Hollywood I

Der Gegendarsteller

Wider alle Regeln torkelte Johnny Depp als abgewrackter Piratenkäpten übers Deck, bis die Geldgeber einschritten: «Zu schmutzig, zu schwul». Doch der Akteur setzte sich gegen das Disney-Establishment durch – und wird jetzt vom Schicksal belohnt. Porträt eines verbesserlichen Querulanten.

Von Lars Jensen

Kann man den Ruhm eines Filmstars daran ablesen, wie effektvoll sein erster Auftritt in einem Film inszeniert wird, darf sich Johnny Depp mit Marlene Dietrich, John Wayne und Marlon Brando messen. In «Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest» sieht man nach ein paar Minuten einen Sarg auf dem nächtlichen Meer treiben. Eine Krähe landet darauf und hackt auf der Holzkiste herum, weil sie den Kadaver wittert. Plötzlich knallt eine Kugel aus dem Sarg heraus und zerfetzt die Krähe, von der nur die Federn übrig bleiben. Johnny Depp steckt den Kopf durch das Loch, dreht ihn wie ein Teleskop, benutzt den Sarg als Kajak und ein verwestes Bein als Paddel und rudert dem Mond entgegen.

So treten nur die unantastbaren Stars auf: Johnny Depp bricht mit seiner ersten Aktion in dieser teuersten Disney-Produktion aller Zeiten sogleich eines der ältesten Tabus in Disney-Filmen und tötet ein unschuldiges Tier. Kein Tierschützer hat sich bis jetzt bei Disney beschwert. Seit «Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl» im Jahr 2003 652 Millionen Dollar einspielte, wird Depp alles verziehen. Die Fortsetzung hat in den vergangenen zwei Wochen selbst die Rekorde von «Krieg der Sterne», «Herr der Ringe» und «Spider-Man» gebrochen. Kein Film spielte an einem Wochenende mehr Geld ein, keiner erzielte schneller 100, 200, 300 Millionen Dollar Umsatz als Depps Piratenepos.

Das halbe Stinktier
«Pirates of the Caribbean» ist für das Publikum ein Glücksfall. Für einmal muss es nicht das hübsche Gesicht von Brad Pitt oder den trainierten Körper von Tom Cruise ertragen, sondern es erlebt eine Hauptfigur, die sich nicht eine Sekunde lang ernst nimmt. Depp wippt mit der Hüfte wie ein alter Mann, der eine Frau nachahmt; er lallt und nuschelt, dass man ihn kaum versteht, und man kann förmlich riechen, wie er nach Rum und altem Schweiss stinkt. Wäre es nach den Produzenten gegangen, hätte Depp diese Rolle ziemlich anders interpretiert und ein anderer Film wäre wohl Hollywoods Blockbuster dieses Sommers.

Wenn sich ein Studio entschliesst, 225 Millionen Dollar in eine Produktion zu investieren, versucht es üblicherweise, das Risiko zu minimieren, indem es einen Stoff verfilmt, der bereits als Comic, Fernsehserie oder Buch ein Welterfolg war. Oder es engagiert anerkannte Publikumslieblinge als Darsteller. Oder einen Regisseur, der bewiesen hat, dass er liefert, was die Massen wollen. Alle Beteiligten streben danach, das Überraschungsmoment auszuschalten, und anschliessend wundern sie sich, warum Filme wie «The Da Vinci Code», «Mission: Impossible 3» oder «Superman» viel weniger Geld einspielen als erwartet. Bei Disney hat man nichts unversucht gelassen, um auch «Pirates» zu versauen. Nun sitzen die Produktmanager ratlos in den Konferenzzimmern und suchen nach Erklärungen, wie ihnen einer der wertvollsten Filmerfolge aller Zeiten in den Schoss fallen konnte, ohne dass sie es merkten.

Im Frühling 2003 hatten sie erste Bilder von Johnny Depps Interpretation des Käpten Jack Sparrow gesehen und waren überzeugt, die Dreharbeiten stoppen zu müssen, um zu retten, was noch zu retten war. Depp spielt die Figur, als sei sie eine Mischung aus dem Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards und dem Stinktier Pepe Le Pew aus der Comic-Serie «Looney Tunes». Er eiert wie ein Alkoholkranker übers Schiffsdeck und benimmt sich so ungehobelt, wie es normalerweise in einem Familienfilm von Disney nicht geduldet wird. Depp erinnert sich im Branchenblatt Entertainment Weekly an den Tag, als er in die Konzernzentrale zitiert wurde: «Junge, Junge, da sass ich in diesem Meeting, 39 Jahre alt, mit Leuten, die Milliarden Dollar hin und her schieben – alles, worüber wir redeten, waren meine dreckigen Zähne, das Kajal in meinen Augenhöhlen, die Perlen in meinem Bart und mein Hüftschwung beim Gehen.» Diese Figur sei zu schmutzig und zu schwul, fanden die Produzenten.

