«Sheilas, Wogs and Poofters», so betitelte der frühere australische Fussballstar und -kommentator Johnny Warren seine Memoiren. Übersetzung: Weiber, Kanaken und warme Brüder. Damit waren für Australier bis vor kurzem alle Freunde des Fussballs zusammengefasst. Inzwischen allerdings fällt Australien gerade als letzter Dominostein dem Fussball anheim. Dank einer Welle der Globalisierung, die 1980 begann, wird dies die erste echte Weltmeisterschaft sein.
Im späten 19. Jahrhundert, einer Ära, die der britische Historiker Niall Ferguson «Anglobalization» nennt, wurde das Spiel von englischen Matrosen, Geschäftsleuten und Missionaren exportiert. Fussball wucherte wie Unkraut. Typisches Beispiel: 1889 kommt der 21-jährige Engländer Frederick Rea als Schuldirektor auf die schottische Insel South Uist. Irgendwann besuchen ihn seine zwei Brüder und bringen einen Fussball mit. Innerhalb von zwanzig Jahren hat das Spiel South Uist erobert. Das gute alte Shinty, ein Sport mit Schlägern, den man dort 1400 Jahre lang gespielt hatte, «war vom Antlitz der Insel gewischt wie Kreide von der Schiefertafel», schreibt Roger Hutchinson in der literarischen Fussballzeitschrift Perfect Pitch.
Die Briten verbreiteten den Sport in Europa, Lateinamerika und Teilen Afrikas. Doch Asien und Nordamerika blieben zunächst immun. Bis 1980 war die «Weltmeisterschaft» eher eine Art «Euro-Latino-Cup». Noch 1990 entsandten die Benelux-Länder ebenso viele Teams ans Turnier wie Asien. Doch da hatte bereits die dritte Welle der Globalisierung begonnen: die Öffnung des Welthandels, die Verbreitung des Satelliten-TVs und später des Internets. Die Magie des Fussballs dehnte sich aus. Der argentinische Karikaturist und Schriftsteller Roberto Fontanarrosa sagte mir einmal: «Selbst wenn Fernsehen nur für Fussballübertragungen gut wäre, hätte es sich schon gelohnt.»
China, Indien und die USA sind die bevölkerungsreichsten Staaten. Japan hat die drittgrösste Wirtschaft. Auf einmal begriffen diese Länder den Reiz des Fussballs – viel rascher als die Leute auf South Uist damals. Jetzt besass Fussball das Prestige des grössten Sports, und seine Anhänger waren derart enthusiastisch, dass jeder dabei sein wollte. Selbst Osama Bin Laden bemerkte 1994, nachdem er vier Spiele von Arsenal gesehen hatte, ihm sei noch nie so viel Leidenschaft wie jene von Fussballfans begegnet.
Fussball eroberte den Erdball: Zwischen 1993 und 1996 entstanden in Japan, China, den USA und Indien landesweite Profiligen. Die USA und Japan haben schon je eine WM ausgerichtet. In Europa war Fussball immer eine Männerbastion. Doch die neuen Länder erkannten, dass er im Grunde ein sanfter, sicherer Sport ist – und damit auch für Jugendliche und Mädchen geeignet. Auf American und Australian Football trifft das eher nicht zu. Und so spielen in den USA mittlerweile mehr Kinder unter zwölf Fussball als Baseball, Football und Eishockey zusammengenommen. Auch in Australien kicken schon mehr Kids nach den «Soccer»-Regeln als «Aussie rules footy» plus beide Formen von Rugby.
Mittelalterliche Sportarten wie Shinty oder die Bärenhatz sind heute praktisch ausgestorben. Andere Disziplinen könnten ihnen folgen. René Fasel, Präsident des Internationalen Eishockeyverbands, verriet, dass ihm die Zukunft seines Sports in Nordamerika Sorgen bereitet: «Wacht auf, Kanada und USA, der Fussball ist im Anmarsch! Ich sage euch, ihr verschlaft das noch.» Eines Tages könnte Eishockey nur noch auf Folklore-Festivals zu sehen sein.
In Australien hatte es Fussball schwer, vermutlich weil es am Ende der Welt liegt. Früher zeichnete Australiens Fussballverband die eigenen Länderspiele auf und verschenkte sie an TV-Sender als Pausenfüller. Doch Australien qualifizierte sich im November für die WM. Die Leute tobten. Auf dem Melbourne Cricket Ground, also in der Hauptstadt des Australian Football, lockte das Freundschaftsspiel Australien gegen Griechenland Ende Mai satte 95000 Zuschauer an. Viele davon werden jetzt erstmals bei einer WM den TV einschalten. Das Turnier dürfte die grösste Medienveranstaltung der Geschichte sein.
Einem alten Gerücht zufolge holt sich «demnächst» ein afrikanisches Land den WM-Titel. Ich würde aber eher auf Japan, China, die USA oder Australien wetten – grössere und reichere Länder, die sich Spitzentrainer leisten können, wo künftige Fussballgenies gut ernährt und nicht von Aids bedroht sind. Bei der WM 2002 sahen Südkorea, Japan und auch die Amerikaner weit besser aus als die Schweiz (die nicht qualifiziert war). Und das wird wohl die Regel werden.
Für diese WM tippe ich aber noch auf keinen der Newcomer. Wir gehen ja alle davon aus, dass Brasilien immer das beste Team der Welt hat, aber momentan ist die Übermacht der Seleção einfach beispiellos. Ich würde das Kuper-Millionenvermögen auf sie verwetten. Allerdings liege ich in diesen Dingen meistens falsch.
Simon Kuper, Sportkolumnist der Financial Times, berichtet während der WM für die Weltwoche.
Aus dem Englischen von Werner Richter
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