Es ist gemein, aber er bleibt ein Audi 80. Das Manifest von kleinbürgerlicher Enge und Statusstreben. Rot, böse und überbreit steht der RS4 in der Garage. Die schönsten Sportfelgen des Jahres. Wäre das Heck nicht latent mickrig, man könnte ahnen, was hinter der listig-biederen Fassade steckt: ein Porsche-Jäger von Rang und Format. Schon der Vorgänger RS4 war Weltmeister in Sachen Understatement. Als ich den Wagen 2001 auf der Autobahn zwischen Hamburg und Berlin testete, blickten Carrera-Fahrer zuerst ungläubig, dann sichtlich genervt in den Rückspiegel. Da die Ingolstädter den Wagen grosszügig bei 275 km/h auf dem Tacho abgeregelt hatten, konnte auf den mitunter leeren Autobahnstrecken das ganz Spektrum der Leistungsfähigkeit getestet werden.
Der neue RS4 hat noch mal 40 PS mehr und verfügt über einen 4,2-Liter-Achtzylinder-Motor, dessen Durchzugsverhalten deutlich harmonischer ist als bei dem seinerzeit gnadenlos hochgejazzten Bi-Turbo-2,7-Liter-Vorgänger. Und dennoch: Der RS4 ist so leicht, dass man auf dem Beschleunigungsstreifen locker 160 km/h erreicht – lustvoll reagiert der Achtzylinder auf das Ausdrehen der Gänge, bis der Drehzahlbegrenzer jenseits der 7000 Umdrehungen einsetzt. Das Leistungsgewicht von 3,93 kg pro PS ist spektakulär, und der Fahrer spürt dies nicht nur auf der Autobahn und auf den Landstrassen, sondern auch beim kultivierten Tänzeln im dichten Grossstadtverkehr. Da benimmt sich der RS4 wie eine Ballerina mit der Kraft eines Zehnkämpfers. Dankbar registriert der Pilot die Mühelosigkeit, mit der Fahrwerk, Antrieb, Kupplung und Bremsanlage auch die gnadenloseste Übermotorisierung im Alltag handelbar machen – und jeden Meter auf der Strasse zum Genuss.
Beim Spurt von 0 auf 100 km/h hat weder der BMW M3 noch der Porsche Carrera 4S eine Chance gegen den RS4. Obwohl er, verglichen mit den beiden prestigereicheren Coupés, so viel zahmer und unverdächtiger aussieht. Niemand blickt dem RS4 hinterher – ausser die Leser von Autozeitschriften. Wer allerdings hört, mit welch bösem Fauchen und Röcheln der Achtzylinder seinen Dienst tut, blickt auf, wenn sich der RS4 nähert. Besonders, wenn der Fahrer den S-Schalter am ovalen Lenkrad im Lamborghini-Stil drückt. Dann verändern sich das Fahrwerk und auch die Sitzhaltung des Piloten. Die Seitenwangen der für Vince-Vaughn-Figuren sowieso schon engen Schalensitze pressen sich dann automatisch an die Oberschenkel und die Taille des Fahrers. Die Seitenführung ist der eines Jetpiloten vergleichbar, und als solcher darf man sich dann fühlen. Der Klang aus den zwei dicken Endrohren schwillt zu einer an Wagner-Ouvertüren erinnernden Geräuschkulisse an.
Der RS4 ist ein superschneller Porsche für eine vierköpfige Familie, ohne den Neidfaktor der Mitmenschen herauszufordern. Nur sein Verbrauch von gut 15 Litern erinnert an die eklatante Unvernunft eines 420-PS-Audis. Die Heilbronner Sportexperten von der RS-Abteilung bei Audi sind Meister der Travestie: Sie verkleiden Rennwagen in Jedermanns-Camouflage. Jetzt auch als Cabrio.
28.06.2006, Ausgabe 26/06
Auto
Camouflage zeigen
Ingolstädter können es besser: Jetzt haben sie einen Kampfjet für die gesamte Familie gebaut, den Audi RS4.
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