Sorry, Johnny
Auf dem Filmset tauchten fast täglich Abgesandte des Studios auf, um Regisseur Gore Verbinski («The Ring») einzuschüchtern. «Sie sagten zu mir: ‹Du musst mit Johnny reden, es geht so nicht weiter. Wir müssen den Kurs ändern›, doch ich ignorierte das Gejammer», erzählt Verbinski. Disney drohte auch Johnny Depps Agenten, man werde den Schauspieler zur Rechenschaft ziehen, wenn er den Film endgültig ruiniere. Schliesslich rief Depp bei Disney an und stellte die Verantwortlichen vor die Wahl: Ihr lasst mich jetzt in Ruhe oder ich kündige. Nur weil ihnen der Mut fehlte, Depp zu feuern, fliessen jetzt die Millionen.

Ein paar Monate später bekam Depp Post: «Eine Direktorin, die uns besonders hartnäckig kontrolliert und angegriffen hatte, wollte sich bei mir entschuldigen: ‹Lieber Johnny, es tut mir leid. Ich lag falsch. Du hattest Recht. Vielen Dank dafür, dass du dich nicht von deinem Weg hast abdrängen lassen. Ich bin sehr froh, dass du nie auf meine Vorschläge eingegangen bist.›» Direktorin Nina Jacobson hatte eingesehen, dass Depp wohl der erste Schauspieler ist, dem es gelang, ganz allein aus einem mittelmässigen Kostümfilm ein Spektakel zu machen. Er machte die Hauptfigur unverwechselbar.

Auftritt Cage
Johnny Depp gehört zu den letzten Exzentrikern Hollywoods, deren Berufskarriere ebenso gut in einer Gefängniszelle hätte enden können. In Owensboro, Kentucky, als John Christopher Depp II geboren, wuchs er erst mit seiner geliebten Mutter Betty Sue, Kellnerin, und seinem Vater John, Bautechniker, sowie drei Geschwistern auf. Als Johnny sieben war, siedelte die Familie nach Florida um, wo sie innerhalb von sieben Jahren weitere zwölf Mal umzog. Der Sohn hatte neurotische Störungen – unter anderem litt er unter heftigen Alpträumen, unter Angst vor der Dunkelheit, und vor allem argwöhnte er, dass «etwas unter dem Bett los war». Zum Schlafengehen sprang er aus sicherer Entfernung unter die Decke.

Mit elf begann er zu rauchen, mit zwölf zu trinken, und mit dreizehn verlor er seine Jungfräulichkeit. Damit er wenigstens einen Teil seiner Wut in positive Energie verwandeln konnte, begann er Gitarre zu spielen. Doch die Scheidung seiner Eltern brachte ihn so sehr aus der Fassung, dass niemand ihn mehr bremsen konnte: Einen Lehrer streckte er nieder, und er wurde suspendiert; in der nächsten Schule trat er Türen ein, «um zu sehen, was dahinter los war», und brach die Schulkarriere endgültig ab.

Mit sechzehn verdiente Depp in Los Angeles zunächst ein paar Dollars als Friseur in der Punkszene. Seine Band The Kids, in der er sang und Gitarre spielte, hatte zwar einen Plattenvertrag, aber die Verkäufe blieben im dreistelligen Bereich. Schliesslich heiratete er Lori Anne Allison, deren Cousin Nicolas Cage eines Tages zu Johnny Depp sagte: «Warum versuchst du es nicht mal mit der Schauspielerei? Komm doch mal bei meinem Agenten vorbei.» Nur Wochen später debütierte Depp mit einer Minirolle in «A Nightmare on Elm Street».

1987 wurde Depp zum Teenie-Schwarm. In der TV-Serie «21 Jump Street» spielte er einen Polizisten, der inkognito an einem College ermittelt und mit vielen Schülerinnen schläft. Damals verdiente er 1200 Dollar pro Woche und musste 290 Tage im Jahr anwesend sein. «Ich sprach mehr Sätze, die andere für mich aufgeschrieben hatten, als eigene. Ohne mich zu informieren, bedruckten sie Corn-Flakes-Packungen mit meinem Gesicht. Da verlor ich irgendwann die Nerven», sagt Depp. Sie entliessen ihn drei Jahre vor Ablauf seines Siebenjahresvertrags, nachdem er wochenlang die Dreharbeiten sabotiert und mehrere Wohnwagen zerstört hatte.

