Generation Smart

Generation Smart

Die Welt der 30-Jährigen ist so bunt, da würde Babyblau nur stören. Sie lieben es, gefordert zu werden, doch sie möchten bitte selbst entscheiden, von wem. Und was Glück ist, lässt sich dieser schlaue Jahrgang nicht vorschirrmachern.

Von Simon Brunner

«Bin ich etwa kriminell, nur weil ich noch keine Kinder habe?», fragt Robert Diener. Und Anja Vatter sagt: «Wenn ich jetzt ein Kind bekäme, würde ich hier festhocken, in dieser Stadt, in diesem Job.» Übers Kinderkriegen spricht sie wie andere übers Blutspenden: eine tolle, notwendige, solidarische Sache, doch leider ist gerade jetzt ein ganz schlechter Augenblick. «Ich habe die Deadline kürzlich um zwei Jahre hinausgeschoben», sagt die Bernerin. Erschrocken hält sie inne: «Darf man so etwas überhaupt noch laut sagen?»

Der Generation der Dreissigjährigen wird derzeit der Prozess gemacht. Sie sei dafür verantwortlich, dass «der gesamte Wohlstand in Gefahr gerät», schreibt der Spiegel. Ihr «Superindividualismus rächt sich durch Selbstzerstörung von Familie und Gesellschaft», sagt der Historiker Paul Nolte. «Die Geburtenrate hat ein wirklich alarmierendes Niveau angenommen», warnt das nicht für Alarmismus bekannte Bundesamt für Statistik, was gleichbedeutend sei mit einem «Risiko zur sozialen und wirtschaftlichen Auszehrung».

iPod höher als Eisprung
Weitherum hört man sie jammern, die ergrauten Essayisten, die verantwortungsschwangeren Soziologinnen und die demografischen Untergangspropheten: «Suche dir so schnell wie möglich eine Frau, sei nett zu ihr, und gründe eine grosse Familie» (so der Rat ihres Anführers, Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Verfasser des Demografie-Bestsellers «Minimum»). Am heftigsten nimmt der Pessimisten-Chor die gutausgebildete, urbane, konsumfreudige Schicht ins Gebet. Diese kriegt besonders wenig Kinder, und von ihr hätte man sie am liebsten.

Eine Generation wird belehrt, beleidigt, beschuldigt – doch der Angriff wird kraftlos verpuffen wie eine Ohrfeige in der Schwerelosigkeit. Als ob schon jemals jemand Kinder gemacht hätte, um die Gemeinschaft zu retten. Als ob altkluge Appelle an den Lebensstil der Söhne und Töchter schon jemals Wirkung gezeigt hätten. Noch absurder wird die Forderung nach Grossfamilien, wenn man sich den Lebensstil der Dreissigjährigen genauer anschaut.

Der Ökonom John Maynard Keynes sagte 1930 voraus, Ende des 20. Jahrhunderts werde eine Generation heranwachsen, die materiell abgesichert sei und sich ganz dem Sinn des Lebens widmen könne. Tatsächlich: Noch nie ist es einer ganzen Altersgruppe so gut gegangen wie den heute gutausgebildeten Dreissigjährigen. Sie sind schon um die halbe Welt gereist, haben eine hohe Lebenserwartung. Sie nutzen den Komfort von Wireless, iPod und Beamer, verfügen über viel Freizeit und müssen sich bei einer Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent nur wenig Sorgen um ihr berufliches Fortkommen machen. Und sie leben im Wohlstand: Der Reallohn ist in den letzten 65 Jahren praktisch ununterbrochen gestiegen, heute ist er fast dreimal so hoch wie 1939. Die Dreissigjährigen sind born to enjoy.

Tschernobyl und Rudolf Steiner
Was Keynes nicht ahnte: Diese Generation ist so zufrieden mit sich, dass sie kein Bedürfnis verspürt, sich zu vervielfältigen. «Mein Leben ist erfüllt», sagt Iwan Stierli, «warum sollte ich da Kinder machen?» Der 28-Jährige ist Unternehmensberater. Kürzlich hat er eine neue Wohnung bezogen, jetzt überlegt er sich, mit welchen Designermöbeln er sie ausstatten soll. Und wie steht’s mit Kindern? «Sobald du einen Stopp hast» – so nennt Stierli Kinder –, «kannst du nur noch in den Schulferien verreisen und musst im Nichtraucherlokal essen. Mitten in der Nacht die Musikanlage aufdrehen? Kannst du vergessen. Und als Dank für all deine Opfer malen sie dir den Eames-Sessel voll und versabbern die Marc-Jacobs-Anzüge.»

