Kein Schluchzen, kein Klagen ist aus dem Zelt zu hören. Seit den frühen Morgenstunden strömen Menschen aus ganz Jordanien unter die eilig aufgespannte Plane in der kargen Strasse. Wenige Tage zuvor hatten zwei 500-Pfund-Bomben dem Leben des meistgesuchten Terroristen im Irak ein Ende gesetzt. Nun hat seine Familie in der Heimatstadt Zarqa zur Trauerfeier geladen. Für die Teilnehmer kein Anlass des Schmerzes, sondern ein Fest der Freude. «Die Hochzeit, der Märtyrer, der Held, Abu Mussab al-Sarkawi», verkündet ein Transparent. «Hochzeit», damit ist die Suffa gemeint, die himmlische Hochzeit. «Der Tote ist nunmehr eine besondere Beziehung zu Allah eingegangen», sagt ein Gast ehrfurchtsvoll, «eine grosse Ehre!»
Auf grauen Plastikstühlen sitzen die beiden Brüder des getöteten Top-Terroristen. Muhammad al-Khalayleh erklärt, er empfinde keine Trauer. «Abu Mussab ist einen ehrenvollen Tod gestorben, schon lange hat er sich ein solches Ende gewünscht.»
Unweit der Festgemeinde liegt ein Friedhof, ungepflegt, voller Unrat. Die von Gräbern durchzogene Mondlandschaft habe eine regelrechte Faszination für den Tod beim jungen Sarkawi ausgelöst, heisst es in der Nachbarschaft. Die Atmosphäre ist angespannt. Mehr als tausend Gäste sind es, die während des ganzen Tages nach Zarqa, fünfundzwanzig Kilometer nördlich der Hauptstadt Amman, pilgern. Jeder Besucher wird von jordanischen Sicherheitskräften kontrolliert. Medien werden an der Teilnahme gehindert. Der letzte Akt im Trauerspiel des «schändlichsten Sohnes» in der Geschichte des Königreichs soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gehen.
Der letzte Beweis
Weder ein Sarg noch ein Bild erinnern an den toten Mann. Während die Familie im Minutentakt Kondolenzen entgegennimmt, fliegen US-Truppen die sterblichen Überreste Sarkawis in die Vereinigten Staaten zur Obduktion. Im Befund wird es heissen: Zerplatzte Lunge links und rechts, verursacht durch den Druck der Bombenexplosion. Zudem Blessuren an Kopf, Rumpf und Extremitäten. Fünfundfünfzig Minuten habe er nach dem Bombardement noch gelebt. Noch in der Agonie habe er versucht, sich von der Tragbahre zu rollen. Kampf bis zur letzten Sekunde.
Den Menschen von Zarqa ist dies Beweis für die heroische Entschlossenheit ihres Idols. Die Bilder seines geschundenen Kopfes, die die USA als Beleg für ihren Erfolg präsentierten, verletzen bei den Angehörigen keine Gefühle. Im Gegenteil. «Sein Gesicht scheint erleuchtet», sagt Schwester Intissar, «als ob er am Leben wäre.»
Doch nun, da alles vorbei ist, soll der Tote nach Hause zurückkehren. «Die Amerikaner müssen uns die Leiche zurückgeben», sagt Sarkawis älterer Bruder Sayel. Wie alle Verwandten und Gäste macht er kein Hehl aus seiner Bewunderung für die Schlächtereien Sarkawis an Zivilisten und Geiseln. Das hindert ihn aber nicht daran, sich nun auf internationale Spielregeln zu berufen. «Überall in der Welt heisst es, dass die Amerikaner nach dem Völkerrecht zur Rückgabe der Leiche verpflichtet sind», sagt er. «Wir wollen ihn hier bei uns begraben.»
Derweil tauchen im Internet Kondolenzschreiben aus der ganzen muslimischen Welt auf. Algerische Salafisten zollen Respekt. Ayman al-Zawahiri, Bin Ladens Stellverteter, schickt seine Abschiedsgrüsse per Videobotschaft. Sogar der lichtscheue Taliban-Chef Mullah Omar meldet sich zu Wort: Aus seinem Versteck im «islamischen Emirat Afghanistan» sendet er eine Beileidsnote im Namen des «heiligen afghanischen Volksaufstandes».
Im Männerzelt halten viele der Gäste kleine Videokameras in die Höhe, andere nehmen die Feier mit ihrem Handy auf. Ab und zu steht einer auf und hält eine kurze Rede. «Gott wählt nur die Besten als Märtyrer aus», sagt Muhammad Abu Faris, ein hoher Kader der Muslimbruderschaft. Er ist mit einem roten Mercedes vorgefahren. Jetzt redet er sich im stickigen Zelt in Kampfstimmung, als sei er leibhaftig im Dschihad. «Befreien wir Afghanistan, Palästina und den Irak! Es gibt keinen anderen Weg als den Weg des Blutes!» Gleich nach der Zeremonie wird er verhaftet.
