9/11

Glaubensbrüder

Wenn selbst ETH-Dozenten der offiziellen Version zu 9/11 misstrauen, muss doch was dran sein am Verdacht, dass etwas faul ist. Und tatsächlich: Da ist etwas faul.

Von Philipp Gut

Bereits wenige Stunden nach den Terrorattacken auf die New Yorker Twin Towers kursierte im Internet die Behauptung, die jüdischen Angestellten des World Trade Center seien am Tag der Anschläge zu Hause geblieben – als Mitwisser einer Verschwörung. Fünf Jahre danach scheint das Spinnen von Verschwörungstheorien sogar unter Akademikern salonfähig zu werden. Albert Stahel, der an der ETH und am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich lehrt, bezweifelt die «offizielle Version» über den 11. September. Sekundiert wird der Professor von seinem Mitarbeiter Daniele Ganser, der in verschiedenen Blättern, darunter Facts und der Tages-Anzeiger, eine Plattform für seine aberwitzigen Spekulationen bekam. Ganser steuerte auch ein Kapitel zum Buch «9/11 & American Empire» des Theologen David Ray Griffin bei, der zu den eifrigsten Aposteln des «9/11 Truth Movement» zählt. Dessen Ziel: die Revision der Erkenntnisse über den 11. September.

«Etwas stimmt nicht», behauptet Stahel und verweist auf den «9/11 Commission Report», der lückenhaft und zum Teil widersprüchlich sei. Bei dieser nachvollziehbaren kritischen Feststellung hält sich Stahel indes nicht lange auf. Mit schwerem Geschütz attackiert der Oberstleutnant aD die bisher bekannte Faktenlage. Erster Punkt: Der bekennende Urheber Osama Bin Laden sei «nicht der grosse Pate», der hinter den Anschlägen steckt. Der «Wohnort» des Qaida-Führers und die ihm zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel hätten dies gar nicht erlaubt. Zweiter Punkt: Stahel bestreitet, dass ein Passagierflugzeug ins Pentagon in Washington krachte. So ein «Einflug» sei «sehr schwierig zu bewerkstelligen», und schon gar nicht durch «Anfänger». Der dritte Punkt betrifft das World Trade Center 7, ein kleineres Gebäude neben den Twin Towers. Es ist Stunden nach den Zwillingstürmen eingestürzt, ohne direkte Einwirkung eines Flugkörpers. Für Stahel ein weiteres Indiz dafür, hinter die bisher ermittelten Tatsachen «ein Fragezeichen zu setzen».

Auf dem einen und anderen Auge blind
Was dies heisst, führt Stahels Adept Daniele Ganser aus. Der gelernte Historiker spricht von drei Theorien über den 11. September. «Erstens: Die USA wussten vom Angriff und haben ihn nicht verhindert. Zweitens: Die USA haben die Anschläge selber inszeniert. Und drittens die offizielle Version: Bin Laden hat angegriffen.» Ganser referiert nicht bloss, sondern er lenkt die Leser in eine bestimmte Richtung: Sie sollen die Fakten in Zweifel ziehen und an die Verwicklung der US-Regierung in den blutigsten Terroranschlag der Geschichte glauben. Den geistigen Verrenkungen, die man dazu vollführen muss, bereitet Ganser das Terrain, indem er sämtliche «Theorien» in einen Topf wirft. Das Faktum, dass die Anschläge von islamistischen Terroristen verübt wurden, bezeichnet er ebenfalls als «Verschwörungstheorie». Damit legitimiert er das, was er selber so gern tut: die realen Ereignisse auf den Kopf zu stellen. Ganser verwischt die Differenz zwischen gesichertem Wissen, offenen Fragen und den Ausgeburten der Fantasie gezielt. Unterstellungen von passionierten Verschwörungstheoretikern erhalten in seinen Artikeln den gleichen Aussagewert wie gesicherte Quellen.

Das Ziel dieser Operationen: Wir sollen glauben, dass hinter der wahrnehmbaren Wirklichkeit eine verborgene Wahrheit liege. Demnach hätten die USA die Anschläge von 9/11 selber inszeniert oder absichtlich zugelassen – um dann unter dem Vorwand des Kriegs gegen den Terror Zugang zu den Ölressourcen im Mittleren Osten zu erhalten. Tausende Landsleute ermorden, die Nation traumatisieren, New Yorker Wahrzeichen zerstören, das Verteidigungsministerium attackieren usw. – der ganze Terror soll eine Inszenierung der Bush-Regierung sein.

