Gina Ford ist eine gemütlich aussehende Frau, die man sich gut als Märchenerzählerin vorstellen kann. Aber dann sagt sie Sätze wie: «Auch Babys brauchen eine strenge Hand» oder «Man kann Säuglinge ohne schlechtes Gewissen bis zu einer halben Stunde brüllen lassen». Dem liberalen Pflegekonzept der Neuzeit fühlt sich Englands umstrittenste Kleinkinder-Expertin nicht verpflichtet. Ihre Ratschläge garantieren etwa das Durchschlafen eines gesunden Kindes ab der zehnten Lebenswoche. Exakt alle vier Stunden bekommt es zu essen. Hat es zwischendurch Hunger? Pech gehabt. In der ersten Phase wird es deshalb kreischen wie am Spiess. «Egal», sagt Ford, «denn bald kapiert der Säugling, wie der Hase läuft.»
Auch zu viel Schlaf während des Tages ist schlecht, weil das Baby dann in der Nacht kein Auge zumacht. Schlummert es zwischendurch ein? Will es den Mittagsschlaf verlängern? «Aufwecken», befiehlt Ford und rät zur Einhaltung eines strikten Tagesablaufs. Ihre Erziehungsprinzipien werden mit Dressurschulen für Hunde verglichen. Frauen, die ihr Baby stillen, wann immer es will, nennen die Ratschläge der Exotin reaktionär. Der Rest hofft auf mehr Schlaf.
Hunderttausende von Müttern und Vätern orientieren sich heute an den altmodischen Ideen der ehemaligen Kinderkrankenschwester und Fernsehmoderatorin. Ihr berühmtestes von sieben Büchern, «The contented little Baby Book» (Das Buch des zufriedenen kleinen Babys), wurde soeben neu aufgelegt und bisher 500000-mal verkauft. Mit Erfolg vertritt auch Gwyneth Paltrows Babyfrau, Rachel Waddilove, angestaubte Erziehungsprinzipien. Ihr Werk zum Thema, «How to Enjoy Year One» (Wie man das erste Lebensjahr geniessen kann), kletterte in Grossbritannien innert Wochenfrist die Bestsellerlisten hoch. Gina Ford weiss, warum konservative Erziehungsideen heute wieder auf offene Ohren stossen, wie sie in ihrem neusten Buch, «Good Mother, Bad Mother», schreibt. Seit dreissig Jahren beobachte sie Mütter und ihre Kinder. «Noch nie waren die Frauen dermassen gestresst und überfordert wie heute», so Ford. Doppelbelastungen und mangelnde Hilfe bei der Betreuung, eine Überkonzentration auf neumodische Unwichtigkeiten im Umgang mit Kleinkindern seien dafür verantwortlich: «Mütter täten gut daran, sich weniger den Kopf darüber zu zerbrechen, ob sie ihr Baby mit braunem oder weissem Reis füttern sollen: Die eingesparte Zeit könnten sie für eine entlastende Babyerziehung nutzen.»
Schreiende Babys, die ihren Erzeugern den Schlaf rauben, liessen die Schweizer nicht untätig. Das Hilfsangebot ist sprunghaft gewachsen: Krisentelefone, ärztliche Sprechstunden, Selbsthilfegruppen. Übernächtigte Eltern können ihre brüllenden Sprösslinge in der Abteilung für Schlafmanagement des Zürcher Kinderspitals abgeben, andere Krankenhäuser verfügen heute über ähnliche Noteinrichtungen. Die Fachärzte raten unter anderem, was Ford auch sagt: die Rhythmisierung von Schlafen, Wachen, Füttern und Pflege. Das Angebot mit dem Namen «Hospitalisierung aufgrund sozialer Indikation» diene dazu, den gestressten Müttern ein wenig Schlaf zu gönnen, heisst es in Zürich.
Strikte Regeln, gesittete Babys, glückliche Eltern: Das Rezept tönt einfach, die Umsetzung ist schwieriger. Um die strenge Routine einzuhalten, fehlt es vielen berufstätigen Eltern an Zeit und Geduld. Au-pair-Mädchen können die Rolle der konsequenten Erzieherin ebenso wenig erfüllen wie das Betreuungspersonal der Kinderkrippen. Dazu kommen weitere Hindernisse: «Als ich meinen Sohn zehn Minuten schreien liess, standen die Nachbarn vor der Tür und gaben mir das Gefühl, eine unfähige Rabenmutter zu sein», schreibt Yasmin aus London im Internetforum der Gina-Ford-Fans.
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07.06.2006, Ausgabe 23/06
Erziehung
Der letzte Schrei
Väter und Mütter sollen ihre Babys ruhig brüllen lassen, empfiehlt die Kleinkinder-Expertin Gina Ford. Die einen Eltern sind schockiert, die andern schlafen wieder durch.

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