Internet

Die neuen Dot-Commander

Sie heissen Kevin, Nicolas oder Lars, sind kaum 30 Jahre alt, und sie verdienen im Internet Multimillionen von Dollars. Die Jungs wissen, wie viel Tränen die New Economy gekostet hat – aber vor allem wissen sie: Wer eine Idee besser ist, dem gehört das Netz. Immer noch und schon wieder.

Von Ralph Pöhner

Wenn ein Mann eine halbe Million Menschen dazu bringt, gratis für ihn zu arbeiten – sieht er dann so harmlos aus? Ein Dauerlächeln auf den Lippen, ein paar Strähnen in der Stirn, fast ständig eine Tasse Tee in der Hand, wirkt Kevin Rose wie der nette Kerl von der Kinokasse. Doch er ist der Chief Executive Officer, der Gründer und der Hauptaktionär eines Unternehmens, dessen Wert momentan auf 200 Millionen Dollar geschätzt wird. Dank Gratisarbeit.

Vor nur drei Jahren hatte Kevin Rose kein Geld, dafür eine Idee: Lasst die Massen Medien machen. Er wollte die Nachrichtenvermittlung umkrempeln, indem er es den anonymen, vereinzelten Menschen überliess, spannende Meldungen irgendwo im Internet auszugraben und diese Meldungen dann auf seiner Website zu präsentieren. Kevin Rose dachte sich einfach einen Stammtisch aus, bei dem jeder mitreden soll über die grossen oder bunten Stoffe dieser Welt.

Er kratzte seine Ersparnisse zusammen und engagierte einen Programmierer, der ihm eine Website aufbaute, Stundenlohn 12 Dollar. Für 1200 Dollar erwarb er die Adresse Digg.com und startete sein Projekt im Dezember 2004. Was bei Digg zu lesen ist, bestimmen jetzt die Nutzer, was zuoberst steht, entscheiden sie ebenfalls: Durch Positiv-Clicks, «diggs» genannt, darf jeder die Gewichtung beeinflussen. Inzwischen liefern 500000 Informations-Heinzelmännchen Stoffe zu, gratis.

Der Ersatzteilkatalog funktioniert
Die anonymen Amateure sehen die Welt natürlich anders als ein paar Profis. So vermeldet USA Today in der Online-Ausgabe vom Dienstag früh zuoberst den Angriff auf die US-Botschaft in Damaskus. Die New York Times ebenfalls. CNN und BBC ebenfalls. Bei Digg dito – ganz kurz. Dann steht zuoberst, welche neuen Modelle Supermarken wie Lamborghini und Bentley nächstes Jahr bieten. Just dieses Gegenprogramm macht Kevin Rose, 29 Jahre jung, zum ernsthaften Faktor im Nachrichtengeschäft: Digg zählt heute zu den hundert bestgenutzten Websites der Welt, und im Heimmarkt USA liegt sie auf Rang 23, knapp hinter der Online-Ausgabe der New York Times, aber klar vor Washington Post, CBS und Fox News. Dies, obwohl die Seite etwa so spröde aussieht wie ein Ersatzteilkatalog.

Warum das funktioniert? «Wenn man früher auf eine interessante Geschichte stiess, schickte man den Link ein paar Freunden per Mail: Hast du gesehen?», sagt Rose. «Jetzt setzt man sie auf Digg. Da hat man mehr Publikum.» Hast du gesehen? Der Drogenkonsum bei Alten steigt drastisch. Das Transkript des NBC-Interviews von Dick Cheney. Die besten Tricks im Umgang mit dem Pizzakurier («Zahl genügend Trinkgeld, dann läuft der Käse das nächste Mal nicht über die Kante»). Was schliesslich ein Digg-Freund toppt, indem er – exklusiv! – die Handyfotos zu einer älteren Agenturmeldung aus Los Angeles verlinkt: Blaufahrerin Paris Hilton wird in Handschellen abgeführt.

