Epidemien

Seuchen suchen

Schon sein Name ist ein Versprechen: Nachdem Larry Brilliant an der Ausrottung der Pocken beteiligt war, bekämpft er jetzt tödliche Krankheiten digital und global.

Von Bruno Giussani

Larry Brilliants Biografie würde für mehrere Leben reichen. Der 61-jährige Kalifornier gründete eine Organisation, die half, zwei Millionen Menschen in Entwicklungsländern vor dem Erblinden zu bewahren. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Ausrottung der Pocken in Indien. Er war mit der Rockband Grateful Dead befreundet und lebte eine Zeit lang in einem Aschram im Himalaya. Er war beteiligt an der Entstehung von «The Well», der ersten und zweifellos prägendsten «virtual community» im Internet. Und er hat mehrere grosse und kleine Technologiefirmen gegründet oder geleitet.

Nun hat Brilliant seinen neuen Job angetreten: Er leitet die Google Foundation, den neuen philanthropischen Zweig des globalen Internet-Unternehmens, der mit einer Milliarde Dollar ausgestattet ist. Seine Erfahrung bei der Seuchenbekämpfung möchte er jetzt mit den Möglichkeiten des World Wide Webs verbinden. Er will ein globales Frühwarnsystem für Seuchen schaffen, das auf dem Internet basiert. So sollen tödliche Krankheiten wie die Vogelgrippe rechtzeitig erkannt und eine Pandemie verhindert werden.

Um sein ehrgeiziges Projekt einem breiten Publikum vorzustellen, nutzte Brilliant die Preisverleihung bei der Konferenz «Technology Entertainment Design» (TED) im kalifornischen Monterey. Dort treffen sich jedes Jahr Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Kunstszene. Die TED-Preisträger erhalten neben 100000 Dollar die Gelegenheit, einen Wunsch zu äussern und das Publikum zu bitten, ihnen bei der Verwirklichung zu helfen. Brilliants Traum ist es, «die Welt vor einigen ihrer schlimmsten Alpträume zu bewahren» – tödlichen Epidemien wie Sars oder Vogelgrippe.

Eine Milliarde Hausbesuche

Doch Brilliant ist kein realitätsferner Weltverbesserer. «Ich habe den letzten Pockenfall der Welt gesehen und vor kurzem in Indien möglicherweise die letzten Fälle von Kinderlähmung.» Mitte der sechziger Jahre hatte es eine gehörige Portion Optimismus gebraucht, um zu glauben, die Pocken könnten ausgerottet werden. Zwanzig Jahre später war es praktisch so weit – und Brilliant hatte dabei eine wichtige Rolle gespielt. «Mit Massenimpfungen war es nicht getan», sagt er. «Entscheidend sind Früherkennung und sofortiges Reagieren.» In Indien wurden Tausende von Helfern von Dorf zu Dorf geschickt, sie klopften an jede Tür und zeigten Bilder von Kindern mit Pocken. Entdeckten sie Infizierte, versuchten sie diese sofort zu isolieren, um sie herum «einen Kreis der Immunität zu schaffen», wie Brilliant es ausdrückt. Er schätzt, dass die Helfer beinahe eine Milliarde Hausbesuche machten.

Das also hat damals funktioniert: ein möglichst grosses Netz auswerfen, um Informationen früh einzuholen, und dann sofort reagieren. Brilliant glaubt, das könnte auch im Kampf gegen heutige und künftige Viruskrankheiten funktionieren – mit dem Netz der Netze, dem World Wide Web. Gegen die Vogelgrippe beispielsweise gibt es noch keinen Impfstoff, und die globale Mobilität beschleunigt die Ausbreitung von Krankheitserregern. Das einzig Richtige, meint Brilliant, sei eine Internet-Version der Tür-zu-Tür-Taktik, die sich im Fall der Pocken bewährt habe: Früherkennung und sofortiges Reagieren.

Die Verbindung ist alles

Für die digitale Form der Anti-Pocken-Strategie sieht Brilliant ein System vor, das Suchprogramme, Satellitenbilder, historische Datenbanken und Kommunikationsmittel aller Art verbindet. Es soll das Internet nach Informationen durchforsten über neue Krankheiten wie Sars, neue Ausbrüche von Vogelgrippe, aber auch neue biologische Bedrohungen durch Terrorismus oder Unglücke. Zudem soll es über Naturkatastrophen, Chemie- und Industrieunfälle, Überschwemmungen, vergiftetes Wasser Hungersnöte und andere Katastrophen berichten, bei denen eine schnelle Reaktion entscheidend ist.

Ein wahrlich ehrgeiziges Unternehmen. Wie soll ein solches System funktionieren? Brilliant hat ein Vorbild für seine Seuchen-Suchmaschine: «Sars wurde von einer Gruppe in Kanada entdeckt, obwohl die ersten Fälle in China aufgetreten waren. Die Kanadier waren Berichten über Fieber nachgegangen, die ein Internet-Suchprogramm gefunden hatte.»

