Sie dreht sich doch, die Literatur der deutschen und der rätoromanischen Schweiz, und zum Glück seltener als früher um sich selbst. Dafür brav um die Erde, das heisst: Es wird in ihr viel gereist. Die Autoren vermerken auf ihren Websites detailliert, wo ausserhalb der Schweiz sie sich längere Zeit aufhielten. Ebenso lassen sie ihre Protagonisten in die Welt hinauskommen. Die finden sich inzwischen überall zurecht, allerdings ohne sich dadurch weniger fremd zu fühlen.
Andererseits dreht sich die Literatur nach wie vor gern um den Lehrer. Eine Zeit lang dachte man, das Schimpfwort «Lehrerprosa» habe sich auch unter den Schriftstellern durchgesetzt. Aber so einfach lässt sich der Lehrer nicht abschaffen. In Peter Stamms neuem Roman «An einem Tag wie diesem» ist er die Hauptfigur. Und wie immer spürt der Lehrer die Leere. Aber selbst die Leere hat sich etwas gedreht. Der Lehrer leidet vorerst nicht an der Leere. Sie ist, wie es bei Stamm heisst, ein «Normalzustand», der Lehrer Andreas fürchtet sich nicht vor ihr.
Dann entdecken die Ärzte zwischen Andreas’ Lungenflügeln einen Fleck. Er glaubt, ohne den schriftlichen Befund aus dem Spital abzuwarten, seine Tage seien gezählt, sagt aber niemand etwas. Erst jetzt, als die Zeit knapp wird, wünscht er sich Veränderung. «Es musste eine andere Möglichkeit geben. Es gab immer eine andere Möglichkeit.» Das ist richtig. Dazu ist die Literatur da. Sie geht anderen Möglichkeiten nach, die im richtigen Leben meist ungenutzt verstreichen.
Der Lehrer leidet leise. Er kündigt seine Stelle in Paris. Ohnehin ist ihm die Freude am Beruf vergangen, seit die Schüler schwieriger wurden. «Sein Leben war eine endlose Abfolge von Schulstunden, von Zigaretten und Mahlzeiten, Kinobesuchen, Treffen mit Geliebten und Freunden, die ihm im Grunde nichts bedeuteten...»
Andreas ist nicht Anatol Stiller. Er rebelliert nicht lautstark. Es geht kein Mobiliar in die Brüche. Niemand kommt zu Schaden. Dieser Held geht nicht an Selbstüberforderung zugrunde. Er will nichts Besonderes sein. Andreas geniesst es auf der Strasse, wenn ihn niemand kennt: «Hier war er nur ein Passant wie tausend andere, die ihm entgegenkamen oder die er überholte. Hier hatte er keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur eine flüchtige Gegenwart.» Nun verkauft er die Wohnung, ordnet seine Papiere, wirft fast alles weg, nur die Briefe von Fabienne, seiner grossen Jugendliebe, bewahrt er auf. Danach fühlt er sich vom Ballast befreit.
Das neue Leben, das er beginnen will, treibt ihn aber zusehends ins Einst zurück. Er kauft sich einen 2 CV, und spätestens da merkt man, dass Andreas’ Leben irgendwann stehen geblieben ist. Er muss Vergangenheit bewältigen, endlich die «Geschichte» mit Fabienne abschliessen. Obwohl: Ausser einem Kuss und ein paar Episteln war zwischen ihnen nichts gewesen. Den Brief, in dem er ihr seine Liebe gestand, hatte er nie eingeworfen. Fabienne, die Pariserin, heiratete später seinen besten Schulkollegen, die beiden gründeten eine Familie und bauten im Dorf, in dem Andreas aufwuchs, ein Häuschen.