Das Sammelsurium findet dermassen Publikum, dass Kevin Rose zum Sonnyboy des Internetbooms 2006 aufgestiegen ist. Er ist gefragter Referent an Fachtagungen, Held einschlägiger Web-Chats, und letzten Monat setzte ihn selbst die eher grossindustriell ausgerichtete Business Week aufs Titelblatt. Mit Kevin Rose meldet sich eine umschwärmte Figur zurück: das Internet-Kid. Der Dotcom-Unternehmer. Der etwas weltfremde, originelle Kerl mit Ideen, die (vielleicht) die Welt verändern, und in den man deshalb (sicherheitshalber) ein paar Millionen investiert. Fast wäre dieser Typ in der Versenkung verschwunden: Im Frühjahr 2000 platzte die Dotcom-Blase, hundertfach gingen Firmen bankrott, tausendfach verschwanden Websites, und für neue Wagnisse gab es vorerst kein Kapital: Viel zu riskant! Nur heisse Luft.

Doch nun, ein halbes Jahrzehnt nach einer der grössten Wertvernichtungen der Geschichte, ist das Debakel vergessen. Internet-Start-ups sind die hellste Hoffnung des Jahres 2006, und im Silicon Valley veranstalten Investmentfirmen Hip-Hop-Partys, um geeignete Zukunftsprojekte aufzuspüren. Unterm Schlagwort «Web 2.0» tun Investoren, IT-Unternehmen und Medienhäuser, als ob die Sache ein zweites Mal erfunden würde: Neustart. So dass wieder atemberaubende Summen in Firmen fliessen, deren Name irgendwie nach Babynahrung klingt: Bebo, Flickr, Jajah, Jamba, Xanga, Yelp.

900 Millionen Dollar bezahlt Google, um drei Jahre und neun Monate lang auf der Kontaktbörse MySpace zu erscheinen. 600 Millionen Dollar investiert NBC ins Frauenportal iVillage. 475 Millionen Dollar zahlt Yahoo für die Preisvergleichsmaschine Kelkoo, gegründet vom in Genf angesiedelten Tüftler Pierre Chappaz. 208 Millionen legte der britische TV-Konzern ITV für die Site Friends Reunited hin. Und so weiter.

Also bald auch 60 Millionen für Kevin Rose? Etwa so viel wäre sein Anteil an Digg heute wert. «Nein», sagt er in seinem Büro in San Francisco. «Ich habe keine 60 Millionen, und wir verkaufen nicht.» Käufer stehen zwar Schlange, AOL und Yahoo wurden als Interessenten gehandelt, aber eben: «Ums Geld ging es mir nie», sagt der Sohn eines Steuerberaters aus Las Vegas. Seelenruhige Aussprache, schlappe Shirts, weiche Turnschuhe: Rose sieht sich eher als Vorsteher einer Gemeinschaft denn als Firmenboss. Mit Werbebannern könnte er Millionen verdienen, denn das Millionenpublikum von Digg ist der Traum jedes Marketingmanagers: scharf erfassbar, zwanzig bis dreissig Jahre alt, männlich, technikaffin, gebildet, weltoffen.

Aus Nutzern werden Macher
Aber Rose setzt der Werbung enge Grenzen: Diggs Ersatzteillagercharme soll bleiben, und «credibility», Glaubwürdigkeit, ist ein hoher Wert in dieser Szene. Was für ihn selbst bedeutet: viel Arbeit, Pizza vom «delivery service» und ein alter VW Golf als Cheflimousine. 16 Angestellte beschäftigt seine Firma derzeit, viel mehr sollen es nicht werden, selbst mit der geplanten deutschen Ausgabe nicht. «Vielleicht zwanzig Leute», sagt Rose. «Das reicht.»

Es reicht. Personal ist ein zweitrangiger Faktor in der Neo-New-Economy des Jahres 2006. Was momentan zählt, sind die Leute, die gratis mitmachen: die «Digger» im Fall von Kevins Massenmedium; die «Wikipedians» beim wundersam wachsenden Mitmachlexikon; die Abermillionen, die ihre Fotografien auf der Bilderbörse Flickr breitschlagen. Was zählt (und zwar buchstäblich), sind die Personen, die bislang «user» hiessen, «Nutzer», und nun zu Machern geworden sind. Und die nebenbei ein paar Binsenwahrheiten erschüttert haben, zum Beispiel dass der Mensch kaum für Gotteslohn arbeitet (oder falls doch, dann schlecht).

