Dieser Tage erscheint Ihr neues Album «Idlewild», der gleichnamige Spielfilm aber kommt erst im Herbst in unsere Kinos. Und eigentlich war die Platte ja bereits letztes Jahr versprochen. Warum diese unterschiedlichen Fristen?
André 3000: Zeit. Zeit. Zeit. Lass sie ticken. Wir brauchten diese Zeit einfach, um gute Arbeit abzuliefern. Und vielleicht ist dies nun der Veröffentlichungstermin, der vorherbestimmt war.
Helfen Ihnen Deadlines, um eine Arbeit fertigzubekommen?
André 3000: Wir hatten viele Deadlines.
Big Boi: Ja, sie kamen und gingen.
André 3000: Ich glaube sehr ans Schicksal, Mann. Und an die Zeit, Mann. Das mag verrückt klingen, und die Filmleute hassen es, aber ich glaube daran, dass die Sachen rauskommen, wann sie rauskommen müssen. Dann, wenn man loslassen kann.
Ursprünglich wollten Sie zwei neue Alben machen, den Soundtrack zum Film «Idlewild» und ein konventionelles Studioalbum. Jetzt erscheint doch nur eine Platte. Ist die nun Fisch oder Vogel?
André 3000: Sie ist beides, ein Outkast-Album und der Soundtrack zum Film. Es sind Songs darauf, die erst von den Dreharbeiten inspiriert und nachher geschrieben wurden, und andere, die vorher entstanden und die auch im Film vorkommen. Die Platte spielt also beide Rollen.
Nach dem Grosserfolg Ihres letzten Albums und Hits wie «Hey Ya!» war der Erwartungsdruck sicher beträchtlich. Hat Sie das beunruhigt?
André 3000: Naaah, not really. Solang wir unsere künstlerische Arbeit aufregend finden, werden sich die Dinge schon richten. Natürlich hat man immer Erfolgsdruck. Aber was heisst schon Erfolg? Unser letztes Album verkaufte sich mehr als zehn Millionen Mal. Der Blitz trifft selten zweimal ins gleiche Haus. Wenn das neue Album nicht auf zehn Millionen kommt, ist das auch cool, sofern es ein paar Leute gibt, die darauf abfahren. Wir sind jetzt in der Situation, dass uns die eingeschworenen Hip-Hop-Fans ernst nehmen, wir aber auch in der Popwelt Resonanz finden. Was will man mehr? Alles, was wir jetzt noch schaffen, ist Zugabe.
Nach dem vergangenen Album hiess es, Outkast stünden vor der Trennung, Sie beide arbeiteten nur noch in separaten Studios. Ist da was dran?
Big Boi: Wenn man der Presse glaubt, befinden wir uns schon seit Jahren in einem Zustand permanenter Auflösung. Seither haben wir drei weitere Alben gemacht. Jetzt kommt noch eins, und ein Film dazu. Wenn das ein Anzeichen für unsere Auflösung ist...Dies ist einfach unsere bevorzugte Arbeitsweise. Wir tun dies und das, arbeiten in separaten Studios, weil wir beide sämtliche Aspekte des Musikmachens beherrschen. Wir hecken eine Idee aus, machen ein Konzept draus und nehmen etwas auf. Dann präsentiert einer dem anderen, was er hat. Der andere hört sich das an, legt seinen eigenen spin drüber und gibt die neue Fassung zurück. Dann gibt der, der die ursprüngliche Idee hatte, noch mal seinen spin dazu. So entstehen unsere Songs. So mögen wir’s am liebsten. Das ganze Gerede vom Ende unserer Zusammenarbeit ist nur noch öde.
Fliegen bei dieser Arbeitsweise manchmal auch die Fetzen? Gibt es Streit über die Richtung, die Sie musikalisch einschlagen wollen?
André 3000: Überhaupt nicht. Wir kennen uns schon so lange, dass wir jeden Gesichtsausdruck des anderen sofort verstehen. Es ist auch eine Frage des Respekts. Natürlich sitze ich nicht hier und behaupte, wir seien uns immer einig. Oder wir würden uns nicht manchmal in die Haare kriegen, wenn es um geschäftliche Entscheidungen geht. Aber alles ist in Butter. Wir sind immer noch die Homeboys aus der Schule.
Ihr Erfolg beweist, dass das Massenpublikum allen Ängstlichkeiten der Plattenfirmen zum Trotz durchaus Musik goutiert, die nicht in die gängigen Stilschubladen passt.
Big Boi: Unsere Musik entsteht heute auf die gleiche Art wie eh und je. Wenn die Musik richtig brodelt, kommen die Leute zu dir. Und wenn sie doch nicht kommen, ist das halt ihr Geschmack. Wir können uns glücklich schätzen, die Sterne meinten es gut mit uns. Die Leute verstehen unsere Musik, auch wegen der Ehrlichkeit, die in ihr steckt. Sie schätzen das, und funky sind wir sowieso. Das Publikum hat all die formatierte Fliessbandware satt. Da hört man jedem Ton an, dass er kalkuliert ist.