Die Generation 30 wurde nach 1975 geboren. An den Kalten Krieg mag sie sich noch knapp erinnern, die Jugendunruhen der achtziger Jahre sind ihr völlig fremd. Mit den grossen Ideologien kam sie kurz in Kontakt, als 1989 die Mauer fiel und die Eltern seltsam bewegt waren. Drei Jahre zuvor war der Kernreaktor von Tschernobyl explodiert, das hatte mehr Eindruck gemacht. Umweltthemen begleiteten sie durch die Adoleszenz, Waldsterben, Ozonloch und AKW hiessen die Bedrohungen, ausserdem musste eine ganz Horde von Tieren vor dem Aussterben gerettet werden.

Sie wurden von den Eltern zu Selbständigkeit und Kreativität ermuntert. Die Rudolf-Steiner-Schule war beliebt wie heute die zweisprachigen Pre-Schools und die Hochbegabtenförderung. «Du darfst alles und du kannst alles!», lautete die Botschaft der Eltern. Hatten die Achtundsechziger die gesellschaftlichen Ketten für sie gesprengt, öffneten ihnen die Achtziger die Zapfhähne. Der Generation 30 sind konspirative Kellerbars fremd; die «Polizeistunde» assoziiert sie mit Verkehrsunterricht, etwas anderes als ein liberalisiertes Liebes- und Nachtleben ist ihr unbekannt.

Das Gesellschaftssystem, das gesiegt hatte, hiess Kapitalismus, und der lief mit Turbo. Ende der neunziger Jahre das Schlüsselerlebnis: der erste Doppelklick auf das Netscape-Symbol. Das Internet war die perfekte Verbindung von Kreativität, Selbständigkeit, Globalität und Markt. Die 22-Jährigen verdienten 8000 Franken im Monat, indem sie den Eltern und ihren Freunden Homepages einrichteten und die Computer warteten. Rebellion gab es keine. Warum sich auflehnen gegen eine Generation, die so gut bezahlt?

Die New Economy implodierte bald, aber egal, viele sagen, es sei sowieso langweilig geworden. Was blieb, war die Erfahrung: Alles ist möglich, und sollte es doch in die Hose gehen, hat es zumindest Spass gemacht. Kein Wunder, blieb der kreative Output auch in der Folge gross. Wie auch die Anzahl an Freinächten, die sie ihren unzähligen «Babys» opferten.

Zur Klärung: Sprechen die Thirtysomething von «meinem Baby», ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie nicht ein Kind meinen. Als «Generation Projekt» werden sie auch bezeichnet, die von Job zu Job eilt. Anja Vatter, 30, hat bereits eine Kulturzeitung gegründet und in den Konkurs geführt. Sie veranstaltet Stadtführungen, leitete Jugendkultur-Workshops, macht Kunst und hat Theaterstücke geschrieben; im Moment leitet sie das Kompetenzzentrum Bologna an der Uni Bern. Ihre nächsten Träume: ein Guesthouse aufmachen, ein Buch schreiben, reisen.

Seit Jahren fordert die Wirtschaft mehr Flexibilität, diese Generation lebt sie. Doch bei allem Engagement, der Schleudersitz muss immer eingebaut sein. Unweigerlich kommt der Moment, da die Lust vergeht und man sich ausklinkt. Heute bin ich Grafiker, morgen Sozialarbeiter, und dann beginne ich ein Medizinstudium. Dieser Lebenslauf macht sich auf jeder Grillparty hervorragend.

Rushhour des Lebens
«Eben habe ich einen Zweijahresvertrag unterzeichnet», erzählt Cristina Trebbi, eine 31-jährige Dokumentarfilmerin, und blickt verzweifelt, als ob sie sich verpflichtet hätte, den Rest ihres Lebens auf dem Mond zu verbringen. Dann entspannt sie sich: «Gell, so einen Vertrag kann ich jederzeit auflösen?»

Geht es nach den Projektlern, könnte die sogenannte «Rushhour des Lebens», die Zeit zwischen dem Ende der Ausbildung und dem Anfang der Familie, ewig dauern. Die Zeit, wo man viel verdient und wenig Verantwortung trägt. Die Zeit, wo man sich ganz auf sich selber konzentrieren und sich verwirklichen kann, die Zeit, von der Iwan Stierli sagt: «Es ist die schönste des Lebens.» Waren es in den achtziger Jahren die Hand voll Yuppies, die so dachten und dafür von den Gleichaltrigen halb vorwurfsvoll und halb neidisch als Dinks (double income, no kids) bezeichnet wurden, so zelebriert heute ein Grossteil die ewige Pubertät.