Hast du gesehen? Sehr, sehr sichtbar wird momentan der menschliche Drang, sich via Webcam öffentlich auszuziehen und via Tastatur mitzureden, weltweit. 106 Millionen Schau-Lustige haben die Austauschbörse MySpace innert 37 Monaten aus dem Nichts in einen Mediengiganten verwandelt, täglich kommen 230000 hinzu – mehr Menschen, als in Basel wohnen. Jeder bastelt sich eine Seite und hofft, dass andere ihn hier besuchen: Elmar aus Luzern präsentiert sich in Schwarzweissfotos. Andi aus Sankt Gallen liebt Stockholm und nennt einen anderen Andi seinen Freund. Roger Federer erzählt, dass er gern Björn Borg treffen möchte, und eine Suzy aus Genf gratuliert ihm zum Gewinn des US-Open. Valentina aus Locarno spielt allen eine kleine Rockballade vor. MySpace ist das Spinnennetz, auf dem Fremde Fremde aufsuchen und Freunde neue Freunde reinholen: Die Gemeinde wächst von selbst. Es gibt maskierte Menschen, oft auch exhibitionistische. Junge Menschen, zunehmend auch ältere (bereits ist die Hälfte der Mitglieder über 35). Und ausserdem: Arnold Schwarzenegger und die US-Marines. Procter & Gamble, Gordon Brown, Lauriane Gilliéron, Gotthard und überhaupt fast jede Popband der westlichen Welt.

Wer will, nennt das einen Marktplatz der Eitelkeiten, im Fachjargon spricht man lieber von «user-generated content» – von Inhalt, den die Konsumenten selber liefern. Diese Ware hat momentan eine der steilsten Wachstumsraten der Weltwirtschaft. Vor einem Jahr bezahlte der Medienkonzern News Corp. zwei jungen Tüftlern 580 Millionen Dollar für die Marke MySpace – heute könnte er gegen zwei Milliarden dafür kriegen. Massenhaft fliesst Geld in Firmen, die nichts anderes tun, als Menschen zusammenzuführen (sprich: «connecten») – ob telefonisch (Skype) oder kommerziell (Ebay), ob zum Austausch von Spielen (King.com), Fotos (Flickr), Videos (Youtube), DVDs (Hitflip) oder Sex (diverse).

Kann es also sein, dass Internetbastler wie Kevin Rose doch noch die Welt umkrempeln? Jetzt aber richtig? «Ich weiss nicht.» Rose denkt einen Augenblick nach. «Ich weiss nur, dass wir diesmal nicht einfach in einer Blase sind. Du kannst überleben: Wenn du stets ein offenes Ohr hast zu hören, was die Community will.»

Klingt nach Randgruppe?
Was die Gemeinschaft will. Auch Nicolas Dengler, 33, fragt sich das die ganze Zeit. Und auch er verführt seine Nutzer zur Mitarbeit. Nicolas Dengler aus Lausanne ist der Mann, der Ordnung schafft im explodierenden Chaos der Blogs und Chats und Selbstdarstellungs-Schaufenster. Im Schoss der Swisscom hat er einen Dienst namens Cocomment aufgebaut – und dieser wurde soeben vom amerikanischen Börsenkanal CNN Money unter die «world’s hottest startups» gereiht, unter die 23 schärfsten Jungfirmen der Branche. Seine Idee fand der ernsthafte Mann in der Freizeit: Er diskutiert gern in Blogs, kommentiert gelegentlich in Foren, stellt mal Fragen in einem Chat. Dabei machte er die übliche Erfahrung: Man verliert den Überblick. Debatten verselbständigen sich, eigene Ideen werden woanders weitergesponnen, und kommt mal eine Antwort auf eine Frage, ist der Fragende längst weg. «Wir treffen auf ein Bedürfnis», sagt Dengler, wenn man sich erkundigt, weshalb just seine Site gross herauskommen soll. «Das Internet hat auf so etwas gewartet.»