Um die Geschichte der Anschläge umzuschreiben, gehen die Verschwörungstheoretiker stets auf dieselbe Weise vor: Sie verbeissen sich in ein Detail, stellen eine wirkliche oder angebliche Ungereimtheit fest und schliessen daraus unter Ausblendung der übrigen Fakten auf das Ganze. Auch die drei angeblich fragwürdigen Punkte, die Professor Stahel ins Feld führt, gehören zum verschwörungstheoretischen Standardrepertoire. Beliebt ist beispielsweise die Frage, warum das Loch, das die Boeing 757 in die Fassade des Pentagons riss, zehn Meter kleiner war als die Flügelspannweite des Flugzeugs. Darauf folgen suggestive Anschlussfragen: War es gar nicht Flug AA 77, der ins Pentagon raste? Und wenn dies zweifelhaft ist, war es vielleicht eine Cruise-Missile? Mit der Realität braucht man sich dann nicht mehr abzugeben – dass etwa die Überreste der Besatzung und der Passagiere bis auf eine Person identifiziert wurden, übergehen die Verschwörungstheoretiker stillschweigend. Oder sie bestreiten sie sogar, wie Albert Stahel. «Sehen Sie, auch das müsste man überprüfen», pariert er den Hinweis auf die identifizierten Leichen. Mit dieser Tatsachenblindheit handelt sich der Verschwörungstheoretiker freilich nur ein nächstes, grösseres Problem ein: Er müsste erklären, wo die Besatzung, die Passagiere und Boeing des Flugs AA 77 geblieben sind.

Ein weiteres beliebtes Spekulationsobjekt der Geschichtsfantasten ist das World Trade Center 7. Sieben Stunden lang brannte es neben den Trümmern der Zwillingstürme, bis es innert acht Sekunden in sich zusammenfiel. Der Untersuchungsbericht der Katastrophenschutzbehörde Fema stellte 2002 fest, das Haus sei vor dem Zusammenbruch nur relativ leicht beschädigt gewesen. Im offiziellen Untersuchungsbericht wird es überhaupt nicht erwähnt, der Fokus war auf die Zwillingstürme gerichtet. Dies begünstigte Gerüchte. Konnte das Feuer das Gebäude wirklich zum Einsturz gebracht haben? Oder wurde es vielleicht gesprengt? Gegenwärtig untersucht das National Institute of Standards and Technology den Einsturz. Die Experten gehen davon aus, dass das Gebäude durch herabstürzende Trümmer von den Zwillingstürmen weit stärker beschädigt war als bisher angenommen, besonders an der Südfassade, aber auch an den oberen Stockwerken und an der Südwestecke. Dass es dann schliesslich zusammenkrachte, liege vor allem daran, dass einzelne Pfeiler eine ungewöhnlich hohe Last zu tragen hatten. Für das Institut gibt es keinen Anhaltspunkt für die Vermutung, Bomben, Raketen oder Sprengladungen seien für den Einsturz verantwortlich. Der Abschlussbericht soll Anfang 2007 vorliegen.

Fester Bestandteil der Populärkultur

Stahels Mitarbeiter Ganser räumt diesen Spekulationen ebenfalls breiten Raum ein. In einem Zeitungsartikel zitiert er den Schauspieler Charly Sheen, als ob der ein Fachmann wäre. Sheen sagt: «Es gibt ein Problem mit WTC 7. Und wenn es ein Problem mit WTC 7 gibt, dann gibt es ein Problem mit der ganzen 9/11-Geschichte.» Das ist erneut die Logik, mit der die Verschwörungstheoretiker operieren. In Umkehrung der Verhältnisse sehen sie sich als Kreuzritter auf einem Feldzug für die verborgene Wahrheit. Dem entspricht die Selbstbezeichnung der Szene als «9/11 Truth Movement». Dass die Geschichte der Verschwörungstheorien ein ganz anderes Bild zeigt, irritiert sie nicht.

