«Haben Sie eigentlich noch Spass am Touren, nach all den Jahren?» (Er ist gerade aus Stockholm angekommen, wo er gestern auftrat; morgen wird er in Konstanz singen, danach im «Kaufleuten» in Zürich. So geht das den ganzen Sommer über. Das Interview war am 27. Juli.) «Ich geniesse es jetzt wieder viel mehr.» – «Weshalb?» – «Evolution, spirituelle Evolution. Wenn man sich geistig entwickelt, bedeutet das, dass man seinen Geist und den Sinn des Lebens besser versteht. Deshalb weiss man dann das Leben zu schätzen, was immer man auch tut.»
«Wann hat denn diese spirituelle Evolution begonnen, ungefähr?» – «1999.» – «1999, genau dann?» – «Es gibt Richtungsänderungen im Leben. Ich erinnere mich nicht an einen bestimmten Anlass, es ist einfach das Wissen, dass diese Zeit universelle Änderungen brachte. Und die gaben mir Gelegenheit, mein Leben tiefer zu betrachten.»
Wir sind im «Hilton» in Opfikon, es ist 22 Uhr. Fünf Tage zuvor hatte ich schon mal eine Verabredung mit ihm gehabt, im «Victoria-Jungfrau» in Interlaken, wo er später an einer Freiluftveranstaltung auftrat. Nachdem ich eine Stunde lang gewartet hatte, fand ich die Pressefrau, und sie sagte, er gebe eigentlich nie Interviews vor einer Show, wenn schon danach, um 01.00 Uhr vielleicht. Ich fuhr dann wieder nach Hause, weil ich schon mal in einer ähnlichen Lage war, als ich Nina Hagen hätte interviewen sollen in Montreux. (Damals wartete ich umsonst. Dann setzte bei mir die spirituelle Evolution ein, das war 2004.) Er trägt eine Brille mit grün-gelb-rotem Gestell, das zudem unsymmetrisch ist, also nicht schlecht sitzend, meine ich, sondern so designt. (Das sind die Rastafarben, schon klar, aber die Brille sieht trotzdem aus wie von einem Optiker, bei dem viele der Deutschen, die zurzeit nach Zürich ziehen, Kunden sind.)
«Sie sind der letzte grosse Reggae-Held, der noch da ist und Musik macht, Bob Marley und Peter Tosh sind ja schon lange tot. Wie fühlt man sich da?» – «Und die Neuen, wie Sean Paul oder Shaggy?» – «Die sind toll, aber nicht ganz in der Liga.» (Ist schon okay, ich meine, er ist 58, hat kein neues Album und gibt trotzdem ein Interview, da darf man auch mal freundlich sein, oder?) «Ich bin einverstanden. Und das ist auch was, was mich erkennen liess, dass es grossartig ist, hier zu sein. Aber warum ich?» – «Guter Punkt.» – «Es zeigt, dass ich meine Lebensaufgabe noch nicht erfüllt habe. Wir drei waren alle zur selben Zeit da, dann gingen sie beide, denn sie hatten ihre Aufgabe erfüllt. Also begann ich, mich umzuschauen und in mich zu schauen, und ich sah: Hey, es ist eine tolle Zeit, am Leben zu sein. Nicht viele erkennen, weshalb sie hier sind: um es zu geniessen.» – «Würden Sie sagen, Sie sind auf einer Mission?» – «Jeder von uns hat eine Aufgabe: zu dienen.» – «Und wem?» – «Der Menschheit.» Ich wollte, nebenbei, mal Uriella interviewen, aber sie verabredete sich nicht mit mir, weil Jesus kein grünes Licht gab (O-Ton Icordo, ihr Mann). Aber ich denke, ich habe jetzt hier ihre Antworten ungefähr, einfach von Herrn Cliff. (Und Roger Schawinski und den Dalai Lama, die ich ebenfalls nicht bekommen habe, brauche ich eigentlich auch nicht mehr.)
«Ihre Hits sind dreissig Jahre alt, (‹The Harder They Come›, ‹Many Rivers To Cross›, ‹Vietnam›), ihre späteren Lieder waren dann nicht mehr so erfolgreich. Trifft einen das als Künstler?» – «Ich sehe diesen Abschnitt meiner Kreativität nicht gleich wie das Publikum. Denn ich weiss, dass ich die Fähigkeit immer noch habe, Musik zu schreiben, die ich schon immer im Herzen fühlte.» – «Ich glaube auch, dass ich meine besten Artikel erst schreiben werde, sonst würde ich vielleicht nicht weitermachen.» – «Genau. Und ein anderer Aspekt ist, es gibt einem das Gefühl: Hey, ich bin immer noch da.» – «Rauchen Sie noch Gras?» – «Nein, schon lange nicht mehr.» – «Wegen der Gesundheit oder des Glaubens?» (Er war mal Muslim. «Eine Türe, durch die ich ging. Jetzt stehe ich über den organisierten Religionen.») «Wegen beidem, ich bin oft unter meinen Rastafari-Brüdern, die rauchen, wenn ihnen danach ist. Das ist okay, aber mir ist nicht danach. Ich erreiche das höhere Bewusstsein auch ohne.» – «Welche finden Sie eigentlich die beste Sexplatte der Welt?» – «Kein Zweifel, ‹Let’s Get It On› von Marvin Gaye, wow.»
Er geht dann an die Bar, nimmt Platz zwischen zwei Gästen. Die erkennen ihn nicht oder sprechen ihn nicht an, auf jeden Fall. Er trinkt Tonic Water, redet mit dem Barmann, sieht an die Decke. Nach 45 Minuten ist er immer noch dort.
Jimmy Cliffs Lieblingsrestaurant:
«Es ist mehr eine Hütte, am Strand von Kingston.
Der Ort heisst Hellshire Beach, aber ich mag das Wort nicht, ich sage Hillshire. Denn es hat nichts mit Hölle zu tun, im Gegenteil.»













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