Nachruf

Nachruf

Joachim Fest (1926–2006), Historiker, Schriftsteller und Essayist: Seine Gelehrsamkeit hatte etwas Natürliches.

Von Roger Köppel

Wir trafen uns zum ersten Mal bei einem langen Gespräch über Bernd Eichingers Hitler-Film «Der Untergang» in seinem von Büchern überfüllten Prachthaus in der Nähe von Frankfurt. Joachim Fest wirkte wie einer der letzten echten Repräsentanten des bildungsbürgerlichen Deutschland, ein Grossfeuilletonist und intellektueller Grandseigneur, der sich mit unnachahmlicher Eleganz durch das Gespräch bewegte.

Seine Gelehrsamkeit hatte etwas Natürliches. Er sprach druckreif, ein melodiöses Deutsch mit ironischem Unterton. Wir unterhielten uns über die deutsche Tragödie, den Aufstieg Hitlers, die Ermordung der Juden und die Frage, ob ein Land mit so einer Geschichte jemals wieder zu sich selber finden könne. Fest blieb düster: Die besten deutschen, und das waren für ihn immer auch: die besten preussischen Traditionen seien Trümmer, unwiederbringlich zerstört, es habe keinen Sinn, sich danach zurückzusehnen. Am meisten schmerzte ihn, wie er sagte, der Verlust der deutsch-jüdischen Kultursymbiose, die er als Junge in Berlin noch miterlebte.

Es gibt in Deutschland keine wirklichen bürgerlichen Konservativen mehr, vielleicht war Fest einer der letzten. Sein Vater war katholischer Zentrumsabgeordneter in der Weimarer Republik. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er zur Untätigkeit verdammt. Das religiöse Milieu habe seine Familie davon abgehalten, die Partei der Nazis («ein schreckliches Kostümtheater») zu ergreifen, meinte Fest, der nichts hielt vom selbstgerechten Moralismus späterer Generationen. Ein Freund der 68er wurde er nie.

Als Historiker legte er vor allem zwei wegweisende Arbeiten vor. Das eine waren die Lebenserinnerungen von Hitlers Lieblingsminister Albert Speer. Fest wollte das Rätsel der Verführbarkeit entschlüsseln, seine Kritiker warfen ihm, zu Unrecht, ein Übermass an hermeneutischem Verstehenwollen vor. In seiner monumentalen Hitler-Biografie hat er nicht nur ein Standardwerk geliefert, sondern auch Geschichtsschreibung als erzählerische Kunst. Als Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen etablierte er das Feuilleton zum Industriestandard der Branche. Ohne Fest hätte der «Historikerstreit» nicht stattgefunden, eine der erbittertsten Intellektuellen-Debatten der Nachkriegszeit. Zuletzt trat er als Schriftsteller und Essayist hervor. Kurz vor seinem Tod erschienen seine Jugenderinnerungen «Ich nicht» in dem von seinem Sohn Alexander mit grossem Erfolg geführten Rowohlt-Verlag.

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