Tatsächlich gibt es den Prototyp des Epidemie-Google bereits: GPHIN, das Global Public Health Intelligence Network. Es wurde vom kanadischen Labor für Seuchenkontrolle aufgebaut und durchforstet andauernd Tausende von Online-Informationsquellen wie Medien, Lokalblätter – die häufig die erste Quelle sind –, Nachrichtenticker, öffentliche Erklärungen, Gesundheitsbulletins, Berichte von Nichtregierungsorganisationen und Blogs. In sieben Sprachen sucht es nach Hinweisen auf Infektionskrankheiten, auf andere Krankheitserreger, Quellen von Radioaktivität und so fort. Die Daten werden zur Analyse an Gesundheitsexperten, darunter solche der Weltgesundheitsorganisation (WHO), geschickt sowie an Lebensmittel- und Seuchenkontrollbehörden, welche den Informationen nachgehen, sie bestätigen oder widerlegen. Die Öffentlichkeit hat zurzeit keinen Zugang zu diesen Informationen, um Gerüchte oder eine grundlose Panik zu vermeiden.

Im November 2002 erfasste GPHIN den ersten Hinweis auf Sars. Es war ein auf Chinesisch verfasster Artikel darüber, dass sich ungewöhnlich viele ansonsten gesunde Menschen mit Atembeschwerden in der Notaufnahme von Krankenhäusern meldeten. Diese Information wurde an die Gesundheitsbehörden weitergeleitet. Einen Monat später berichtete ein weiterer chinesischer Artikel, in der Provinz Guangdong sei eine grosse Zahl von Menschen erkrankt. Im Januar 2003 stiess das System auf den ersten englischen Artikel zum Thema. Darin war indes nicht von einem Seuchenausbruch die Rede. Es ging vielmehr darum, dass eine Pharmafirma mehr antivirale Medikamente verkaufte. Die Experten zählten zwei und zwei zusammen und kamen zum Schluss, dass da etwas Ungewöhnliches im Busch war.

150-sprachig fahnden

Zurzeit wird GPHIN unter anderem auf die Vogelgrippe angesetzt. Brilliant möchte es gewaltig aufrüsten: zum International System for Total Early Disease Detection (INSTEDD). Die Such- und Analysefunktionen sowie die Zahl der Quellen sollen ausgebaut werden, zudem soll die Zahl der Sprachen auf 150 erhöht werden. Satellitendaten und -bilder könnten mit GPHIN-Informationen verquickt werden, um die Berichte rasch zu überprüfen. «INSTEDD soll transparent sein, die wichtigsten Informationen sollen jedermann zugänglich sein, und zwar möglichst in seiner eigenen Sprache», sagt Brilliant. «Der Standort von INSTEDD wird in einem neutralen Land sein, es darf nicht von einer einzelnen Regierung, Firma oder Uno-Behörde abhängig sein.»

Weil INSTEDD auf Daten und Informationen aus dem Internet beruht, stellt sich die Frage, wie zuverlässig so ein System sein kann: Lässt sich eine Information nicht online abrufen, entgeht sie GPHIN und würde sie auch INSTEDD entgehen. Doch das Internet reicht mit jedem Tag weiter, Quantität und Qualität der Nachrichten – auch solcher aus den fernsten Winkeln der Welt – wachsen. Man könnte auch Anreize dafür schaffen, dass Einheimische Informationen liefern. Dazu könnten Handys beitragen, die sich selbst in armen Ländern rasant ausbreiten.

Man stelle sich die Alternative vor: Vertreter der örtlichen Gesundheitsbehörde übermitteln Berichte über Krankheitsausbrüche per Telefon oder Fax. Diese Beamten bekommen vielleicht nur einen Teil der Ereignisse mit, möglicherweise stehen sie unter politischem Druck, die Informationen nicht weiterzugeben (um keine Touristen oder Geschäftsleute abzuschrecken) oder sie sind überarbeitet, so dass ihre Berichte verspätet ankommen.

Ausserdem sieht Brilliant INSTEDD nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu den bestehenden Überwachungsaktivitäten von Institutionen wie der WHO und dem amerikanischen Center for Disease Control – eine Ergänzung, deren grösste Vorteile Geschwindigkeit und Reichweite wären. So ein System aufzubauen stellt eine technische Herausforderung dar. Brilliants enge Verbindung zu Google ist da eine grosse Hilfe, und in den vergangenen Wochen haben weitere Unternehmen und Einzelpersonen ihre Unterstützung zugesagt. Es ist aber auch eine politische und soziale Herausforderung, denn es würde eine noch nie dagewesene Transparenz im hochheiklen Gebiet des Gesundheitswesens schaffen. Das scheint auch Brilliant klar zu sein. Seinen Vortrag bei der TED-Preisverleihung schloss er mit den Worten, INSTEDD werde «eine moralische Macht für die Welt».

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bodmer

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