Swissfirst

Abrechnung vor dem Schluss

Nach der Treibjagd auf seine Person will sich der Swissfirst-Gründer Thomas Matter für immer aus dem Metier verabschieden. Was es braucht, damit ein Vollblutbanker hinschmeisst.

Von Claude Baumann

Ausgerechnet sein grösster Exploit ist ihm zum Verhängnis geworden. Angetreten war Thomas Matter im vergangenen Herbst, um seine Swissfirst-Bank in einen grösseren, stärkeren Verbund mit der Bellevue-Finanzgruppe einzubringen. Fast zwölf Monate später steht der Bankier mit seinen Partnern vor einem Scherbenhaufen. Justiz und Bankenaufsicht ermitteln gegen sie, und die vor Jahresfrist geschmiedete «neue» Swissfirst-Gruppe soll verkauft werden. Dem 40-jährigen Matter, der zu den innovativsten Protagonisten auf dem Schweizer Finanzplatz gehört, konnte noch kein Verfehlen nachgewiesen werden. Trotzdem will er sich «definitiv aus dem Banking verabschieden», liess er der Weltwoche ausrichten. Wie konnte es so weit kommen?

Als sich die beiden Finanzhäuser am 12. September 2005 zusammenschlossen, schien die Fusion der «perfect fit» zu sein, wie es im Jargon heisst. Mit der Bellevue-Gruppe unter der Führung des diskreten Bankiers Martin Bisang hatte Thomas Matter einen optimalen Partner gefunden; die beiden Institute ergänzten sich geografisch wie operationell und verfügten zusammen mit mehr als zehn Milliarden Franken an Kundenvermögen über die kritische Grösse, um zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Komplementär war der Deal auch insofern, als keine der total 160 Stellen gestrichen wurden, wie das bei Fusionen oft der Fall ist.

Der Zusammenschluss war in zwei Etappen zustande gekommen: Zunächst hatte die Swissfirst für 275 Millionen Franken die operativen Firmen der Bellevue-Holding erworben. Diesen Kauf finanzierte die Swissfirst mit Eigenmitteln und einer Anleihe. Im Gegenzug hatte sich Thomas Matter verpflichtet, zum gleichen Preis fünfzig Prozent der Swissfirst-Aktien der Bellevue-Gruppe anzudienen. Auf diese Weise kam die Fusion ohne Ausgabe neuer Aktien (Kapitalerhöhung) zustande. In den Tagen nach dem Schulterschluss gewannen die Swissfirst-Titel fünfzig Prozent an Wert. Bis heute ist umstritten, ob der Kursanstieg voraussehbar war oder nicht. Matter verneint dies und verweist auf ein eigens in Auftrag gegebenes Gutachten des Schweizer Finanzprofessors Heinz Zimmermann.

Kritiker halten Matter im Nachhinein dagegen vor, es sei bei der Fusion im Voraus klar gewesen, dass es an der Börse zu einer markanten Höherbewertung der «neuen» Swissfirst komme, da sich der kumulierte Gewinn beider Firmen auf eine unveränderte Zahl von Aktien verteilte. So habe Matter sich selber und selektiv auch einzelne Kunden und Aktionäre begünstigt.

Bis November 2005 spielte diese Frage keine Rolle. Erst als der bisherige Grossaktionär, der schweizerisch-bulgarische Doppelbürger Rumen Hranov-Bühler, behauptete, von Matter vorsätzlich getäuscht worden zu sein und dass ihm darum millionenhohe Buchgewinne entgangen seien, rückte der Swissfirst-Bellevue-Deal wieder in die Schlagzeilen. Über die Medien trugen die Kontrahenten einen von persönlichen Animositäten geprägten Konflikt aus, der in gegenseitige Strafklagen mündete, deren Abklärung noch im Gang ist. Im vergangenen Juli dann warteten die NZZ am Sonntag sowie die Finanz und Wirtschaft mit neuen Enthüllungen auf. Dabei wurde klar, dass sich Matter für das Zustandekommen der Fusion eine anspruchsvolle und in der Schweiz noch nie dagewesene Vorgabe gesetzt hatte: Damit das 50-Prozent-Paket an Swissfirst-Aktien zustande kam, musste er innert vorgegebener Frist genügend Swissfirst-Aktionäre dazu bewegen, ihm ihre Titel zu verkaufen. So kontaktierte er nach eigenem Bekunden auch verschiedene Pensionskassen, mit denen er seit Jahren Geschäfte abwickelte. Sie hatten bereits früher Interesse angemeldet, ihre Titel zu verkaufen.

