Auftakt

Die Quertreiber

Swinger sind auch nur Menschen, die Erdnussflips mögen. Zeigt ein Bilderbuch zum Lesen

Von Martin Jaeggi

Orgien können ganz schön spiessig sein. Diesen so ernüchternden wie beruhigenden Befund legt uns Holger Salachs neuer Fotoband «Alles kann, nichts muss» nahe. Salach fand im Internet Kontakt zu Paaren aus der deutschen Swingerszene, die er per Mail anfragte, ob sie sich beim Sex fotografieren lassen würden, zu zweit oder in einer erweiterten Formation. Die Ergebnisse seiner Feldforschungen fügte er zu einem Panorama kleinbürgerlicher Libertinage.

Der Fotograf beobachtet kühl, Sex und Körper werden nicht verherrlicht, sondern erbarmungslos realistisch abgelichtet – mit Hängetitten, kleinen Schwänzen, Orangenhaut und Bierwampe, auf grell geblümter Bettwäsche, vor billigen Wohnwänden. Salachs Auge für Gesten und Gesichtsausdrücke, in denen die Verletzlichkeit seiner Modelle offenkundig wird, lässt die Bilder nie entwürdigend wirken. Zwischendrin finden sich Bilder von deutschen Autostrassen, Stationen der Reise, die Salach bei seiner Recherche zurücklegte. Er zeigt die unscheinbaren Wohnstrassen und Häuser, in denen seine Protagonisten leben, und aussagekräftige Einzelheiten wie die umsichtig bereitgestellten Erdnussflips auf einem Glastischchen.

Die Fotografien werden im diese Woche präsentierten Buch ergänzt durch Ausschnitte aus E-Mails, die ihm seine Modelle schrieben: Absagen und Zusagen, erfreute oder erboste Kommentare und immer wieder Versicherungen, wie unverklemmt die Schreibenden seien und überdies auch kunstsinnig. Die abgedroschenen Klischees der sexuellen Revolution, die sie zu wiederholen nicht müde werden, klingen beklemmend bieder. Alles kann, nichts muss – so banal und unverblümt kommt die vollendete Befreiung daher.


Holger Salach: Alles kann, nichts muss. Gebunden, 216 S., 60 Farbbilder, 23 · 23 cm. Fr. 48.–
Vernissage: Freitag, 19. Mai, 18–21 Uhr Scalo-Galerie beim Arthouse Commercio, Mühlebachstrasse 2, 8008 Zürich

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