Einmal eine Mitteilung in den Medien zu platzieren, das schafft auch ein mittelmässiger Kommunikationsberater. Eine Person oder eine Firma über Zeit erfolgreich auf Glanz zu polieren und regelmässig vom Auftraggeber gewünschte Entscheide zu provozieren, ist die höhere Schule der Öffentlichkeitsarbeiter und Lobbyisten. Doch um eine Schweizer Bank zu zertrümmern, dazu bedarf es eines eigentlichen Terminators, eines Haudegens, der nichts und niemanden fürchtet, eines Kampfhahns genau wie Sacha Wigdorovits (54), Gründer und Geschäftsführer seiner Contract Media AG im schönen Zürcher Seefeldquartier, laut Selbstdeklaration «die führende Agentur der Schweiz für schnelle und wirkungsvolle externe und interne Kommunikation in Change- und Krisensituationen».
Nun, dass ein skrupelloser PR-Mann eine solide Firma an den Rand eines Abgrunds schreiben und reden kann, ist ebenso eine Übertreibung wie die Wundertaten, deren die Branche sich sonst noch rühmt. Worte allein bewegen keine Welten. Doch Sacha Wigdorovits darf sich weiter empfehlen, die Affäre Swissfirst und Co. losgetreten, begleitet, stetig angefacht und zu einem nationalen Flächenbrand aufgeblasen zu haben. Am 4. November 2005 präsentierte der Zupacker, der «die Ärmel hochkrempelt» und «auf den Boden bringt», was er verspricht, im Zürcher «Savoy» den Wirtschaftsmedien den damals wie heute gänzlich unbekannten schweizerisch-bulgarischen Geschäftsmann und Grossaktionär der Swissfirst AG, Rumen Hranov, als Opfer eines (andern) raffgierigen Bankers.
Der Anlass für die Offensive Richtung Öffentlichkeit war bestenfalls zweitrangig. Hranov, der zusammen mit seiner Mutter 14 Prozent der Swissfirst-Aktien gehalten hatte, machte bekannt, dass er gegen seinen Geschäftspartner Thomas Matter, den Chef der Swissfirst, Strafanzeige einreiche. Er sei beim Handel um die Übernahme der Bank am Bellevue durch die Swissfirst «arglistig getäuscht» worden. Juristisch besorgte Hranovs Fall der Zürcher Wirtschaftsanwalt Michael Werder, vor Monaten «Ehrengast» bei den von Wigdorovits regelmässig veranstalteten «Kaffeegerüch(t)e»-Plaudereien zur Unterhaltung und Einseifung der Zürcher Journaille. Zwischenzeitlich hat er das Mandat niedergelegt. Die Medienmitteilung und das Konzept der dramatischen Kundmachung wurden von Wigdorovits verfasst. Er war auch die Adresse für alle Journalisten, die «Hintergrundinformationen» nachfragten. Er, der auch die Interessen von zwei anderen Investment-Banken vertritt, erledigte die Selektion der Fakten und gab, selbstverständlich ohne je zitiert werden zu wollen, die Auskünfte, die ihm dienlich schienen, erklärt ein gestandener Wirtschaftsjournalist, der für Cash arbeitete. Wigdorovits’ liebste und wirksamste Taktik, die Überrumpelung des Gegners, war aufgegangen.
Bis zum heutigen Tag hat er diesen Vorsprung halten können. Mit der Hilfe von Journalisten und Medien, die in vielfacher Weise von ihm abhängen. So arbeitete etwa David Strohm, Wirtschaftsredaktor der NZZ am Sonntag, die mit Spezial- und Insiderwissen die Swissfirst-Story wöchentlich vorantrieb, bei und für die Contract Media AG, wie Wigdorovits gegenüber der Weltwoche bestätigt. Dass er diese Mandate «in Absprache mit der NZZ» wahrgenommen habe, wie Wigdorovits sagt, macht die Sache nicht transparenter und für die NZZ nachgerade peinlich. Immerhin wusste, um nur ein Beispiel zu nennen, Wigdorovits’ Strohm-Mann in der NZZ am Sonntag vom 28. Mai vor Publikation der Phonak-Zahlen zu berichten, dass das letzte Phonak-Jahr «herausragend» gewesen sei, die Aktien von Andreas E. Rihs’ Hörgeräte-Firma schrieben «die Art von Wachstumsstory, welche die Börse liebt», Unternehmen und Wertpapier würden am Markt weiter zulegen. Andy Rihs ist – von der Bewältigung der anhaltenden Dopingskandale seiner Radler bis zu dessen Teilhabe am Berner Stade de Suisse Wankdorf und am Starkicker Hakan Yakin – guter Kunde bei Wigdorovits.