Leise Stimme, klarer Blick, Stoppelbart: Nicolas Dengler sitzt in einem Café von Lausannes Künstlerviertel Flon und erklärt seine neue weite Welt. «Uns gibt es schon auf Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch. In Japan adaptieren wir Cocomment komplett für den asiatischen Markt.» Wer aktiv bloggt oder diggt oder sonst wie mitredet, kann bei Cocomment eine Homepage einrichten. Dort läuft dann alles automatisch zusammen: die eigenen Kommentare und die Reaktionen darauf – selbst Wochen später. «Du wirst weiter informiert, wenn jemand etwas beiträgt.» Klingt komplex? Tönt nach Randgruppe? Eher schon belegt Cocomment eine weitere Zauberformel der New Economy: Die Welt ist gross, und Randgruppen sind riesig. 35 Millionen aktive Blogs gibt es heute, Tendenz steil steigend, und diese Blogs verschaffen Dengler Kundschaft; hinzu kommen die Abermillionen, die auf MySpace und Ähnlichem plaudern. So dass das Projekt des welschen Nobody bereits heute, ein halbes Jahr nach dem Start, siebzigmal mehr Verkehr einfährt als – zum Beispiel – die Medienmarke Weltwoche.

Jeder ist ein Manipulateur
Mit seiner Dynamik beflügelt das Mitmach-Web jetzt wieder allerhand Wendezeitvisionen, ganz so, als ob das Millennium erst bevorstünde. Da ist die Rede von der «Macht der kollektiven Intelligenz», der «Weisheit der vielen», vom «Empowerment der Massen». Und manch einer ahnt sogar, dass jenes Web 2.0 unsere Kommunikation krasser verändern wird als alles, seit Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand. So Rupert Murdoch, 75, Zeitungszar und Fernsehfürst: «Um Vergleichbares zu finden, muss man 500 Jahre zurückgehen, zur Geburt der Massenmedien», sagte er dem Fachmagazin Wired. Denn erneut entreisse die Technik der Elite viel Macht. «Nun ist es das Volk, das die Kontrolle übernimmt», befand der Grossunternehmer in radikaldemokratischem Tonfall. Überhaupt leben in diesem «Zeitalter der Partizipation» (The Economist) jahrzehntealte Gesellschaftsträume wieder auf, zeitgemäss verpackt. Wie forderte etwa Hans Magnus Enzensberger in seiner Medientheorie von 1970? Ein revolutionärer Entwurf müsse «nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen».

Genau daran arbeitet Kevin Rose in Kalifornien. Genau daran arbeitet Nicolas Dengler in der Romandie.

«Ich glaube ziemlich daran», sagt Nicolas Dengler, wenn man ihn nach der Wucht seines Mediums fragt. Er redet sachte, was typisch ist, denn luftige Bubblesprüche sind kaum noch à la mode unter den jungen Web-Tüftlern. «Liefert heute ein Unternehmen ein schlechtes Produkt, wird es in den Blogs attackiert, das breitet sich aus, und die Firma muss reagieren.» Dengler, gelernter Architekt, dann Programmierer, ist hauptberuflich eine Art Ideengenerator bei der Swisscom-Forschung. Im Mai letzten Jahres legte er die Idee für Cocomment seinem Arbeitgeber vor: Konzept, grober Geschäftsplan, Etappen. Er bekam ein Budget, denn die Swisscom suchte ihrerseits Erfahrung in diesem rätselhaften Web 2.0, wollte Grundlagenforschung betreiben statt bloss auf Expertenpapiere zu bauen. Ergo arbeitet Nicolas Dengler nun während der Arbeitszeit, häufig auch davor und danach, als Dotcom-Vater. Und für sein «Kind» sind inzwischen Übernahmeofferten aus Tokio und dem Silicon Valley eingetrudelt.

Der Schritt der Swisscom illustriert, wie das Mitmachprinzip in die traditionelle Wirtschaft sickert. Man kennt es von den Open-Source-Entwicklungen bei der Software – jetzt breitet sich das Muster aus: Lieber zehntausend Amateure als zehn Angestellte. Microsoft hat soeben eine Site gegründet, über die jeder Games für die Spielkonsole Xbox entwickeln und weiterentwickeln kann. Bei IBM endet diese Woche ein Riesen-Brainstorming: Dabei verspricht IBM-Chef Samuel J. Palmisano 100 Millionen Dollar für gute Ideen – und 100000 Menschen sollen dafür Vorschläge via Internet einreichen. Oder der amerikanische Pharmakonzern Eli Lilly hat eine Site gebaut, über die Wissenschaftler rund um den Globus Chemie- und Biologieforschung betreiben. Hat ein Unternehmen eine Entwicklungsaufgabe, schreibt es sie hier aus, und rund 95000 eingeschriebene Forscher denken darüber nach. Inzwischen bitten hier auch Ciba und Boeing, Nestlé und Novartis um die Mitarbeit anonymer WWW-Wissenschaftler. Die Kosten solcher Onlineresultate – meldet Eli Lilly – liegen bei einem Sechstel vergleichbarer Ergebnisse aus der F&E-Abteilung.

