Zeitgeschichte

Mystery Quark

Wer steckt hinter 9/11? Ein pensionierter Lehrer hat’s jetzt herausgefunden.

Von Bruno Ziauddin

Die Konkurrenz an diesem Sommerabend ist gross: 10 Konzerte, 54 Kinovorstellungen, 3 Tanzkurse, 5 Theateraufführungen, Pingpong für Lesben u.v.m. Und doch entscheiden sich fast sechzig Leute für den «musikalisch garnierten Vortrag» im Zentrum Karl der Grosse in der Zürcher Altstadt. Dort referiert Herr W., ein pensionierter Geschichtslehrer aus Wetzikon, zur Frage: «Was geschah am 11. September?» Zwischendurch singt sein Sohn kapitalismuskritische Lieder von Georg Kreisler. Die wichtigsten Erkenntnisse, die Herr W. gesammelt hat: 1. Die Türme des World Trade Centers wurden «kontrolliert vom Boden aus gesprengt». 2. Das Pentagon wurde von einem «militärischen Flugkörper» getroffen (Cruise Missile o.ä.). 3. Hinter den Anschlägen steckt «die regierende Elite der USA».

Herr W. – bärtig, hager, Aura des zähen Bergsteigers – gibt den sachlichen Analytiker. «Dies lediglich zu Ihrer Orientierung», lautet seine Lieblingsfloskel. Dennoch lässt er es sich nicht nehmen, eine Prise Humor in seine Ausführungen zu streuen. «Alibaba und die vierzig Räuber – äh, ich wollte sagen, Bin Laden und die 19 Luftpiraten.» Wissendes Gelächter; man/frau hat die Anspielung verstanden. Das Publikum setzt sich wie folgt zusammen: Polyneurotiker mit expressiven Gesichtszügen und ledernen Umhängetaschen, aus denen sie obskure Zeitschriften hervorkramen. Aber auch: harmlos aussehende Frauen mittleren Alters, die man sich gut als Betreiberinnen von Duftkerzenboutiquen vorstellen kann, und viele Junge, die wie ganz normale Antikriegsdemonstranten aussehen («Es geht ja nicht darum, dass alle Amerikaner schlecht sind»).

Was folgt, ist ein Crescendo des Schwachsinns. Es waren ferngesteuerte Attrappen, die ins World Trade Center geflogen sind (Zuhörer); Neokonservative und Faschisten sind sich «sehr ähnlich» (Herr W.); Mondlandung: echt oder inszeniert? (Pausendebatte). Lauter Gemeinplätze aus dem Kanon der Verschwörungstheoretiker also. Damit war auch klar, dass irgendwann jemand unwidersprochen über «eine jüdische Bank» labern würde, welche die NSDAP finanziert hätte. Verblüffend ist lediglich, dass das Sozialdepartement der Stadt Zürich, dem das Zentrum gehört, den 9/11-Leugnern Gastrecht gewährt. Hut ab vor so viel Toleranz! Jetzt wissen Skinheads, wohin sie ausweichen können, wenn sie es am 1. August nicht bis zum Rütli schaffen.

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