Justizaffäre

Neues vom Hexer

Weltwoche vom 24. August 2006

Der Fall, über den Bundesanwalt Roschacher stolperte, ist noch lange nicht klar: Drogenpate Ramos war Doppelagent der USA. Wer wusste was?

Von Daniel Ammann

Ungeschickter könnte der junge Kolumbianer seinen neuen Job nicht angehen. Ende der siebziger Jahre, auf dem Höhepunkt der Disco-Welle, schickt ihn das Medellín-Kartell nach New York, in die Hauptstadt eines hemmungslosen Nachtlebens, das sich mit Bergen von Kokain wachhält. Jiro Aramburo Sandoval nennt sich dort der ehrgeizige Mann Mitte zwanzig. Drogenhändler will er sein und reich. Sein Traum scheint zu Ende, kaum hat er die ersten Säckchen Kokain verkauft. Er wird von Polizisten erwischt und am 15. August 1979 zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Mit diesem Missgeschick beginnt eine kriminelle Karriere, die 27 Jahre später den Schweizer Bundesanwalt zum Rücktritt zwingen wird. Denn der Mann, der seinen ersten Auftrag verpatzte, heisst in Wirklichkeit José Manuel Ramos: der kolumbianische Drogenbaron, den Valentin Roschacher als Vertrauensmann ins Land holte, um den Schweizer Finanzplatz zu infiltrieren. Diese Affäre nimmt jetzt ungeahnte Dimensionen an, wie geheime Akten aus den USA beweisen: José Manuel Ramos war nicht nur ein Informant – er war ein amerikanischer Doppelagent.

Der kleine Kokaindealer hält sich gut im Gefängnis in New York, wofür ihm ein Drittel der Strafe erlassen wird. Im Frühling 1981 kommt Ramos frei und macht sich umgehend wieder daran, sich «Drogenhandelsaktivitäten» zu widmen, wie er später aussagen wird. Die Haft hat ihn weder gebremst noch ihm geschadet. Schnell arbeitet er sich in der Hierarchie des Kartells hoch. Schon wenige Jahre nach der Entlassung aus dem Gefängnis, so zeigen die Geheimakten, leitet er für das Medellín-Kartell einen Drogenring in Houston, Texas. «Ich erhielt die ganze Ware aus Mexiko und verteilte sie an alle unsere Filialen in den USA», wird er gestehen. Allein in New York hat er zu dieser Zeit vier solcher «Filialen», die er mit Drogen beliefert.

«El Brujo»
Ramos, und das ist einer der Gründe für seinen Erfolg, geht bei seinen Geschäften extrem vorsichtig vor. Er verhandelt vorwiegend am Handy oder gibt seine Instruktionen mit dem Pager durch. Selbst die eigenen Mitarbeiter in den anderen Städten wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben. «Namen haben wir nie verwendet, wir haben immer nur Nummern gebraucht. Ich besass acht verschiedene Mobiltelefone für mein Geschäft, für jede Stadt, mit der ich verkehrte, ein separates. Zum Beispiel hatte ich jeden Tag mit der Nr. 28 in Medellín gesprochen.» Die wenigen grossen Kunden, die Ramos persönlich treffen muss, lässt er mit dem Auto abholen. Ihnen werden die Augen verbunden, bevor man sie zu den Treffen fährt, die in klandestinen Wohnungen stattfinden. Diese werden jeweils nur für kurze Zeit gemietet und im Voraus bar bezahlt, damit der Vermieter keinen Ausweis sehen will. Den wenigen Mitarbeitern, die eng mit ihm zusammenarbeiten, verbietet er, nach 9.30 Uhr morgens das Haus zu verlassen, um zu verhindern, dass sie es durch einen dummen Zufall mit der Polizei zu tun bekommen. «Ich kaufte ihnen Bücher und Filme, um sie zu beschäftigen und damit sie nicht hinausgingen.» Das Drogengeld lässt er, bevor er es ausser Landes schafft, in Plastik einwickeln und mit einer Vakuummaschine luftdicht verpacken. Auf jedes Geldpaket prägt er seinen Decknamen als Siegel: El Brujo, «der Hexer».