«Doch, wir sind in einer Blase»
Do it yourself. An der Spitze dieses Booms stehen junge Männer (fast nie Frauen), die sich nicht erschüttern liessen durch Blase und Börsencrash: Sie machten einfach weiter. Kevin Rose arbeitete vor dem Crash als Trendnase für eine Risikokapitalfirma und danach fürs Internetfernsehen. Nicolas Dengler wechselte Ende der neunziger Jahre ins Fach: «Ich hatte erkannt, dass man im Web viel einfacher kreativ sein kann als in der Architektur.» Oder in Hamburg avancierte jetzt ein junger Mann zum weltweit beachteten Entrepreneur, weil er einfach dort weiterging, wo er hingefallen war.

Er heisst Lars Hinrichs und ist 29 Jahre alt. «Man muss mit offenen Gedanken durch die Welt gehen», sagt er auf die Frage, wie man eine millionenschwere Web-Idee entdeckt. Er sagt aber auch: «Doch, wir sind in einer Blase, ganz klar. Hundertprozentig.» Hinrichs ist beides, Hoffnungsträger und gebranntes Kind. Er hat bereits allerhand virtuelle Unternehmen gestartet, mit 21 baute er eine Internetplattform für politische Themen auf, dann gründete er mit einem Bekannten eine Ideen- und Beratungsfirma für Neue Medien – und ging damit 2001 konkurs. Er dachte nach und machte weiter, im August 2003 legte Hinrichs das nächste Projekt auf, OpenBC. «Da war das Internet alles andere als cool», erzählt er, «man zeigte mir den Vogel.»

Der Vogel galt einer Geschäftsidee, die jetzt bei einem Börsengang zwischen 100 und 200 Millionen Dollar einfahren würde. OpenBC ist eine Art Rotary Club im Web. Man kann sich gratis einschreiben, man zeigt, wo man steht und was man bietet; man schreibt aus, wofür man sich beruflich interessiert. Wer einen Referenten für ein Finanzseminar in Luxemburg oder einen Marketingmann in Chongqing benötigt, stöbert in Hinrichs’ Onlineverein nach Menschen, die exakt dies zu bieten haben. Im Pool befinden sich 1,6 Millionen Mitglieder (davon 60000 in der Schweiz), und bis in vier Jahren sollen 10 Millionen hier mit Vitamin B handeln, in mehreren Sprachen, von Deutsch bis Mandarin. Der Clou: Wer über OpenBC einen Kontakt ansprechen will, muss Mitglied sein, was man zu bescheidenen 5.95 Euro pro Monat wird. Rechne.

New Economy heisst eben auch: Kleine Summe mal viele Menschen ergibt grosse Summe. Und jede Person auf dem Globus kennt jede andere Person über sechs Ecken.

Dass sich also einer noch via Militär, Zunft, Kiwanis Club oder Jungmanager-Lounge verfilzen will, wirkt da leicht antiquiert. «Für mich war immer klar», sagt Lars Hinrichs, «dass das Internet Grundlegendes verändern wird.» Die «Vernetzung» zum Beispiel war in den neunziger Jahren meist nur hohle Floskel, ein Schlagwort, mehr nicht – nun wird die Sache konkret. In den Internetforen hat man es nicht mehr mit Maskierten zu tun, die sich als «Megamurmeli» und «CurtKobain» tarnen, sondern jetzt stellt sich eine Generation vor, die den digitalen Austausch ernst meint, Foto inklusive. Ich, Projektmanager, suche Berater für Biochemie, eigene Hobbys: Film, Freunde willkommen.

Auf den Suchmaschinen wird im Jahr 2006 denn auch nicht mehr primär nach Sex gefahndet, nein: Häufiger sind seit kurzem die Business- und E-Commerce-Anfragen.

