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Der Styler

Jan Delay macht gute Musik und ist wohl auch cool. Aber dass dieses Interview peinlich rüberkommt, sagt er selber.

Von Mark van Huisseling

«Du gibst ein Interview vor dem Auftritt, ist man da nicht angespannt?» – «Nein, kein Problem, zumal das ja noch sehr lange hin ist. (Es ist 17.00 Uhr, er spielt um 22.30 Uhr.) Ich habe eher keinen Bock nach dem Auftritt, da will ich ein bisschen feiern.» – «Ich frage, weil ich Jimmy Cliff getroffen habe und der Interviews nur nach dem Konzert gibt.» – «Ja, jedem Tierchen sein Pläsierchen. Und für mich bitte noch drei Bierchen. Den könnte ich an Fettes Brot verkaufen.» (Drei Rapper aus Hamburg, wo er auch herkommt.) «Wie viel kostet so ein Reim?» – «Weiss ich nicht, das ist ja schon eine hookline, die ist teuer.» (Textzeile, die den Wiedererkennungswert eines Stücks ausmacht.) «Einen vierstelligen Eurobetrag?» – «Ähm, ja. Die Zeile ist auch catchy, weil sie aufbaut auf einer Redewendung, das verdoppelt den Betrag. Und dann noch aktualisiert mit den Bierchen und zugänglich gemacht für die Unterschicht.» Wir sitzen im Wagen eines Mitarbeiters der Plattenfirma und verlassen Winterthur, wo später sein Konzert stattfinden wird. Jan Delay, der eigentlich Jan Eissfeldt heisst, hat zuvor noch eine Verabredung bei Radio Energy in Zürich. Er scheint ein wenig genervt. Ich vermute, ich entspreche seinen Erwartungen nicht, ich meine, ich bin ein Mann, 41, habe einen Anzug an... (Er entspricht meinen Erwartungen auch nicht, nebenbei: Er behält zwar seine Mütze und die Sonnenbrille auf im Wagen, aber er legt den Sicherheitsgurt an – im Fond eines Passats.) «In der Neuen Zürcher Zeitung, der schlauesten Zeitung der Schweiz und so was wie die Frankfurter Allgemeine...» – «Du willst jetzt aber nicht sagen, dass die Frankfurter Allgemeine die schlaueste Zeitung von Deutschland ist?» – «Siehst du’s nicht so?» – «Keine Ahnung, ich lese die ja nicht, das ist so eine Lehrerzeitung. Eigentlich lese ich sowieso nur Mopo.» – «Hamburger Morgenpost?» – «Ja, viel Bild und wenig Wort.» – «Und die Bild-Zeitung, oder?» – «Nein, die ist schlecht, nicht vertretbar, aus religiösen Gründen.» – «Also, in der schlauesten Zeitung der Schweiz stand, du zählst zu den schlauesten Musikern Deutschlands.» – «Das will ich gar nicht sein, ich will die geilste Tanzplatte Deutschlands gemacht haben.»

«Du wirst als ‹Chefstyler› beschrieben, was ist das eigentlich?» – «Wie ‹was ist das eigentlich›?» – «Was darf ich mir darunter vorstellen? Einen, der Style hat in Äusserlichkeiten oder in der Musik oder was?» – «Alles, Chef bedeutet das alles, Superstyler eben. Das mit dem Style ist mir wichtig, ich finde, es setzt sich alles daraus zusammen, Politik, Musik, Sport, alles.» (Er spricht durch die Nase, seine Stimme klingt fast wie ab Platte; sein bisher bestverkauftes Stück war eine Reggaeversion von Nenas «Irgendwie, irgendwo, irgendwann».) «Reden wir von Style im Sinn von Haltung?» – «Auch, im Sinn von alles.» (Wer zählt sonst wohl noch zu den schlauesten Musikern Deutschlands, Sarah Connor?) «Die Leute, zu denen ich aufschaue, haben einiges auf dem Kasten, was Style angeht, weil sie sich mit den Ursprüngen auseinandersetzen. Aber das Ding ist, wenn das Wort Style auftaucht, kommt das peinlich rüber, auch jetzt in dem Interview, das ist schon wieder unstylish.» – «Zu wem schaust du auf?» – «Oliver Geissen.» (Ein deutscher Fernsehmoderator. Ich weiss nicht, ob der bekannt genug ist in der Schweiz, damit das lustig ist.) «Und Dr. Dre, er ist das Vaterunser auf zwei Beinen.» (Ein amerikanischer Rapper.)

«Stehst du gerade?»
«In einem Interview hast du gesagt, du möchtest auf keinen Fall zum Berufsjugendlichen werden.» – «Kann gut sein.» – «Wie verhindert man das?» – «Indem man ’ne Platte macht wie ‹Mercedes Dance›, die ist schon ganz normal das Alter, das ich habe.» (Er ist dreissig, und der Musikkritiker der Weltwoche schrieb: «Deutschlands heimlicher Weltstar musiziert sich verdammt cool durch die Stile.») «Das war jetzt zur Musik, aber wie verhinderst du, dass du kein Berufsjugendlicher wirst im Leben?» – «Was ich hoffe mit dieser Platte: dass die Kids drauf flashen.» (Er will nur über seine Platte reden, das ist auch in Ordnung. Und ich weiss nicht, was das heisst, wenn die Kids auf was flashen, aber ich glaube, ich habe trotzdem eine Antwort auf meine Frage.)

«Hoffentlich regnet es heute nicht.» (Das kam von ihm, er tritt im Freien auf später.) «Stehst du gerade?» (Das ging an den Mann von der Plattenfirma; wir sind im stockenden Verkehr auf dem Neumühlequai in Zürich.) «Ich muss mal auf Holz klopfen.» (Er steigt aus, fasst einen Baum an, nimmt wieder Platz und legt den Sicherheitsgurt an.) «Da vorne in dem Pornokino gab’s mal den geilen Film ‹Das Sommerloch›.»


Jan Delay: Mercedes Dance. Universal

Jan Delay live: 27. September, Schüür, Luzern; 28. September, Kofmehl, Solothurn

Jan Delays Lieblingsrestaurant:
Thai-Haus, Händelstrasse 28, Köln, Telefon +49 221 24 55 04

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