Wenn man das so liest: Lehrer, Leere, Leiden, 2 CV, Vergangenheitsbewältigung – da muss man schon sehr in die Schweizer Literatur vernarrt sein, um die Lektüre fortzusetzen. Und doch dürfte Peter Stamms Kundschaft den Roman weiter-, ja sogar zu Ende lesen. Inzwischen hat der Autor eine internationale Gemeinde wie nur ganz wenige deutschsprachige Kollegen. Seine Bücher verkaufen sich auch in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Brasilien, im angelsächsischen Raum. Die Lesereisen führen ihn, wie man seiner Website www.peterstamm.ch entnehmen kann, bis nach Mexiko, Russland, Estland oder in den Iran. Der Erstling «Agnes» (1998) wurde verfilmt, und dass auch der am 7. Juli in Stamms neuem Verlag S. Fischer erscheinende Roman «An einem Tag wie diesem» zum Bestseller wird, steht ausser Zweifel. Warum?
1 - Peter Stamm ist ein Publikumsautor im besten Sinn des Wortes:
Er weiss, was seine Leserschaft in aller Welt vernehmen will. Nicht helvetische Gesellschaftsanalysen, nicht Selbstbefindlichkeiten eines Autors aus Winterthur, nicht sterile intellektuelle oder sprachexperimentelle Akrobatik. Sondern Seelendramen ohne psychologisierenden Firlefanz: Menschen, die eine grosse Kälte spüren; Menschen, die eine grosse Leere spüren; Menschen, die mit dem Tod konfrontiert werden oder mit der Liebe; vor allem Menschen, die noch etwas vom Leben erwarten, die auf eine Veränderung hoffen. Das sind nicht unbedingt thematische Favoriten der Literaturkritik. Aber Stamm hat selbst lange genug für die Medien gearbeitet, um zu wissen, dass es für einen Schriftsteller tödlich ist, wenn er für Rezensenten schreibt.
Ebenso wenig schreibt er über sich. Seine Website ist ein Kuriosum, weil darin weder Besprechungen seiner Bücher noch andere hymnische Quotes zu finden sind. Stattdessen eine Gedichtstrophe von Marie Luise Kaschnitz, in der die programmatischen Worte stehen: «Jetzt aber, heute aber...sehe ich das alles ganz anders an.» Zu dieser neuen, anderen Sicht auf das vertraute Leben bringt Stamm seine Figuren (und mit ihnen den Leser). Ein trivialer Befund, gewiss, aber der dramaturgische Kern jedes guten Romans und nicht leicht umzusetzen. Auch in Stamms neuem Buch beschwört das Motto, diesmal von Georges Pérec, diese Möglichkeit des Neuanfangs: «Es ist ein Tag wie dieser hier, ein wenig später, ein wenig früher, an dem alles neu beginnt, an dem alles beginnt, an dem alles weitergeht.» Etwas pathetisch könnte man von einem befreiungskämpferischen Moment sprechen, das Stamms Individuen innerlich antreibt, selbst wenn am Ende dann alles weitergeht wie bisher.
2 - Peter Stamm ist ein für Männer manchmal penetranter Frauenversteher:
Er schreibt nicht nur, aber vorzugsweise für Leserinnen. Seine starken Identifikationsfiguren sind Frauen. Die Wiedererkennungsofferten, die seine männlichen Protagonisten aussenden, sind weniger faszinierend. Oft beschreibt er Frauen wie ein Eingeweihter. In der Erzählung «Die Erwartung», die eben in der Zeitschrift Neue Rundschau (Heft 2, 2006) erschien, sagt die Ich-Erzählerin zu Beginn: «Es ist seltsam, dass man durch den grössten Lärm hindurch ein ganz leises Geräusch hört, wenn man darauf gewartet hat. Die anderen haben es bestimmt nicht gehört. Sie kennen das Geräusch ja nicht...» Stamms Geschichten richten sich an diejenigen, die darauf gewartet haben und also in der Lage sind, die leisen Geräusche wahrzunehmen. Dazu muss man kein übersensibles Ausnahmewesen sein. Das sind auch Stamms Figuren nicht. Sie sind Personen mit Schwächen. Besonders die Männer haben zuweilen die Strahlkraft von Stand-by-Lichtern, die auf den Protagonisten Andreas im neuen Roman beruhigend wirken. Er sehnt sich nach dem grossen Gefühl, wie er es vor zwanzig Jahren in seiner Liebe zu Fabienne empfand. Die Frauen gehen auch mit der Sehnsucht nach dem grossen Gefühl etwas realistischer um.