Mehr noch: In seiner Doppelrolle verfasste Strohm nicht nur Contract-freundliche NZZ-Artikel, sondern betätigte sich auch als medialer Spion für Contract und Hranov. Nachdem die Affäre losgetreten worden war, lieferte der NZZ-Mann seinem Auftraggeber eine Analyse des Medien- und Analystentreffens der Swissfirst von Ende November 2005, als die Verantwortlichen der Bank Stellung zum eingeleiteten Verfahren nahmen. Sein «Protokoll», das die Strategie der Swissfirst und ihres CEO Matter nachzeichnet und auch Einschätzungen enthält – «Er gab zudem ein (nach meinem Eindruck halbherziges) Commitment zum Verbleib an der Börse ab» –, ist gezeichnet mit «David Strohm, Contract Media AG, 25. November 2005, 12 h». Felix E. Müller, Chefredaktor der NZZ am Sonntag, betont, Strohm habe ein 70-Prozent-Pensum inne und dürfe daneben «unbedenkliche» Mandate wahrnehmen. Entscheidend sei, dass er als Journalist nie in die Interessen Wigdorovits’ oder der Contract verstrickt sei: «Diese Ausstandsregel hat er meiner Meinung nach absolut eingehalten.»
Wer mitspielt, profitiert. Wer widerspricht, wird vernichtet. Nachdem Roger Köppel, bald Chefredaktor und Eigner der Weltwoche, in seiner Handelszeitung-Kolumne Thomas Matter, den CEO der Swissfirst, als Opfer gelenkter, moralisierender und vorverurteilender Medien teilverteidigt hatte, setzte Wigdorovits die Retourkutsche in Bewegung: In seinen übers Netz frei verbreiteten «Kaffeegerüch(t)en» schrieb er neulich, er wisse dank «gut unterrichteter Quellen», dass die Swissfirst AG Köppels Mehrheitsbeteiligung an der Weltwoche finanziert «hat» (und nicht etwa: «habe»). Das Magazin sei übrigens viel billiger zu haben gewesen, als vermutet werde, denn das Blatt schreibe rote Zahlen. Köppel dementiert die Behauptung als «dummes Geschwätz»: Die Swissfirst sei nicht in die Transaktion der Weltwoche involviert. Als er die Richtigstellung verlangte, lachte Wigdorovits ins Telefon, es handle sich bei seiner Beschuldigung ja nur um eine «ironische Pointe». Um dann im Gespräch mit der Weltwoche im Ernst beizufügen: «Fragwürdig wäre es hingegen, wenn die Weltwoche, die über ihre Aktionärin Jean Frey AG wirtschaftlich mit Swissfirst verbunden ist, über diesen Fall berichten würde, ohne auf diese Verbindung hinzuweisen.» (Die Swissfirst hat seinerzeit den Verkauf der Jean Frey AG von der Basler Mediengruppe an ihre neue Eigentümer abgewickelt.)
Mal grobschlächtig, mal charmant
Kommunikation als Kleinkrieg vor Publikum. Wer es mit dem Bridge-«Topspieler» (Rating: «nationaler Experte») zu tun hat, muss sich auf einen langen Kampf vorbereiten. Freunde und Gegner nennen neben der «eruptiv-cholerischen» Art die «Hartnäckigkeit bis zur Selbstbeschädigung» als seinen wesentlichen Charakterzug.