Ende der achtziger Jahre ist er der Drogenhändler, der er immer sein wollte, auf dem Höhepunkt seiner Macht und sehr reich. Jeden Monat setzt er 5 Tonnen Kokain um und verdient damit Millionen. Bankkonti sind ihm zu unsicher, und so hält er sein illegales Vermögen vorwiegend in Bargeld. Oder er gibt es aus. Drei Flugzeuge besitzt er, eine Villa in Acapulco, zwei Jachten, mehrere Grundstücke in Kolumbien. Dieser ostentative Reichtum aber ist nicht der Grund, weshalb er schliesslich – allen Vorsichtsmassnahmen zum Trotz – ins Visier der Justiz gerät. Er hat, Ironie der Geschichte, das in den eigenen Reihen, was er schon bald selbst sein wird: einen Denunzianten, der mit der Polizei kollaboriert und einen Tipp gibt, wie der Drogenring von Ramos ausgehoben werden kann.

Anfang Mai 1990 schlagen Special Agents der texanischen Drogenfahndung in einer koordinierten Aktion zu. In einem Lagerhaus in der Industriezone von Houston finden sie 416 Kilo Kokain und einen Tanklastwagen, der mit falschen Abteilen ausgerüstet ist, um Kokain zu schmuggeln. Im Haus, das Ramos und seine Frau in einem noblen Vorort unter falschem Namen gemietet haben, entdecken sie in einer Waschmaschine 1,2 Millionen Dollar in Bündeln zu 1000 und 10000 Dollar, eine Geldzählmaschine, schusssichere Westen – und die sechs Seiten Notizen, die Ramos das Genick brechen werden: eine Art Buchhaltung seiner Kokaindeals, auf der die Polizei drei seiner Fingerabdrücke identifizieren wird. In einem Fall allein, verraten die Notizen, verkaufte er 301 Kilo Kokain für über fünf Millionen Dollar. Die Organized Crime Drug Enforcement Task Force in Dallas, die José Manuel Ramos im Sommer 1990 verhaftet, bezeichnet ihn nun als «second hand man of the Pablo Escobar/Medellin Cartel», als rechte Hand Pablo Escobars.

Trotz aller Beweise lügt Ramos in den ersten Einvernahmen wie gedruckt. Er heisse Alejandro Salinas, sagt er, und sei Mexikaner. Erst drei Wochen vor seiner Verhaftung sei er mit einem Touristenvisum in die USA eingereist. Ein Waise sei er, die Eltern habe er 1985 während des grossen Erdbebens in Mexiko-Stadt verloren. Allein, sein Talent als Geschichtenerzähler, das Jahre später die Schweizer Bundeskriminalpolizei in den Bann ziehen wird, hilft ihm nichts. Am 16. Januar 1991 wird er wegen Drogenhandels und Geldwäscherei zu zwei Mal lebenslänglich plus zwanzig Jahre verurteilt. Jetzt weiss José Manuel Ramos, «der Hexer»: Ohne einen Deal mit den Behörden wird er erst im Sarg wieder aus dem Gefängnis kommen. So schlägt er ihnen über seinen Anwalt ein Geschäft vor: Falls seine Haftstrafe markant reduziert werde, teile er mit, was er über die Aktivitäten der Drogenringe in den USA wisse.

Ein Jahr nach der Verurteilung von Ramos geht das Justizministerium in Washington auf das Angebot ein. Der Deal wird von hoher Stelle abgesegnet und am 22. Januar 1992 von Gerald Shur unterschrieben, der als Gründer des amerikanischen Zeugenschutzprogramms gilt. Auf drei Seiten legt er dar, dass Ramos künftig eine «undercover role» für die Regierung ausüben werde. Der Drogengrossist, heisst es in diesem geheimen Dokument, werde alles aussagen, was mit seiner Führungsrolle und seiner Mitwirkung im Kokainbusiness zusammenhänge. Und mehr: Er werde danach auch in zukünftigen Ermittlungen eine wichtige Rolle spielen. Als Gegenleistung stellt ihm die Regierung in Aussicht, dass seine Haftstrafe «auf fünfzehn bis dreissig Jahre» reduziert wird, er also frühestens 2005 und spätestens 2020 wieder freikommt.

