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05.07.2006, Ausgabe 27/06

WM II

Goalileo Galilei

Die Champions League ist die Alma Mater des Fussballs. Und das Latein mit ein Grund, weshalb Westeuropa Tore schiesst, während die anderen noch dribbeln.

Von Simon Kuper

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Nur ungern denkt man an die Schweizer Niederlage gegen die Ukraine zurück, doch birgt sie ein Kuriosum: Es war der einzige WM-Misserfolg einer westeuropäischen Mannschaft gegen ein Team von irgendwo anders auf der Welt. Westeuropa regiert. Und zwar aus demselben Grund, der uns die Revolution der Wissenschaft brachte und uns zur reichsten Region der Erde machte.

Zunächst die Tatsachen: Selbst Brasilien kam nicht gegen uns an. Argentinien hat seit dem Finale von 1986 nicht mehr aus dem Spiel heraus gegen ein Team aus Westeuropa gewonnen (allerdings entschied es zwei der acht Begegnungen in dieser Zeit im Elferschiessen für sich). Mexiko, Japan, die USA oder Polen fuhren heim, während kleinere westeuropäische Länder wie Portugal, Holland oder Schweden aufstiegen. Die Dominanz unserer Region raubte dem Turnier jede Überraschung.

Unser Vorteil ist nach dem britischen Europa-Historiker Norman Davies das «benutzerfreundliche Klima». In Westeuropa ist es mild. Weil es auch öfter regnet, ist das Land fruchtbar, was Hunderte Millionen Menschen auf engstem Raum zusammenleben lässt. Bis ins letzte Jahrhundert gab es nirgends sonst eine derartige Siedlungsdichte. Und deshalb standen die Völker hier immer in Kontakt. Ideen wurden rasch ausgetauscht. Die «wissenschaftliche Revolution» des 16. und 17. Jahrhunderts konnte sich in Westeuropa vollziehen, weil unsere Forscher voneinander wussten – und eine gemeinsame Sprache hatten: Latein. Kopernikus, ein Pole aus Westpreussen, der zum Teil in Italien studiert hatte, hielt fest, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Galileo Galilei in Florenz bestätigte diese Behauptung mit Hilfe eines von ihm konstruierten Fernrohrs. Und der Engländer Isaac Newton, der das Gesetz der Schwerkraft formulierte, sollte über Galilei sagen: «Wenn ich weiter sehen konnte als andere, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Giganten stand.» Die Nähe so vieler Denker schuf einen reichen intellektuellen Nährboden. Westeuropas florierende Wissenschaft war das Fundament seines Wohlstands.

Fussball breitete sich im 19. Jahrhundert als Erstes in Westeuropa aus, weil er es hier nicht weit hatte. Später entfachte die physische Nähe so vieler Völker zwei Weltkriege. Nach 1945 beschlossen daher etliche Staaten, so eng aufeinander leben könne man nur unter einer Art gemeinsamer Regierung. Unter der Europäischen Union wurde unser Raum die am meisten integrierte Region der Geschichte.

Und ein perfekt integrierter Teil seiner Wirtschaft ist der Fussball. Fast alle der besten Spieler Europas treten in den Meisterschaften Englands, Spaniens und Italiens gegeneinander an, und natürlich in der Champions League. Dieser Wettbewerb ist der gemeinsame europäische Markt par excellence. Selbst junge Schweizer oder niederländische Spieler müssen sich rasch entwickeln, weil auch der FC Basel oder Ajax sich an den CL-Standards messen. Diese Messlatte steht nur wenigen jungen Afrikanern oder Asiaten zur Verfügung, die sich jahrelang für Stars halten mögen, ehe sie bei einer WM eines Besseren belehrt werden.

Die meisten Spieler in der Champions League sind aus Westeuropa. Nur wenige osteuropäische Teams qualifizieren sich überhaupt, was mit erklärt, warum diese Region in Deutschland gescheitert ist. Wenn man die besten Spieler und Trainer der Welt zusammenbringt, entsteht eben der beste Fussball. Gute Ideen verbreiten sich hier am schnellsten, wie in der Wissenschaft. Jeder steht sozusagen «auf den Schultern von Giganten». Dies ist eine WM des Westeuropa-Fussballs: schnelle Kurzpass-Taktik, gespielt von Athleten. Kaum jemand dribbelt noch oder hält den Ball länger als eine Sekunde. Gepasst wird sofort. Das schönste Spiel ist das nicht – Dribblings machen einfach mehr her –, aber es funktioniert am besten.

Die Iraner zeigten ihre Unkenntnis unserer Spielweise, indem sie mit dem Ball rannten, was den Gegnern erlaubte, ihre Abwehr zu formieren. Die Japaner vermieden jeden Körperkontakt. Landon Donovan (USA) lieferte die lustigsten Schwalben des Turniers, weil er deren neue Europa-Variante nicht kannte: einfach zu Boden sacken – ohne simulierten Bauchschuss. Dick Advocaat, der Trainer Südkoreas, klagte nach dem 0:2 gegen die Schweiz, ehe seine Spieler sich an das europäische Tempo gewöhnten, sei immer schon Halbzeit. Für uns Westeuropäer ist diese WM enttäuschend, weil die meisten Mannschaften schlechter spielen (Grottensieger: Serbien) als die Vereine, die wir im Winter jedes Wochenende sehen.

Alle guten Teams spielen heute unseren Stil. Sogar Brasilien (die grösste Enttäuschung) kopiert ihn seit den 1990ern. Und der womöglich begabteste Spieler der WM, Argentiniens Lionel Messi, der diesmal kaum eine Chance bekam, kombiniert den Latino-Touch mit europäischem Know-how, das er erlernt hat, seit er mit dreizehn zu Barcelona kam.

Aber Westeuropa hat gewonnen, und die Weltmeisterschaft ist öder geworden. Sogar Holland und Portugal waren öde – obwohl dieser spezielle Titel an England geht.

Mit diesem Artikel beendet Simon Kuper,
Sportkolumnist der Financial Times,
seine WM-Berichterstattung für die Weltwoche.

Aus dem Englischen von Werner Richter

Hören Sie diesen Artikel auf www.weltwoche.ch/audio

Audiofile zum Artikel

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 27/06
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