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26.07.2006, Ausgabe 30/06

Pop

«Hamburg gibt der Kartoffel Geschmack»

Deutschlands heimlicher Weltstar Jan Delay musiziert sich verdammt cool durch die Stile. Diesmal ist es Funk.

Von Albert Kuhn

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«Ich hab 99 Probleme», rappt Jay-Z, «doch eine bitch ist keins.» So fasst New Yorks Rap-Kaiser seine Weltsicht zusammen. Der einzige Konter kommt aus Hamburg: «Ich hab 24 Namen auf meinem Briefkopf...» Den Rest lässt der Deutschrapper offen, meint aber sinngemäss: Ich könnte auch 99 Pseudonyme haben, und ihr hättet mich noch nicht gecheckt. Ihr meint, ich sei so – ich bin aber soho. Und denkt ihr soho, bin ich schon anderswo.

Jan Philipp Eissfeldt alias Eizi Eiz alias Jan Delay ist ein Drittel der Beginner (früher: Absolute Beginner) und heute der regelnde Rap- und Funkmaster Deutschlands. Geboren 1976, wuchs Jan Delay im Stadtviertel Eimsbüttel auf, unter der grössten Kulturkäseglocke, die das Land zu bieten hatte: im kühlen, reichen, weltverwöhnten Hamburg – sorry: Hamburch. Dank seiner Eltern ist der kleine Jan mit nichts als guter Musik aufgewachsen.


Wann durftest du zum ersten Mal schlechte Musik hören?
Schlechte Musik – bin ich nie mit in Verbindung gekommen, jedenfalls nie so, dass ich mich geekelt hätte. Es gibt viel Musik, die vermeintlich schlecht ist, und man kann trotzdem mitsingen. Die erste Musik, die mich wirklich zu deprimieren begann, war Blacks «Wonderful Life» – (singt) «it’s a wonderful, wonderful life...». Öaahh, weisser geht’s nicht mehr. Ich konnt als Kind auch mit Depeche Mode nichts anfangen, empfand ich als zu kalt.

Wann fing dich Funk an zu interessieren? Schon in deiner Hip-Hop-Zeit?
So mit dreizehn, vierzehn, als ich checkte, woher Hip-Hop kam. Im US-Rap haben ja alle Funk gesampelt. Mad, der DJ der Beginner, ist richtig drauf abgefahren, hat das den ganzen Tag gehört. Mich kriegen aber immer die poppigen Sachen. James Brown ist für mich komplett unpoppig, und The Meters sind für mich komplett Pop. Ich bin ja eher der Soulman als der Funkbrother. Bloss, Soulman kann ich als Künstler nicht sein – Funkbrother aber schon.

Und weshalb nicht?
Weil Soul mit dem Gesang zu tun hat. Und das kann ich nicht, in keinster Weise.

Aber trotzdem scheinst du auf der Suche nach dem Soul.
Ja nee, ich kann Soul in meinen Gesang legen, aber ich kann nicht singen wie die. Ich kann versuchen, meine Seele zu öffnen, bloss klingt die nicht so schön wie die Seele von Aretha Franklin oder Marvin Gaye.

Aber dein Hamburg-Lied, das ist ja zum Heulen schön.
Find ich ja auch, aber es hat nichts damit zu tun, was ein Soulsänger hat. Es hat vielleicht diesen Charme und ist so schön grade wegen seiner Limitiertheit. Die Naivität alter Rocksteady- und Jamaika-Sachen, diese einfache, schöne Melodie, die denen da eingefallen ist. Herzzerreissend, auch wenn da zwei Töne andauernd zu tief sind. Aber wenn Marvin Gaye kommt und das so singt – dann weisst du, was Soul ist.

Bei den goldenen Stimmen besteht aber die Gefahr, dass sie von sich selbst besoffen...
Das müssen keine goldenen Stimmen sein, nimm doch Mary J. Blige! Da ist kein Gold, aber da stockt mir der Atem, wenn ich die live sehe. Das ist unglaublich. Ich sah die einmal in der Schweiz – auf’m Gurrrten, denk ich. Nee, Quatsch, in Frauenfelde, wo wir selbst auch aufgetreten sind.

Du scheinst dir bei jedem Album einen anderen Musikstil vorzunehmen. Erst Rap, dann Reggae, dann Ragga. Warum nun Funk?
Das sind halt immer so Phasen. Nach der «Bambule»-CD habe ich dauernd Rocksteady gehört, Studio-One-Kram, mich da voll reingenerdet. Danach kam das Ding mit dem Reggae. Und nach «Blast Action Heroes», wo ich den ganzen Tag Hip-Hop machte, habe ich nebenbei Jazzfunk gehört, ich hör mir ja meistens an, was ich grade nicht mache. Und daraus kam der Wunsch, mal mit so ’ner Art von Band etwas zu machen. Dann hatte ich als DJ aber auch noch den Wunsch, mal ’ne Tanzplatte zu machen, weil’s das in Deutschland noch nie gab. Eine Tanzplatte mit Grooves.

Mit einem Song über Kartoffeln. Und dazu soll Deutschland tanzen?
Kartoffel ist der Name, den uns die hier lebenden Ausländer gegeben haben, heute. Früher waren wir die Krauts für die Amerikaner, für die Türken sind wir die Kartoffeln. Ich bin ’ne Kartoffel. Das ist hart, aber wahr.


Jan Delay kotzt also einen Song lang über das Kartoffelsein ab. Im Refrain kommt die Wende, der entscheidende Satz: «Aber wenn das, was ich grade hier gelabert habe, stimmt – wieso kann ich dann verdammt noch mal so cool sein, wie ich bin?» Hoho, gut gebrüllt. Wir geben die Frage gleich an Jan Delay zurück.


