«Ich kann nicht fassen, dass das heute in den USA passiert», sagt Anderson Cooper, der nicht zu Pathos neigt. Der CNN-Starreporter wiederholt es während der einstündigen Sendung über Warren Jeffs mehrere Male. Cooper wollte wissen, weshalb der selbsternannte Prophet einer seit Jahrzehnten als polygam bekannten Sekte dem FBI plötzlich so gefährlich scheint, dass es Anfang Mai ein Kopfgeld von 100000 Dollar auf ihn aussetzte und seinen Namen auf die Liste der zehn meistgesuchten Männer Amerikas setzte. Gemeinsam mit Osama Bin Laden, Mördern, Drogenbaronen. In den USA gibt es Tausende religiöser Splittergruppen mit bizarren Lebensformen, die unbehelligt in abgeschiedenen Ecken leben. Jeffs predigt und lebt illegale Polygamie. Warum macht ihn das zum Schwerverbrecher?
Jene, die mit dem fünfzigährigen Sektenführer näher zu tun hatten, geben ungefähr alle die gleiche Antwort: «Weil es nicht um Polygamie geht, sondern um Kindsmissbrauch und Versklavung. Und weil es enden wird wie in Waco.» Im texanischen Waco hatten sich 1993 der selbsternannte Messias David Koresh und 56 Gefolgsleute mit 24 Kindern sieben Wochen lang in einem Gebäude verbarrikadiert und auf jeden geschossen, der sich näherte. Nach einem Tränengasbombardement durch das FBI wurde das Gebäude von innen angezündet. Niemand überlebte.
«Ich bin sehr besorgt. Das FBI ist sehr besorgt», sagt Utahs Generalstaatsanwalt Mark Shurtleff. «Warren Jeffs hat eine bewaffnete Armee hinter sich. Sie werden alles tun, ihn zu schützen. Und Jeffs ist ein Feigling, sonst hätte er sich gestellt.» Wie viele Waffen die Mormonensekte besitzt und angeblich in Felshöhlen deponiert hat, ist seit Jahren Gegenstand von Gerüchten. Die Polizei bestätigt bloss eine Lieferung von 150 Sturmgewehren aus dem Jahr 1982.
Seit Warren Jeffs vor vier Jahren als Nachfolger seines Vaters Rulon die Präsidentschaft über die schätzungsweise 10000 Anhänger der Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-day Saints (FLDS) im Arizona Strip übernahm, tyrannisierte er die Gemeinde mit einer Willkür, für die jenen, die ihr unterworfen waren, immer nur der Vergleich mit der Gestapo oder den Taliban einfällt. Der schmächtige Mann mit der melodiösen Stimme verbot Zeitungen, Musik, Fernsehen, Filme, Bücher, private Telefonanschlüsse, Schwimmen, jede Art von Wettkampfsport und schliesslich auch das Lachen. Er liess alle Bücher verbrennen und Hunde erschiessen und schickte seine «Gottesschwadron» genannte Hilfstruppe junger Männer immer häufiger unangemeldet in die Häuser der Gläubigen, um zu überprüfen, ob seine Gebote auch eingehalten wurden.
Übertretungen wurden von Prophet Jeffs mit Exkommunikation des Familenvaters oder mit dem Befehl geahndet, er müsse den einen oder anderen Sohn aus der Familie entfernen. An die vierhundert «lost boys», verstossene Jugendliche, die von der lokalen Polizei irgendwo weit ausserhalb der Gemeinde abgesetzt wurden, sind den Behörden bekannt.
Unser Herr und Gebieter
Richard Gilbert wurde mit 16 aus der FLDS ausgeschlossen, «weil ich in die öffentliche Schule wollte». Tommy Steed, 15, war erwischt worden, als er einen Film ansah. Bei anderen hatte ein kurzärmliges Hemd oder ein Wortwechsel mit einem Mädchen gereicht. Privatdetektiv Sam Brower, der im Auftrag einer Gruppe von FLDS-Exkommunizierten arbeitet, sagte, der wahre Grund für den zunehmenden Ausschluss junger Männer sei schlichte Konkurrenz: «In einer polygamen Gemeinde muss es sehr viel mehr Hennen als Hähne geben. Jeffs ist ein Terrorist, dessen Terror sich gegen die eigenen Leute richtet.» Immer häufiger exkommunizierte Jeffs männliche Mitglieder, weil Gott ihm enthüllt habe, sie seien nicht vertrauenswürdig. Vielen Ehemännern nahm er Frauen und Kinder weg und teilte die Mütter innerhalb weniger Tage anderen Männern zu.