Auf Ihrem neuen Album fehlt dafür der Sänger Cee-Lo Green, der gerade als Teil des Duos Gnarls Barkley Erfolg hat.
André 3000: Es war schon vorgesehen, dass er wieder dabei sein würde. Aber dann hoben Gnarls Barkley ab, und die Planung wurde wahnsinnig schwierig. Wir riefen Cee-Lo an, und er tönte am anderen Ende der Leitung: «Hey, ich bin gerade in Paris!» Oder: «Du glaubst es nicht, aber seit gestern sitz ich in London.» So lief er uns schliesslich davon. Aber vielleicht ist er mal noch auf einem Remix drauf. Auf jeden Fall gehört Cee-Lo weiterhin zum Home-Team.
Das Filmmusical «Idlewild», das nächste Woche in den USA Premiere hat, spielt mit der Ästhetik der dreissiger Jahre. Worin liegt für Sie der Reiz dieses Jahrzehnts?
Big Boi: Das war die Idee von Bryan Barber, dem Regisseur und Drehbuchautor. Wir wollten nicht einfach ein Biopic drehen, das uns als Knirpse zeigt und dann schildert, wie wir zu rappen anfangen. Wir wollten die Handlung in einer anderen Epoche ansiedeln, um etwas Distanz zu schaffen. Bryan hat das clever gelöst. Der Film spielt zwar in der Zeit um 1930, aber unsere Gegenwart schimmert durch.
Auch in der Musik zum Film ist der Einfluss der Thirties unverkennbar. Einige Rhythmen erinnern an Charleston oder Lindy Hop. Zudem kommen richtige Tubas und Posaunen zum Einsatz. Suchten Sie damit eine besondere Herausforderung? Oder war das reines Vergnügen?
André 3000: Es war keine echte Herausforderung, hat aber viel Spass gemacht. Und auch die Vorbereitung auf unsere Rollen war witzig. Wir sind ja nicht in den dreissiger Jahren aufgewachsen und können beim besten Willen nicht behaupten, wir hätten an der Highschool ständig Musik aus den Thirties gehört. Unsere Epoche waren eher die siebziger und achtziger Jahre, vielleicht noch die Sixties. Daher haben wir uns für den Film mit CDs von Cab Calloway eingedeckt, dem berühmtesten Musiker jener Ära – und wir merkten, dass er nicht nur singen konnte, sondern auch eine Art Rapper war. Ein grossartiger Performer! Wir schauten uns viele Filme aus der Zeit an und inhalierten ihre Atmosphäre. Aber wir setzten uns nicht hin und analysierten, wie diese Musik komponiert war. Wir haben einfach unsere Interpretation davon gemacht.
Daraus zu schliessen, was wir bisher von «Idlewild» zu sehen bekamen, ist der Film ziemlich üppig geworden. Hat es der Erfolg Ihres jüngsten Albums erleichtert, Geldgeber zu finden?
André 3000: Auf jeden Fall. Seit 1998 haben wir mindestens drei Filmideen gehabt, drei verschiedene Storys, die wir mit Musik kombinieren wollten. Wir flogen nach Hollywood und präsentierten unser Konzept. Die Filmleute fanden es toll und wollten es kaufen, aber wir waren ihnen wirtschaftlich nicht attraktiv genug. Daher wollten sie uns das Projekt abkaufen und andere Musiker in den Film stellen. Zum Glück wussten wir, dass das unmöglich funktionieren konnte, denn der Film und unsere Songs gehörten zusammen. Aber wir haben immer gewusst, dass wir ein Musical machen wollten.
Welche Lehren haben Sie aus dem Scheitern dieser früheren Filmprojekte gezogen?
André 3000: Wir lernten, dass wir an Gewicht zulegen mussten. Dass wir noch populärer werden mussten. Wir waren damals ziemlich grün hinter den Ohren: Es sollte unser Film sein, und da wollten wir natürlich all unsere Freunde drin haben, um ihnen eine Freude zu machen. Unterdessen haben wir gelernt, dass man so was seriöser angehen muss. Ja, wir haben ziemlich viel gelernt in dem ganzen Prozess.
Outkast: Idlewild. Sony BMG
Das Filmmusical «Idlewild» kommt voraussichtlich im Spätherbst in die Schweizer Kinos.
16.08.2006, Ausgabe 33/06
Pop
«Und funky sind wir sowieso»
Auch nach dem Riesending «Hey Ya!» wollen Outkast bleiben, was sie waren: Homeboys. Jetzt eben mit einem Kinomusical samt Album zur Bandgeschichte.
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