Steht ein alter Mann mit Regenschirm an der Ampel. Die Sonne scheint, jemand fragt, wozu der Schirm? «Wissen Sie», ist die Antwort, «ich brauch eigentlich einen Gehstock. Aber dann sagen die Leute: Oje, der Alte mit dem Stock! Hab ich aber den Schirm dabei, heisst es: Guck mal, der Verrückte mit dem Schirm.» Und das gefalle ihm wesentlich besser.
Eitelkeit und Alter – das passt. Die eigenen Spleens spazieren zu fahren, noch einmal aufzuglimmen, bevor es heisst: Ashes to ashes, dust to dust. Es ist unübersehbar: In den letzten zehn Jahren hat sich Bob Dylan eine ausgesuchte Garderobe zugelegt. Aus dem schäbigen, betont nichtangezogenen Althippie, der sich aus Laune mal einen Hut oder einen Schal griff, ist ein veritabler Country-Gentleman geworden. Sein Style oszilliert zwischen fahrendem Prediger und Tex-Mex-Grenzgänger unbekannten Auftrags.
Die neue Phase, man könnte es auch Alterswerk nennen, begann 1997 mit dem von Soundzauberer Daniel Lanois produzierten Album «Time Out Of Mind», das sich aussergewöhnlich gut verkaufte. Sie zeigt einen erkrankten, pessimistischen Bob Dylan (man höre «Not Dark Yet») – aber die Aufnahmen funkeln in einer dunklen Eleganz. Auf «Love And Theft» (2001) weicht die Düsternis von Dylans Stirn. Er produziert nun selbst unter dem Produzentenpseudonym Jack Frost und beschäftigt sich offensichtlich mit Sounds aus den dreissiger Jahren. Dylan hat das Heft in der Hand, scheint an einem musikalischen Stil zu arbeiten, der irgendwo zwischen Aussenseitertum und US-Tradition liegt, zwischen Huckleberry Finn und Bing Crosby.
Wie schlechte Aktienkurse
Das neue Album «Modern Times» führt nun noch weiter. Der Titel spielt mit Charlie Chaplin, dem lächerlich korrekt gekleideten Tramp, und gleichzeitig mit der Zivilisationskritik des gleichnamigen Films: Auf dem Cover läuft die Schrift nicht optimistisch nach oben, sondern talwärts wie schlechte Aktienkurse. Auch hier hat Dylan selbst produziert, und es heisst, er soll untypischen Aufwand auf die Stimmaufnahmen gelegt haben. Auch in seiner (im Internet herunterladbaren) Radiosendung «Theme Time Radio Hour» hören wir einen elegant formulierenden, fast quirligen Radiomann. Dies sind News von einem, der es – ganz platt – immer noch wissen will.
Das neue Album beginnt locker, aber tough mit einem Blues namens «Thunder On The Mountain». Schon in der zweiten Strophe wartet Dylan mit einem pikanten «Geständnis» auf: Er suche nach Alicia Keys, dem jungen Soul-Starlet, durchforsche ganz Tennessee, Tränen in den Augen. Was immer das sonst noch heisst: Dylan führt sich als Lover ein, als einer, der seine Hormone noch nicht an der Theke abgegeben hat. Im zweiten Song, «Spirit On The Water», scheint er gar unsterblich verliebt. Fantasie? Realität? Beides? Hey – es sind Songs. Sie sind hier lang und gemütlich, die Stimmung ist herzlich und rau, und kein Text vergeht ohne female company. Das ist die Auskunft.
Die grössten Juwelen platziert Dylan auf der zweiten Albumhälfte. «Workingman’s Blues i2» thematisiert auffällig nebenbei die fallenden Einkommen der Unterschicht. «Beyond The Horizon» ist eine neckische Swingtime-Nummer und ein charmantes Zwischenspiel: Hinterm Horizont ist Frühling oder Herbst, der Himmel blau, wartet Liebe für alle. Darauf folgt die eindringliche Ballade «Nettie Moore» mit einer Herzschlagpauke und der Schlüsselzeile: «The world has gone black before my eyes.»
Wie bei Dylans frühen Alben folgt auch hier der grosse und tragische Song am Schluss. «Ain’t talkin’», singt der Sänger und Seher, «just walkin’.» Sein Maultier sei krank, sein Pferd blind, so muss er zu Fuss durch einen Garten. Aber der Gärtner ist weg, der Garten leer. Was ein Paradies sein könnte, bleibt unbelebt, man scheint nicht hierherkommen zu wollen. Nur er wandert und wandert – bis von ihm nichts mehr zu sehen ist. Oder sei.
Bob Dylan ist eines der grössten noch lebenden Walhirne der westlichen Kultur. Von Walen sagen Esoteriker, sie seien das Gedächtnis der Erde und lagerten es in ihrem Körperfett. Kitsch, aber gut. Wer wie Dylan fast fünfzig Jahre lang hartnäckig damit beschäftigt war, die Gegenwart in Songzeilen zu verdichten, hat eine exklusive Sicht auf die Zeit. Songs durchziehen das Leben, sie fahren im Radio mit, beschallen Feiern und Abstürze, Hochzeiten und Beerdigungen, sie werden mitgesummt und gesungen, dienen als Sprichwörter und Artikeltitel und rufen Stimmungen hervor wie sonst nur Gerüche. Lieder sind unter den intellektuellen Erzeugnissen die physischsten und weitreichendsten. Und «Modern Times» ist eines der krönenden Beispiele.
Bob Dylan: Modern Times. Sony
23.08.2006, Ausgabe 34/06
Pop
Das Weltgedächtnis
Bob Dylan lässt den Himmel über Hippiehausen wieder leuchten – oh, wie er leuchtet!
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