Einer von ihnen war der ehemalige Gemeinde- und Kirchenrat Richard Holm, aufgewachsen in Colorado City mit elf Müttern und sechzig Geschwistern, fünfzig Jahre lang ein untadeliges Mitglied. Im November 2003 teilte ihm sein Schwiegervater eines Abends mit, er müsse auf Geheiss des Propheten seine beiden Töchter – Holms Ehefrauen – und ihre sieben Kinder neu zuordnen. Holm verlangte eine Unterredung mit dem Propheten. Auf seine ratlose Frage nach seinen Verfehlungen sagte Warren Jeffs: «Der Herr sagt mir, dass du die Gemeinde verlassen musst.» Holm zog in ein Motel.
Wie alle Ausgewiesenen wurde er angehalten, eine Liste seiner Sünden zu verfassen. Wenn seine Liste mit den Verfehlungen übereinstimme, von denen Gott ihm berichtet habe, hatte Jeffs gesagt, könne eine Rückkehr erwogen werden. Holm schrieb mehrere Briefe. Von Jeffs hörte er nie wieder. Nach Meinung der Ermittler dienen die Bekennerbriefe der verzweifelten Männer als eines von vielen Instrumenten, verborgene Auflehnung in der Gemeinde zu orten. Sechs Wochen später bekam Holm Besuch von seinem Bruder Edson, der ihm mitteilte, Jeffs habe ihm die Verantwortung für die beiden Frauen und ihre Kinder übertragen. «Sagst du mir, dass du jetzt mit ihnen verheiratet bist?», fragte Holm. Edson nickte. So hatte es der Prophet vom Herrn aufgetragen bekommen. Richard Holm hat einen weltlicheren Verdacht: Edson hatte kurz zuvor dem Propheten seine beiden jungen Töchter zur Vermählung angeboten. Holms nicht mehr ganz so junge Frauen waren die Entschädigung dafür.
Der Hormone-Mormone
Weder Richard Holm noch seine Frauen protestierten. Jeffs Forderung nach absolutem Gehorsam war nichts Neues. Gehorsam war immer oberstes Gebot der FLDS-Propheten gewesen. Wer im Arizona Strip gross wurde, hatte nie etwas anderes gelernt als Unterwerfung. «To keep sweet» nennen sie es in der FLDS-Sprache, sanft bleiben. Neu an Rulon Jeffs, 15 Jahre lang Prophet, und jetzt an seinem Sohn Warren, Ehemann von mindestens sechzig Frauen, war ihre zunehmend grausamere Unberechenbarkeit. «Ich habe eine Ecke in meinem Staat», sagt Mark Shurtleff, «in der es schlimmer zugeht als bei den Taliban. Und wir müssen den Vorwurf hinnehmen, dass wir die Opfer von Anfang an nicht geschützt haben.»
Die FLDS trennte sich von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, besser unter dem Namen Mormonen bekannt, als die frommen Siedler in Utah 1890 auf Druck der US-Regierung einwilligten, Polygamie aufzugeben. Im Gegenzug nahm die Regierung Utah als Bundesstaat auf. Die Fundamentalisten konnten die Abweichung von der Lehre des Mormonen-Begründers und rund vierzigfachen Ehemanns Joseph Smith nicht akzeptieren. In ihren Augen hatten die Mormonen eine der entscheidendsten theologischen Grundlagen der mormonischen Lehre aus schnödem politischem Kalkül verraten.
Die Fundamentalisten blieben polygam. Aber polygames Leben in Salt Lake City war zunehmend schwieriger zu verbergen. 1920 zogen ein halbes Dutzend fundamentalistische Familien auf den menschenleeren Arizona Strip zwischen Arizona und Utah, der bis heute zu den spärlichstbesiedelten Gegenden der USA gehört. Im Süden trennt der Grand Canyon den Nordwestzipfel Arizonas vom Rest des Staates ab, im Norden liegen Utahs Canaan Mountains. Auf den beiden gegenüberliegenden Seiten der Strasse, die gleichzeitig Staatengrenze ist, errichteten die frommen Polygamisten die beiden Siedlungen Colorado City, Utah, und Hildale, Arizona.
Ausser den Neuzuzügern lebte praktisch niemand in der sandigen, abgeschotteten Einöde. Das war, was sie sich erhofft hatten: Keiner kümmerte sich mehr um sie. Die seltenen Male, wo ein Vertreter des verhassten Staates auftauchte, überquerten die Bewohner die Strasse und waren damit ausserhalb seines Zuständigkeitsbereichs. Lokal bestand keine Gefahr von Verfolgung: Sämtliche Gemeinderäte, Lehrer, Richter und Polizisten waren FLDS-Mitglieder. Sie hatten so viele Frauen, wie ihnen der Prophet für ihre Verdienste zuerkannte.