Warum ist Jan Delay so cool?
Die Frage beantwortet das Lied, ich werde das doch hier nicht noch vorsingen müssen?

Also ist die Musik, ist das Musikmachen eine Fluchtroute aus der Kartoffelexistenz?
Nee. Die Antwort ist Hamburg. Eben deshalb, weil da die Zutaten sind, die der Kartoffel Geschmack geben.

Mehr Gründe für Hamburg, bitte.
In Hamburg läuft alles anders, da gibt’s nicht so viel Deutschland. Hamburg ist eine Hafenstadt wie London. 1963 waren die Beatles da, haben ein Jahr auf’m Kiez gespielt. Sie haben entfacht, was sie nur in Hamburg entfacht haben – eine starke Grundakzeptanz für Bands, für Clubs, für Musik. Die Kids von damals sind selber älter geworden und haben ihre Kinder auch in Clubs gehen lassen. Man hat hier immer nach links und rechts gekuckt, man hatte immer Bock auf Neues, von Generation zu Generation wurde das weitergegeben. Und das alles funktionierte miteinander nebeneinander. Das ist Hamburg.

Udo Lindenberg singt den letzten Song auf deiner neuen CD «Mercedes Dance» – warum?
Der Udo ist dabei, weil er ein Idol meiner Kindheit ist und ich schon immer etwas mit ihm machen wollte. Und für diese Pladde ist das genau richtig. Auch der Song «Im Arsch» schien mir genau richtig, Udo kriegte ihn zugeschickt und sah das genauso. Wir trafen uns ein paarmal in Udos Suite im «Atlantic»-Hotel, um uns anzuwärmen. Das kam mir vor wie eine Audienz. Ich bin echt Fan, ich kenne jeden seiner Songs. Auswendig.


Man könnte die musikalischen Szenenwechsel von Jan Delay als Produkt eines Getriebenen beschreiben – von einem, der immer weiter gen Westen muss, wie Kolumbus, um Amerika zu entdecken. Die Bewegung ist aber nicht straight. Delay vollführt vielmehr eine Kreisbewegung, genauer: eine Einkreisbewegung: von Rap Central nach Reggae Island, von da nach Ragga Underground, dann nach Funkytown und Gospel Heaven und vielleicht – wie er zart andeutet – bald auch nach Rock City. Aber da finden keine reinen Stilübungen statt, es ist immer Jan Delay mit seiner Froschstimme und seinem Vogelblick. Und von allen Stationen nimmt er was Cooles mit und behält es. Also findet nach und nach eine Anreicherung statt, und die mit Funk betitelte neue Scheibe glänzt nicht nur wie die pure Seventies-Disco, sondern schillert in allen Tönen und Stilen, die Jan Delay schon absolviert und inhaliert hat.


Aus welcher Musik ist Jan Delay gemacht?
Von der Seele her sind es fünf Platten, die ich als Fünfjähriger mit meinen Eltern gehört habe. Das sind Nina Hagen Band, Dexys Midnight Runners: «Searching For The Young Soul Rebels», Bob Marley: «Live!», The Ramones: «Road To Ruin» sowie die erste von Defunkt.

Danke. Vier hab ich schon, eine werd ich mir noch...
...Moment, es gibt noch eine Fünferliste, eine aktuellere. Vom Arschbewegfaktor her – nee, besser so: vom Arsch- und Herzbewegfaktor und – ähm – vom daraus resultierenden Legendenstatus her sind es diese fünf CDs: Fugees: «The Score», Puff Daddy & The Family: «No Way Out», Dr. Dre: «Chronic 2001», Daft Punk: «Homework» und 50 Cent: «Get Rich Or Die Tryin’».


Er ist ein Perfektionist – im Formulieren wie im Soundmachen. Bei «Mercedes Dance» wäre er ob seiner Ansprüche fast zusammengebrochen, es mussten Freunde her, um ihn wieder aufzurichten, ihm Luft zuzufächeln und striktes einmonatiges Song-Anhör-Verbot zu verordnen. Bis der Perfektionist wieder weich und locker wurde.

Manchmal stellt ihm seine Perfektion auch ein Bein. Um die Vorab-CD, die an die Journalistenmeute geht, nicht eine halbe Woche später im Internet winken zu sehen, macht Jan Delay sie gezielt unhörbar. Bei «Mercedes Dance» sind es Kühe, Pferde, Schweine und Hunde, die da immer wieder auftauchen und in den Song reinraunzen. Und bei «Searching For The Jan Soul Rebels» verwendete er die Stimmen von gefakten Bodyguards, den Brooklin Bouncers, die mit ihren Machosprüchen die Promo-CDs gezielt verunstalteten.

Der Witz ist bloss: Jan Delay machte den zerstörerischen Job so sorgfältig und witzig, dass die Promoversion mit den Bouncern einen geheimen Kultstatus erreichte: Es gibt Journalisten, die sich nur die «verdorbene» Version anhören. Das Gleiche wird mit den Tierstimmen passieren: Bald werden Kritiker überfallen werden, und bei Androhung von ambulanter Geschlechtsveränderung werden sie ihre Promo-CDs rausrücken müssen – etwas, was Besitzern von Madonna-Interview-CDs und James-Blunt-Promos garantiert nie passieren wird. So viel zum heimlichen Weltstarstatus von Herrn Delay Jan, Hamburch.


Jan Delay: Mercedes Dance. Universal. Das Album erscheint am 4. August.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 30/06
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