Schon mit 27, 28 Jahren als redaktioneller Jungspund beim Winterthurer Landboten konnte der Lic.-phil.-Ier frisch ab Uni dem Chefredaktor und dem angegrauten Personal übers Maul fahren, Kollegen angreifen, die er verdächtigte, «links» zu stehen und die 1980/81 flackernden Jugendunruhen nicht mit genügend scharfen Kommentaren zu verurteilen. Mit Chefredaktor Rudolf Gerber überwarf er sich derart nachhaltig, dass sich dieser noch 25 Jahre später mit Händen und Füssen dagegen wehrte, dass ausgerechnet dieser Wigdorovits mit seiner zweiten Firma, der auf Medienberatung und Medienbeiträge spezialisierten Contract Media Publishing AG, den Relaunch des Traditionsblatts tätigen durfte. Das Fazit des kleinen, langen Machtkampfs in der Ostschweizer Presseprovinz: Rudolf Gerber hat sein Pult geräumt, sein Widersacher feiert den gelifteten Landboten als prämierten Erfolg; Chefredaktorin von Wigdorovits’ Gnaden ist Colette Gradwohl, eine Büronachbarin aus den Zeiten der ersten journalistischen Gehversuche.
Wo immer er in den nächsten 15 Jahren als Journalist auftauchte – als Redaktor für die Stadt Zürich beim Tages-Anzeiger, als Blick-Sportchef, als Vize-Chef bei den Luzerner Neusten Nachrichten, als USA-Korrespondent der Sonntagszeitung –, spaltete der mal Grobschlächtig-Verletzende, mal Witzig-Charmante die Redaktionen und auch die Chefetagen. Den einen gefiel der laute Störenfried, die meisten feindeten ihn an, ganz wenige mochten und verfluchten ihn zugleich. Knapp ein Jahr nur sass er auf dem hohen Stuhl eines Blick-Chefredaktors; 1997, nach einem verlorenen Machtkampf, musste er rasch zusammenpacken. Es war sein letzter Job als Medienmann und «seine grösste Niederlage, die ihn bis heute schmerzt, sehr schmerzt», meinen gute Arbeitskollegen. Der Geschasste flüchtete in die USA und in ein Post-Graduate-Studium an der Harvard Business School.
Wer nicht mitspielt, wird diffamiert
Die innige Verbindung zum Personal von Presse und Funk ist geblieben und auch die intime Kenntnis der Gemütslagen der Lohnschreiber und -sender: «Wir haben ausgezeichnete Beziehungen zu den Medien.» Wigdorovits ist bekannt dafür, dass er vorab jungen Journalisten per Telefonanruf gerne «eine gute Geschichte steckt», deren Publikation beiden nützt. Das Medium hat die Schlagzeile, der Schreiber das Lob, der Berater den Lohn (Stundenansatz um die 450 Franken). Wer nicht mitspielt, wird diffamiert und diskreditiert. In aller Öffentlichkeit (und wohl auch in den Büroräumen bei Kundengesprächen) hat er unabhängige Journalisten schon mit vollem Namen als «unfähig» oder «unkooperativ» beschimpft, vor denen Politiker, Wirtschaftsleute und Leser nur zu warnen seien. Ihr Makel: Ihre Artikel passten nicht in das Contract-Kommunikationskonzept.
Unverfroren nutzt der Networker seine direkten Drähte, nicht nur wie im Fall Swissfirst mitten in die Wirtschaftsredaktion der NZZ am Sonntag. In Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsmagazin Bilanz, das wie die Weltwoche zur Jean Frey AG gehört, realisierte die Contract Media Publishing beispielsweise eine Beilage zum Thema Geschäftsreisen mit dem Jet (zu Deutsch «Business Aviation»). Sein weniger bekannter Publishing-Arm zieht nach Bedarf «externe Spezialisten» bei: Das sind namentlich nicht genannte, auf ein Nebeneinkommen scharfe «Journalisten, Fotografen, Illustratoren – wir haben schweizweit ein einmaliges Beziehungsnetz». In den «Beiträgen, Reportagen, Recherchen und Service-Artikeln» der Bilanz schrieben dann fremdbesoldete Contract-Leute hinter der Maske neutraler, kritischer Journalisten. Wigdorovits selbst legte in einem gefälligen Interview mit Dolder-Besitzer Urs E. Schwarzenbach dessen Affinitäten zur Fliegerei und zu anderen schönen Dingen dar. Dass die Contract Media die Interessen der auf Geschäftsflüge spezialisierten Jet Aviation vertritt, ist allerdings erstrangig das Problem von Bilanz-Chefredaktor René Lüchinger.