Die Entscheidung über Auswahl und Anzahl der Ehefrauen seiner Anhänger liegt ausschliesslich beim jeweiligen Sektenoberhaupt. Je jünger und zahlreicher die Frauen, desto angesehener das Mitglied. Nach FLDS-Lehre kann die höchste Sphäre himmlischer Seligkeit nur ein Gläubiger erreichen, der mindestens drei Ehefrauen hat. Der Seligkeit nachhelfen darf er nicht: Eigene Verabredungen mit dem anderen Geschlecht sind nicht erlaubt. «Behandelt die Mädchen in eurem Bekanntenkreis, als seien sie Schlangen», predigte der frühere FLDS-Prophet Leroy Johnson ledigen Männern, «Hände weg!»
Die wenigen Menschen, die heute bei einem Besuch in Colorado City auf der Strasse anzutreffen sind, sehen aus wie auf Bildern von 1920: Frauen mit rötlich blonden, aufgesteckten Haare und hochgeschlossenen Schlabberkleidern, die bis zu den Knöcheln reichen. Sie sehen sich auffällig ähnlich und wenden sich beim Auftauchen von Besuchern sofort ab. Die Ähnlichkeit ist zwangsläufig in einer Sekte, die nur als Mitglied zulässt, wer hineingeboren wurde, und wo die Schwester oft auch die Cousine und die Tochter Ehefrau des gleichen Mannes ist wie die Mutter. Die Stadt hat einen eigenen Friedhof für verstorbene Säuglinge und Kleinkinder.
Sympathy for the devil
Die meisten Männer tragen weisse Hemden unter weiten, schwarzen Anzügen. Unterhaltungen mit Fremden sind nicht gestattet. Wer mit Unbekannten redet, ist entweder exkommuniziert worden, von der FLDS abgesprungen oder, seit sehr kurzem, ein Beamter auf der Suche nach Warren Jeffs. Dass ihre Anwesenheit von FLDS-Mitgliedern genau beobachtet wird, erkennen Besucher an den dunklen Geländewagen, die ihnen folgen, sobald sie Colorado City erreichen, und deren Fahrer gut sichtbar Notizen machen, sobald sie mit jemandem zu sprechen versuchen: ein deutliches Signal an Zugereiste und vor allem Einheimische, dass Kontakte unzulässig sind.
Ein einziges Mal versuchte der Staat Arizona ernsthaft, der Poliygamie der FLDS ein Ende zu bereiten. Besorgt über die rasante Bevölkerungszunahme im Arizona Strip veranlasste Gouverneur Howard Pyle mit finanzieller Unterstützung der Mormonen 1953 einen Angriff: Im Morgengrauen des 26. Juli verhafteten rund 200 Polizisten und Nationalgardisten 122 Polygamisten beiden Geschlechts und brachten deren 263 Kinder in Pflegefamilien unter.
In einem ebenso blumigen wie engagierten Communiqué legte der Gouverneur die Gründe für sein Eingreifen dar: «In dieser isoliertesten aller Gemeinden Arizonas blühte und wuchs die schändlichste aller Verschwörungen in erschreckendem Mass. Eine ganze Gemeinschaft unterwarf sich der unheilvollen Philosophie, dass eine Hand voll gieriger und zügelloser Männer das Recht und die Macht haben, das Schicksal jeder einzelnen Seele der Gemeinschaft zu kontrollieren. Hier ist eine Gemeinschaft – und traurigerweise sind sich viele Frauen mit den Männern einig –, die sich uneinsichtig der schändlichen Theorie hingibt, dass jedes heranwachsende Mädchen in die Leibeigenschaft einer polygamen Ehe mit Männern allen Alters gezwungen werden soll, mit dem einzigen Ziel, mehr Kinder zu gebären, damit dieses gesetzlose Unternehmen noch mehr Leibeigene bekommt.»
Erstmals hatte ein Politiker mit überraschender Klarheit gesagt, was Polygamie in der FLDS bedeutet: keine von Erwachsenen freiwillig gewählte Form des Zusammenlebens, sondern ein Verschachern minderjähriger Mädchen an 30- bis 80-jährige Günstlinge, dem eine auf bedingungslosen Gehorsam gedrillte Gemeinde nichts entgegenzusetzen wagt.
