Ich schreibe dies in Köln nach der Niederlage der Schweiz gegen die Ukraine, womöglich dem Nadir von 10000 Jahren Zivilisation, also fangen wir lieber mit letztem Freitag und dem Frohsinn von Hannover an. Nach dem 2:0 gegen Südkorea fragte ich Köbi Kuhn, ob dies der grösste Augenblick der Schweizer Fussballgeschichte sei. Würde man vom 23. Juni 2006 noch nach dreissig Jahren in Dokumentarfilmen schwärmen?
Die gemischte Zone für die Medien, wo wir uns unterhielten, war eine schweissdunstige Hölle voll übererregter Schweizer Journalisten, die einander schubsten. Kuhn mit seiner sonoren Stimme beruhigte die Szenerie. Er antwortete: «Es gab schon Siege gegen Grossdeutschland 1938. Da war ich noch nicht dabei.» Ich wollte wissen, ob sich die Schweiz gerade von einer Skination in ein Fussballland verwandelte. «Zuallererst sind wir eine Tennis- und Segelnation, im Moment», sagte Kuhn grinsend.
Dennoch schien es ein guter Moment für den Schweizer Fussball. Als ich die Schweiz das letzte Mal gesehen hatte, bei der Euro 2004, fühlte ich mich an die Unterliga-Bolzplätze Südlondons erinnert. Seit damals sind sie von Inkompetenz zur Mediokrität aufgestiegen. Unter al- len Spielern gegen Südkorea hat mir Alex Frei besonders gefallen. Er ist einer dieser Fussballer, deren Charakter sich in allem zeigt, was sie tun. In Freis Fall ist das nicht unbedingt ein Kompliment, aber selbst sein Herumgespucke und die ständige Hand am Ball drücken einen pervertierten Siegeswillen aus. Ebenso das Tempo, mit dem er spielt, wenn es auch oft zu schnell für die eigene Technik wird. Bei seinem Tor war es typisch für ihn, dass er einfach weiterstürmte, als der Linienrichter schon die Fahne oben hatte und alle anderen Spieler stehen blieben.
Keiner seiner Teamkollegen ragt ähnlich hervor. Ein guter Grund dafür, dass die Schweiz so eine langweilige Mannschaft hat, heisst Johann Vogel. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung letztes Jahr im Amsterdamer Schnee mit Guus Hiddink, dem jetzigen Coach von Australien. Damals war er Vogels Trainer beim PSV Eindhoven. Er meinte, Vogel habe den Instinkt, mit Rückpässen Tempo aus dem Spiel zu nehmen. Aber Vogel ist de facto der Schweizer Spielmacher! Die Schweiz sei «nicht mit grossen Spielern verwöhnt», hatte Hiddink noch hinzugefügt.
Bei dem Spiel in Hannover sass ich zwischen zwei englischen Kollegen. Jon Brodkin vom Guardian war an den Schweizern vor allem als Kandidaten fürs schlechteste WM-Team interessiert, das er gerade zusammenstellte. «Senderos kriegt definitiv einen Platz», enthüllte er mir – kurz bevor Senderos sein Tor schoss. Weitere Schweizer? Nein, sagte Brodkin, obwohl Gygax durchaus Kandidat war. Duncan White vom Telegraph widersprach: «Der Schlechteste ist Müller.»
Drei Tage später sass ich in Köln auf der Tribüne. Zur Halbzeit suchte ich Trost bei Peter Berlin von der Herald Tribune. Unser Gespräch lief etwa so ab:
Berlin: «In der zweiten Hälfte wird es sicher besser.»
Ich: «Wieso?»
Berlin: «Weil es nicht mehr schlimmer werden kann.»
Wie so oft lag er jedoch falsch. In 120 Minuten kann ich mich an keinen einzigen Pass, keine Dribblings oder sonstigen Kunststückchen erinnern, die irgendwie unerwartet gewesen wären. Es gab kaum Bewegung über die Flanken, und für keinen der Spieler hätte ich einen Cent Eintritt bezahlt. Es war – bei durchaus harter Konkurrenz – das schlechteste Spiel, das ich bei dieser WM gesehen habe, eventuell sogar das schlechteste seit Kroatien – Schweiz bei der Euro 2004. Dass die Schweiz es verlor, war eine echte Leistung: die erste Niederlage eines Teams aus Westeuropa oder Südamerika gegen eines aus den übrigen Regionen der Welt.
Den grössten Schweizer Applaus im ganzen Spiel gab es für Kuhn, als er aus der Kabine kam. Ich habe überhaupt den Verdacht, die sogenannte Schweizer Fussballeuphorie ist nur ein Mao-mässiger Persönlichkeitskult rund um Kuhn. Die einzige Frage von Interesse bei dem Match war doch, dass eine der beiden Mannschaften im Viertelfinale landen musste, wo sie 0:1 gegen Italien verlieren würde – obwohl das Publikum schon am Ende skandierte: «Ihr könnt nach Hause fahren!»
Nach dem Spiel ging ich wieder in die gemischte Zone, wo ich eine Kontroverse mit ein paar deutschen Journalisten hatte, die bestritten, dass es das schlechteste Spiel aller Zeiten gewesen sei. Na, dann das langweiligste? Möglicherweise, gaben sie zu. Ich floh die Stätte, ehe die Schweizer Fussballer eintrafen, weil ich es nicht über mich brachte, ihnen zuzuhören. Und wenn mich Kuhn persönlich am Handy erwischt und angefleht hätte, er wolle in mein Hotel am Heumarkt kommen, um mir bei einem von ihm spendierten Cognac alles zu erzählen, ich hätte wohl eine Ausrede gefunden.
Ich hab’s versucht: Aber ich kann einfach keine Emotionen für eure Mannschaft aufbringen. Das mag eine Folge davon sein, dass ich innert 17 Tagen bei 14 Spielen war, aber ich glaube es nicht. Mir graut schon vor der Euro 2008.
Simon Kuper, Sportkolumnist der Financial Times,
berichtet während der WM für die Weltwoche.
Aus dem Englischen von Werner Richter
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