Uneinig sind sich die über vierzigjährigen Demografieapokalyptiker einzig über die Schuldfrage innerhalb der Generation. «Männer haben ihren besonderen Anteil: Sie zögern die Antwort auf die Kinderfrage noch länger hinaus als ihre Partnerinnen», schreibt der Spiegel, andere orten das Problem bei den Frauen, die zu lange warten mit Schwangerwerden.

Easy

Übersehen wird dabei, dass die Geschlechterfrage in diesem Punkt irrelevant ist: Nachwuchs wollen beide nicht. Was Männer längst wissen, haben die Frauen nun auch entdeckt: Arbeiten und Geldverdienen macht Spass. Mehr Spass als Abwaschen, Bügeln und Aufräumen zusammen. Trebbi sagt: «Ich liebe meinen Beruf.» Das Gleiche sagt Stierli. Und zusammen sagen sie: Arbeit und Familie, das beisst sich.

Die heute etwa dreissigjährigen Frauen sind die ersten, die in einem entspannten Geschlechterverhältnis aufgewachsen sind. Eine Generation als erfreuliche Synthese aus den Lebensentwürfen der patriarchalischen Grosseltern und den hyperemanzipierten Hippie-Eltern. Die Frauen tragen hohe Absätze und studieren Mathematik, ihre Freunde staubsaugen und rufen: «Hey Sexy, du solltest etwas mehr aufs Gewicht achten.» Natürlich haben auch sie Konflikte – aber die lassen sich ausdiskutieren wie die Tücken eines ihrer vielen Projekte. Und wie diese sind auch Beziehungen keine Sache fürs Leben. Klappt es nicht, gibt es andere Optionen. «Easy» ist eines ihrer Lieblingswörter.

Entscheidet sich dann doch einmal ein Paar aus dieser Generation für Nachwuchs, soll es das schönste, coolste, speziellste Kind der Welt werden. Man geht mit dem gleichen Ehrgeiz an das Kinderkriegen heran wie an jedes andere Projekt auch. «Äusserlich sieht alles gut aus, sie arbeitet sechzig Prozent, er sechzig, so wie beide sich das immer vorgestellt haben», beschreibt Trebbi den Alltag der wenigen Freundinnen, die Kinder haben. «Trotzdem sind sie unzufrieden. Sie möchten mehr im Job machen oder mehr Zeit mit dem Kind verbringen.» Die modernen Teilzeit-Patchworkfamilien erlebt sie als kleine Logistikkonzerne auf der ständigen Suche nach dem optimalen Zeitmanagement. «Ehrlich gesagt, ich habe noch kein Modell gesehen, das wirklich funktioniert. Krippe da, Eltern dort, Freunde hier, nein danke. Da geniesse ich lieber die Beziehung zu zweit. Und den Beruf.» Nachwuchs will sie trotzdem. Später.

Und wie wäre es mit mehr Kindergeld, mehr Krippensubventionen, der Verlängerung des Mutterschaftsurlaubes, der Einführung von Vaterschaftsurlaub? Kann der Staat die Bevölkerung durch Anreize zum Kinderkriegen ermuntern, ähnlich wie das Flaschenpfand das Recycling stimuliert? «Ich finde Krippen eine sehr gute Sache im Rahmen der Gleichstellung. Mit meinem Kinderwunsch haben sie aber nichts zu tun» (Anja Vatter, bezeichnet sich als links und öffnungsorientiert), «Nein» (Cristina Trebbi, links), «Nein» (Andreas Hieber, grün-liberal), «Nein» (Robert Diener, Mitte-rechts), «Nein» (Iwan Stierli, liberal).

Die Alten
Es ist nicht neu, dass Menschen um die dreissig die Kinderfrage nur zögernd mit Ja beantworten. In den achtziger Jahren gründete diese Zurückhaltung in einem verbreiteten gesellschaftlichen Pessimismus; auf eine waffenstarrende, nuklearverseuchte Erde ohne Bäume und Zukunft wollte man keine Kinder stellen. Heute ist das Zögern eher individuell motiviert: Der Nachwuchs könnte einem die schöne Welt wegnehmen.

