«Was sind denn ‹gemischte Seinigkeiten›? (Er liest die Speisekarte.) Ist das ein Druckfehler oder was?» – «Wahrscheinlich ein Wortspiel, weil das Lokal so komisch heisst.» (Das kam von mir, wir sind im Restaurant «Sein» in Zürich.) «Was mag das sein, irgendwas zum Knabbern?» – «Ein Häppchenteller vielleicht.» – «Möchtest du auch ein Häppchen? Dann bestelle ich nicht drei Sorten, sondern fünf.» (Wir duzen uns, essen vom selben Teller, obwohl wir uns noch nie zuvor begegnet sind.)
«Ich bin nicht Musikredaktor bei der Weltwoche, sondern ich habe eine Kolumne über Menschen.» – «Ich habe zwei davon gelesen.» – «Also nicht enttäuscht sein, wenn ich nur wenig über dein neues Album frage.» («Eine Besinnung auf frühe Zeiten mit Trio: putzige Synthesizer, Drumcomputer und Textzeilen wie ‹Frauen sind böse›, stand darüber in Facts, einer Wochenzeitschrift.») «Okay.» (So geht das bei einem Profi, Chris von Rohr.)
Er hat zwei Clips aus Gelbgold im Ohr, trägt eine Jeansjacke, die an einigen Stellen fadenscheinig ist, ein Hemd, das aussieht wie Fallschirmseide, und eine Swatch. Alles Dinge also, mit denen ein 59-jähriger Mann nicht rumlaufen sollte. Aber irgendwie wirkt er trotzdem nicht richtig schlecht gekleidet. Vielleicht weil er sich so wenig Mühe gibt, dass man ihm fast nicht böse sein kann. (Bei Männern um die sechzig, die sich sehr viel Mühe geben, ist es ja genau umgekehrt, bei Frank A. Meyer, einem Journalisten, oder Marcel Reif, dem Fussballkommentator, zum Beispiel.)
«In den vergangenen vier Jahren ist dein Name nur 19-mal in Schweizer Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Du bist nicht gerne berühmt, oder?» – «Ja, das Berühmtsein an sich brauche ich nicht. Aber es gehört dazu, dass ich, wenn ich meine Arbeit mache, sage: ‹Hallo, es gibt was Neues.›» (Ähnlich hat es Verona Pooth, 579 Erscheinungen nebenbei, gesagt. Also was die Aussage angeht, nicht die sprachliche Richtigkeit. Ihm glaube ich es aber.) «Und was machst du den ganzen Tag?» – «Wenn ich gerade keine Platte mache?» – «Genau, man stellt sich das dann ein bisschen so vor wie in dem Film, in dem Hugh Grant von den Tantiemen dieses Weihnachtslieds lebt, das sein Vater geschrieben hat.» (Zurzeit singt Christina Aguilera «Dadada» für Pepsi, das gibt richtig Geld.) «Also ich mache eigentlich immer Musik, weil ich das gerne mache. Ich wohne ja zum Teil in Lanzarote, und da denkt jeder: ‹Der ist den ganzen Tag am Strand›, aber ich bin gar nicht gerne am Strand. Ich habe mein Studio im Haus, da bastle ich immer rum und mache und so.» (Die letzte Platte kam 1996 raus.)
Immer «Dadada», tut das weh?
«Du bist der König der Einzeiler, nicht?» – «Das Kompliment darf ich mir nicht selber machen, aber ich habe das gern, wenn man den Text essenziiert, wenn ich dieses Wort kreieren darf.» – «Sind diese Einzeiler das Resultat von Inspiration oder Transpiration?» – «Inspiration. Es ist so, dass ein Lied meistens so anfängt, dass ich zwei Zeilen mit Melodie gleich habe, irgendwoher. Das muss man dann festhalten und ’n bissl mehr drausmachen.» – «Heute hast du den ganzen Tag Interviews gegeben, oder?» – «Mhm.» – «Gibst du mir einen Einzeiler, der diesen Tag zusammenfasst?» – «Die Luft ist raus, ich will nach Hause.» (Der ist von seiner neuen Platte, toll aber trotzdem. Und wohl auch wahr, er hat nämlich gleich zu Anfang gesagt, dass er in vierzig Minuten wegmüsse, auf den 20.02-Uhr-Zug nach Basel. Er wohnt dort, seit zwanzig Jahren.)
«Stimmt es, dass du joggst?» – «Ja.» – «Das passt irgendwie nicht, ich finde, du bist eher der Typ, der sich im Rollstuhl auf die Terrasse schieben lässt.» – «Also ein Mannschaftssport, zum Beispiel Tennisspielen oder Volleyball, wo ich mit jemand anderem zu tun habe, das würde ich gar nicht wollen. Insofern finde ich schon, dass Joggen zu mir passt.» – «Liest du eigentlich Artikel über dich?» – «Du meinst, in so einer Phase wie jetzt?» – «Genau.» – «Normalerweise kriege ich das von der Presseagentur zugeschickt und lese das auch durch.» – «Jeder Journalist, der über dich schreibt, versucht ja ein Wortspiel mit ‹Dadada›. Tut das weh?» (Ich meine, jeder, der mich interviewt, fragt ja: «Bist du jetzt ein Star?», weil ich ein Buch geschrieben habe, das heisst «How to be a Star», und das fällt mir bereits auf die Nerven.) «Na, das gehört zum Beruf, ich sehe das ganz entspannt. Schwarzenegger hat mal gesagt, er schimpfe nie auf Journalisten, das sind diejenigen, die ihn zum Star gemacht haben.»
«Wahrscheinlich wird auch in deinem Nachruf ‹Dadada› drinstehen, und zwar mit einem Wortspiel.» – «Und vielleicht steht auf meinem Grabstein: ‹Dadada› liegt er.»
Stephan Remmler: «1,2,3,4». Sony BMG
Stephan Remmlers Lieblingsrestaurant:
Osteria Donati, Feldbergstrasse 1, Basel, Telefon 061 692 33 46













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