Tiefe Kosten und mehr Hoffnung
Auf der andren Seite kostet der Start einer Website inzwischen erheblich weniger als zur Online-Steinzeit. Es gibt Standardprogramme, die Rechenleistung ist billiger, Basteltools stehen gratis im Internet. «Mit geringem Investment lässt sich heute etwas aufbauen, was vor einigen Jahren noch Millionen kostete», sagt Peter Schüpbach, preisgekrönter Business Angel aus dem Bernbiet und Investor bei mehreren Web-2.0-Projekten. «Andrerseits schafft der Netzwerkmechanismus enorme Hebelwirkung.» Eindrückliches Beispiel: Wikipedia, das Lexikon mit über fünf Millionen Einträgen, beschäftigt derzeit Gründer Jimmy Wales, zwei Angestellte, gelegentlich ein paar Aushilfskräfte – fertig. Den Rest besorgt der erwähnte Netzwerkeffekt.

Tiefere Kosten treffen also auf mehr Hoffnung. Denn hinzu kommen: deutlich mehr aktive Nutzer, weil der Breitbandanschluss normal geworden ist. Deutlich mehr Werbeeinnahmen, weil die Wirtschaft erkennt, wie messerscharf sie Zielgruppen übers Web ansteuern kann. Wer sich aus der Schweiz via Digg über die Tricks der Pizzakuriere informiert, kriegt ein Popup-Fenster – mit Werbung für einen Pizzadienst in Zürich.

In der günstigen Mitmachwelt schiessen daher wieder eifrig Garagenfirmen ins Kraut – die Site Web2list zählt gegen 900 einschlägige Unternehmen auf: Geschäftsideen, Subideen und Subsubideen der menschelnden Neo-Kommunikation. Angesichts solcher Auswahl klingt Lars Hinrichs in Hamburg wie ein Untergangsprophet, wenn er sagt: «Eine Konsolidierung ist so sicher wie das Amen in der Kirche.»

Denn tatsächlich bleibt auch im Web-Boom 2006 wieder vieles ziemlich ungefähr. Wieder sind Umsatz und Gewinn zweitrangige Faktoren bei der Firmenbewertung. Wieder werden Unternehmen rein nach der Chance beurteilt, sie dereinst noch teurer weiterzuverkaufen. Irgendwann, wenn der Netzwerksog zu wirken beginnt, werden selbst grosse (und derzeit teuer gehandelte) Marken erdrückt. Denn Darwinismus herrscht auch in Fantasialand. Die pastellfarbenen Visionen von der «Weisheit der vielen» und der «Herrschaft der Amateure» – sie sind das eine. Das andere: Der Netzwerkeffekt ist eine Macht mit rohen Regeln, zum Beispiel: Wer grösser ist, gewinnt fast immer. Wer zuerst startet, wird kaum noch eingeholt. Wer mehr Nutzer hat, zieht noch mehr Nutzer an. Und das Geld fliesst am liebsten zu den Starken: The winner takes it all. Das Phänomen gehört seit je zur Branche von Google, Yahoo und Ebay (wie Altavista, Napster oder Etoys zu spüren bekamen).

Es droht also der nächste grosse Crash, die Frage ist nur: Na und? Brian Arthur, ein amerikanischer Ökonom, verweist auf die Geschichte, und die zeigt: Ein dramatischer Rhythmus von Aufstieg und Knall ist kein Schwächezeichen, sondern normal für eine Zukunftsindustrie – oft erlebt. Zum Beispiel beim Eisenbahnbau Mitte des 19.Jahrhunderts. Bei der Einführung der Elektrizität im späten 19.Jahrhundert. Bei der Geburt des Automobils im frühen 20.Jahrhundert. «Es ist klar, dass die Internetblase nicht das Ende war, sondern das Ende des Anfangs», folgert denn auch Paul Saffo, Trendforscher an der Stanford University wie beim kalifornischen Institute for the Future. «Die Blase war nur ein Rumpeln auf der Strasse zur Revolution.»

Gemeint ist die Revolution der Blogs und Wikis und Diggs und Podcasts. Dass jeden Tag 75000 neue Blogs aufgestartet werden, bedeutet auch: Da wuchert ein Ökosystem, das keine platzende Blase mehr hinwegfegen kann. Die Nutzer haben geschaut, gelernt, millionenfach. Sie haben kapiert und kopiert. Jetzt machen sie die Sache selbst.


Die Sites der Dot-Commanders:

www.digg.com
www.cocomment.com
www.openbc.com

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