Iwan Stierli will keine Kinder. Anja Vatter, Robert Diener und Cristina Trebbi schon. Aber sie möchten sie nicht jetzt, und es sollen höchstens eins oder zwei sein. Die manchenorts diagnostizierte Abwärtsspirale in der europäischen Bevölkerungsentwicklung werden sie so nicht bremsen helfen. Dazu müsste jede Frau 2,1 Kinder gebären, der Schweizer Durchschnitt liegt jedoch bei 1,4 – und es sind sogar noch ein paar Zehntel weniger, zählt man die Ausländerinnen nicht mit.

«Das hat Konsequenzen!», ruft der Chor der Warner und rechnet vor: Die tiefe Geburtenziffer wird zu einer Abnahme und Überalterung der Schweizer Bevölkerung führen, die staatliche Rente macht bald Konkurs.

«Ich kündige den Generationsvertrag», schrieb kürzlich ein Zwanzigjähriger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Leserschaft reagierte heftig, die Redaktion wurde mit Zuschriften überflutet. Doch eigentlich ist die Aussage des Studenten nicht verwunderlich. Wer im Kapitalismus gross geworden ist, zu Eigenverantwortung und Flexibilität erzogen wurde, wer Leistung als höchstes Gut ansieht, von dem kann nicht erwartet werden, dass er zugleich überdurchschnittlich solidarisch ist und in einen Topf einbezahlt, von dem er aller Voraussicht nach nichts mehr kriegen wird.

Eigenverantwortung ist cool
Doch wovon werden sie leben, die Dreissigjährigen, wenn sie siebzig sind? Robert Diener, 28, führt ein kleines Grafikbüro in St. Gallen. Nach einigen finanziell schwierigen Jahren beginnt die Firma langsam zu rentieren. Er bezahlt die AHV weder mit Freude noch klagend: «Die heutigen AHV-Empfänger haben die Kasse gefüllt, die verdienen die Rente auf jeden Fall.» Für sich selber ist er weniger optimistisch: «Das System ‹Jung bezahlt Alt› wird in dieser Form nicht mehr lange funktionieren.» Früher habe man fünf Jahre lang eine Altersrente bezogen, bevor man starb. Heute, wo die Lebenserwartung bei über achtzig Jahren liegt, «kann das einfach nicht gut gehen».

Robert Diener möchte den Generationenvertrag nicht in Pension schicken, meint aber, es bräuchte ein flexibleres Rentensystem, damit länger gearbeitet werden könne. Für ihn sei es eine Selbstverständlichkeit, auch im hohen Alter noch irgendeiner Tätigkeit nachzugehen – nicht, «weil ich nicht wüsste, was mit meiner Zeit anfangen, sondern weil die Arbeit einfach Spass macht».

Seine Generation wird ausserdem erben wie noch nie eine zuvor. Da sich die Bevölkerungspyramide immer mehr in einen Bevölkerungstrichter umformiert, wird ein Effekt entstehen, wie wenn der Inhalt eines Wassertanks in ein Reagenzglas umgefüllt wird. Doch nicht jedes Glas wird gefüllt. Diener wird wenig erben. Seit sieben Jahren aber bezahlt er in die Zweite und Dritte Säule ein. Er ist überzeugt: «Ich werde für mich selber sorgen müssen im Alter.»

Im Gegensatz zu ihren Eltern hat die Generation 30 früh erkannt, dass Eigenständigkeit und Eigenverantwortung cool sind. Zur Rettung der AHV befürworten viele durchaus auch eine erhöhte Immigration: «Wenn es der Arbeitsmarkt erlaubt», sagt Stierli, «und die Rente dadurch gesichert werden kann: Nur hereinspaziert, meine Polen!»

Liebe Mutter
Aus der tiefen Geburtenziffer kann man nur eines folgern – und in Deutschland, wo die Diskussion noch giftiger geführt wird, hat es die Bild-Zeitung bereits getan: «Hält dieser Trend an, sterben die Deutschen in zwölf Generationen aus.» – «Wir sterben aus? So what?» Andreas Hieber, 30, bezeichnet sich als sehr liberal und etwas grün. Die Untergangshysterie bringt den jungen Historiker in Rage. Der Vielvölkerstaat Schweiz habe sich noch nie über die Rasse definiert, sagt er und regt sich auf über die nationalkonservativen Kreise, die Kinder von ihm fordern. «Dabei denken sie nur an sich selber und an eine Schweiz, die es nie gegeben hat.» So spricht nicht etwa ein Kinderhasser, sondern einer der wenigen, die eine Grossfamilie planen. Hieber lacht: «Noch ein paar solche Artikel, und ich überlege es mir anders.»