Dass das Schweizer Fernsehen immer wieder parallel zu den Interessen Wigdorovits’ und dessen Firma auf Sendung geht, das ist das Dauerproblem Ingrid Deltenres – derzeitige Lebenspartnerin des Wirbelwinds und als TV-Direktorin verantwortliche Verwalterin der grössten Medienmacht des Landes. Ingrid Ella Deltenre, niederländische Staatsangehörige, war, was tunlichst verschwiegen wird, als Verwaltungsrätin «mit Unterschrift zu zweien» mit dabei, als am 20. Juli 1998 die Contract Media AG mit einem Kapital von 100000 Franken gegründet wurde. Ein Jahr später trat sie formell zurück. Kürzlich ist das einflussreiche Paar – samt der zur Holding mutierten Firma – von Horgen im Schatten des Hirzels auf die glamourösere der Zürcher Seeseiten gezogen, ins noble Zollikon an der Goldküste. Wer bei Wigdorovits bucht, kann das Schweizer Fernsehen nicht gegen sich haben.
Seit Wochen fliegt der Heli mit den Reporterinnen und Reportern des Schweizer Fernsehens über das Anwesen Jürg Maurers, des erfolgreichen Chefs der florierenden Pensionskasse der Rieter AG. Seit Wochen liegen die TV-Leute vor dessen Villa im thurgauischen Freidorf auf der Lauer, um die Herkunft der mächtigen Bäume der Eingangsallee zu erforschen, um Nachbarn zu Denunziationen zu bewegen und um die Rückkehr des Geldverwalters aus den Ferien nicht zu verpassen. Anlass zu dieser Dauerbelästigung aus der Luft und auf dem Land sind die Umstände, dass Kassenwart Maurer Swissfirst-Aktien verkauft hat, in den letzten Jahren Multimillionär geworden ist und darum von Blick und Sonntagsblick repetitiv «frechster Pensionskassenverwalter der Schweiz» genannt wird. Weil der Banken-Deal zwischen Matter und dem undurchsichtigen Hranov selbst nicht viel hergibt, beherrscht der neureiche Familienvater die News- und Hintergrundsendungen des Fernsehens; zwischenzeitlich hat er sogar den Libanon-Krieg ins TV-Abseits drängen können. Konkrete Verfehlungen gibt es zwar keine zu berichten, dafür jede Menge Gerüchte und Verdächtigungen.
Skandalisierung und Diffamierung in Wort und Bild, durchaus im Sinne Wigdorovits’, der wohl auch diesen Streich publik machen wird wie andere, ganz gut gelungene Gemeinschaftsarbeiten mit dem Deltenre-Sender. «Hart an der Grenze zur Werbung», befand Medienprofessor Roger Blum zu einer fünf Minuten und vier Sekunden dauernden Sendung von «10 vor 10», welche die Internet-Partnerbörse Parship aufgrund einer von Parship selbstgefertigten Studie als führende Online-Vermittlungsfirma anpries. Das PR-Mandat für Parship hat Wigdorovits inne. Im Gegensatz zum Fernsehsprecher, der den Beitrag «journalistisch sauber» fand, feiert Wigdorovits die Sendung als Coup. Dass er die Studie auch im Schweizer Fernsehen habe platzieren können, habe «sich unmittelbar in einem markanten Anstieg der registrierten Benutzer von Parship in der Schweiz ausgewirkt», lobt er sich auf seiner Homepage.
Wo Ingrid Deltenres Schweizer Fernsehen aufhört und wo Sacha Wigdorovits’ Firma beginnt (und umgekehrt), wird immer unklarer. Die Verwischung von Rollen, Interessen und Grenzen ist ein weiteres Markenzeichen dieser speziellen Agentur. Der Verleger Jürg Marquard, der vor einem Jahr im Fernsehen den umstrittenen «Traumjob» moderieren, dafür 600000 Franken beziehen und den Bildschirm zu seiner Profilierung nutzen durfte, ist ebenfalls ein «Special Guest» bei Sacha Wigdorovits’ «Kaffeegerüch(t)e»-Runden, also tragender Teil seines Netzwerks. Ein Teil der «Traumjob»-Sendung wurde in Fredy Colliouds Werbefirma Publicis Factory gedreht. Collioud ist Sachas Freund und Verwaltungsrat der Contract Media. Die Aufgabe, welche die Kandidaten dort zu lösen hatten, wurde von Swisscom mobile gestellt; Colliouds Publicis wirbt für die Swisscom, Wigdorovits’ Contract AG berät sie. Für andere Folgen gaben Migros und SBB die Vorlagen; beide Firmen liefern Wigdorovits Aufträge. Am 5. September ist der scheidende SBB-CEO Benedikt Weibel der Stargast beim «Kaffeegerüch(t)e»-Tratsch im schönen Hotel «Eden au Lac». Filz mit Fernsehen.