Die Öffentlichkeit wollte es nicht wissen. Bilder schreiender Kinder, die den Müttern von Polizisten aus den Armen gezerrt wurden, lösten eine Sympathiewelle für die FLDS aus. Die New York Times widmete der Polizeiaktion in der Provinz genauso viel Platz wie dem gleichentags bekannt gewordenen Waffenstillstand, welcher den Koreakrieg beendete.
Die Arizona Republic schimpfte über die Verschleuderung von Steuergeldern, andere über die Verletzung der Religionsfreiheit. Die Kosten für Einsatz und Prozesse lagen bei damals 600000 Dollar. Im Jahr darauf verlor Pyle seinen Gouverneursposten.
1956 waren alle wegen Polygamie Verurteilten wieder auf freiem Fuss und mit ihren Familien vereint. Auf dem Arizona Strip verdoppelte sich die Bevölkerung weiterhin alle zehn Jahre, ohne dass ein Politiker wagte, Fragen zu stellen. Während des Wahlkampfs von 1991 schrieb Gouverneurskandidat Fife Symington in einem offenen Brief an die Bewohner von Colorado City, er werde nie etwas unternehmen, um «Ihre Religion anzugreifen oder in Frage zu stellen». Er wurde gewählt. In einem kürzlichen Interview sagte er, man habe ihm während seiner Kampagne geraten, sich das Problem mit den Fundamentalisten unbedingt vom Leib zu halten.
Die seltenen Male, wo Prozesse wegen Polygamie mit Minderjährigen überhaupt stattfanden, kam es zu erstaunlichen Allianzen. In seinem 2003 erschienenen Buch «Under the Banner of Heaven» über polygame Religionsgruppen in den USA schreibt Bestsellerautor Jon Krakauer, dass mormonische Fundamentalisten jedes Mal, wenn sie sich über religiöse Verfolgung beklagten, von schwulen Aktivisten kräftig unterstützt wurden. «Es war eine besonders merkwürdige und unbequeme Koalition. Die FLDS-Doktrin besagt, dass Analverkehr und Homosexualität schwere Verbrechen gegen Gott und die Natur sind und mit dem Tod bestraft werden können. Und ausgerechnet Polygamisten und Schwule tun sich zusammen, um die Regierung vom Schlafzimmer fernzuhalten. Auf der anderen Seite verlangten Radikalfeministinnen gemeinsam mit den entschlossen antifeministischen Mormonen eine aggressive Strafverfolgung der Polygamisten.» Letzteres mit wenig Erfolg.
Todsünde Neinsagen
Eine der ersten Frauen, die aus Colorado City flohen, war Pennie Petersen. Sie war 14 und hatte erfahren, dass sie einen 48-Jährigen heiraten sollte, der sie schon als Kind belästigt hatte. Später half sie ihrer Schwester Rita Stubbs, die noch keine 16 war, als sie mit einem FLDS-Polizisten verheiratet wurde, und mit 18 drei Kinder hatte, zu fliehen. Stubbs zeigte ihren Ehemann an. Er wurde wegen Bigamie und Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen verurteilt.
Carolyn Jessop hatte ihr Leben lang in Colorado City gelebt und träumte davon, Kinderärztin zu werden. Ihr Vater bat den damaligen Propheten Rulon Jeffs um Erlaubnis. Warren Jeffs’ Vater sagte, sie müsse erst heiraten. Sie entschied sich für einen 50-Jährigen, der bereits drei Frauen hatte. Carolyn war 18. «Es war wie ein Horrororfilm, von Anfang an.» Mit 33 hatte sie acht Kinder: «Verhütung ist verboten. Zu sagen, ich habe zu schnell zu viele Kinder, ist eine moralische Sünde. Und einen zeugungswilligen Ehemann zurückzuweisen, ist eine Todsünde. Inzwischen lebte sie mit 5 weiteren Ehefrauen und 54 Kindern zusammen. «Unser Zuhause war wie ein Polizeistaat. Jeder berichtete jedem über jeden.»
Als Warren Jeffs nach dem Tod seines Vaters, der noch als 80-Jähriger Minderjährige heiratete, 2002 der neue FLDS-Prophet wurde, als eine seiner ersten Amtshandlungen alle Bücher verbrennen liess und den FLDS-Kindern die öffentliche Schule untersagte, floh Carolyn mit ihren Kindern. Petersen, Stubbs und Jessop waren die ersten Frauen, die in den Medien darüber berichteten, wie stark verbreitet Kindsmissbrauch unter FLDS-Polygamisten ist.
Doch die Aufmerksamkeit des FBI zog die Mormonensekte erst zwei Jahre später auf sich. 2005 bezichtigte Brent Jeffs, der 23-jährige Neffe des Propheten, seinen Onkel, dieser habe mit ihm und seinem Bruder mehrfach Analverkehr gehabt, als sie noch keine sieben Jahre alt waren.