Über geheime Absprachen mächtiger Bösewichte zu spekulieren, scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein. Auch und gerade in der aufgeklärten Neuzeit hatten Verschwörungstheorien Konjunktur, weil man nun die Ereignisse nicht mehr durch den unerforschlichen Ratschluss Gottes oder das Wirken seines Widersachers erklärt. Geblieben ist das Bedürfnis, die zufälligen und sinnlosen Geschehnisse unserer Welt auf verborgene Mächte zurückzuführen. Bevorzugte Projektionsflächen waren Aussenseiter wie die Jesuiten im elisabethanischen England (berühmt ist die sogenannte Papisten-Verschwörung) oder die Juden. Einen bis heute nachwirkenden Höhepunkt erreichten die antisemitischen Verschwörungstheorien Anfang des 20. Jahrhunderts mit den gefälschten «Protokollen der Weisen von Zion». Auch Adolf Hitler bezog sich auf ein «Weltjudentum», das die Geschicke des Planeten heimlich lenke. Bis heute verwendet die Hamas Teile des «Protokolls» für ihre Ideologie. Klassische antisemitische Versatzstücke werden in der muslimischen Welt mit den Verschwörungstheorien zum 11. September vermischt und im Kampf gegen «Zionismus» und «Imperialismus» verwendet.

Diese antiisraelischen Denkmuster sind indes kein Privileg der Araber. Andreas von Bülow, unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt Forschungsminister, behauptet in einem Buch, CIA-Agenten hätten die entführten Flugzeuge per Fernsteuerung unter Kontrolle gebracht und in die Zwillingstürme gelenkt. Gleichzeitig seien in den Gebäuden Bomben gezündet worden. Noch dreister ist Bülows Vermutung, dass auch der israelische Geheimdienst Mossad hinter den Anschlägen des 11. September stecken könnte. Das Ziel der ganzen Aktion war laut Bülow dasselbe, wie es auch Albert Stahel und Daniele Ganser unterstellen: «die Massen der westlichen Demokratien hinter die zur geopolitischen Landnahme entschlossenen politischen Eliten der USA zu zwingen».

Während in Europa die Verschwörungstheoretiker der Gegenwart meist von antiamerikanischen Motiven geleitet sind, gibt es in den USA seit den 50er Jahren eine verschwörungstheoretische Tradition, die sich gegen die eigene Regierung wendet. Gerüchte ranken sich um die Ermordung JFKs oder um die Mondlandungen. Die These von der «Mondlandungslüge» will glauben machen, die Amerikaner seien gar nicht auf dem Mond gewesen. Vielmehr hätten sie die Weltöffentlichkeit mit filmtechnischen Manipulationen getäuscht. So absurd solche Behauptungen anmuten – sie sind ein Massenphänomen. Eine Umfrage unter 1010 Amerikanern im August ergab, dass 36 Prozent es für wahrscheinlich halten, dass die eigene Regierung in die Attacken vom 11. September verstrickt sein könnte.

Solche Zahlen von der Basis bestärken die Verschwörungstheoretiker an unseren Hochschulen. Daniele Ganser sieht die «drei Theorien» in einem «offenen Diskurs», wobei die offizielle Version deutlich unglaubwürdiger wirke als noch 2001. Die verbreitete Anti-Bush-Stimmung hat dazu geführt, dass bekannte Akademiker zumindest Sympathie für das Verschwörungsgeschwurbel erkennen lassen. Philipp Sarasin, Zürcher Historiker und Autor eines Buchs über die Anthrax-Anschläge, meint, diese seien womöglich ein «Inside-Job» gewesen. Für den 11. September schliesst Sarasin einen ähnlichen Verdacht nicht aus: «Welche der drei 9/11-Theorien stimmt, muss durch Historiker weiter untersucht werden.» Damit hebt der Professor die grassierenden Verschwörungstheorien in den Rang ernstzunehmender Erkenntnisse. Gleich verfährt Albert Stahel. Die Amerikaner seien über 9/11 einseitig informiert worden, weil die Medien «in erster Linie die Surprise-Theorie auf allen Kanälen verbreitet» hätten. Surprise-Theorie nennen die Verschwörungstheoretiker die Tatsache, dass die USA von islamistischen Terroristen attackiert wurden. Laut Stahel dürfte diese Version des Geschehens weiter unter Druck geraten. Bereits «ein Haufen» Akademiker sei gleicher Meinung wie er.

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