Mr Berg, vergangene Woche haben die US-Truppen Abu Mussab al-Sarkawi, den Mörder Ihres Sohns Nick, getötet. War dies eine Genugtuung?
Nein, keine. Ich fühle nichts als Trauer, wenn ein Mensch sein Leben verliert. Und Mr Sarkawi war ein Mensch, trotz allen schrecklichen Sachen, die er getan hat. Ich glaube nicht, dass seine Taten irgendwem das Recht geben, Vergeltung zu üben. Ebenso hat George W. Bush nicht das Recht, ihn mit einer Bombe zu töten.
Was machte Ihr Sohn im Irak?
Nick fuhr in den Irak, um beim Wiederaufbau zu helfen. Er glaubte, was der Präsident sagte, dass Saddam Hussein abgesetzt werden musste. Er sagte mir, er würde in den Irak gehen, um Geld mit seiner Firma zu verdienen, die Kommunikationsantennen installierte. Aber ich kannte ihn besser: Er war dort, um zu helfen.
Hassen Sie Sarkawi und seine Leute nicht dafür, dass sie Ihren Sohn umgebracht haben?
Ich hasse, was Sarkawi und seine Gruppe getan haben. Ich hasse ihre Methoden, aber den Mann selber hasse ich nicht, ebenso wenig wie die politischen Gründe, aus denen sie diese furchtbaren Sachen verübt haben.
Das glaube ich nicht. Ihr Sohn wurde vor laufender Kamera geköpft, Sarkawi hat das Video ins Internet gestellt und sich damit gebrüstet. Da mussten Sie doch Hass, Lust auf Rache verspürt haben?
Am Anfang war es schwierig, das gebe ich zu. Ich wusste nicht, was ich fühlte, abgesehen von grossem Schmerz. Ich habe darüber nachgedacht und gemerkt, dass meine Rache auch andere Rache rechtfertigen würde. Sarkawi sagte: Schaut, welche grässlichen Sachen die Amerikaner in Abu Ghraib getan haben. Wenn ich meine Rache rechtfertigte, wäre ich wie Sarkawi.
Wo bleibt Ihre Wut auf Sarkawi?
Ich bin Pazifist und habe versucht, die Wut auf die Tat zu lenken statt auf den Menschen. Schliesslich lernte ich in einem Kurs an einer katholischen Universität zu verzeihen. Komisch, nicht wahr? Ich wurde in einem jüdischen Haushalt erzogen. Ich brauchte Monate, um Sarkawi zu verzeihen, um George W. Bush, Donald Rumsfeld und allen anderen zu verzeihen.
Wer ist schuld am Tod Ihres Sohnes?
Zuerst George Bush, dann Sarkawi.
Bei allem Respekt für Ihren Verlust, aber das ist absurd. Sarkawi hat Ihren Sohn getötet, nicht Bush.
Sarkawi hat nur das Messer geführt. Leute, die einen Killer beauftragen, sind genauso schuldig wie der Killer selber. Und George W. Bush hat den Auftragsmord veranlasst, auf einem bequemen Stuhl im Weissen Haus sitzend, mit einem Federstrich...
...wie können Sie so was behaupten? Das ist...
...hetzte er den Killer auf meinen Sohn. Er begann den Krieg, der zu diesen Umständen und schliesslich zum Tod meines Sohnes führte. Sehen Sie denn nicht, dass George Bush hier eine Schuld trägt?
Ich verstehe zwar Ihren Schmerz, aber Ihr Vergleich hat nichts mit der Realität zu tun. George W. Bush ist nicht einmal schuld daran, dass Ihr Sohn im Irak war.
Aber er war als Oberkommandierender letztlich dafür verantwortlich, dass das Militär meinen Sohn kurz vor seinem Tod illegal im Irak in einem Gefängnis festhielt und er befragt wurde. Nach 13 Tagen war er wieder frei, doch in der Zwischenzeit waren die Ereignisse in Abu Ghraib bekannt geworden, was den Widerstand angeheizt und die ganze Lage im Land dramatisch verschlechtert hatte.
Michael Berg ist der Vater von Nicholas Berg, den Abu Mussab al-Sarkawi im Frühling 2004 im Irak vor laufender Kamera geköpft hatte. Die Terroristen stellten das Video der Enthauptung ins Internet. Michael Berg ist heute Kandidat der Grünen Partei für den US-Kongress.
Hören Sie diesen Artikel auf www.weltwoche.ch/audio
Audiofile zum Artikel
14.06.2006, Ausgabe 24/06
USA
«Ich fühle nichts als Trauer»
Sarkawi hat seinen Sohn vor laufender Kamera geköpft, und doch freut sich Michael Berg nicht über den Tod des Terroristen. Für ihn ist jeder kriegerische Sieg eine Niederlage.
Kommentare