Ungefähr zur selben Zeit, als Brent Jeffs seine Anschuldigungen erhob, ging das Sozialamt von Arizona über die Bücher und stellte fest, dass in Colorado City 65 Prozent der Bevölkerung von Sozialhilfe lebten. Durchschnittlich sind es in Arizona 6 Prozent pro Gemeinde.
«Das Biest ausbluten»
Der Trick war einfach: Da nur die erste Ehefrau legal geheiratet wird, gelten die übrigen als uneheliche Mütter und haben Anspruch auf Beihilfe für sich und ihre Kinder. Anders als ihre Vorgänger waren Rulon und Warren Jeffs entschlossen, dem verhassten Staat abzupressen, was immer er hergab. Obwohl die öffentliche Schule inzwischen fast verwaist war, wurde sie nach wie vor mit jährlich 4 Millionen Dollar Schulgeldern subventioniert. Im Jahr 2002, errechnete Krakauer, erhielt Colorado City für jeden bezahlten Dollar Steuern acht Dollar Unterstützung. «Wir müssen das Biest ausbluten», predigte Warren Jeffs. Generalstaatsanwalt Shurtleff erwägt, den Anklagen wegen Vergewaltigung und mehrfachen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger eine Klage wegen organisierten Verbrechens beizufügen.
Den bisher einzigen Fahndungserfolg in Sachen Jeffs verzeichnete die Polizei, als sie im vergangenen Oktober in Pueblo County bei einer Verkehrskontrolle Warrens 32jährigen Bruder Seth und dessen Neffen festnahm, der behauptete, Seth habe ihm 5000 Dollar bezahlt, wenn er ihn begleite und unterwegs für sexuelle Abwechslung sorge. Bei der Durchsuchung des Wagens fand die Polizei 142000 Dollar Bargeld, mehrere hundert Briefe an Warren Jeffs und sieben Handys, dazu mehrere Kredit- und Prepaid-Karten.
Am vergangenen Montag bekannte Seth Jeffs sich schuldig, den Aufenthaltsort seines Bruders verheimlicht zu haben. Weder er noch irgendein Mitglied der FLDS werde den Behörden je helfen, seinen Bruder zu finden.
Das letzte Gefecht?
Der Ort, an dem man Warran Jeffs am ehesten vermutet, wurde bis heute nicht überprüft. Im November 2003 kaufte David Steed im texanischen Eldorado – 1951 Bewohner, 13 Kirchen, 3 Restaurants, 1 Motel – eine Ranch mit 70 Hektaren Land, angeblich als Jagdrevier für Geschäftskunden aus Las Vegas. Recherchen lokaler Journalisten ergaben, dass Steed lediglich ein Agent und der Käufer die FLDS war.
Warren Jeffs schickte nach Schätzungen der Polizei etwa 500 seiner Gefolgsleute für Bauarbeiten von Colorado City nach Texas. Inzwischen stehen auf dem umzäunten Gelände ein monumentaler Tempel, ein Besammlungsraum von der Grösse des lokalen Flughafens, elf mehrstöckige Wohnhäuser und Ställe. Felder wurden angelegt, Obstgärten und ein Friedhof. Warren Jeffs wurde seit zwei Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. David Doran, Sheriff von Eldorado, sagt, er habe bisher in dem inzwischen YFZ – Yearning for Zion – getauften Gelände weder Waffen noch Gewalttätigkeiten beobachtet. Betreten hat er es noch nicht. «Das tun wir erst, wenn wir sichere Hinweise haben, dass Jeffs sich hier aufhält.» Von Waco will er nichts hören: «Das ist 12 Jahre her und 260 Meilen weit weg.»
Jon Krakauer ist anderer Meinung: «Uns liegen seit Monaten glaubwürdige Berichte vor, wonach Jeffs Kinder unter sieben Jahren aus ihren Familien in Utah und Arizona holt und sie ohne Eltern nach Texas bringt. Man hat mich einen Panikmacher genannt, aber ich denke, die Möglichkeit einer Massentragödie ist sehr real.»
Vor zwei Jahren, erzählt der exkommunizierte Richard Holm, habe Warren Jeffs bei einer Versammlung all jene aufgefordert aufzustehen, die bereit wären, für ihn zu sterben. Niemand blieb sitzen. «Das war eine verschleierte Frage», sagt Holm, «was er wirklich meinte, war: Wer würde für mich töten?»













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