Man könnte sie auch Easy-Jet-Generation nennen; dass der Flug nach London gleich teuer ist wie die Zugfahrt Zürich–Genf erstaunt sie nicht. Oder Multikulti-Generation; in ihren Klassenzimmern waren zehn Nationalitäten nichts Aussergewöhnliches. Oder auch Döner-Generation, denn sie kennen den Unterschied zwischen einem Schisch-Kebab und einem normalen Kebab; nicht aber den zwischen einem Appenzeller und einem Freiburger Fondue.

Europas Dreissigjährige wurden sozialisiert, als die Welt ein friedlicher Ort war, das Diktum vom «Ende der Geschichte» kam in den Neunzigern leicht über die Lippen. Trotz Bürgerkriegen auf dem Balkan und in Ruanda nahm man das Ausland nicht als Bedrohung war, sondern als Bereicherung. Dass man sich jetzt dermassen vor dem Islam in Acht nehmen soll, widerspricht den eigenen Erfahrungen mit dem Fremden. «Jeglicher Kulturpessimismus ist fehl am Platz», sagt Hieber, der zurzeit in Deutschland lebt. Aber auch Stierli, der nie im Ausland gelebt hat, fürchtet sich nicht vor einem hohen Ausländeranteil. Obwohl er einer der letzten «echten» Schweizer ist – seit zwanzig Generationen sei kein ausländisches Blut durch seine Familie geflossen –, sagt er: «Die Globalisierung liegt mir viel näher als die Schweiz.»

Bleibt die Frage, ob der oft gebrauchte Begriff der «Ego-Generation» tatsächlich zutrifft. Hat Frank Schirrmacher Recht, wenn er ihr Mangel an Altruismus und Fürsorge vorwirft?

Die differenzierte Antwort lautet: nein. Ähnlich wie die Altersgruppe über ihr sind auch die heute Dreissigjährigen latent egozentriert und hedonistisch veranlagt. Aber sie haben entdeckt, dass sich das Teilen lohnt: Statt sich ein eigenes Auto zu kaufen, mietet man sich lieber je nach Bedarf einen Smart, ein Cabrio oder einen Van – Generation Mobility eben.

Ausserdem ist der Umweltschutz wieder wichtiger geworden: Die Wählerschaft der Grünen ist überdurchschnittlich jung, überdurchschnittlich weiblich, überdurchschnittlich gut gebildet.

Der Zeit-Autor Thomas Ramge beschreibt in seinem neuen Werk eine Welt «Nach der Ego-Gesellschaft» (Buchtitel), in der sich die Jungen besonders stark fürs Gemeinwohl engagierten, zum Beispiel in der Freiwilligenarbeit. Versucht man, mit einem Mittzwanziger an einem Sonntagabend abzumachen, heisst es regelmässig: «Sorry, dann bin ich zu Hause.» Die Eltern darf man heute wieder gerne haben, sie sind eine Art weise Ratgeber aus einer anderen, langsamen Zeit. «Meine Mutter ist die erste Anlaufstelle», sagt Anja Vatter, «Individualismus und gemeinschaftliche Werte», folgert Thomas Ramge, «schliessen sich nicht aus».

Die Generation 30 ist besser als ihr Ruf. Sie wird zwar weder die AHV retten noch das Schweizerblut rein halten, noch die Grossfamilie revitalisieren. Aber ihren pragmatischen Optimismus lässt sie sich nicht nehmen. Jammern gehört nicht zum Programm. Auch Iwan Stierli hat nach einer Stunde genug von der Demografiedebatte und erhebt sich von seinem Sessel: «Sorry, ich kann jetzt nicht mehr weiterreden, die Arbeit ruft.»



Frank Schirrmacher: Minimum. Blessing. 192 S., Fr. 28.60
Thomas Ramge: Nach der Ego-Gesellschaft. Pendo. 200 S., Fr. 32.–
Paul Nolte: Generation Reform. C. H. Beck. 255 S., Fr. 23.50

Bundesamt für Statistik:
Demografisches Porträt der Schweiz. Ausgabe 2005
Recensement fédéral de la population 2000. Facteurs influençant le comportement reproductif des Suissesses et des Suisses
Beide Texte sind gratis herunterzuladen auf: www.bfs.admin.ch


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