Grandios gescheitert ist Wigdorovits allerdings mit seinem allerkühnsten Manöver, dessen unrühmliches Ende als «Spuckaffäre» in die Sportgeschichte und nicht – mit dem treffenden Titel «Deltenre-Wigdorovits-Connection» – in die nationale Mediengeschichte eingegangen ist. Im Februar 2001 hatte der Tausendsacha versucht, seinen Mandanten Jean-François Kurz, Privatbankier und früherer Präsident des fallierten Fussball-Clubs Lausanne Sports, auf den Thron des Zentralpräsidenten des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) zu hieven. Das Manöver misslang kläglich; Kurz erhielt von den vier Kandidaten aufs Amt am wenigsten Stimmen und musste sich nach dem ersten Durchgang zurückziehen. Präsident wurde der Berner Anwalt Ralph Zloczower. So begann, getarnt als Wigdorovits’ grosse Sorge um die Zukunft des Fussballverbandes, eine beständige Feindschaft.
Vom 30. Januar bis 1. Februar 2004 riefen Wigdorovits’ Contract und Professor Fredmund Maliks Management Zentrum St. Gallen (auch ein Kunde) Medien, Klubverantwortliche, Sponsoren, Trainer, Berater und einige «Fans» (bestehend aus Mitarbeitern und Tochter Andrea) ins Hotel «Mövenpick» in Regensdorf, um dort unter dem Motto «Swiss Pro Soccer» die selbstgestellte Frage zu erörtern: «Schweizer Profi-Fussball. Auf dem Weg in den Bankrott oder in eine gesicherte Zukunft?» Der Fussballverband blieb dem Anlass, der als Attacke auf die Spitze des Verbandes konzipiert war, bewusst fern, was vom empfindlichen Wigdorovits als mittlere Beleidigung vermerkt wurde. Trotz eines 35-seitigen «Schlussberichts» des dreitägigen Palavers, der die Umkrempelung der heutigen SFV-Strukturen, neue Geldflüsse und die Ernennung eines «Mister Euro 08» forderte, war der Anlass ein teurer, allerdings von den Sponsoren Axpo, CS, Swisscom und Swisslos finanzierter Schuss weit, weit neben das Tor. Zloczower überlebte diesen Angriff und weitere Putschversuche.
Am Freitag, dem 18. Juni 2004, lag der Ball endlich auf dem Penaltypunkt, und zwar in Portugal. Das ZDF hatte – allerdings unscharfe und nicht beweiskräftige – Bilder ausgestrahlt, die zeigten, wie die Schweizer Tormaschine Alex Frei im Vorrundenspiel der Euro 04 dem englischen Spieler Steven Gerrard ins Genick gespuckt hatte. Die Uefa leitete umgehend ein Verfahren ein. Der Fall überforderte die ältliche Führungsriege des Verbandes und weckte ihre Gegenspieler. Der SFV klärte bei der Schweizer TV-Equipe ab, ob definitiv «keine weiteren Bilder» existierten, und legte sich, anwaltlich korrekt, auf eine Verteidigungsstrategie «in dubio pro reo» fest. Derweil reiste am Samstagmorgen, offenbar überstürzt und darum auf zwei verschiedene Flüge verteilt, das Trio Ingrid Deltenre, Sacha Wigdorovits und TV-Sportchef Urs Leutert nach Lissabon. Offizielles Ziel des spontanen Trips: der Besuch der Partie Spanien – Portugal. Faktisch nahm es das Management des tollen Spuckthemas in die Hand.
