Italien

Juventus Urin

Einen Sieg braucht der Weltmeister noch: Er muss gegen die Sportjustiz antreten, die vier Erstligaklubs wegen Schiebereien in die Laienliga schicken will. Doch das beweinen nach den Fans nun auch die Politiker.

Von Walter De Gregorio

Die Genugtuung in Italien war gross, als neapolitanische Staatsanwälte vor der WM den Sportlichen Direktor von Juventus Turin auffliegen liessen. Luciano Moggi, so die Anklage, habe sich und seinem Klub über Jahre hinweg die Gunst erkaufter Schiedsrichter gesichert. Spiele seien manipuliert, Meisterschaften verfälscht, Titel gestohlen worden. Als Hauptangeklagter im grössten Skandal der italienischen Fussballgeschichte wurde Moggi in den Medien «öffentlich gelyncht», wie der mittlerweile zurückgetretene Direttore sagt.

Doch inzwischen ist aus Sicht der Sportjustiz das schlechteste aller Szenarien eingetreten: Italien wurde Weltmeister, was einer Heiligsprechung gleichkommt. Können Staatsanwälte gegen Gott prozessieren? Dürfen sie das?

35 Millionen Italiener sahen sich den WM-Final-Sieg ihrer Squadra Azzurra zu Hause am Fernseher an oder auf Grossleinwänden, draussen auf der Piazza. Bei der offiziellen Feier im Circo Massimo in Rom am vergangenen Montag wurde die Mannschaft von Trainer Marcello Lippi von Hunderttausenden bejubelt. Die Gazzetta dello Sport war an diesem Tag schon in den Morgenstunden ausverkauft, trotz dreifacher Spezialauflage von fast drei Millionen Exemplaren. Ministerpräsident Romano Prodi sagte: «Ihr habt dem Calcio die Würde zurückgegeben.» Staatspräsident Giorgio Napolitano lobte den «heroischen Sieg» und verlieh allen Beteiligten – Spielern, Trainer, Masseuren, Pressechef – eine Ehrenmedaille.

Fortan können sich Fabio Cannavaro und seine Kollegen Cavalieri nennen, so wie Silvio Berlusconi. «Ritter aufgrund ausserordentlicher Verdienste für das Vaterland», lautet die offizielle Begründung für die Erhebung in den Adelsstand. Ein Land befindet sich im kollektiven Rausch. Experten prognostizieren einen «signifikanten Schub» (La Repubblica) für die Wirtschaft, die letztes Jahr ein Wachstum von null Prozent erreichte. Und Gesellschaftsforscher sehen die Nation, gespalten durch die faktische Pattsituation bei den politischen Wahlen Anfang April, wieder auf dem Weg der Einigung.

Ritter ohne Pferd?

Jeder Italiener ist in diesen Tagen ein stolzer Italiener, und ausgerechnet in diesen Tagen muss die Sportjustiz entscheiden. Juventus, Milan, Fiorentina, Lazio – allen droht der Zwangsabstieg eine oder zwei Ligen tiefer inklusive massiven Punkteabzugs. Es zeichnet sich die absurde Situation ab, dass die Azzurri von höchster Instanz zu Rittern geschlagen werden, aber ebendiesen Cavalieri von der Verbandsgerichtsbarkeit das Pferd unter dem Sattel weggeschossen wird. Für wen sollen die Weltmeister spielen, wenn Juventus «zu Grabe getragen wird», wie die Tifosi lamentieren. 30000 Menschen fanden sich letztes Wochenende in Turin zu einem Protestmarsch ein.

Am vergangenen Sonntag wollte die Sportjustiz das Urteil gegen die inkriminierten Klubs bekannt geben. Man hat aus Rücksicht auf das Finalspiel, das am selben Abend stattfand, die Urteilsverkündung auf den Montag verschoben. Aus Rücksicht auf die Feierlichkeiten im Circo Massimo und die hohe Auszeichnung durch Regierungs- und Staatschef entschied man sich, bis Dienstag zu warten. Jetzt wird frühestens am Donnerstag oder Freitag mit dem Urteil gerechnet, aus Rücksicht auf die ausgelassenen, feiernden Fans im ganzen Land. Man will die Party nicht verderben, doch die Zeit drängt.

Bis am 20. Juli haben die Klubs Zeit, gegen das erstinstanzliche Urteil Rekurs einzureichen, spätestens am 27. Juli muss der italienische Verband die definitive Liste aller Profiligen der Uefa vorlegen, damit die Spielpläne für die europäischen Wettbewerbe festgelegt werden können. Theoretisch haben die Klubs, aber auch einzelne Mannschaftspräsidenten und Spieler die Möglichkeit, das Verbandsurteil vor einem zivilen Gericht anzufechten, was das totale Chaos verursachen würde. Denn der italienische Verband hätte sich dem Urteil eines zivilen Gerichts zu fügen, auch nachträglich. Angenommen, Juventus würde absteigen, was sehr wahrscheinlich ist, doch das Zivilgericht erklärt diese drastische Massnahme als nicht verhältnismässig, dann müsste Juventus auch bei laufender Meisterschaft wieder in die höchste Spielklasse zugelassen werden.

