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28.06.2006, Ausgabe 26/06

WM

«Lieber ein Arsch als ein Verlierer»

Link waren sie schon immer, die italienischen Fussballer,aber nie stillos. Inzwischen sind die Himmelblauen sogar übel gekleidet: Reicht es gerade deswegen zum Titel?

Von Walter De Gregorio

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«Der Fussballfan will keine Unterhaltung», versichert Italiens Torhüter Gigi Buffon, «er will eine Schlacht.» Captain Fabio Cannavaro sagt: «Die Geschichte erinnert sich nur an Sieger.» Trainer Marcello Lippi gesteht: «Meglio stronzi che perdenti.» Lieber ein Arsch als ein Verlierer. Italiens Fussballer waren nie dafür bekannt, das Spektakel anzustreben. Für gelierte Tollen und sexy Surfer-Dresses reichte es zwar allemal, doch ihre Spielweise war alles andere als extravagant. Pragmatisch, abgebrüht, schlitzohrig: Man mochte ihre Art, oder man mochte sie nicht, irgendwie sympathisch waren die Italiener einem aber immer. Sogar mit Claudio Gentile, der Beingrätsche der Weltmeistermannschaft von 1982, hätte man gerne einen dampfenden Spaghettiteller geteilt. Wenn er einen Gegner umsäbelte und ihm danach liebenswürdigerweise wieder auf die Beine half, konnte man darauf wetten, dass er seine Hand vorher mit Zwiebeln eingerieben hatte. Anders konnte man sich die tränenden Augen seines Gegenspielers in der Folge nicht erklären.

Kein Vergleich mit den Ellenbogenchecks eines Daniele De Rossi an dieser WM. Italien hat ein Imageproblem, mehr noch als ein fussballerisches. Francesco Totti schoss gegen Australien vier Sekunden vor Spielende die Italiener dank eines geschenkten Elfmeters in den Viertelfinal. «Soll noch jemand sagen, ich sei ein halber Mann.» Keine einzige entscheidende Aktion war ihm in den Spielen zuvor gelungen, seit dem Penalty fühlt er sich rehabilitiert. Schon an der EM 2000 hatte er versichert: «Mir schrumpfen die Eier nie beim Elfmeterstoss.» Damals hatte er den Holländer van der Sar mit einem Heber düpiert.

Fabio Grosso, der gegen die Australier den Elfmeter ermogelte, sagt: «Es war die Aktion meines Lebens.» Auch früher kannten die Italiener alle Tricks des Geschäfts, aber sie hatten die Scham, nicht damit zu prahlen. Giovanni Trapattoni, Lippis Vorgänger als Cheftrainer der Italiener, sagt nach fast fünfzig Jahren Berufserfahrung: «Fussball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding.» Vielen Spielern scheint selbst diese Erklärung noch zu kompliziert zu sein. Fussball wird auch mit dem Kopf gespielt, doch genau daran fehlt es den Italienern zurzeit.

Sie sind taktisch geschult wie kaum ein Team, aber sie treten auf, als wären sie Insassen einer Container-Show: rüde, stillos, prolomässig. Verteidiger Marco Materazzi, der gegen Australien Rot sah, hat «zwanzig Tattoos», wie er der Gazzetta dello Sport vor wenigen Tagen mit Stolz verriet, seine Teamkameraden haben nur gering weniger Drachen, Totenköpfe und japanische Namen in die Haut geritzt. Die Tinte aller italienischen Nationalspieler würde vermutlich reichen, eine Schulklasse ein Jahr lang mit Schreibpatronen zu versorgen.

Wo sind sie geblieben, die Stilikonen in kurzen Hosen? Das verschmitzte Lächeln eines «Pablito» Rossi? Die feurigen Augen eines Totò Schillaci während der «notte magiche»? Ein Dress im Schweissflecken-Design, kahl geschorene Köpfe, Blicke wie Türsteher: Mit dem Bild, das man von den Italienern gewohnt war, hat die Squadra Azzurra heute nichts mehr zu tun. Das gilt auch für ihr Kerngeschäft: Fussball aus der Konserve wird geliefert statt filigranes Handwerk.

«Es ist das Schicksal eines Trainers», sagt Dino Zoff, ehemaliger Nationalcoach und Torhüterlegende, «früher oder später mit Tomaten beworfen zu werden.» Stimmt das, kann Lippi ohne Druck das nächste Spiel angehen. Seinen Rücktritt nach der WM hat er bereits bekannt gegeben. Er hat nichts zu verlieren, auch kein Image. Ob genau das die Italiener zum WM-Titel treibt? «Wir sind am besten», sagte Totti nach der Qualifikation für die Viertelfinals, «wenn niemand an uns glaubt.»

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 26/06
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