Wenn Schweizer zu sehr glauben
Der Auftrag, den Ramos erfüllen muss, geht weit über die Funktion eines Informanten hinaus: Die Behörden wollen ihn aktiv Drogenbanden infiltrieren lassen («re-establish Ramos into the smuggling community»). Das Geheimdokument des US-Justizdepartements liest sich wie ein Modus Operandi für Doppelagenten: «Überwacht von Special Agents», heisst es da, «hat Ramos bereits mit Mitgliedern des Cali-Kartells telefoniert. Er hat seinen ehemaligen Komplizen angekündigt, dass er bald aus dem Gefängnis kommen und seine Tätigkeit wieder aufnehmen werde.» En détail, als wäre es ein Arbeitsvertrag, wird beschrieben, wie der Drogenbaron regelmässig für kurze Zeit aus dem Gefängnis entlassen wird und eine Rolle als «Führungsfigur im Kokainbusiness» («manager of an ‹office› in the cocaine business») spielen wird, um sich mit «ausgewählten Zielpersonen» («selected targets») zu treffen. Als mögliche Treffpunkte für die verdeckten Ermittlungen werden Hotelzimmer, «undercover residences» und sogar eine geheime Lagerhalle genannt. «Nicht weniger als drei erfahrene Special Agents» überwachen Ramos, um seine Sicherheit zu gewährleisten (und um zu verhindern, dass er untertaucht). Diese Agenten haben in den nächsten Jahren viel Arbeit, wie eine Liste zeigt, welche die Verlegungen des Häftlings mit der FBI-Nummer 143196V4 dokumentiert. Immer wieder wird José Manuel Ramos temporär freigelassen und im ganzen Land eingesetzt. Vom Süden (Coleman, Florida) bis in den Norden (Seattle, Washington), vom Osten (Brooklyn, New York) bis in den Westen (Lompoc, Kalifornien).

Was ihn schliesslich als Spitzel auffliegen lässt, ist ein politisch brisanter Fall: Die New York Times berichtet im Sommer 1998 über Ermittlungen der Schweizer Behörden gegen Raúl Salinas, den Bruder des früheren mexikanischen Präsidenten. Die Zeitung zitiert ausführlich aus einem geheimen Schweizer Ermittlungsbericht und nennt Ramos mit vollem Namen als Kronzeugen. Salinas habe ein Vermögen mit Schutzgeldern aus dem Drogenhandel verdient, behauptet Ramos. Als Gegenleistung dafür habe der Präsidentenbruder veranlasst, dass die Flugzeuge der Kokainkartelle unbehelligt in Mexiko hätten landen können. Diese Behauptungen stammen aus Einvernahmen, die die frühere Bundesanwältin Carla Del Ponte und Valentin Roschacher, damals stellvertretender Chef der kriminalpolizeilichen Zentralstellen im Bundesamt für Polizei, im November 1997 mit Ramos geführt hatten. Sie hätten «erdrückende Beweise», sagten die beiden später, dass rund 100 Millionen Dollar auf Salinas-Konten, die sie in der Schweiz beschlagnahmt hatten, aus dem Drogengeschäft stammten.

Das ist das erste Mal, dass die Schweizer Strafverfolgungsbehörden den Geschichten des Drogenbarons zu sehr glauben. Denn die Realität präsentiert sich heute völlig anders: Der Bruder des mexikanischen Präsidenten ist bislang nicht verurteilt worden. Der Verdacht, bei Salinas’ Konten handle es sich um Geld aus dem Drogenhandel, «erwies sich als nicht stichhaltig», schrieb die NZZ. Noch härter urteilte vor einem Jahr die Financial Times, die Einsicht ins Dossier hatte. Die Schweizer Behörden hätten die Beschuldigungen ihrer Kronzeugen zu «unkritisch» übernommen: «Die Wahrscheinlichkeit, dass die Behauptungen eine fachkundige Überprüfung überlebt hätten, ist gering.» Und: Ramos habe nach seiner Verhaftung 1990 «mehr als sechs Jahre» verstreichen lassen, bevor ihm plötzlich die Geschichte mit Salinas in den Sinn gekommen sei.

Die amerikanischen Akten, die der Weltwoche vorliegen, lassen stark daran zweifeln, ob Ramos’ frühere Einsätze als Doppelagent von grösserem Erfolg gekrönt waren. Sie zeigen, dass sein damaliger Anwalt am 23. April 1997 die Freilassung beantragt. Der Anwalt gibt zu Protokoll, Ramos habe die Regierung «in einer langfristigen verdeckten Geldwäscherei-Operation von internationalem Ausmass unterstützt, die das Potenzial hat, Dutzende von grossen Drogendealern und Geldwäschern anzuklagen und Millionen von Dollar zu beschlagnahmen». Die Regierung aber, so argumentiert der Anwalt, habe ihren Teil der Vereinbarung nicht eingehalten. Trotz Ramos’ «massgeblicher Unterstützung» habe sie sich «geweigert», eine Reduktion seiner Haftstrafe zu befürworten.

