Nachruf

Nachruf

Alfredo Stroessner (1912–2006), Exdiktator von Paraguay

Von Sandro Benini

Wer dem greisen Exdiktator über dessen Homepage eine E-Mail sandte, erhielt per Auto-Reply eine knappe Antwort auf Deutsch: «Bin zur Zeit in Brasilien. Komme bald zurück. Alfredo». Der Absender: presidente-don@alfredo-stroessner.de. Die Fähigkeit zu Einsicht und Reue gehörte nicht zu den Charaktereigenschaften des Generals, dessen Vater 1898 aus Deutschland nach Paraguay ausgewandert war, der seinem Land zwischen 1954 und 1989 eine Diktatur aufzwang und der vom paraguayischen Schriftsteller Augusto Roa Bastos als «Tyrannosaurier» bezeichnet wurde.

Stroessner trat in jungen Jahren in die Armee ein, nach seiner Ernennung zum General dauerte es gerade mal einige Tage, bis er durch einen Staatsstreich die Macht an sich riss. Siebenmal wurde er in manipulierten Wahlen als Präsident bestätigt, fast während seiner ganzen Amtszeit herrschte der Ausnahmezustand, die Hälfte der Staatsausgaben ging für die Armee drauf. Stroessner war lieb Kind der zu einem grossen Teil deutschstämmigen Grossgrundbesitzer, denen er jede Bitte von den Lippen ablas. Er war einer der Begründer der «Operation Condor», unter deren Namen in den siebziger Jahren lateinamerikanische Militärdiktaturen unter dem Vorwand des Antikommunismus gemeinsam Dissidenten verfolgten, folterten und ermordeten. Politische und wirtschaftliche Rückendeckung erhielten sie von den Vereinigten Staaten. «Er ist vielleicht ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn», sagte der amerikanische Aussenminister John Foster Dulles einst vom nicaraguanischen Diktator Anastasio Somoza. Dasselbe hätte er von Alfredo Stroessner behaupten können.

1977 setzte Stroessner eine Verfassungsänderung durch, die es ihm erlaubt hätte, lebenslang an der Macht zu bleiben. Als Nachfolger war sein Sohn Gustavo vorgesehen. Schwere innenpolitische Spannungen, grassierende Korruption und der Verlust der US-Unterstützung machten diesen Plan zunichte. 1989 wurde Stroessner gestürzt und floh nach Brasilien ins Exil. Von den lateinamerikanischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts hat sich einzig Fidel Castro länger an der Macht gehalten.

Unter Stroessners Herrschaft wurden mindestens 900 Menschen umgebracht und Tausende gefoltert. Am 16. August ist er in Brasilia an einer Lungenentzündung gestorben. Laut der derzeitigen paraguayischen Aussenministerin Leila Rachid war er «ein von der Justiz gesuchter Flüchtling, der keinerlei Ehrungen verdient».

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