkaufen, für eine Packung Zigaretten geben sie all ihren Stolz auf, der sonst, trotz Jahrhunderten der Armut, selbstverständlich war. Aber nicht Armut und Hunger sind das Elend, erzählt Malaparte, sondern der Zustand, in dem ein Fünkchen Hoffnung auftaucht, dass Armut und Hunger ein Ende haben, dass man irgendwie «seine Haut retten» könnte.
Dem moralisierenden Dandy Malaparte geht es natürlich nicht um die Verurteilung der Opfer der Pest. Seine Wut, sein verzweifelter Spott richten sich auf die Besatzer, die anscheinend so «unschuldigen» Amerikaner, und all jene, die die Armut Neapels ausnützen. Bei Malaparte wird die Stadt zur würdevollen und archaisch-wilden Geliebten, zu einem «nie verschütteten Pompeji».
Der Ich-Erzähler folgt einem amerikanischen Freund in eine ärmliche Wohnung, in der ein Mädchen, das im Stil der neapolitanischen Madonnen des 17. Jahrhunderts sein schwarzes Haar mit Werg hochtoupiert hat, in einem aufdringlich dünnen roten Rock mit zerrissenen Pantoffeln auf einem schäbigen Bett liegt. Es lässt sich von amerikanischen Soldaten zwischen die Beine greifen. «She is a virgin», sagt ihr Zuhälter, «you can touch. Put your finger inside. Only one finger. Try a bit. Don’t be afraid. She doesn’t bite. She is a virgin.» Die Provokation, meint Malaparte, sei notwendig, so seien die Verhältnisse.
Neapel durchglüht den Ekel
Manchmal leidet man mit dem Ich-Erzähler, manchmal geht er einem auch nur auf die Nerven, weil sein Hauptzweck darin zu bestehen scheint, die anderen Figuren im Dienste der Wahrheit blosszustellen. Doch immer wieder richten sich seine Spitzen auch gegen sich selbst. Ein französischer Militär entrüstet sich, dass die Neapolitaner ihre Kinder auf den Strich schicken. Malaparte meint, er würde es wohl auch tun, wenn er damit seine Haut retten könnte. Sein Erzähler simuliert glaubwürdig, dass in seinem Couscous eine Menschenhand gelandet ist, die er dann isst. Dabei hat er sie aus ein paar Hammelknochen auf seinem Teller zusammengebaut. Die gesitteten Franzosen, die über den geschmacklosen Spass nicht aufgeklärt werden, sind schockiert – und denken vielleicht zum ersten Mal über den Krieg nach.
Jenseits aller politisch-moralischen Interessen ist Malapartes «Haut» vor allem aber auch eine grandiose Feier der Stadtlandschaft Neapels. Immer wieder durchglüht sie den Ekel, den Malaparte in seinem Verhalten zur Gegenwart kultiviert. Ob es, wie in einem der letzten Kapitel, um den Ausbruch des Vesuv von 1944 geht, der den Verwüstungen des Kriegs die Naturkrone aufsetzt, oder nur um die Farben, wenn der Scirocco weht: «Dort unten, über dem Meer, glich der Himmel einer grün und weiss gesprenkelten Eidechsenhaut, mit der kühlen, dunklen Feuchtigkeit, die der Haut der Reptilien eigen ist. Graue Wolken mit grünlichen Rändern fleckten über das schmutzige Blau des Horizonts, den die heissen Scirocco-Böen mit ölig gelben Streifen durchzogen.»
Curzio Malaparte: Die Haut.
Zsolnay. 445 S., Fr. 46.20













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