Dean im Sack
Für einen Querulanten wie Johnny Depp gibt es eine Marktlücke in Hollywood: Rebell vom Dienst. Depp war der perfekte Kandidat, denn er hatte schon als Anfänger James Dean, den Urtyp des Hollywood-Rebellen, als Idol bezeichnet. Stets trug Depp ein Bild von Dean in der Brieftasche und erklärte: «Nachdem ich ‹Rebel Without a Cause› gesehen hatte, dachte ich: Warum nicht Schauspieler werden.» Die Stelle des unangepassten Superstars war gerade vakant, weil Mickey Rourke sich mit «Harley Davidson and the Marlboro Man» vom ernsthaften Filmemachen verabschiedet hatte. Andere Kandidaten wie Christian Slater hatten einfach nicht die Klasse, um diesen Job zu erledigen. Gleich in seiner ersten Kinohauptrolle 1989 besetzte ihn Tim Burton ideal: Depp war der sensible Aussenseiter Edward Scissorhands.

Im echten Leben tat er alles, um seinen Ruf als irrsinnig komplexer junger Mann zu pflegen. Er trank viel, verwickelte sich in Wirtshausschlägereien und hatte eine Menge hübscher und berühmter Freundinnen. Winona Ryders Vornamen liess er sich auf den Arm tätowieren. Nachdem sie ihn verlassen hatte, radierte ein Arzt die Buchstaben «n» und «a» aus, so dass auf seinem Arm heute «Wino forever» steht. «Das passt inzwischen viel besser zu mir», sagt Depp. Seit er in Frankreich wohnt, trinkt er lieber Wein statt Bourbon wie seinerzeit in Los Angeles.

Die meisten Schlägereien zettelte er in seiner eigenen Bar an, dem «Viper Room» am Sunset Boulevard, der in der ersten Hälfte der neunziger Jahre als der coolste Ort der Stadt galt. Depp hatte den Laden 1991 für 350000 Dollar gekauft, und hier pflegte er seine Alkoholsucht. «Ich hasse das Wort ‹feiern›», sagte er damals. «Ich habe nie getrunken, um zu feiern. Die meisten Leute besaufen sich in ihrer Freizeit, weil sie sich erholen wollen. So ging es mir nie. Ich habe keinen einzigen Drink zu mir genommen wegen der Erholung.» Auf dem Klo des «Viper Room» konsumierten Persönlichkeiten aus der Branche Drogen, draussen auf dem Trottoir starb der Schauspieler River Phoenix an einer Überdosis Heroin und Kokain. Bei den Schlägereien liess Depp nicht locker, bis seine Gegner am Boden lagen – oder sie ihn überwältigt hatten. «Ich bin ein hinterhältiger Kämpfer, ich kneife, beisse, spucke und trete dem anderen mit dem Knie in die Eier. Ich muss das tun, denn ich bin weder kräftig noch in irgendeiner Form trainiert.»

Seine berühmteste Entgleisung ereignete sich 1994 im New Yorker «Mark Hotel». Als er im Streit mit Kate Moss seine Suite verwüstete, rief sein Zimmernachbar Roger Daltrey, Sänger von The Who, die Polizei. Depp gab zu Protokoll: «Ich sass auf der Couch, als plötzlich ein ziemlich grosser Dackel aus der Toilette kam. Ich habe ihn zwanzig Minuten lang durch die Suite gejagt, bis der Hund schliesslich aus dem Fenster sprang und ich in diesem Durcheinander zurückblieb.»

