Nachruf

Sergius Golowin (1930–2006)

Berner Bibliothekar, Schriftsteller, Erzähler und Avantgardist

Von Bernhard Giger

Freitagmittag war jeweils Stamm. Die daran teilnahmen – Freaks und Gammler, Künstler und Schüler –, hätten die Treffen im «Café des Pyrénées» am Berner Kornhausplatz selbst allerdings nie als «Stamm» bezeichnet. Das wäre in diesen Jahren, den späten Sechzigern, zu spiessig gewesen. Sitzungen waren es eher, wenn Sergius Golowin im «Pyrénées» Hof hielt, in Sagen- und Mythenwelten entführte und von Kräutern und Kräften erzählte – zu einer Zeit, als es noch nicht zum guten Ton gehörte, eine homöopathische Hausapotheke zu haben.

Zum Ficheneintrag des «prominentesten Nonkonformisten von Bern» hätten esoterische Vorträge allein nicht gereicht. Golowin war eine zentrale Figur jener Berner Avantgarde zwischen den fünfziger und siebziger Jahren, von der die Stadt heute noch zehrt: Szeemann in der Kunsthalle, Ionesco, Beckett und Arrabal in den Kellertheatern und Mani Matter das erste Mal auf Radio Beromünster.

Dazwischen Golowin. 1930 in Prag geboren, Sohn eines Russen und einer Bernburgerin, Bibliothekar, Schriftsteller. Und vor allem: Erzähler. Er hat unzählige Bücher veröffentlicht – über hundert Titel –, eigene romantische Gedichte und alte, gelesene oder gehörte Geschichten. Er hat über Tarot geschrieben, Alchemie und über die Energie des Ursprungs. Doch er konnte auch sehr gegenwärtig sein, der Platz in der Mitte gefiel ihm. Er wusste seine Zuhörer zu packen und manchmal auch zu irritieren: Eine auffällige Figur war er bereits in den subkulturellen Berner Diskussionszirkeln der Fünfziger – «Tägel-Leist» hiess jener, in dem er sich engagierte. Golowin brachte ihm in seiner euphorischen Bewunderung der «Volkskultur» zeitweilig einen schlechten rechten Ruf ein.

Sein eigentliches Podium war die «Junkere 37», ein offenes Forum in einem Keller an der Junkerngasse. Der Abend im Keller, das war jeweils Golowins fixer Termin am Freitag. Seine Stimme zählte, wenn dort vom skandalösen Berner Strafvollzug die Rede war oder von der Diskriminierung der Fahrenden. Er verkehrte mit den Zürcher Hells Angels, er begleitete Timothy Leary, als der aus dem Gefängnis befreite Harvard-Professor ins Schweizer Exil flüchtete. Zehn Jahre sass er für den Landesring der Unabhängigen im Grossen Rat. Aber das war nicht wirklich sein Feld. Er brauchte Raum und Zeit, viel Zeit, für seine Geschichten. Sonst wären sie bloss halb so fantastisch gewesen. Am 17. Juli ist Sergius Golowin, 76-jährig, in Bern gestorben.

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