Der zuständige texanische Richter Kenneth M. Hoyt glaubt dem Drogenhändler kein Wort und lehnt das Gesuch ab. Die schriftliche Begründung spricht Ramos die Glaubwürdigkeit ab. Er habe eine vorzeitige Entlassung aus dem Gefängnis «nicht verdient», urteilt Richter Hoyt am 22. Januar 1998. Und schreibt, das Gericht habe überhaupt «keine Beweise für die angebliche Unterstützung», die der Drogenhändler für die Behörden geleistet haben will. Und vor allem: Ramos sei «selbst schuld» an seiner Situation. Weil er wahrheitswidrige Informationen («untruthful information») lieferte, habe er die Vereinbarung mit der Regierung «vereitelt».

Trotz des richterlichen Verdikts, das Ramos als Lügner und Hochstapler entlarvt, kommt der Drogenbaron drei Jahre später, am 13. Juli 2001, doch noch frei – viel früher sogar, als ihm das Justizministerium im ursprünglichen Deal versprochen hatte (frühestens 2005, spätestens 2020). Das hat er seinem neuen Anwalt Gary Hart zu verdanken, den er sich plötzlich leisten kann. Dieser hat ein neues Entlassungsgesuch gestellt. Was auffällt: Hart arbeitete über dreissig Jahre lang für das FBI, zuletzt als Senior Executive, und hat laut Lebenslauf grosse Erfahrung «mit internationalen Operationen» der amerikanischen Bundespolizei. Der Grund für die Freilassung des Drogenhändlers sei für geheim erklärt worden, schreibt Richter Kenneth M. Hoyt der Weltwoche in einer E-Mail, die Dokumente dazu seien «versiegelt» («under seal»). Und der Richter betont, dass jetzt nicht mehr er für Ramos zuständig sei, sondern das Bureau of Prisons – das dem Justizministerium in Washington untersteht.

Und viele Fragen offen
Die hier dargelegten Fakten lassen praktisch nur eine plausible Erklärung dafür zu, dass José Manuel Ramos vorzeitig auf freien Fuss kam: Die amerikanische Regierung schickte ihren Doppelagenten auf eine weitere Mission – in die Schweiz, wo ein alter Bekannter, Bundesanwalt Roschacher, im Sommer 2002 viel mit ihm vorhatte (Weltwoche Nr. 22.06 und 23.06). Insider versichern, dass die USA einen verurteilten Drogenhändler, der als Spitzel für sie gearbeitet hat, nur unter strengen Auflagen freilassen. Niemals würden sie ihn einfach so in einen fremden Staat ausreisen lassen; zu gross wäre das Risiko, er könnte Interna verraten oder untertauchen.

Auch Schweizer Beamte, die mit dem Fall vertraut sind, zeigen sich heute überzeugt davon, dass Roschacher und Kurt Blöchlinger, der Chef der Bundeskriminalpolizei, einem amerikanischen Doppelagenten aufsassen. Ramos selbst, sagen sie, habe der Bundeskriminalpolizei am Schluss gestanden, den USA Informationen aus der Schweiz geliefert zu haben. Und: Er habe nicht nur die USA bedient, sondern auch die kanadische Bundespolizei, die Royal Canadian Mounted Police. Dieses «gravierende» Doppelspiel erkläre, dass José Manuel Ramos «nicht kontrollierbar» gewesen und namentlich im Fall des Privatbankers Oskar Holenweger viel zu weit gegangen sei. Sie glauben, dass Ramos für die Amerikaner Geldwäscherei- und womöglich auch Terrorismusfinanzierungs-Verfahren ausspionieren sollte, die die Bundesanwaltschaft und die Bundeskriminalpolizei führen. Man liegt aber wohl kaum falsch, wenn man auch davon ausgeht, dass der Drogenbaron, der sich «Hexer» nannte, alle über den Tisch zog, für die er zu arbeiten vorgab.

Die wichtigsten Fragen, die nach dieser Geschichte gestellt werden müssen, bleiben offen. Weder die Bundesanwaltschaft noch die Bundeskriminalpolizei wollten sie beantworten, weil in der Causa Ramos bereits Untersuchungen des Justizdepartements und des Bundesstrafgerichts laufen: Wussten Valentin Roschacher und Kurt Blöchlinger über die Doppelrolle ihres V-Manns Bescheid? Wurden sie von den USA eingeweiht oder eingewickelt? Und vor allem: Welche Konsequenzen wird das haben?

Affaire à suivre.


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