San Marcello Lippi
«Wir gewähren keinen Rabatt», hatte Guido Rossi gesagt, als er vor der WM zum Sonderkommissar des italienischen Verbandes ernannt wurde, um hart durchzugreifen. Letzten Sonntagabend stand Kommissar Rossi, mit hellblauem Kaschmirschal («ein Glücksbringer»), auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions und feierte mit den Azzurri den Gewinn des WM-Pokals. In wenigen Wochen wurde aus dem Kommissar Rossi der Tifoso Rossi, der mittlerweile Sätze sagt wie: «Man hat von mir vor der WM verlangt, dass ich Trainer Lippi absetze. Ich habe mich widersetzt und bin stolz darauf. Lippi ist der Beste.»

Jene, die Lippis Rücktritt verlangten, haben nie an seinen Qualitäten als Nationaltrainer gezweifelt. Es ging unter anderem um Lippis berufliches Verhältnis zu seinem Sohn Davide, der als Spieleragent und Teilhaber der Römer Sportagentur Gea World gemäss Staatsanwaltschaft an Transfers, bei welchen die Transfersummen künstlich aufgeblasen wurden, mitgewirkt haben soll. Und um die Frage, ob Lippi Spieler bevorzugt hat, die von seinem Sohn und dessen Geschäftspartner – Luciano Moggis Sohn Alessandro – betreut wurden. Selbst der Kommissar scheint das bemerkenswerterweise vergessen zu haben.

An die Stelle einer sachlichen Auseinandersetzung ist spätestens seit dem Finalsieg ein Personenkult um Lippi entstanden. Jede Kritik an ihm wird als Blasphemie empfunden. Bei Redaktionsschluss war noch nicht bekannt, ob Lippi, wie angekündigt, zurücktreten und «mit meiner Segeljacht aufs Meer» fahren wird. Der Rücktritt würde ihn, San Marcello aus Viareggio, zum Märtyrer machen und die Staatsanwälte in den Augen der Tifosi zu Landesverrätern. So wie seinerzeit Antonio Di Pietro und seine Kollegen nach anfänglichen Sympathiekundgebungen als «blutrünstige Jakobiner» beschimpft worden waren, nachdem der Parteienskandal zu Beginn der neunziger Jahre auch die Interessen einfacher Leute tangierte, so droht nun «Calciogate» jene in den Sumpf zu ziehen, die den Skandal aufgedeckt haben; die Tifosi wollen ihre Mannschaften zurück, der Calcio gehört ihnen, nicht der Justiz.

Nicht wenig haben die Politiker zu dieser grotesken Situation beigetragen. Einen Alessandro Del Piero in der zweiten Profiliga könne er sich schlicht nicht vorstellen, sagte Justizminister Clemente Mastella letzte Woche und verlangte im Interesse der Fans, aber auch «im Interesse des Landes» eine Generalamnestie. Natürlich ist es reiner Zufall, dass Mastella einst Vizepräsident bei Napoli war, als Luciano Moggi dort, bevor er zu Juve ging, Sportchef war. Seither verbindet den Minister eine dicke Freundschaft zu «Lucianone» ebenso wie zum Präsidenten der in den Skandal involvierten Fiorentina, Diego Della Valle.

Die Einzigen, die dem Urteil der Sportjustiz scheinbar gelassen entgegensehen, sind die Spieler und ihre Vermittler. Seit bekannt ist, dass verschiedenen Teams der Abstieg droht, buhlen europäische Spitzenklubs um Spieler wie Buffon und Camoranesi, die Juve in der zweiten Division nicht mehr halten kann. «Bei mir klingelt ständig das Telefon», bestätigt auch Alessandro Beltrami auf Anfrage. Er vertritt die Interessen von Valon Behrami, der klar machte, dass er mit Lazio nicht in der Serie B spielen wird. Und Angelo Semeraro prüft für seinen Klienten Johann Vogel präventiv schon mal «verschiedene Alternativen zu Milan», wie er sagt.

Vielleicht ist das aber gar nicht nötig. «Ich bin zwar gegen eine totale Amnestie», sagte Piero Fassino, Chef der Sozialdemokraten, der stärksten Regierungspartei, diese Woche, «aber ein mildes Urteil würde ich, ohne mich einmischen zu wollen, jetzt schon erwarten.» Siamo campioni, no?

Kommentare

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  • Mario Panciera
  • 29.12.10 | 09:07 Uhr

Caro Sig. De Gregorio
Da buon giornalista, non pensa ora di dover fare ammenda?
http://download.ju29ro.com/files/Nessuna-scusante-per-Borrelli-Palazzi-e-giornalisti.pdf

 
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