3 - Peter Stamm ist ein Spezialist fürs Unzugehörige:
Er zeigt moderne Unbehauste, die sich, mit Klaus Theweleit zu reden, meist in jenem Land aufhalten, das Ausland heisst. Dort suchen sie Nähe, aber letztlich vergeblich. Sie leben provisorisch. Andreas ist in Paris nie ganz angekommen, obwohl er seit achtzehn Jahren dort wohnt. Er ist ein «Tourist und Ausländer» geblieben. Als er dann «sein» Dorf besucht und die Zugezogenen betrachtet, denkt er: «Sie schienen sich hier zu Hause zu fühlen, fanden ohne zu zögern ihren Weg und schauten ihm neugierig oder misstrauisch nach, als sei er der Fremde hier, und nicht sie.» Das ist vielleicht Stamms wahre Stärke: Er kann Gefühle der Unzugehörigkeit, die wir alle haben, bestürzend einfach ausdrücken.
Zu Recht wird er für seine prägnante, disziplinierte, uneitle Sprache gelobt. Der da und dort bemühte Vergleich mit dem genialen Lakoniker Raymond Carver greift freilich viel zu hoch. Stamm schreibt Literatur, die bei ihrem Leisten bleibt. Ein Profi durch und durch, kennt er seine Mittel und Limiten. Mitunter gelingen ihm Hammersätze, in «An einem Tag wie diesem» zum Beispiel: «Aber sein Leben war so ereignislos gewesen, dass er sich seinen Tod nicht vorstellen konnte.»
Stamms Schwäche ist, dass er seine Gestalten Dinge tun lässt, die nicht einmal in der Fiktion aufgehen: Wieso wärmt, nein heizt Andreas eine harmlose Pubertätsbeziehung auf? Wieso fährt er dermassen auf diese Fabienne ab, zu der er zwanzig Jahre lang keinen Kontakt mehr hatte? Sicher, wir alle haben unsere Jugendschwärme gehabt, die entweder nichts von ihrem Glück wussten oder es jedenfalls nicht gebührend erwiderten. Und oft haben wir gedacht, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn es geklappt hätte. Doch nicht einmal einem Lehrer nimmt man ab, dass er sich von einer völlig aus den Augen verlorenen Frau plötzlich wieder die bedingungslose Liebe verspricht, obschon die Angebetete inzwischen eine Familie hat und von sich aus kein Signal gab, dass sie Verpasstes nachholen will.
4 - Wenn nichts mehr hilft, rettet den Autor Ironie:
Diese nimmt Peter Stamm aber derart ernst, dass der Ernst die Ironie schon fast wieder aufhebt. So erklärt sich, dass der Kitsch doch zuweilen eine Chance kriegt. Früher verfasste Stamm Heftliromane wie «Schwester Erna, Lieben und Leiden einer edlen Dulderin». Böse Zungen bezeichnen diese «Romane des Herzens» als seine besten. Das ist absurd, zumal er in seinen bekannten Büchern wesentlich virtuoser mit Misstönen und falschen Gefühlen einerseits und mit Ironie andererseits umgeht. So ironisiert er in seinem neuen Roman raffiniert, was Literatur dank ihres Identifikationspotenzials anrichten kann: Andreas liest einen jener Unterrichtstexte mit begrenztem Vokabular, und trotz ihrer urkitschigen Schwülstigkeit erkennt er in der Liebesstory seine eigene mit Fabienne wieder.
Also, was ist nun der neue Roman von Peter Stamm? Ein vorzeitig gereifter Apfel von einer – als gebürtiger Thurgauer verzeihe der Autor den kitschigen Kalauer – Niederstammkultur, perfekt in der Form, gleichmässig in der Farbe und fad im Mund? Oder von einem Hochstammbaum, also da und dort etwas verformt, mit ein paar Schorfstellen und ein, zwei Würmchen darin, dafür mit Geschmack? Letztlich Most von beidem: ein durchaus geniessbares, wenn auch nicht rundherum fabelhaftes Buch.
Peter Stamm: An einem Tag wie diesem. Roman.
S. Fischer. 206 S., Fr. 31.70
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