Das Vorgehen blieb ein heikles Unterfangen. Denn der Bankier durfte den Aktionären nicht erklären, weshalb sie ihm ihre Papiere andienen sollten, da er sie sonst zu Insidern (Mitwissern) gemacht und dies dem aktienrechtlichen Prinzip der Gleichbehandlung aller Eigentümer widersprochen hätte. Darum verfasste Matter ein juristisch abgesichertes Wording, einen Wortlaut, an den er sich bei seinen Kontakten hielt und der von den kontaktierten Personen unterschrieben wurde – bis auf Rumen Hranov-Bühler.

Trotzdem konnte Matter nicht verhindern, dass manche Aktionäre, über welche Kanäle auch immer, bald mehr wussten als andere. Dieser Makel zeigt sich allein schon darin, dass der Börsenhandel mit den Swissfirst-Titeln vor der Fusion markant anstieg. Gemäss Statistik wechselten etwa am letzten Handelstag vor dem Schulterschluss 82060 Swissfirst-Aktien ihren Besitzer, davon stammten allerdings bloss 12185 Titel aus dem Eigenhandel der Swissfirst. Daraus ist zu schliessen, dass sich manche Leute aufgrund ihres Wissens vorsorglich mit Swissfirst-Titeln eindeckten. Die Schweizer Börse SWX leitete denn auch eine Untersuchung ein und lieferte ihre Erkenntnisse der Bankenkommission (EBK), die nun ihrerseits Abklärungen trifft.

Neue Berichte stellten fest, dass Geschäftspartner der Swissfirst, namentlich Pensionskassenmanager, private Konten bei der Bank unterhielten. Das ist nicht verboten und auch bei anderen Banken üblich. Heikel ist aber, mit was für Zahlungen diese Konten im Laufe der Zeit geäufnet wurden. In der Branche wird seit langem kolportiert, dass einige Pensionskassenverantwortliche schon früh von der Bank mit pekuniären Gefälligkeiten, sogenannten Kickbacks bedacht wurden. Thomas Matter bestreitet dies energisch. Es wird Aufgabe der Justiz sein, hier Klarheit zu schaffen. Zweifellos unterschätzt hat Matter aber, wie delikat der Umgang mit Pensionskassengeldern ist. Denn es handelt sich dabei nicht einfach um Kapital vermögender Privatkunden, sondern – populär ausgedrückt – um Erspartes von Herrn und Frau Schweizer. Darum schlug die Affäre auch so hohe Wellen. Viel zu spät engagierten die Vertreter der Bellevue- und der Swissfirst-Bank einen der besten PR-Berater als Rettungsanker. Trotzdem war nicht mehr zu verhindern, dass die Berichterstattung verschiedentlich in dreiste Diffamierungen und Vorverurteilungen Thomas Matters mündete.

Die Unbeholfenheit verwundert

Dies entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Denn die verbreiteten Informationen waren nicht etwa das Werk akribischer journalistischer Recherche, sondern sie stammten, wie sich herausstellte, von frustrierten Swissfirst-Mitarbeitern, die den Bankier zu Fall bringen wollten. Die Medien mussten nur noch die Vertraulichkeiten lesergerecht aufbereiten.Diese Informationslecks brachten den Swissfirst-Gründer zusehends in Not. Erst jetzt gewährte er der Handelszeitung ein Interview, verstieg sich dabei aber zu wirren Äusserungen. So dementierte in der Folge der Leitende Staatsanwalt III des Kantons Zürich, Christian Weber, die Behauptung Matters, die Aktientransaktion zwischen Swissfirst und Bellevue sei von der Staatsanwaltschaft vorab genehmigt worden. Auch Matters Vergleich seiner Fusion mit jener der Schwyzer OZ Holding und der Genfer Vermögensverwaltungsgruppe MCG erwies sich als nicht adäquat, da jener Zusammenschluss im Gegensatz zu Swissfirst/Bellevue mittels einer Kapitalerhöhung zustande gekommen war.