Trotz dieses anstrengenden Privatlebens schaffte es Depp, eine Reihe von Filmen zu drehen, die Kritiker «künstlerisch anspruchsvoll» nennen: «Arizona Dream» von Emir Kusturica, «What’s Eating Gilbert Grape» von Lasse Halmström, «Ed Wood» von Tim Burton, «Dead Man» von Jim Jarmusch, «Fear and Loathing in Las Vegas» von Terry Gilliam, «The Ninth Gate» von Roman Polanski. Seine Figuren funktionierten immer ein bisschen wie Depp selbst: störrische Einzelgänger oder aggressive Alkoholiker oder beides gleichzeitig. Seine Auftritte hatten miteinander gemein, dass ihnen eine manisch-intensive Vorbereitung vorausging. Um den Trash-Regisseur Ed Wood zu spielen, studierte Depp monatelang Gestik und Mimik von Ronald Reagan. «Denn von dem kann man lernen, wie man ungebremsten Optimismus vorgaukelt, obwohl man weiss, dass es keinen Grund für gute Laune gibt.» Für «Fear and Loathing in Las Vegas» freundete er sich mit Hunter S. Thompson an, und für seinen besten Film «Donnie Brasco» verbrachte er viel Zeit mit New Yorker Polizisten, die in Mafiakreisen ermitteln. Diese Art zu arbeiten hatte Depp sich angeeignet, weil er über keinerlei Ausbildung verfügt und nie Schauspielkurse besucht hat.

Die Paradis
1998, bei den Dreharbeiten von «The Ninth Gate», verliebte sich Johnny Depp in die Schauspielerin und Sängerin Vanessa Paradis. Gemeinsam bezogen sie eine Villa in Südfrankreich, wo sie seither mit ihren beiden Kindern Lily-Rose Melody (7) und John Christopher «Jack» Depp III (4) leben. «Alles, was ich vor diesem Tag getan habe, war eine leblose Illusion», sagt Depp, «mit der Geburt meiner Tochter begann auch mein Leben erst so richtig.» Seitdem will er Filme drehen, die auch Kindern gefallen. Bei Disney World in Orlando wird diesen Monat ein neuer Pavillon eröffnet, der Johnny Depp gewidmet ist. Ein Videospiel mit ihm als Helden ist überdies ein Bestseller. Und wieder sieht er sein Gesicht auf einer Packung Corn-Flakes – aber anders als vor 18 Jahren rebelliert er nicht gegen den Kommerz. Er sagt: «Im Gegensatz zu früher geschieht alles zu meinen Bedingungen.»

Zerstörte Hotelzimmer hinterlässt der Familienvater Depp nicht mehr, und die Paparazzi erhalten neuerdings eine Warnung, bevor er zuschlägt: «Wenn ich das Restaurant verlasse, rufe ich: ‹Passt auf, ich komme gleich raus, und wessen Blitz zuerst flasht, dem zertrümmere ich die Knie.› Es ist lustig, wie gut das funktioniert. Selbst wenn es einer wagt zu knipsen und ich ihn erwische, zeigt er mich nicht an.»

Doch trotz seiner neuen Sanftmut und den erfolgreichen Piratenfilmen bleibt Depp ein eigensinniger Schauspieler. Im Winter kam «The Libertine» in die Kinos, das Porträt eines alkoholkranken Poeten aus dem 18. Jahrhundert. Mit dieser Figur beschäftigte sich Depp zehn Jahre lang. Praktisch unbemerkt verschwand der Film wieder aus den Kinosälen. Zurzeit dreht Depp mit Tim Burton ein Musical über einen Londoner Coiffeur und spielt in der Verfilmung des Buchs «The Rum Diary» von Hunter S. Thompson. Über den kommerziellen Erfolg dieser Filme macht er sich keine Illusionen: «Ich markiere nicht den Käpten Seltsam, sondern ich bin immer überzeugt davon, Arbeit zu machen, die viele Leute interessiert. Aber dann sieht ein Hollywood-Boss den Film und versteht ihn nicht. Diese Typen vermarkten den Film falsch, und am Ende kommen wieder nur 18 Besucher.»

Trotz «Pirates of the Caribbean»: Johnny Depp und Hollywood, daraus wird wohl nie die grosse Liebe. Um Depp für seine Aufmüpfigkeit zu bestrafen und weil die Disney-Produzenten nicht an einen Erfolg der Piratenfilme glaubten, kürzten sie ihm das Honorar und nötigten ihn, einer Beteiligung an den Einnahmen zuzustimmen. «Auf seltsame Weise», sagt Depp, «haben wir Feindesland nicht nur infiltriert, sondern wir wurden eingeladen, es zu verwüsten. Regisseur Verbinski und ich wollten ausprobieren, wie weit wir gehen konnten, damit wir die Zuschauer mit etwas Frischem überraschen konnten.»

Wer ungestraft ein hilfloses Tier in einem Disney-Film erschiessen darf, dem ist es zweifellos gelungen, Feindesland zu verwüsten.


Pirates of the Caribbean: Dead Man’s Chest läuft ab 27. Juli in den Schweizer Kinos.

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