Am Sonntag, dem 20. Juni, verkündeten die SFV-Anwälte, stolz wie selten zuvor, dass Alex Frei freigesprochen und für den finalen Match gegen Frankreich spielberechtigt sei. Doch alles deutete darauf hin, dass das Schicksal der Strahlemänner bereits besiegelt war. Es gab neue Aufzeichnungen, die den Akt des Spuckens in unappetitlichen Details zeigten. «Zufällig», so die bis heute verwendete Sprachregelung, sei «ein Techniker» kurz nach der Absolution Freis auf diese Bilder gestossen. Die Direktorin selbst, so die Sprachregelung, habe vor Ort entschieden, diese Sequenzen auszustrahlen und – journalistisch richtig – die Informationspflicht über die Interessen des Verbandes zu stellen.
Nun war erstens Sacha Wigdorovits an allen heiklen Entscheidungen mit lauter Stimme direkt beteiligt, wie TV-Leute und auch der Delegationsleiter Arthur Hächler bestätigen. Und zweitens glaubt kein denkender Mensch, dass diese Bilder «zufällig» und exakt eine Stunde nach dem Uefa-Urteil aufgetaucht sind; gemäss dem offiziellen portugiesischen Broadcaster EBS war das Material jederzeit zugänglich; und jeder Journalist mit wachem Reflex hätte fieberhaft nach Beweisen für oder gegen Frei geforscht. Der «zufällig» beim Einsetzen einer Harddisk fündig gewordene «Techniker», der je nach Darstellung eher ein Portugiese oder dann doch eher ein Schweizer war, wurde während der langwierigen Aufarbeitung des Falls durch den ehemaligen Luzerner Regierungsrat Ulrich Fässler merkwürdigerweise weder genannt noch je befragt. Noch heute blockt der verantwortliche Regisseur Armin Fankhauser Nachfragen ab: «Wir geben den Namen nicht bekannt.» Die totale Intransparenz bekräftigt den Verdacht, dass die SFV-Crew mit Kommunikationschef Pierre Benoit in eine geschickt gelegte Schlinge gestolpert ist.
«Die ganze Wahrheit»
Exklusiv und cool kommentierte der direkt beteiligte Wigdorovits als scheinbar neutraler «Berater» tags darauf in vielen Schweizer Medien: «Bisher hinterliessen der SFV und sein Präsident Ralph Zloczower mit ihrer Kommunikation jedenfalls einen schlechten Eindruck und warfen mehr Fragen auf, als sie beantworteten. Kommunikationschef Pierre Benoit war völlig überfordert. Der Verband wäre gut beraten, von sich aus eine unabhängige Kommission einzusetzen.» Was mit dem Bericht Fässler auch geschah, der angesichts des nachlassenden öffentlichen Interesses und mangels neuer Fakten indes unter faits divers endete. Von Rücktritten der gesamten SFV-Spitze und einem «Glaubwürdigkeitsproblem» im Hinblick auf die Euro 08, wie Wigdorovits insinuierte, war keine Rede mehr. Der von zahlreichen Sponsoren unterstützte Grossangriff auf den Verbandsapparat war definitiv gescheitert.
Zurzeit schreibt Wigdorovits’ Werkstatt wieder einmal ein Buch. Vor zwei Jahren verfasste dieser im Pas de deux mit André Dosé, dem erfolglosen CEO der Swiss, die Schrift zu dessen Verteidigung («Sturmflug»). Wigdorovits wollte ihn zum «Mister Euro 08» machen. Es war auch die Rechtfertigung in eigener Sache, hatte die Contract sich doch mit Kräften und vergeblich bemüht, die eigenständige Swiss und deren Chef in der Luft zu halten. Für das nächste Contract-Opus zeichnet Martin Hellweg als Co-Autor. Der umstrittene CEO der Swissmetal-Gruppe und Contract-Kunde will die Geschichte des Arbeitskampfes im Swissmetal-Werk von Reconvilier nacherzählen und der Gewerkschaft Unia ein böses Kapitel widmen. Kritiker werden auch dieses Œuvre als Parteischrift belächeln. Für Wigdorovits aber geht es nie um Rechthaberei, philosophiert er, nie um Interessen, immer um etwas anderes, Höheres: «An der (ganzen) Wahrheit führt kein Weg vorbei. Das haben uns unsere jahrelangen eigenen Erfahrungen als Journalisten gelehrt. ‹Die ganze Wahrheit›, dies ist auch heute noch unser Kommunikationscredo.»













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