Thomas Matters Unbeholfenheit verwundert, zumal der Bankier in der Vergangenheit stets selbstsicher agierte. So war es ihm auch gelungen, schon in jungen Jahren den Grundstein für eine steile Karriere zu legen: Mit 28 Jahren gründete er bereits seine Bank, die anfangs ZFP Zurich Financial Products hiess, 1999 benannte er sie in Swissfirst um. Weil sein Vater, Peter Matter, ein führender Manager beim Pharmakonzern Roche war und deshalb über ein enormes Beziehungsnetz verfügte, das von Christoph Blocher über Martin Ebner bis hin zum früheren Arbeitgeberpräsidenten Guido Richterich reichte, musste sich Thomas Matter ständig den Vorwurf gefallen lassen, nur dank dieser Schützenhilfe zu Aufträgen zu kommen – was falsch ist. Im November 1999 brachte Matter die Bank an die Börse und besass im Zuge der damaligen Börsenhausse bald ein Vermögen in seinen Büchern von mehreren hundert Millionen Franken. Er nahm bedeutende Transaktionen am Kapitalmarkt vor und geriet definitiv ins Rampenlicht, als er im Frühjahr 2002 im Auftragsverhältnis den Jean-Frey-Verlag (Weltwoche) finanztechnisch einer Investorengruppe unter der Führung des Tessiner Financiers Tito Tettamanti zuführte.

So erstaunt es nicht, dass sich Thomas Matter nicht nur Freunde, sondern auch viele Feinde schuf, vor allem auch im Verlagshaus Ringier. Während ihn Letztere für einen Hasardeur halten, attestieren ihm Erstere grosse Innovationskraft in seinem Metier. Neid, Missgunst und Verunglimpfungen führten auch dazu, dass allein seine Tätigkeit als Bankier manchen Medien Vorwand genug war, ihn systematisch zu desavouieren. Umso schwerer dürfte es nun fallen, emotionslos abzuklären, was an den Insider- und Begünstigungsvorwürfen dran ist.

Thomas Matter scheute sich nicht, auch politisch Stellung zu nehmen. Er kritisierte den Drang der Behörden zur Überregulierung, er plädierte für tiefere Steuern, er «outete» sich als vehementer EU-Gegner und als ein nicht minder energischer Verteidiger des Bankgeheimnisses. Als Ironie des Schicksals muss wohl gedeutet werden, dass ihm ausgerechnet dieser für die Schweiz so wichtige Diskretionsschutz zum Verhängnis wurde. Denn je mehr vertrauliche Informationen an die Öffentlichkeit sickerten, desto augenfälliger wurde, dass die Swissfirst auf ein Reputationsproblem zusteuerte. Darauf zielten auch die Bemühungen seiner Gegner ab. Als schliesslich sogar einzelne Kundennamen in den Zeitungsspalten erschienen, war dem letzten Beobachter klar, dass Matters Stunde geschlagen hatte. Ende vergangener Woche gab die vor Jahresfrist aus der Taufe gehobene Swissfirst-Gruppe bekannt, einen Käufer für das Unternehmen oder einzelne Geschäftsbereiche zu suchen.

Matters Niederlage wäre vielleicht abwendbar gewesen. Das hätte jedoch bedingt, dass die Fusion von Beginn an besser kommuniziert worden wäre, wie inzwischen selbst Matter nahestehende Personen einräumen. Vor allem bei der Gleichbehandlung der Aktionäre kam es zu gravierenden Unterlassungssünden. Vielleicht wäre man auch mit einem anderen Modell (mit Kapitalerhöhung) besser gefahren, denn es lässt sich nicht abstreiten, dass der Deal bis heute nicht absolut transparent ist. Das hat Misstrauen geschürt. Matter hat es aber auch sträflich versäumt, sich mit seinem grössten Widersacher, Hranov-Bühler, frühzeitig zu einigen. Denn es war sein medial angelegter Rundumschlag, der die Swissfirst ins Wanken brachte.

Nun verliert ein leistungsstarkes Finanzinstitut auf dem Schweizer Finanzplatz wahrscheinlich seine Unabhängigkeit, und mit Thomas Matter steigt ein zwar polarisierender, aber engagierter Bankier und Verfechter guter Rahmenbedingungen aus der Branche aus. Im Nachgang zum Fall Swissfirst wird der Ruf nach noch mehr Regulierung umso lauter erschallen – eine Tendenz, gegen die sich gerade Matter immer heftig gewehrt hat. Denn er befürchtete, dass der Finanzplatz so seine internationale Wettbewerbsfähigkeit einbüsse.

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