Zu Fuss

Ein Felsenfest

Zum Rotsteinpass

Von Thomas Widmer

Bitte nicht schimpfen, wenn hier momentan Langwanderungen dominieren; die Saison, in der man hoch hinaus kann, ist kurz genug, schon bald wird der Schnee sie beenden. Auch diese Alpstein-Tour ist anstrengend. Man kann sie aber zweiteilen und auf dem Rotsteinpass übernachten, die Wirtschaft dort oben ist gut ausgebaut: kein poweres Gehütt, sondern ein Genussetablissement auf 2120 Metern.

Startpunkt ist Wasserauen, erstes Ziel die Meglisalp, ein Hirtenweiler, zu dem – der Appenzeller liebt’s gesellig – auch eine Wirtschaft gehört. Ich schlage vor, nicht in der Normalvariante via Seealpsee anzumarschieren, sondern auf dem exklusiveren Schrennenweg hoch über dem See. Eine Basisration Kaltblütigkeit muss man dafür freilich mitbringen, denn rechts fällt der Hang fast senkrecht ab; es schaffen die Route zur Alp und zurück frühlings und herbstens aber auch die Kühe, wie Cyrill Schläpfer im wunderschönen Film «Ur-Musig» vorgeführt hat.

Die Blumen und Kräuter hier oben duften zu gewissen Zeiten so stark, dass man meint, es habe einer eine Flasche Alpenbitter verschüttet. Auf der Meglisalp kann man selbigen trinken. Unterwegs dann zum Rotsteinpass realisiert man, wie brutal der Alpstein einst zusammengestaucht wurde; in den Felsbrüchen sieht man die gestauten und gefalteten Gesteinsschichten – grandios. Der Pass ist ein schmaler Sattel, in den sich erwähntes Gasthaus der Familie Wyss-Räss schmiegt; in der Nähe leben Steinböcke, die man aber zuerst sehen muss.

Es folgt die zweite Halbzeit: via Schafboden hinab nach Gamplüt (auch an diesen Orten hat es Wirtschaften). Mitte Juli, als ich abstieg, traf ich im Hang einen Jüngling, der mit der Schaufel ein «Strässchen» in ein Restschneefeld hackte, und bald hörte ich von unten her ein Röhren, und es bog ein Mann um die Ecke, der Vorräte zum Pass hinauffuhr in einer, wie er sie mir benannte, «Motorgarette». Die kraftstrotzende Schubkarre war eindrücklich. In den Bergen gibt es auch Innovation!


Hin und zurück: von Gossau oder St. Gallen mit der Bahn via Appenzell nach Wasserauen; von Gamplüt mit der Gondelbahn hinunter nach Wildhaus
Höhendifferenz: 1250 Meter auf-, 750 abwärts
Gasthäuser: «Meglisalp», «Rotsteinpass» (www.rotsteinpass.ch);
«Schafboden» und «Gamplüt» sind momentan durchgehend geöffnet.

Film: «Ur-Musig» (1993), Klangreise ins Appenzellische und in die Innerschweiz zu den Älpler-Schamanen und ihren heiligen Kühen; muss man kennen, gibt’s als DVD.

Karte: Wanderkarte als PDF

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