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30.08.2006, Ausgabe 35/06

Pop

Die Antwort

Wer, bitte, kann die korrupte, geizige, onanistische westliche Kultur erlösen? Regina Spektor.

Von Albert Kuhn

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«What the fuck am I doing on a fucking wall in New York City?», quietscht eine Dame im ellbogenfreien kleinen Taubenblauen. Sie marschiert mit einem englischen Journalisten durch New York und sieht ihr allererstes eigenes Plakat an einer Mauer. Gleich neben ihr eine Bierreklame mit Marilyn Monroe.

Es gibt Leute, die kommen als verregnete Maus in eine Stadt und sind innert Tagen bekannt. Die finden innert Kürze die Leute, die ihnen guttun und nützen. Spektors Familie zog 1989 – dank Gorbatschow und Perestroika – nach New York, durfte aber dort nichts Russisches einführen, weshalb das überaus geliebte Familienklavier noch in Moskau verkauft werden musste. In New York spielte Klein Regina auf dem verstimmten Piano der Synagoge und klopfte auch sonst alles ab, was Töne hergab: Fenstersimse, Kartons, Konfitürengläser.

In der New Yorker Subway lernte Vater Spektor einen Violinisten kennen, die Familien besuchten sich, die Dame des Hauses, Sonja Vargas, war Pianoprofessorin. Regina fragte vorlaut, ob sie Klavierunterricht bekommen könne. Aber sicher, sagte Sonja. Die Japaner sagen: Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Lehrer. «Wenn man wirklich bereit ist, passiert’s auch. Ich begann Songs zu schreiben, jemand hörte mich und offerierte mir einen Auftritt. Ich dachte, wenn schon, dann viele Konzerte.» Das war die Kurzfassung.

Der Weg führte über einen Musikkurs in Israel. Da war Pianospielen für Regina immer noch: sich hinsetzen und Bach, Mozart oder Chopin spielen. Improvisieren fand sie unernst, tat’s aber doch zuweilen. Jemand sagte: Das klingt wie Joni Mitchell. Andere verglichen ihre Improvisationen mit Tori Amos, mit Björk, mit PJ Harvey. Regina sagte immer: «Wer ist das denn, bitte?» Es musste ihr beigebracht werden, dass es Songwriterinnen gibt. Als sie das kapiert hatte, ging’s schneller.

Die Spektor kam zurück nach New York, arbeitete tagsüber als Sekretärin in einer Klinik und verbrachte die Nächte vor allem auf Open-Mic-Night-Veranstaltungen der Stadt. Bald hatte sie einen gewissen Ruf in den Bars der New Yorker Antifolk-Szene (Fez, Tonic, Living Room, Knitting Factory), vergleichbar mit der Zeit nach 1960, als Bob Dylan nach New York kam. Ihr Stil war erst jazzig, bewegte sich dann in Richtung von skurrilem Pianofolk mit eher harschen und dunklen Themen. Sie spielte Klavier mit der linken Hand, schlug rechts mit einem Drumstick auf einen Stuhl und sang. An ihr war alles unverblümt, es gab keine Angst vor Lächerlichkeiten. Einer ihrer Fans war Alan Bezozi, Ex-Drummer von They Might Be Giants, er hätte die Spektor gern produziert. Dann erwähnte er einen Freund, Gordon Raphael, der sei Produzent der Strokes. Und Regina Spektor: «Wer sind die denn, bitte?»

Wir stehen nicht in der Bibel

Gordon Raphael spielte ihr Album «Soviet Kitsch» Julian Casablancas vor. Von diesem Debüt mit einfachen Wohnzimmer-Aufnahmen rann das reine Talent in dickem Strahl aus den Boxen. The Strokes offerierten Regina Spektor das Vorprogramm ihrer Tournee. Bald sang sie auch auf einem Strokes-Song mit: «Postmodern Girls & Old-Fashioned Men», die B-Seite der Single «Reptilia». Im Vorprogramm von Kings Of Leon kam sie nach Europa, und schliesslich produzierte Gordpon Raphael ihr neues Album «Begin To Hope».

Etwa «Lady», wo man wetten möchte, das sei ein Stück von Billie Holiday. «Lady sings the blues so well, as if she mean it.» Mit dem rührenden Refrainsatz: «Little wet tears on his shoulders.» Die Russin spielt hier eine US-Legende, und es funktioniert. Oder «Samson», Song drei. Ein Piano, Streicher, eine Stimme. Samson. Er sei ihre süsseste Sünde gewesen, ihn hätte sie zuerst geliebt. «Your hair was long when we first met», singt sie, die Worte «long» und «met» in ganz hoher Tonlage. Und dann schnitt sie ihm die Haare, im gelben Licht, er war zufrieden. «He told me that I done alright, kissed me til the morning light.» Er ass ein Stück Brot und kam wieder ins Bett. Die Aussenwelt, meint sie, leicht beleidigt, habe sowieso nicht begriffen: «The history books forgot about us, the bible didn’t mention us.»

Wie und woher kann die zahlensüchtige, durchmathematisiert korrupte, geizige und onanistische westliche Kultur erlöst werden? Hat sie noch irgendwo eigene, starke Quellen, die anzuzapfen einen Unterschied machen würde? Gibt es noch geistige, seelische, kulturelle Vorkommen, die – vergleichbar mit den letzten Ölfeldern der Welt – unseren Energiebedarf auf unerwartete Weise decken könnten? Die Antwort ist nur wenige Flugstunden entfernt: Osteuropa. Balkan. Russland. Der neuste Beweis: Regina Spektor.


Regina Spektor: Begin To Hope. Warner

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 35/06
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