Die Liquidierung Sarkawis ist der grösste Erfolg der Amerikaner im Kampf gegen den Terror seit der Verhaftung Khaled Scheich Mohammeds, des Drahtziehers der Anschläge von 9/11. Drei Eigenschaften verhalfen Sarkawi zu Kultstatus: Skrupellosigkeit, Charisma und Propaganda. Gekonnt verstand er es, seine Taten übers Internet zu vermarkten. Kaum ein grösserer Anschlag, der nicht von einer Kamera aufgezeichnet und wenig später ins Netz gestellt wurde.
Die Enthauptungen gefesselter Geiseln, bei denen Sarkawi in zwei Fällen selbst Hand anlegte, machten ihn zum Superstar unter den Dschihadisten. Diese Taten lockten Hunderte von arabischen Freiwilligen in den Irak. Doch Sarkawi verstand es zunehmend, auch Iraker für Selbstmordattentate zu gewinnen. Und er dachte über den Irak hinaus; sein erklärtes Ziel war die «Befreiung» Syriens, Libanons und Palästinas. Der jordanische Nachrichtendienst schätzt, dass Sarkawi rund dreihundert «Ausländer» im Irak zu Terroristen ausgebildet hat. Sie sollen nun in ihre Heimatländer zurückgekehrt sein, wo sie angeblich auf ihren Einsatzbefehl warten.
Im Moment des Todes scheinen Islamisten und westliche Terror-Fachleute in ihren Analysen seltsam vereint. Beide tun sich schwer mit Prognosen. Zu dominant war der Mann aus Zarqa. Zu gross ist die Lücke, die er hinterlässt. So verläuft sich jede Analyse im Trivialen. «Der Terror wird weitergehen», lautet eine Binsenwahrheit dieser Tage. Oder: «Die Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten hört auch nach Sarkawis Tod nicht auf.»
Der Hass auf die Schiiten, den Sarkawi gesät hat, gehört zu den grössten Hypotheken für die Zukunft des Irak. Jordanische Geheimdienstleute verweisen darauf, dass der Kampf von Muslim gegen Muslim Al-Qaida-Chef Bin Laden widerstrebe. Vielleicht werde die irakische Qaida-Filiale nun in Gruppen zerfallen, die einfacher zu bekämpfen seien.
Ungewissheit macht sich auch unter der Abdankungsgemeinde in Zarqa breit. Nach dem Abendgebet versammeln sich die Anhänger Sarkawis zu Hunderten im Zelt, darunter hochrangige Kommandeure seiner Organisation in Jordanien. Alle schwören Abu Abdulrahman al-Iraqi die Treue. Ihn hatte Sarkawi zu seinem Stellvertreter erkoren, wohl mit dem Ziel, dem Aufstand ein irakisches Gesicht zu verleihen. Alle erwarten, dass al-Iraqi nun die Führung übernimmt.
Drei Tage später dann die Überraschung. Al-Qaida im Irak kürt Abu Hamza al-Muhadschir zum Erben Sarkawis. Anhänger und Fachwelt rätseln. Niemand kennt den neuen «Emir». Der Name – offenbar ein Pseudonym – ist in den letzten drei Jahren nirgends in Sarkawis Propaganda aufgetaucht. Weder die irakische Regierung noch das US-Militär hat ihn je auf eine Fahndungsliste gesetzt. Experten versuchen seinen Namen zu interpretieren. «Al-Muhadschir» – der Emigrant – das könnte ein Indiz sein, dass es sich nicht um einen Iraker handelt.
Kreise mit engen Beziehungen zu Sarkawis Netzwerk sind überzeugt, dass der Neue ein Ausländer ist. Dass al-Qaida mit dem Namen eine falsche Fährte lege, sei unwahrscheinlich. In der Tat hielt sich Sarkawis Organisation bei personellen Fragen bisher an Transparenz. Für die Wahl eines Nicht-Irakers gibt es einen plausiblen Grund. Die irakische al-Qaida ist, ganz im Sinne des internationalen Dschihad von Osama Bin Laden, eher internationalistisch eingestellt. Ein irakischer Chef könnte die Gruppe zu fest auf einen nationalen Widerstand fokussieren.
Bei der umstrittenen Frage des Kampfes gegen die Schiiten, der Sarkawis Netzwerk im Irak viele Sympathien gekostet hat, könnte sich hingegen bald eine Neuorientierung einstellen. Ein Vertreter von Sarkawis Organisation in Amman äusserte sich nach der Abdankungsfeier zuversichtlich: «Gott sei ihm gnädig, aber jetzt wird sich vieles ändern. Sarkawi hat viele Fehler gemacht. Wartet ein paar Wochen, und ihr werdet den Unterschied sehen!»
14.06.2006, Ausgabe 24/06
Terrorismus
Requiem für ein Monster
Abu Mussab al-Sarkawi ist tot, doch sein Ungeist lebt weiter: Auf den Chef von al-Qaida im Irak folgt ein gänzlich unberechenbarer Nachfolger.
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